Auf einem Tisch liegt ein Zettel mit der Aufschrift TECE Auf einem Tisch liegt ein Zettel mit der Aufschrift TECE
USA

Identität wird in den USA schärfer diskutiert

Transatlantisches Fachkräfteprogramm zur politischen Bildung

Die USA faszinieren – auch und gerade weil dort vieles anders ist. Das trifft auch auf die politische Bildung zu. IJAB-Kollegin Elena Neu hat an einem Austauschprogramm des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten teilgenommen und fand besonders das persönliche Engagement politischer Bildner*innen in den USA inspirierend. Die Redaktion von ijab.de hat sie nach ihren Eindrücken in einer polarisierten Gesellschaft gefragt.

23.06.2022 / Christian Herrmann

ijab.de: Elena, du hast am Transatlantic Exchange of Civic Educators teilgenommen. Was genau ist das?

Elena Neu: TECE ist ein Austauschprogramm des Arbeitskreises Deutscher Bildungsstätten für Fachkräfte der politischen Bildung bzw. civic education in Deutschland und den USA. Im vergangenen Jahr waren wir gemeinsam in Deutschland unterwegs – in Weimar, Erfurt und Berlin – und jetzt haben wir uns zum Gegenbesuch in den USA getroffen – in Washington DC und Boston. Es geht darum, Projekte und gute Praxis kennen zu lernen, etwas über die Strukturen im jeweils anderen Land zu erfahren und sich überhaupt gegenseitig besser zu verstehen und von- und miteinander zu lernen. IJAB steht für das Internationale in der politischen Bildung und war deshalb beteiligt.

ijab.de: Deutschland hat ein klar durchstrukturiertes System der politischen Bildung. Wie sieht das auf der anderen Seite des Atlantiks aus?

Elena Neu: Es gibt eklatante Unterschiede, denn es gibt in den USA kaum zentrale Strukturen für das Feld. In Deutschland sind wir an Regeln und Standards gewöhnt, wir haben öffentliche unterstützende Strukturen, die unter anderem für die Förderung zuständig sind. In den USA gibt es bislang kaum bis keine zentralen nationalen Strukturen und Dachverbände, auch wenn sich dahingehend in den letzten Jahren viel bewegt hat. Förderung für civic education beruht außerdem zu einem großen Teil auf privaten Spenden. Das alles hat Vor- und Nachteile. Es gibt viele innovative Projekte, aber auch Widerstand, denn civic education ist nicht immer politisch gewollt.

Die Systeme der politischen Bildung sind unterschiedlich

ijab.de: Die Ursprünge unseres Systems der politischen Bildung liegen in der amerikanischen Umerziehung der Nachkriegszeit. Aus Nazis sollten Demokraten werden und dem haben wir viel zu verdanken. Ist es nicht seltsam, dass die beiden Systeme heute strukturell so unterschiedlich sind?

Elena Neu: Das stimmt, wenn man diese Ursprünge nicht kennt, sieht man sie auch nicht. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass nicht alle, die politische Bildung betreiben, davon wissen. Wir hatten eine Kollegin vom wannseeFORUM dabei, sie kennt diesen Hintergrund natürlich, denn er ist Teil der Geschichte und Kultur des Hauses. In Deutschland haben wir die Strukturen der politischen Bildung zwischenzeitlich verstetigt und mit einem System hinterlegt, mit schulischer und außerschulischer Bildung, mit Verbänden und Förderstrukturen. Solche Strukturen sowie eine gewachsene Unterscheidung schulischer und außerschulischer oder non-formaler Bildung, gibt es in den USA wie gesagt nicht.

Gleiches gilt für ein Jugendministerium. Jugend wird eher als politisches Querschnittsthema verstanden, das in verschiedenen Ressorts eine Rolle spielt. Entsprechend gibt es auch keinen vergleichbaren Rahmen für civic education, vielleicht noch nicht einmal eine Definition, auf die sich alle verständigen können. Besonders überraschend vor diesem historischen Hintergrund ist für mich aber das ganz andere Klima für politische Bildung in den USA. Ähnlich wie hier beschäftigt sich civic education in den USA häufig mit heftig und kontrovers diskutierten Themen. Dafür wird sie oft offen angegriffen, vor allem von konservativer Seite, auch auf Regierungsebene. Sie unterstellen civic education vermehrt eine liberale Agenda und die dahingehende Manipulation junger Menschen. Viele Träger suchen zwar das Gespräch und bemühen sich um ausgewogene Darstellungen und Diskurse, aber sie erleben immer wieder Zurückweisung der konservativeren Seite.

Streitthema struktureller Rassismus

ijab.de: Welche Themen sind denn besonders strittig?

Elena Neu: Der Ansatz, in dem es darum geht, strukturellen Rassismus zu erkennen und aufzubrechen, Critical Race Theory, zählt sicherlich dazu. Rassismus und wie man sich damit „richtig“ auseinandersetzt, wird in den USA schärfer diskutiert als in Deutschland. Wer sich in diesem Bereich engagiert, muss auch mutig sein, denn es gibt vor allem hier besagten Gegenwind aus dem konservativen Lager. Der Ansatz wird regelmäßig politisch instrumentalisiert. Da private Förderung üblich ist, ist die Einflussnahme durch die Politik zwar theoretisch geringer, durch die Bildungshoheit der Staaten und das Schulsystem generell können Bemühungen um solche Gespräche an Schulen aber trotzdem schnell aus dem Lehrplan verschwinden.

ijab.de: Critical Race Theory ist ja auch in Deutschland nicht unumstritten. Unter anderem wird gesagt, es würden Schlussfolgerungen aus einem spezifisch US-amerikanischen Diskurs auf eine andere Gesellschaftskonstellation in Deutschland übertragen.

