Prof. Dr. Andreas Thimmel Prof. Dr. Andreas Thimmel
Prof. Dr. Andreas Thimmel
Nordafrika

„Strukturen müssen geschaffen werden“

Interview mit Prof. Dr. Andreas Thimmel, TH Köln

Prof. Dr. Andreas Thimmel leitet den Forschungsschwerpunkt Non-formale Bildung an der TH Köln. Seine Erfahrungen mit dem Jugendaustausch mit Nordafrika reichen bis in die 80er-Jahre zurück. Er sagt: „Internationale Jugendarbeit schafft einen Gegendiskurs zu Migration, Ausbeutung und Kolonialismus“.

19.08.2020 / Dr. Anneli Starzinger

Welche Erfahrungen haben Sie bisher in der Kooperation mit nordafrikanischen Ländern gemacht? Was war Grund und Ziel dieser Kooperation?

Prof. Dr. Andreas Thimmel: Ich würde gerne zwei Projekte unterscheiden: Das erste Projekt ist ein internationaler Jugendaustausch zwischen deutschen und marokkanischen Jugendlichen, an dem wir als Experten der non-formalen Bildung in Deutschland teilgenommen haben. Dieses Projekt hat mich an ein Projekt erinnert, das ich als junger Student in den 80er-Jahren als Teamer beim Bayrischen Jugendring durchgeführt habe. 1982 und 1983 haben wir Projekte mit Marokko durchgeführt, was damals sehr innovativ war. Leider hat man politisch in den 80er-Jahren diesen Strang der Internationalen Jugendarbeit nicht weiterverfolgt. Das wurde damals – das formuliere ich bewusst als Vorwurf – auch nicht von der Bundesregierung als wichtige Maßnahme wertgeschätzt. Aufgrund dieser biografischen Verbindung zu Marokko habe ich dann vor einigen Jahren, die Initiative einer Bonner Masterstudierenden, deren Eltern aus Marokko kommen, unterstützt.: Ein Kooperationsprojekt der Sozialen Arbeit zwischen der Technischen Hochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften und dem Institut für Soziale Arbeit in Tanger (INAS) – die wichtigste Ausbildungsstätte für Soziale Arbeit in Marokko. Im Rahmen der Kooperation dieser beiden Hochschulen bzw. Ausbildungsinstitute haben wir dann parallel dazu eine Jugendbegegnung begleitet, bei der eine deutsche Jugendgruppe aus der lokalen Jugendarbeit in Niedersachsen mit einer Jugendgruppe aus Al Hoceima kooperiert hat. Die Begegnung ging auf einen deutschen Jugendarbeiter marokkanischer Herkunft zurück, der diesen Kontakt aufgebaut hat.

Was kann die internationale Jugendarbeit leisten, um die Situation für junge Menschen in den nordafrikanischen Staaten zu verbessern?

Prof. Dr. Andreas Thimmel: Internationale Jugendarbeit, die ich vertrete und die sich konzeptionellen Grundsätzen verpflichtet fühlt, deren Grundlagen in den 70er- und 80er-Jahren der Bundesrepublik geschaffen wurden und die aktueller denn je sind, geht immer davon aus, dass die andere Seite des Austauschs gleichberechtigt ist und dass es Sinn macht, Menschen aus unterschiedlichen Ländern in einem Gruppenkontext zusammenzubringen. Dabei sollte es sich nicht um ein Einzelereignis handeln. Die gemeinsame Begegnung sollte strukturelle Veränderungen nach sich ziehen. Dieses radikale Konzept der Gleichwertigkeit von Personen, Organisationen und Ländern ist in der heutigen gesamtpolitischen Lage ein solcher Schatz, dessen eigenständiger Wert auch von den politischen Akteuren oft überhaupt nicht begriffen wird.

In der Internationalen Jugendarbeit erfahren junge Menschen aus Nordafrika, dass es westeuropäische junge Menschen gibt, die sich mit ihnen treffen wollen, weil sie Interesse am Kennenlernen, an der Zusammenarbeit und der Kultur haben. Die Internationale Jugendarbeit hat ein anderes Narrativ als die Migration. Ziel ist es Kommunikation zwischen Europäern und Nordafrikanern aufzubauen, ohne dass bei den Nordafrikanern sofort die Sehnsucht entsteht, nach Europa auszuwandern. Dieses Konzept ignoriert allerdings nicht die Gründe der Migration von Afrika nach Europa. Stichworte sind u.a. die Folgen der Kolonialisierung und einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung. Internationale Jugendarbeit und die Zusammenarbeit von Jugendlichen aus Deutschland und Marokko können in der Bildungspraxis eine Kommunikation und ein Miteinander generieren, die aus meiner Sicht momentan politisch extrem wichtig sind und ein Gegendiskurs zur Migration, zur Ausbeutung und zum Kolonialismus wären. Das bedeutet aber auch, dass sich die Akteure selbst dieser Themen bewusst sind und sie offen angesprochen werden können.

