Berlin, 1962: Amerikanische Austauschstudent*innen am Checkpoint Charlie. Berlin, 1962: Amerikanische Austauschstudent*innen am Checkpoint Charlie.
Berlin, 1962: Amerikanische Austauschstudent*innen am Checkpoint Charlie.
USA-Special 2022

Deutsch-Amerikanischer Jugendaustausch

Deutsch-Amerikanische Zusammenarbeit

„Der internationale Bildungsaustausch ist momentan das wichtigste Projekt, um die Humanisierung der Menschheit so weit voranzubringen, dass die Menschen hoffentlich lernen, in Frieden zu leben und eines Tages vielleicht sogar konstruktiv zusammenzuarbeiten, statt in einem sinnlosen Wettbewerb der gegenseitigen Zerstörung miteinander zu konkurrieren.“ 

25.02.2022 / Das Exchange-Team der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin

Senator William J. Fulbrights Worte anlässlich des 30. Jahrestags seines legendären Austauschprogramms sind auch heute noch zutreffend. Das gegenseitige Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen ist das Herzstück eines jeden erfolgreichen Austauschprogramms, und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind das Rückgrat. Austausch schafft dauerhafte Verbindungen zwischen Ländern, und der Austausch zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, der zu den umfangreichsten und vielschichtigsten gehört, spielt in der Geschichte der transatlantischen Beziehungen eine überragende Rolle.

Wie es dazu kam

Der moderne deutsch-amerikanische Austausch entwickelte sich nach den beiden verheerenden Weltkriegen als wesentlicher Bestandteil des Fundaments für einen dauerhaften Frieden. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg führten amerikanische Organisationen Kurzprogramme ein, um die amerikanische Jugend zu ermutigen, ins Ausland und nach Deutschland zu gehen. Während des Zweiten Weltkrieges liefen diese Programme weiter. Allerdings bestand die größte Herausforderung darin, zuverlässige Beförderungsmöglichkeiten zwischen den USA und Europa zu finden. Einige Teilnehmer*innen, die dieses friedensschaffende Potenzial des Austauschs nutzen wollten, überquerten den Atlantik paradoxerweise auf Truppentransportschiffen.

In seiner dritten Amtseinführungsrede 1941 hob Präsident Franklin D. Roosevelt die Bedeutung einer kulturübergreifenden Verständigung hervor. Er beschrieb eine Zukunft, in der zwischenmenschliche Diplomatie im Mittelpunkt stehen und die Rolle des Einzelnen beim Erhalt von Sicherheit und Frieden ein Markenzeichen der amerikanischen Außenpolitik der Nachkriegszeit bilden würden:

Eine Nation hat, ebenso wie jeder Mensch, einen Verstand – einen mündigen und wachen Verstand, der die Hoffnungen und Bedürfnisse seiner Nachbarn kennt […].

Es verwundert nicht, dass die Vereinigten Staaten die strategische Bedeutung der gegenseitigen Verständigung als wichtigen Bestandteil einer idealen Außenpolitik der Nachkriegswelt sahen. Bereits einen Monat nach Kriegsende wurde das Gesetz über überschüssige Kriegsgüter (Surplus Property Act) von 1944 auf Initiative von Senator Fulbright geändert, sodass nur durch den Verkauf nicht mehr benötigter US-Kriegsgüter die „Förderung des internationalen guten Willens durch den Austausch von Studierenden“ finanziert werden konnte. Schon 1945 legte er den Grundstein für das Austauschprogramm, das seinen Namen trägt: das Fulbright-Programm. 2022 feiert das deutsch-amerikanische Fulbright-Programm, das 1952 ins Leben gerufen wurde, sein 70-jähriges Bestehen. Rund 40.000 Deutsche und Amerikaner*innen haben bisher daran teilgenommen.

