Jan Taşçı Jan Taşçı
Jan Taşçı, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke
Türkei

In der Veränderung liegt eine große Kraft

Deutsch-Türkischer Jugendaustausch in der Coronakrise

Die Corona-Pandemie hat bei der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke zu einem Anstieg der Projektanträge geführt. Grund dafür war eine zügige Flexibilisierung der Förderung, die auch digitale Austauschformate zuließ. Vor der gemeinsamen Online-Konferenz İMECE.Lab sprach IJAB mit DTJB-Geschäftsführer Jan Taşçı.

27.07.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Der deutsch-türkische Jugendaustausch kennt schwierige Rahmenbedingungen. Herr Taşçı, als im März noch das Coronavirus hinzukam, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Jan Taşçı: Zwei Dinge. Alle haben sich im März und in den folgenden Monaten gefragt, was die durch die Pandemie bedingten Einschränkungen für den Jugendaustausch bedeuten. Die ganze Situation war präzedenzlos. Es gab keine Anleitung, wie man damit umgehen soll, kein Handbuch, in dem man nachschlagen kann. Andererseits: Wir kennen uns mit Herausforderungen aus. Im deutsch-türkischen Jugendaustausch sind ständig Situationen eingetreten, in denen von einem Tag auf den anderen alles anders war als zuvor. Wir haben gelernt, auf Veränderungen zu reagieren und mit ihnen umzugehen. Darin liegt eine große Kraft.

ijab.de: Zu den Veränderungen gehört eine Verlagerung der Aktivität auf digitale Formate. Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke hat da sehr schnell reagiert.

Jan Taşçı: Ja, das war ein spannender Prozess. Für uns hat tatsächlich auch Geschwindigkeit gezählt. Wir haben uns gefragt, wo der Raum ist, in dem sich Menschen noch begegnen können. Und darum geht es ja im Kern in unserer Arbeit: Menschen sollen sich begegnen. Wir wollten also schnell solche Räume schaffen. Und zum damaligen Zeitpunkt waren das eben die virtuellen Räume. Wir haben uns zügig mit den Institutionen, die uns fördern, ausgetauscht und nach Lösungen gesucht. Es war großartig zu sehen, wie vorbehaltlos sie mit der neuen Herausforderung umgegangen sind. Im Zeitraum März und April gab es eine große Bereitschaft, offen zu denken. Wir haben für neue Ideen in unseren Förderern wirklich tolle Unterstützer gefunden. Und zugleich haben wir natürlich auch die Nachfrage der Aktiven im deutsch-türkischen Jugendaustausch gespürt. Sie wollten die Kontakte nicht einschlafen lassen und die Kontinuität im Austausch aufrechterhalten. In der Konsequenz haben wir dann unsere kleine Projektförderung um digitale Formate erweitert.

ijab.de: Können digitale Formate den physischen Austausch ersetzen?

Jan Taşçı: Dieser binären Logik haben wir uns immer widersetzt. Es gibt nicht ausschließlich das Eine oder das Andere, kein physisch versus digital. Wir haben immer gesagt: Der physische Austausch ist entweder der Zielpunkt oder der Ausgangspunkt einer Aktivität. Was das Digitale betrifft, haben wir jetzt die einmalige Gelegenheit, viel ausprobieren zu dürfen. Es ist eine kollektive Lernerfahrung. Das meine ich übrigens durchaus auf das gesamte Arbeitsfeld der Internationalen Jugendarbeit bezogen. Es gibt eine große Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Wir lernen jetzt nicht für die Krise, wir lernen für die Normalität.

ijab.de: Sie haben die kleine Projektförderung der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke und die Veränderung der Förderrichtlinien angesprochen. Was kann man mit der kleinen Projektförderung machen?

Jan Taşçı: Die banale Antwort ist: alles. Wir setzen auf die maximale Flexibilisierung der Förderung, denn nicht wir haben die Deutungshoheit über das, was jetzt gebraucht wird, sondern die Kolleginnen und Kollegen, die den deutsch-türkischen Jugendaustausch umsetzen. Wenn uns ein Jugendzentrum sagt, dass sie Tablets für die Umsetzung eines virtuellen Austauschs brauchen, weil ihre Jugendlichen sich die nicht leisten können, dann wissen die Kolleginnen und Kollegen, wovon sie reden. Ohnehin müssen wir die unterrepräsentierten Zielgruppen jetzt besonders im Auge behalten und darauf achten, dass sie nicht abgehängt werden.

Die kleine Projektförderung ist aber nicht alles. Mit Mitteln des Auswärtigen Amtes fördern wir auch Modellprojekte. Dass sich im Augenblick digitale Projekte dafür besonders eignen, liegt auf der Hand. Die große Rückmeldung, die wir auf die diesjährige Ausschreibung erhalten haben, ist ein Beleg dafür, wie viele Menschen sich kreative Gedanken machen. Wir haben so viele Anträge erhalten, dass wir sie gar nicht alle bedienen können.

ijab.de: Wie gehen die türkischen Projektpartner mit der gegenwärtigen Situation um? Mein Eindruck ist, dass es in der Türkei eine große Affinität zu sozialen Medien gibt, die sich jetzt vielleicht auszahlt.

Jan Taşçı: Anträge werden immer im Tandem gestellt. Ich gehe also davon aus, dass das Interesse an digitalen Formaten auf beiden Seiten gleichermaßen vorhanden ist. Was die sozialen Medien betrifft, so haben Sie Recht. In keinem anderen Land ist Twitter so populär, wie in der Türkei. Aber wir haben keine Aussagen dazu, inwiefern sich das auf den Austausch auswirkt. Ebenso haben wir keine Aussagen zur technischen Ausstattung oder zur Bereitschaft neue und bisher unbekannte Tools zu nutzen. Wir müssen das bis zum Jahresende bilanzieren und können dann 2021 auf den Erfahrungen dieses Jahres aufbauen. Vielleicht entdecken wir dabei auch Lösungsansätze für Themen, die unser Arbeitsfeld schon länger umtreiben. Anders als die Corona-Pandemie sind diese Themen nicht unmittelbar von außen aufgezwungen. Es geht dabei um „Green Exchange“, unseren CO2-Fußabdruck bei Begegnungen und die Frage, wie wir uns anders begegnen können. Digitale Formate können den physischen Austausch nicht ersetzen, aber sie können ihn sinnvoll ergänzen und nachhaltiger machen.

Vom 15. bis 17. September haben Aktive im deutsch-türkischen Jugendaustausch Gelegenheit, sich online zu vernetzen, sich auszutauschen und gemeinsame Projekte zu planen. Dazu laden die Nationalen Agenturen zur Umsetzung von Erasmus+, die Deutsch-Türkische Jugendbrücke und IJAB zur Online-Konferenz İMECE.Lab ein. Die Anmeldung ist bis zum 17. August möglich.

Vier Menschen sprechen miteinander.
Über den Austausch mit der Türkei

IJAB führt mit der Türkei Fachprogramme und Partnerbörsen durch. Außerdem bieten wir interessierten Trägern Information und Beratung zum Austausch mit der Türkei an.

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