Özgehan Şenyuva Özgehan Şenyuva
Özgehan Şenyuva
Türkei

„Ich befürchte eine neue Form von Exklusion“

Türkische Jugendarbeit in der Coronakrise

Özgehan Şenyuva unterrichtet Internationale Beziehungen an der Middle East Technical University in Ankara und beschäftigt sich seit Jahren mit Jugendpolitik. Wie geht es der türkischen Jugend in der Coronakrise und wie steht es um die Perspektiven im deutsch-türkischen Austausch? IJAB hat mit ihm über diese Themen gesprochen.

07.12.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Herr Şenyuva, in Vorbereitung dieses Interviews habe ich einen Blick auf die türkische Coronastatistik geworfen und war erschrocken über den plötzlichen Anstieg in den letzten Tagen. Was ist geschehen?

Özgehan Şenyuva: Es ist nichts geschehen – außer dass die Regierung jetzt anders zählt. Bisher wurden nur Fälle erfasst, die medizinisch behandelt werden. Jetzt werden alle Infektionsfälle für die Statistik erfasst. Wir müssen also davon ausgehen, dass die Infektionszahlen schon lange so hoch sind.

ijab.de: Wie wirkt sich die Pandemie auf junge Menschen in der Türkei aus?

Özgehan Şenyuva: Es ist vor allem ein Verlust von Möglichkeiten. Die Schulen sind geschlossen und der Unterricht wurde auf Online-Formate umgestellt. Darunter leidet die Qualität. Die digitale Kluft vertieft sich und führt zu Bildungsungerechtigkeit. Jungen Menschen geht ein Teil ihrer Bildungschancen verloren.

Wir haben außerdem Beschränkungen im öffentlichen Leben. Das Haus kann im Lockdown nur noch zwischen 13 und 16 Uhr verlassen werden. Damit geht ein großer Teil des sozialen Lebens verloren und auch der non-formalen Bildung und des informellen Lernens. Formale Bildung unter Online-Bedingungen bedeutet: Der Lehrer ist auf dem Screen, es gibt kein Vorher und kein Nachher. Früher hat man vor der Unterrichtsstunde gemeinsam gelacht, man hat gemeinsam gegessen, man hat sich mit Gleichaltrigen ausgetauscht. Das sind alles wichtige Elemente non-formaler Bildung. Wir lernen von Freundinnen und Freunden, wir lernen etwas über unsere Stärken und Schwächen. Das ist wie in einer Fußballmannschaft. Von den anderen Spielern lernt man. Der Erwerb von Fähigkeiten ist jetzt eindeutig eingeschränkt.

ijab.de: Ist sich die Regierung dessen bewusst?

Özgehan Şenyuva: Nein, sie versucht den Brand im formalen Bildungssystem zu löschen. Die Bedeutung der außerschulischen Jugendarbeit ist bisher nur begrenzt verstanden worden.
Auch die wirtschaftliche Situation junger Menschen ist betroffen. Teilzeitjobs oder Aushilfsjobs in Cafés und Restaurants sind weggefallen. Die Möglichkeit für Studenten über zusätzliche Tutorenschaft ein bisschen Geld zu verdienen, gibt es auch nicht mehr. Wir sehen uns einer hohen Jugendarbeitslosigkeit gegenüber. Wir registrieren zudem Risiken für die geistige Gesundheit. Viele junge Menschen sind Mangels Geld wieder zu ihren Eltern gezogen. Das verzögert ihren Übergang ins Erwachsenenalter. Wenn man das Elternhaus verlässt muss man lernen, Verantwortung zu übernehmen. Man muss sich um all die Dinge des Alltags kümmern – einkaufen, kochen, putzen. Alles das entfällt jetzt.

ijab.de: Wie steht es um den Jugendaustausch? Angesichts der schwierigen politischen Rahmenbedingungen zwischen Deutschland und der Türkei ist er schon länger in der Krise. Ist er jetzt völlig zum Stillstand gekommen oder gibt es doch Perspektiven?

Özgehan Şenyuva: Covid ist wirklich in einem schlechten Moment gekommen. Es stimmt, die Zahlen im Austausch waren rückläufig, aber sie hatten begonnen, sich wieder zu erholen. Dieser positive Trend ist gebrochen worden. Was die Zukunft des Jugendaustauschs und der Jugendarbeit angeht, so muss man sich erst mal die organisatorische Ebene anschauen. Sie ist stark von der Corona-Pandemie betroffen, denn viele außerschulische und schulische Austausche oder auch Workcamps mussten abgesagt werden. Viele Jugendorganisationen sind daher nicht mehr in der Lage, ihre Kosten – Strom, Wasser, Miete – zu decken. Sie verlieren zudem Ehrenamtler, denn die dürfen das Haus nicht mehr verlassen. Einige Organisationen werden verschwinden.
Außerdem ist der Verlust der internationalen Netzwerke zu befürchten. Wie lange kann man ein Netzwerk aufrechterhalten, wenn kein Austausch stattfindet? Spätestens nach zwei Jahren hat das negative Auswirkungen.

