Ein Mann spricht in ein Megaphon. Ein Mann spricht in ein Megaphon.
Martin Kaiser
Nordafrika

„Do good things and speak about them“

Interview mit Martin Kaiser, GSI

Martin Kaiser, Leiter des Gustav-Stresemann-Instituts Bad Bevensen und erfahrener Initiator internationaler Bildungsprojekte, beschreibt, wie eine interkulturelle Begegnung Menschen verändert und warum Dokumentationen wichtig sind.

19.08.2020 / Dr. Anneli Starzinger

Was sind für Dich Motiv und Hintergrund, hier bei der Konferenz Act to Change dabei zu sein?

Martin Kaiser: Der Austausch mit Menschen, die im Bereich Internationale Jugendarbeit in Nordafrika tätig sind. Ich arbeite mit Tunesien seit 7 Jahren, mit Ägypten seit über 20 Jahren zusammen. Es ist schön, ein weiteres Land kennen zu lernen. Marokko kenne ich nicht so sehr.

Marokko ist eine Monarchie. Ich arbeite auch mit Jordanien zusammen. Wenn man dort etwas verändern will, geht nichts ohne den König. Die Motivation ist also, Entwicklungen zu sehen und gemeinsam zu arbeiten, zum Beispiel an der Frage Umgang mit Vielfalt oder unterschiedliche Demokratieentwicklungen. Ich möchte hier ein möglichst breites Spektrum von Teilnehmern und Teilnehmerinnen mit unterschiedlichen Ansichten treffen, denn interkulturelles Lernen ist ein Teil meines Jobs. Ich möchte den Bildern, die Leute haben, weitere hinzufügen, um dadurch Vielfalt zu ermöglichen.

Ich arbeite in Ägypten mit bestimmten Gruppen aus dem ländlichen Raum zusammen, die wenig Zugang zu internationalen Programmen haben und treffe hier welche, die noch ganz andere Erfahrungen machen. Das ist für mich total spannend.

Vor dem Hintergrund der spezifischen unterschiedlichen Probleme gibt es auch Gemeinsamkeiten dieser Länder. Wo siehst Du da Chancen für die internationale Zusammenarbeit?

Martin Kaiser: Ich sehe die Chancen, dass Menschen an dieser Arbeit wachsen und für sich etwas herausnehmen, was sie verändern können. Ich gebe ein einfaches Beispiel.

Da präsentieren sie also den „stony path to democracy“ einander in unterschiedlichen Ländern. Da fragt jemand aus Ägypten nach der tunesischen Präsentation: War das eigentlich eine Revolution in Tunesien? Darauf antwortet einer aus Tunesien: Na klar war das eine Revolution, die haben doch den Ben Ali rausgeschmissen. Sagt die nächste Tunesierin: Nee, die sind doch schon wieder an der Macht. Dann sagt die dritte: Nee, du musst gucken, in welchem Bereich das ist, in manchen ja, in anderen nein.

Ich sehe, was bei dem Menschen aus Ägypten passiert. Er hat gedacht, er bekäme nur eine Antwort und es dürfe nur eine tunesische Antwort geben, weil man sich in einem internationalen Setting einigen und mit einer Stimme sprechen muss. Der hat Pluralismus erlebt. Der hat erlebt, dass Kontroversität und Vielfalt von Gruppen gelebt wurde. Das gilt hier auch. Es gibt unterschiedliche Ansichten, die wir im internationalen Setting präsentieren. Das wussten wir nicht, das heißt, das ist ein Lernprozess und damit geht er nach Hause und sagt: Pass mal auf, wir können doch auch mal unterschiedliche Ansichten präsentieren.

In Ägypten hat man sich interreligiösen Dialog inszeniert, hat gelernt, das dürfen wir nicht so nennen, also nennen sie es anders. In Tunesien wurden internationale Projekte in Regie der Teilnehmenden fortgesetzt, in Jordanien wurden Frauenprojekte zur Stärkung von Frauen auf dem Land gemacht. Das bedeutet, die Teilnehmenden gehen nach Hause und verändern etwas. Sie engagieren sich, sprechen andere an und haben multiplikatorische Wirkung. Ich glaube, da können wir viel erreichen.

