Kommune goes International

Generation Europe Mixed Reality Exchange

Eine internationale Online-Jugendbegegnung in Corona-Zeiten

In Köln, Heek, Florenz und Larissa fand im Sommer 2020 der Generation Europe Mixed Reality Exchange statt: Bei dieser internationalen Jugendbegegnung arbeiteten 30 junge Künstler*innen online vernetzt an den Themen „Nähe und Distanz“ – „Kommunikation und Isolation“ – „physische und virtuelle Begegnung“. Janna Hadler, Sascha Düx, Mehregan Behrouz und Yves Sanwidi berichten von der Umsetzung.

15.09.2020 / Janna Hadler, Sascha Düx, Mehregan Behrouz und Yves Sanwidi

Der Morgen beginnt wie bei den meisten Jugendbegegnungen unseres Vereins ROOTS & ROUTES Cologne (RRCGN): Die Gruppe hat gut gefrühstückt und strömt nun zum Morgenplenum in den großen Saal. Das passiert allerdings dreimal gleichzeitig: In der Landesmusikakademie NRW in Heek, im Kulturzentrum PARC in Florenz und in einer Tanzschule in Larissa/Griechenland. Ein Fehler in der Matrix?

Moderationsteam Mehregan und Yves, in einem separaten Raum in Heek vor dem Laptop, begrüßen die Gruppen, die sich in den drei Ländern vor den Webcams versammeln: Haben alle gut geschlafen? Möchte jemand eine Mitteilung an die ganze Gruppe äußern? Dann übergeben sie an Musikcoach Jimi Renfro, der nun das Gruppen-Warm-up anleitet: ausgestattet mit einem Headsetmikrofon, von der Kamera verfolgt.

Das Generation-Europe-Netzwerk, koordiniert vom IBB Dortmund, verbindet 30 Organisationen aus 15 Ländern in trilateralen Partnerschaften: In jeder Partnerschaft finden über drei Jahre verteilt reihum internationale Jugendbegegnungen statt. Unsere Partnerschaft ist Schnittmenge mit einem weiteren Netzwerk: Wie unser Verein RRCGN, so sind auch SMouTh Larissa und CCC Florenz Mitglieder im internationalen ROOTS & ROUTES Netzwerk. Unter dem Dach von Generation Europe haben wir uns zusammengetan, um das Thema „Kunst und gesellschaftliche Verantwortung“ zu bearbeiten.

2018 startete in Florenz die erste Begegnung, Thema war „No Waste!“; darauf folgte im Sommer 2019 „Make Use!“ in Larissa. 2020 dann: Coronaausbruch zunächst in Italien, Reisebeschränkungen – es wird schnell klar, dass eine physische Begegnung im Sommer 2020 keine Chance hat. Am 7. Mai einigt sich die internationale Partnerschaft in einer Zoom-Konferenz: Wir wollen die Begegnung nicht absagen, ein neues Konzept muss her – parallele Arbeit an drei Orten, online vernetzt, zum alle akut betreffenden Themenfeld Distanz, Kommunikation, Isolation. Es sollte noch bis zum 25. Juni dauern, bis endlich – 4 Tage vor Start der Maßnahme – das finale grüne Licht für das neue Konzept und Budget von den Geldgebern (Land NRW und Erasmus+ JUGEND in Aktion) vorliegt.

Mit Volldampf ins Virtuelle

Unsere Startvoraussetzungen sind optimal: Wir kennen unsere internationalen Partner seit 2005, verstehen uns gut; mehrere Teilnehmende aus allen drei Ländern konnten sich schon bei Vorläuferprojekten ausführlich kennenlernen. Wir haben mehrere technisch hochkompetente Menschen im Team, so die Mediencoaches Ioannis Mihailidis und Young-Jean Maeng. Wir haben eine solide Förderung von gut 50.000 € für die 18-tägige Begegnung – wovon jetzt allerdings ein erheblicher Anteil an die internationalen Partner gehen muss, die ja nun auch lokale Aktivitäten organisieren, Räumlichkeiten anmieten und künstlerisch-pädagogische Honorarkräfte anheuern müssen. Das Personalbudget für unseren Verein schrumpft so auf ein Viertel – aber auch das können wir auffangen, dank der Stadt Köln, die unsere Grundförderung gerade auf eine volle Personalstelle erhöht hat.