1956 brachte US-Präsident Dwight D. Eisenhower das Jugendaustauschprogramm People-to-People auf den Weg. Die endgültige rechtliche Grundlage für den akademischen Austausch der Nachkriegszeit wurde 1961 mit dem Mutual Educational and Cultural Exchange Act geschaffen. Dieses auch als Fulbright-Hays Act 1961 bekannte Gesetz, das vom Kongressabgeordneten Wayne Hays aus Ohio mitinitiiert wurde, dehnte die Reichweite des Programms auf weitere Länder aus. Mit dem Gesetz wurde auch die Abteilung für Bildungs- und Kulturaustausch (Bureau of Educational and Cultural Affairs – ECA) im US-Außenministerium geschaffen, die heute mit 160 Ländern weltweit Programme durchführt und an denen über eine Million Deutsche und Amerikaner*innen teilgenommen haben.

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte die jünge­re Generation der Deutschen eine zunehmende Skepsis gegenüber den Vereinigten Staaten. Dass nachfolgende Generationen im Hinblick auf die transatlantischen Beziehungen nicht mehr den gleichen positiven historischen und kulturellen Bezugsrahmen hatten, gab den Anstoß für die Einführung des Parlamentarischen Patenschafts-Programms (PPP). Die US-Senatoren John Heinz und Dick Lugar schlugen ein deutsch-amerikanisches Jugendaustauschprogramm unter der Schirmherrschaft des US-Kongresses und des Deutschen Bundestags vor. Senator Lugar erläuterte die Überlegungen im Senat wie folgt: „Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind einzigartig. Sie bauen auf den Trümmern des Zwei­ten Weltkrieges auf, auf der Erfahrung von Besatzung und Wiederaufbau, auf der Wiedereingliederung West­deutschlands in Westeuropa [...].“ (Sitzungsprotokoll des Kongresses, Bd. 129, Washington, Donnerstag, 22. September 1983, Nr. 123, S. S12679.)

Washington, D.C., 1961: Der Festwagen zum People-to-People Programm passiert auf der Parade anlässlich der Antrittsrede die Tribüne mit Präsident Kennedy.
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Washington, D.C.: Präsident Eisenhower heißt 760 Austauschstudent*innen im Weißen Haus willkommen.
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Berlin, 1962: Amerikanische Austauschstudent*innen am Checkpoint Charlie.
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Senator Fulbright mit Präsident Kennedy
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Inzwischen ist das Parlamentarische Patenschafts-Programm fast 40 Jahre alt. Das einjährige Stipendium bringt 350 amerikanische und 360 deutsche Highschool-Schüler*innen, Berufsschulabsolvent*innen und junge Berufstätige in das jeweils andere Land. Rund 28.000 Deutsche und Amerikaner*innen haben bisher daran teilgenommen.

Darüber hinaus finanzieren das US-Außenministerium und das Auswärtige Amt gemeinsam das German-American Partnership Program (GAPP), das 2022 sein 50-jähriges Bestehen feiert. Es ermöglicht Schulpartnerschaften und kurzzeitige Gruppenaufenthalte von Schüler*innen aller Schularten in beiden Ländern. Jährlich nehmen fast 9.000 Jugendliche teil. Annähernd 350.000 Jugendliche sind bisher mit dem Programm gereist.

Neben den vorgestellten Programmen gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten von privaten Anbietern und Ver­einen, die neben dem Schüleraustausch z. B. auch Au-Pair- und Camp-Programme anbieten.

Und heute?

Austauschprogramme spielen sowohl außen- und sicherheitspolitisch als auch gesellschaftlich eine wichtige Rolle, da sie Integration, Chancengleichheit, Vielfalt und staatsbürgerliche Verantwortung fördern. Austauschprogramme stehen allen Schüler*innen und Studieren­den aus Deutschland und den Vereinigten Staaten offen. Aufgrund unterschiedlicher Zugangs- und Finanzierungs­möglichkeiten sowie unterschiedlichen Wissens um die Programme nehmen jedoch nicht alle teil.