Können wir als Deutsche auch etwas aus dieser Zusammenarbeit mitnehmen?

Martin Kaiser: Ganz viel. Ich war vor 2 Jahren 2 Tage vor der Konferenz schon in Tunesien. Da war ich im Parlament. Das hing mit unseren Partnern zusammen, weil da eine Parlamentsabgeordnete dabei ist. Die hat mich im Parlament rumgeführt und mit einem jungen Mann zusammengebracht, der zu einer NGO gehörte. Diese NGO, Al Bawsala, aus 7 jungen Leuten begleitete die gesamte Parlamentsarbeit, dokumentierte sie und postete sie im Internet. Sie waren bei Kommissionssitzungen dabei, gingen zu Fraktionssitzungen, Interviews mit Politikern, Politikerinnen und Parlamentsabgeordneten. Sie machten die ganze Arbeit transparent, das ist doch super.

Bei uns gibt es zwar Abgeordnetenwatch, aber das ist nicht das Gleiche. Ich bin nach Hause gegangen und habe der nächsten Delegation von Landtagsabgeordneten darüber berichtet, die bei uns zu Besuch waren. Ich habe gesagt, das ist etwas, was ich, jemand aus einer etablierten Demokratie, von einer jungen und dynamischen Demokratie lerne. Ich glaube, so etwas entsteht in einer jungen Demokratie. Jemand von den Grünen bekam große Augen und sagte, das könnten wir aber auch mal machen. Solche Punkte gibt es ganz viele. Ich lerne Enthusiasmus, devotion, commitment.

Was würdest Du Dir wünschen für die weitere Kooperation zwischen den Nordafrikanischen Ländern und Deutschland Dein spezifisches Arbeitsfeld betreffend?

Martin Kaiser: Sicherheit in der Finanzierung, damit ich mit äußeren Randbedingungen planen kann und mich nicht immer von Antrag zu Antrag schleppen muss, sondern dass eine Mittel- und Langfristigkeit reinkommt. Dann kann ich noch ganz andere Sachen angehen wie zum Beispiel mehr-modulige Trainingsprogramme. Das ist auch besser zum Aufbau von Strukturen.

Ich wünsche mir auch mehr Raum für andere Methoden im künstlerischen Bereich. Wir machen hier etwas mit Storytelling und ich glaube, das ist ein guter Ansatz. Wir müssen Geschichten erzählen in den Seminaren – aus den einzelnen Ländern. Ich erzähle, was passiert ist, und ich glaube, das behalten die Leute. Dafür brauchen wir noch ein bisschen mehr Raum. Wenn ich sonst träumen darf… ich hätte gern noch ein paar mehr Leute und noch mehr Projekte. Aber es gibt ja keine Stellenfinanzierung im internationalen Bereich und ich muss das immer irgendwo anders hernehmen.

Jetzt habe ich viel über Geld gesprochen, weil das dafür steht, dass ich damit was tun kann und Ideen weiterführen kann. Was ich gut finde, aber etwas mehr tun könnte „Do good things and talk about them“. Ich publiziere relativ viel und finde, das müssen wir auch tun und vielleicht auch noch etwas mehr. Die Leute müssen sehen und lesen und blicken können, was wir tun.

orientalische Rosette
Act to Change!
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Download der Konferenzdokumentation "Act to Change!"
Konferenz zum Jugend- und Fachkräfteaustausch zwischen Deutschland, Ägypten, Marokko und Tunesien
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مؤتمر تبادل الكفاءات والشباب بين ألمانيا و مصر و المغرب وتونس
!العمل من أجل التغيير
Eine Frau spricht in ein Mikrofon auf einer Bühne, fünf weitere Menschen hören ihr zu.
Über die Zusammenarbeit mit Nordafrika

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