Am Ende gehen auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verloren. Aus vielen Studien wissen wir, dass Mundpropaganda die beste Werbung ist. Jemand hat von einem Freund oder einer Freundin gehört, wie toll die Austauscherfahrung war und möchte dann im nächsten Jahr selbst dabei sein. Das findet jetzt nicht mehr statt. Möglicherweise geht diese Erfahrung für eine ganze Generation verloren. Mit dem Verlust des Austauschs verlieren wir zudem Trainer/-innen, Moderator(inn)en und Workcamp-Leiter/-innen.

Hinzu kommt: Der türkischen Wirtschaft geht es schlecht und das hat Auswirkungen auf die Co-Finanzierung von Projekten. Ein Zuschuss von 10.000 Euro ist für eine Stadtverwaltung eine gewaltige Summe geworden. Die türkische Lira hat gegenüber dem Euro zwei Drittel ihres Wertes eingebüßt. Das wirkt sich zum Beispiel beim Kauf von Flugtickets aus. Sie sind unerschwinglich geworden und das Risiko, sie bei Ausfällen nicht erstattet zu bekommen, ist hoch. Selbst bei Austauschen in Deutschland hat der schlechte Lirakurs negative Auswirkungen: Wenn man dort eine Flasche Wasser kauft, dann ist das so, als ob man in der Türkei einen Burger kauft.
Türkische Staatsbürger/-innen müssen bei der Einreise in die EU einen Corona-Test vorweisen – und den müssen sie selbst bezahlen. Impfstoffe? Ja, die werden irgendwann kommen, aber wer wird Zugang zu ihnen haben? Ich befürchte eine neue Form von Exklusion.

Das Virus werden wir nicht so schnell loswerden und selbst wenn physischer Austausch wieder stattfinden sollte, hat das Auswirkungen auf das gemeinsame essen, Parties oder auf Räume für Gruppenaktivitäten. Wie sollen junge Menschen in Gastfamilien untergebracht werden? Wie soll ein interkultureller Abend stattfinden? Alles wird zusätzliche Zeit und zusätzliches Geld brauchen und wir werden viele neue Dinge lernen müssen.

Wir stehen noch vor einem weiteren Problem: Ich nenne es Corona-Nationalismus. Schon jetzt sagen chinesische Studenten, sie seien Japaner, um Anfeindungen zu entgehen. Diese Anfeindungen können schnell auf Erasmus-Studenten übergreifen und sie folgen dem rassistischen Stereotyp, dass Krankheiten von Fremden und Außenseitern übertragen werden.

ijab.de: Am 8. Dezember findet IMECE.LAB statt, eine Online-Tagung zum deutsch-türkischen Jugendaustausch. Welche Hoffnungen und Erwartungen verbinden Sie damit?

Özgehan Şenyuva: Die Veranstaltung ist perfekt, um die gegenwärtige Situation zu untersuchen. Wir können etwas entwickeln, das wir umsetzen können. Wir können unsere Austauscherfahrungen teilen und gute Praxisbeispiele zeigen. Es ist wichtig, dass junge Menschen an der Veranstaltung beteiligt sind. Wie oft haben wir in den letzten Monaten gehört, dass junge Menschen Teil des Corona-Problems sind? Tatsächlich sind sie Teil seiner Lösung. Sie kümmern sich um die Nachbarn, gehen für sie einkaufen, führen deren Hund aus und kümmern sich um die Kinder.

IMECE.LAB ist eine Tagung für Multiplikatoren – dadurch erreichen wir einen Schneeballeffekt. Und können voneinander lernen. Der Titel gefällt mir besonders gut, denn imece bedeutet „etwas gemeinsam machen“.
Auch das Online-Format ist wichtig, denn die Zukunft liegt in hybriden Formaten und Methoden. Das wird nicht sofort gehen, aber es wird uns helfen, kosteneffizienter und umweltfreundlicher zu arbeiten.

Vier Menschen sprechen miteinander.
Über den Austausch mit der Türkei

IJAB führt mit der Türkei Fachprogramme und Partnerbörsen durch. Außerdem bieten wir interessierten Trägern Information und Beratung zum Austausch mit der Türkei an.

Ansprechpersonen
Christiane Reinholz-Asolli
Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-112
Portrait Timo Herdejost
Timo Herdejost
Sachbearbeitung
Tel.: 0228 9506-130