Der zweite wichtige Aspekt von Internationaler Jugendarbeit ist der Bezug zur Jugendarbeit. Die Voraussetzung für intensive Begegnung ist das Vorhandensein von Strukturen der Jugendarbeit. Dies lässt sich auch an der Entwicklung der Youth Work Agenda in Europa ablesen. Dies bezieht sich neben den Ländern der Europäischen Union auf die Europaratsmitglieder und die Partnerländer, hier die Mittelmeeranrainerstaaten. Dabei geht es darum, Organisationsstrukturen aufzubauen, ein non-formales Bildungs- und ein Jugendsystem aufzubauen, in denen Jugendliche selbst ihre Themen erarbeiten und dabei von professionellen haupt- und ehrenamtlichen Personen der Jugendarbeit unterstützt werden. In der Zusammenarbeit von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern auf der Basis non-formaler Strukturen entsteht dann ein anderes Narrativ von Globalisierung, das eine Alternative darstellt zu den Konzepten von globaler Elite, Kolonialismus und Verlassen des Landes durch Migration. Diese Überlegungen hören sich an wie unrealistische Visionen, aber sie sind in der Substanz von Internationaler Jugendarbeit enthalten.

Welche spezifischen Schwierigkeiten und Herausforderungen ergeben sich dabei?

Prof. Dr. Andreas Thimmel: Die praktischen Hindernisse wurden ja bereits in der Zugangsstudie zur Internationalen Jugendarbeit [vgl. Becker H. / Thimmel A. (Hrsg.) 2019] beschrieben. Ich nenne einige Hindernisse: die Dominanz von organisatorischen Fragen, Visavergabe, ein gewisses Misstrauen gegenüber nordafrikanischen Ländern auf Seiten der deutschen Administration. Der zweite Herausforderungsbereich ist die Sprache. Da haben wir ja die englische Verkehrssprache, die marokkanische und deutsche Jugendliche (je nach formaler Bildung und familiärer Herkunft) inzwischen gut sprechen. Für eine tiefergehende Kommunikation bräuchten wir aber auch Kommunikation in Arabisch, Berberisch, Französisch. Das sind zweifelsohne Schwierigkeiten, aber es gibt auch gute Erfahrungen beispielsweise mit der Einbeziehung von arabisch (oder berberisch) sprechenden deutschen Jugendlichen oder Fachkräften marokkanischer Herkunft. Die dritte Herausforderung bezieht sich auf die sozio-ökonomische Ungleichheit, zwischen den beteiligten Ländern, aber auch innerhalb der Länder. Die Beachtung der sozio-ökonomischen Situation der jeweiligen Akteure ist immer ein zentrales Thema der Internationalen Jugendarbeit. Bei allen drei Herausforderungen wissen wir eigentlich, wie wir damit umzugehen haben. Man muss die Herausforderungen beachten, aber die organisatorischen Fragen dürfen nicht derart überhandnehmen, dass die für den Austausch verantwortlichen Kolleg(inn)en die Motivation verlieren, wieder einen Austausch zu organisieren. Schließlich: Nur wenn vertrauensvolle Kommunikation auf der organisatorischen, verwaltungstechnischen und politischen Ebene vorhanden ist, kann sich das Potenzial von Internationaler Jugendarbeit für Jugendliche und Fachkräfte gut entfalten.

Was kann der Jugend- und Fachkräfteaustausch in Bezug auf den Aufbau von Jugendarbeit vor Ort leisten?

Prof. Dr. Andreas Thimmel: Auf einer ganz praktischen Ebene kann es passieren, dass die für die Jugend Verantwortlichen in einer nordafrikanischen Kleinstadt erleben, dass sie ihren eigenen Jugendlichen viel mehr zutrauen können, weil sie sehen, wie selbstbewusst westeuropäische Jugendliche mit ihrer Freiheit und Verantwortung umgehen. Die Folge davon kann sein, dass den Jugendlichen dann von den Verantwortlichen auf marokkanischer Seite zugestanden wird, ein Projekt selbständig zu entwickeln. Für die nordafrikanische Seite könnte von der deutschen Jugendarbeit gelernt werden, dass Partizipation, Gemeinschaft und Individualität zusammengehen. Ähnliche Lernprozesse passieren auch auf der deutschen Seite. Lernen und Bildungsprozesse entwickeln sich in der Kommunikation vor Ort, Bildung kann nicht vorgeschrieben und nur bedingt geplant werden. Entscheidend ist das Verständnis einer wohlwollend gestimmten Kommunikation und Begegnung der Solidarität, Neugier, Gleichwertigkeit und der Dekonstruktion vorgefasster Stereotypen. Dies sind die Grundlagen des interkulturellen Lernens in der internationalen Bildung.