Elena Neu: Es stimmt, dass Diskurse und Konzepte aus den USA gerne mal zu uns „rüberschwappen“. Dabei muss man bei aller Ähnlichkeit der Themen natürlich umsichtig sein. Die USA z. B. haben eine andere Einwanderungsgeschichte als Deutschland. Seit ihrer Entstehung sind sie per Definition ein Einwanderungsland, das Menschen aus der ganzen Welt angezogen hat. Dazu kommen noch die Menschen, deren Vorfahren nicht freiwillig migriert und als Versklavte ins Land verschleppt worden sind, sowie diejenigen, deren Vorfahren schon vor Ankunft der Europäer*innen auf dem Land lebten.

Die Frage nach der eigenen Identität, „Was ist ein*e Amerikaner*in?“, ist in den USA dadurch anders und spezifisch gewachsen und gereift. Ich habe Gespräche in diesem Bereich in den USA mit mehr Tiefgang erlebt, als ich das aus Deutschland kenne. Vor allem Gespräche über das Thema Identität und damit zusammenhängende Traumata empfand ich für Fachkräfte aus Deutschland dabei als herausfordernd. Die Schärfe und Offenheit in der Diskussion kannte ich so aus Deutschland nicht und manchmal hat es dabei auch in der Gruppe etwas gebrodelt und sich Widerstand geregt. Ich selbst hatte zuweilen das Gefühl, mich lieber zurückziehen und nichts mehr sagen zu wollen. Ich habe mich aber auch gefragt, ob meine inneren Widerstände berechtigt oder ob sie einfach nur eine Konstruktion in meinem Kopf sind, von dem aus man sich weiterentwickeln kann. Das war nicht einfach, aber ich habe dabei gelernt, anderen besser zuzuhören und das scheint mir ein, wenn nicht das wesentliche Element bei alledem zu sein.

Die aktive und selbstkritische Auseinandersetzung mit diesen Fragen in Deutschland erscheint mir vergleichsweise jünger, hat sich aber in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Das ist gut, denn das Thema ist auch hier so unglaublich wichtig und es gibt einiges aufzuholen. Aber es ist eben auch komplex und Diskurse müssen bedacht und vor dem richtigen Hintergrund geführt werden. Letztendlich zeigt all das, wie wichtig der transatlantische Austausch ist. Wir können so die Ursprünge der Diskurse kennen lernen, können sie einordnen, Missverständnisse auffangen und schlussendlich besser sinnstiftend an einem Strang ziehen.

Neue Themen sind ein starkes Vehikel für den Austausch

ijab.de: Was waren weitere Themen im Austausch und war auch etwas „Leichteres“ dabei?

Elena Neu: Leichte Themen gibt es in diesem Feld ja eigentlich nicht. Wir haben uns in Unterarbeitsgruppen tiefgehend zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten ausgetauscht, Desinformation, Diversität oder Digitalisierung zum Beispiel. Ich habe mich für historisch-politische Bildung entschieden. Bei all diesen Themen ging es aber natürlich nicht nur um Probleme und Widerstände, sondern die Gespräche waren geprägt von Motivation und Begeisterung für das eigene Arbeitsfeld und einer unglaublichen Wissbegierde und Neugier beider Seiten – es hat vor allem Spaß gemacht.

ijab.de: Wenn man dir zuhört, merkt man, dass die USA dich faszinieren. Was macht die Faszination aus?

Elena Neu: Ich interessiere mich sehr für amerikanische Gesellschaftspolitik, u. a. eben weil sie auch bei uns Wirkung entfalten kann. Insofern war das Thema des Austauschs ein Volltreffer für mich und ich bin dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten dankbar für die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Ich bin auch nicht alleine mit meinem Interesse. Die USA üben nach wie vor eine enorme Anziehungskraft aus, auch bei deutschen Jugendlichen. Jugendliche in Deutschland und den USA interessieren sich außerdem für ähnliche Themen, haben vergleichbare Sorgen und Wünsche. Diese sind ein starkes Vehikel für Austausch – und das sollten wir nutzen. Das gilt auch für Fachkräfte. Eine US-amerikanische Teilnehmerin hat bei ihrem Besuch in Deutschland gesagt, dass es erstaunlich ist, dass Populist*innen auf beiden Seiten des Atlantiks schon jahrelang fleißig beieinander abschauen und sich auf die Schulter klopfen, während wir in der politischen Bildung dazu kein Gegengewicht setzen. Das hat mich wirklich ins Grübeln gebracht und angespornt.

Nahaufnahme der US-amerikanischen Flagge
Über die Zusammenarbeit mit den USA

IJAB unterstützt, gefördert durch das BMFSFJ, die Intensivierung von Aktivitäten im Bereich des Jugend- und Fachkräfteaustauschs mit den USA und führt ein Fortbildungs- und ein Praktikumsprogramm durch.

Ansprechpersonen
Elena Neu
Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-105
Natali Petala-Weber
Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
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