Obwohl es sich bei den drei zuvor genannten Program­men um Stipendienprogramme handelt, sind bestimmte demografische Gruppen von Jugendlichen in Austauschprogrammen generell schwach vertreten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Einbindung dieser wichtigen Gruppen bleibt eine zentrale Herausforderung, die es im Einklang mit den Kernzielen von Austauschprogrammen zu bewältigen gilt.

Um dieses Ungleichgewicht etwas zu korrigieren, gibt es speziell auf diese schwach repräsentierten Gruppen ausgerichtete Programme. Das nach dem ehemaligen Kongressabgeordneten benannte Benjamin A. Gilman International Scholarship Program beispielsweise bietet amerikanischen Studierenden mit begrenzten finanziel­len Mitteln Stipendien für ein Studium oder Praktikum im Ausland an.

In diesem Bewusstsein entwickelt auch die US-Ver­tretung in Deutschland seit den 1990er-Jahren gemeinsam mit deutschen Partnern neue und erfolg­reiche Modelle, die auf schwach repräsentierte deutsche Zielgruppen zugeschnitten sind, wie beispielsweise das auf ehrenamtliches Arbeiten ausgerichtete USA For You für Schüler*innen, die einen ersten oder mittleren Schul­abschluss anstreben.

Nachdem die meisten Austauschprogramme auf­grund der COVID-Pandemie seit 2020 eingestellt wur­den, werden vermehrt digitale Angebote genutzt. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass sie den Präsenzaustausch nicht gleichwertig ersetzen können. Gleichzeitig führten sie aber zu einer breiteren Beteiligung von Jugendlichen und können daher ein erster Schritt in ein Präsenzaustauschprogramm sein.

Jetzt erst recht

Austauschprogramme werden auch weiterhin ein wichtiger Impulsgeber für Frieden, staatsbürgerliches Enga­gement und Chancengleichheit sein. Sie haben nicht nur im Rahmen der transatlantischen Beziehungen ihren diplomatischen Nutzen bewiesen, sondern weltweit. Ein Austausch ist eine prägende Erfahrung, die Vor­urteile über andere Nationalitäten und Kulturen abbaut und bedeutsame lebenslange Verbindungen schafft. Er hat das Potenzial, Jugendlichen aufzuzeigen, wie wir Klimawandel, nachhaltiges Wirtschaften und Extremis­mus sowie andere Herausforderungen gemeinsam bewältigen können. US-Außenminister Antony Blinken sagte in einer Rede zur Wirkung von Cultural Diplomacy:

„Der zwischenmenschliche Austausch lässt unsere Länder näher zusammenrücken. Austausch kann Menschen dazu bringen, ihre gemeinsame Menschlichkeit zu erkennen, gemeinsame Ziele zu entwickeln, andere von unserer Sichtweise zu überzeugen und die Geschichte der Vereinigten Staaten auf eine Weise zu erzählen, wie es Politik oder Reden niemals könnten.“

US-Embassy in Germany
Wenn Sie jemanden kennen, der bereit ist für eine lebensverändernde Erfahrung – hier geht die Reise los: Education & Exchanges
USA-Special 2022: Alle Beiträge
Deutsch-US-amerikanischer Jugendaustausch

Die Autor*innen und Interviewpartner*innen im USA-Special zeigen, dass sich ein transatlantischer Austausch für alle Beteiligten lohnt, allen voran für Jugendliche.

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USA-Special 2022

Mit dem „USA-Special“ ist im Frühjahr 2022 die erste IJAB-Publikation mit einem deutsch-US-amerikanischen Schwerpunkt erschienen, die bestehende Partnerschaften, erfolgreiche Projekte und Themen im transatlantischen Austausch darstellt und aufbereitet.

Ansprechpersonen
Elena Neu
Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-105
Julia Weber
Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit / Sachbearbeitung
Tel.: 0228 9506-165