Die Gruppen in den drei Ländern beginnen zu arbeiten: Erst in lokalen Workshops, dann werden über die Online-Plattform Miro länderübergreifende Kleingruppen (Creation Groups) gebildet, die jeweils zu einem thematischen Teilaspekt multimediale Ergebnisse erarbeiten. Vorgegeben ist nur der Rahmen: Die Open-Source-Software Pageflow und eine narrative Herangehensweise sollen die einzelnen Arbeiten verknüpfen und so der Gruppe auch unter Social-Distancing-Bedingungen eine gemeinsame (virtuelle) Bühne verschaffen.

Alle sind begeistert, nach Wochen der Isolation wieder künstlerisch zu kooperieren. Storyboards werden gezeichnet und online ausgetauscht; in allen drei Ländern ziehen Gruppen mit Kameras los, üben Szenen ein, schreiben Texte, senden einander die erstellten Materialien zu. Doch mit der Arbeit beginnen, trotz guter Startbedingungen, die Probleme: Es kommt gehäuft zu Missverständnissen zwischen den Partnern, obwohl wir uns schon so lange kennen. Die Pageflow-Software erweist sich (anders als beworben) als nicht Multi-User-fähig, und wird – obwohl prinzipiell kostenlos – durch ihre Hosting-Anforderungen teuer. Die unterschiedlichen lokalen Rahmen – die Kölner Gruppe übernachtet gemeinsam in Heek, die griechischen und italienischen Gruppen bleiben in ihren Städten und treffen sich nur tagsüber – führen zu Schwierigkeiten bei der Terminkoordination.

Deutlich wird auch, dass sich hinter scheinbarer Einigkeit im Rahmen einer verbalen Absprache, z. B. in einem Skype-Meeting oder einem WhatsApp-Chat, ganz unterschiedliche Verständnisse verbergen können; und das nicht nur aufgrund unterschiedlicher Verwendung der (englischen) Sprache, sondern auch auf Basis unterschiedlicher künstlerisch-ästhetischer Standpunkte. In mindestens zweien der sieben transnationalen Creation Groups kommt es zur gleichen Konstellation: In einem Land wurde absprachegemäß erstes Filmmaterial gedreht; das wird nun an die Gruppenmitglieder in einem zweiten Land weitergesendet. Die erschrecken: Sie hatten sich nach der Absprache etwas völlig anderes vorgestellt! Das sei ja jetzt viel zu düster und abstrakt; oder auch: viel zu komödiantisch und unrealistisch! In Kleingruppen-Videokonferenzen mit Teammitgliedern aus allen beteiligten Ländern werden die Missverständnisse geklärt, alle Creation Groups finden am Ende eine gemeinsame Arbeitsebene.

Die Hürden der Begegnung im virtuellen Raum

Generell wird deutlich: Auch unter optimalen Bedingungen erreicht der virtuelle Kontakt nie die emotionale Tiefe und soziale Verbindlichkeit einer physischen Begegnung; es fehlen Umarmungen, gemeinsames abends-auf-der-Wiese-sitzen, Freizeitgespräche in wechselnden transnationalen Konstellationen. Unterschiedliche lokale Rahmenbedingungen und versetzte Zeitzonen erschweren Absprachen. Kreative Projekte sind oft sehr nervenzehrend, menschliche Nähe ist bei unseren physischen Begegnungen oft der kraftspendende Faktor – und die ist hier nur noch zwischen Gruppenteilen möglich. Und das ist noch nicht alles.