Ein ganz wichtiges Motiv für deutsche Jugendliche, sich in einem organisierten Kontext mit nordafrikanischen Jugendlichen zu begegnen, ist, dass es ja vor unserer Haustür eine spannende Welt gibt, die Gemeinsamkeiten hat, aber auch große Unterschiede. Dann muss es ein Narrativ geben, dass davon ausgeht, dass Neugier und Abenteuer wieder einen Wert haben.

Wichtig ist mir noch zu sagen, wir sollten sehr viel stärker mit den Organisationen und Menschen Austausch initiieren, wo es auch wirkliches Interesse gibt, auf der lokalen und kommunalen Ebene strukturbildend zu wirken. Das heißt, bei der Auswahl der Partner stärker darauf zu achten, dass die Idee von Jugendarbeit, von Partizipation stark gemacht wird. Jugendarbeit muss wieder mit der Jugendbegegnung und dem Fachkräfteaustausch verknüpft werden. Es gibt zwei Arten von Fachkräfteaustausch: Den einen, der in Verbindung zur Jugendarbeit steht, und den anderen, der eine vergleichende internationale Perspektive zu professionaler sozialer Arbeit anstrebt. Man hat das analytisch und konzeptionell nicht ausreichend getrennt, aber es sind zwei unterschiedliche Ansätze. Beides steht im Zusammenhang, wie die zwei unterschiedlichen Projektpartnerschaften des Forschungsschwerpunktes Non-formale Bildung zeigen.

Welche weiteren Anregungen haben Sie für das Arbeitsfeld Internationale Jugendarbeit in Bezug auf Zusammenarbeit mit nordafrikanischen Ländern?

Prof. Dr. Andreas Thimmel: Wir brauchen eine Institution. In der Vergangenheit war das IJAB, der auf der policy-making- und der Verwaltungsebene den Rahmen für den Austausch vorbereitete. Es ist eine Überforderung zu denken, dass lokale Akteure beispielsweise aus einer Kleinstadt in Niedersachen und einer Kleinstadt im Atlasgebirge, aber auch zwischen Köln und Tanger, ohne den Support von Spezialisten, die sich für den deutsch-marokkanischen Austausch auf der operativen Ebene einsetzen, erfolgreich Jugendaustausch realisieren könnten. Die Vorstellung, die in den letzten beiden Jahrzehnten prominent vertreten wurde, man bräuchte dieses Vermittlungsscharnier nicht, hat sich als falsch erwiesen. Man braucht dieses Scharnier und es ist Aufgabe des Bundes, für die Internationale Jugendarbeit diese Vermittlungsleistung bereitzustellen. Es braucht auch konkret Personen, die als Spezialist(inn)en diese Vermittlungsarbeit verlässlich durchführen können. Das ist eine zentrale Forderung.

Auch auf marokkanischer Seite bräuchte es entsprechende Strukturen und Verankerungen von Jugendarbeit bzw. Youth Work. Bisher hängt Jugendarbeit zwischen Freiwilligenarbeit, Schule und Sozialer Arbeit. Hier könnte eine Professur für Jugendarbeit im Rahmen der sozialen Arbeit am INAS-Institut in Tanger ein erster Schritt zur Etablierung von Youth Work sein.

Hier müsste von deutscher Seite Klarheit bestehen, dass Internationale Jugendarbeit gekoppelt ist an ein europäisches und internationales Konzept und Verständnis von Youth Work, das Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit umfasst. Die Administration der anderen Länder soll das unterstützen und wir von der deutschen Seite helfen mit, entsprechende Strukturen aufzubauen. Das bedeutet immer, dass Jugendaustausch, Fachkräfteaustausch und Administration zusammenarbeiten.

Im Diskurs der letzten 40 Jahren in der Internationalen Jugendarbeit hat es immer wieder unterschiedlichste Begründungen gegeben für den Wert von Internationaler Jugendarbeit. Wir sind jetzt wieder bei einer Begründung, die die Internationale Jugendarbeit andockt an Begriffe wie Solidarität, Weltgemeinschaft und internationale Begegnung. Ich möchte darauf insistieren, dass non-formale Bildung ein Ort ist, an dem dies ge- und erlebt werden kann.

Prof. Dr. Andreas Thimmel
Professur für Wissenschaft der Sozialen Arbeit
Technische Hochschule Köln (TH Köln)
Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften (F01)
Forschungsschwerpunkt Non-formale Bildung
Jean Monnet Chair Bildung und Jugendarbeit in Europa
andreas.thimmel(at)th-koeln.de

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Über die Zusammenarbeit mit Nordafrika

IJAB vernetzt die Träger im Austausch mit Tunesien, Ägypten und Marokko. Wir bieten Interessierten Information und Beratung zum Jugend- und Fachkräfteaustausch mit Nordafrika an.

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Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
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Anke Müller
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