Das ROOTS & ROUTES Netzwerk macht seit 2006 internationale Begegnungen. Dabei schaffen wir es regelmäßig, Ländergrenzen in den Köpfen aufzulösen: Es wird schnell unwichtig, wer woher kommt (außer wenn gerade explizit über politische Unterschiede in den Ländern geredet wird). Das könnte vielleicht bei einer völlig virtuellen Begegnung (alle Teilnehmenden einzeln zuhause vor ihren Rechnern/Smartphones) auch noch gelingen. Unsere „Mixed Reality“-Variante hat dagegen zwar den Vorteil größeren Zusammenhalts innerhalb der Gruppen, aber den Nachteil, dass sich auf einmal Konfliktlinien entlang von Ländergrenzen auftun – und das wollen wir doch eigentlich gerade mit unserer Arbeit verhindern!

Am Ende sind die Teilnehmenden glücklich; auf http://stories.rrcgn.de ist eine gemeinsame digitale Erzählung entstanden, mit Substanz und Qualität; Katharina Teiting vom IBB Dortmund schneidet in der Alten Feuerwache Köln die symbolische Schleife durch und stellt das Ergebnis online. Für uns als Team bleiben gemischte Gefühle: Wir haben das Kind geschaukelt, es wurde eine gute Erfahrung für alle Beteiligten. Doch es hat deutlich mehr Ressourcen gekostet als die ursprünglich geplante physische Begegnung, und das weniger aufgrund von „Neuland“-Effekten, mehr aufgrund verlorener Synergie: Räume, Personal, Equipment – vieles musste nun gleich dreifach an den Start gebracht und bezahlt werden, so dass das Projekt am Ende um rund 6.000 Euro teurer wurde; und dass, obwohl die ursprünglich für Anreise und Übernachtungen der internationalen Teilnehmenden eingeplanten Gelder nun für anderweitige Verwendung frei waren. Schwerwiegender aber: unser Kernziel internationaler Begegnungsarbeit, die Dekonstruktion nationaler Trennlinien, wurde verfehlt.

Physische Präsenz ist unersetzlich

Fazit: Wir haben viel gelernt; wir freuen uns, wie gut unser internationales Team und unsere Teilnehmenden angesichts der durch Corona erschwerten Rahmenbedingungen zusammengearbeitet haben, und sind stolz auf die tollen Ergebnisse, die entstanden sind. Tools wie Miro, Zoom und (teilweise) Pageflow haben sich bewährt und werden künftig vielleicht auch in der Vor- und Nachbereitung unserer internationalen Jugendarbeit ihren Platz finden.

Für reine Online-Begegnungen spricht neben der aktuellen Notwendigkeit nach unseren Erfahrungen allerdings nur ein einziges Argument: Klimaschutz durch Reisevermeidung. Ansonsten ist der Ressourcenverbrauch, sind die Kosten eher höher; und: ohne physische Begegnung verliert internationale Jugendarbeit einige ihrer Kernqualitäten. Das zeigen auch die Rückmeldungen der Teilnehmenden, die im Online-Evaluationsformular schreiben: „Obwohl es funktionierte, würde ich nicht wollen, dass sowas zur Norm wird“, „es ist kein Ersatz für einen Austausch von Angesicht zu Angesicht“, und: „ich denke, dass ein Austausch, der Künstlerisches beinhaltet, persönlich sein muss“. Dennoch wird das Gesamtprojekt von fast allen positiv (und von niemandem negativ) bewertet: „Präsenz ist für mich grundlegend, aber ich habe diese Erfahrung sehr geschätzt.“

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Weitere Informationen und die Videodokumentation zum Projekt gibt es hier: https://www.rrcgn.de/geneu

Die Stadt Köln ist Teil des Netzwerks „Kommune goes International“.

Über das Netzwerk Kommune goes International

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