Das Koordinationsteam des Projekts „Young Verified Leaders“ in Sousse, Tunesien
Nordafrika

Fachkräfteaustausch in Tunesien

Projekt „Young Verified Leaders“

Vom 13. bis 18. Dezember 2021 traf sich das Koordinationsteam des Projekts „Young Verified Leaders“ in Sousse, Tunesien. Ziel war, Workshops zu planen, internationale Jugendbegegnungen vorzubereiten, sich über Methoden der non-formalen Kinder- und Jugendarbeit auszutauschen – und nicht zuletzt, sich endlich auch persönlich kennenzulernen. Adeline Haaby und Carolina Sachs von der Solidaritätsjugend Deutschlands berichten, wie ein Fachkräfteaustausch auch in Zeiten der Pandemie gelingen kann.

17.01.2022 / Adeline Haaby und Carolina Sachs

Montag, 13.12.2021

Trotz großer Ungewissheit aufgrund der epidemischen Lage und trotz steigender Infektionszahlen konnte der Fachkräfteaustausch von Young Verified Leaders in Sousse, Tunesien, am 13. Dezember 2021 starten.

Wir konnten es nicht erwarten, die Team-Kolleg*innen des Projekts aus Tunesien und Algerien endlich auch face-to-face kennenzulernen und die Woche gemeinsam zu verbringen, produktive Ideen zu spinnen und uns über mögliche Arbeitsmethoden und das kommende Jahr auszutauschen.

Nach einem Zwischenstopp in Lyon landeten wir um 18:30 am Flughafen in Monastir, wo Haifa Gharbi und einige weitere Mitglieder von „We Love Sousse“ (WLS) uns sehr herzlich empfingen.

Als wir im Auto waren, rief uns Hiba an, ein weiteres Mitglied der Organisation – sehr berührt, fast euphorisch, dass wir endlich angekommen waren. Nach einem anstrengenden Tag war die Begeisterung und Freude der tunesischen Kolleg*innen das schönste Zeichen von Anerkennung unserer Arbeit der letzten Monate.

Eine halbe Stunde später ging es nach Sousse in unser Hotel, nur ein paar Meter vom Meer entfernt und sehr nahe an der Altstadt. Unsere algerischen Partner, Nasser und Nassim, landeten am Abend in Tunis und kamen um 00:00 im Hotel an.

Dienstag, 14.12.2021

Nach zwei Jahren ohne Präsenztreffen und fünf Monaten seit Beginn des Programms „Young Verified Leaders“ konnten sich das gesamte Organisationsteam (Nasser, Nassim, Haifa, Carolina und Adeline) und die Mitglieder von WLS endlich von Angesicht zu Angesicht treffen. Nach einem üppigen Frühstück im Hotel trafen wir auf Haifa und Samra, die die deutsche und algerische Delegation an der Rezeption des Hotels abholten. Gleichzeitig kam unser Übersetzer Lamine dazu, der das Team die Woche über begleiten sollte. Seine Aufgabe war, während der Arbeitstreffen und Ausflüge aus dem Französischen ins Deutsche zu übersetzen.

Der Tag begann am Stadttor „bab el gharbi“ und dem Besuch der Medina (arabisches Wort für Altstadt), welche zum UNESCO- Weltkulturerbe gehört.

Das Organisationsteam des YVL-Programms und Mitglieder von WLS trafen sich dann im Café „Kasba“, bei traditionellem tunesischen Kaffee, um sich weiter persönlich kennenzulernen und grob über das bevorstehende Programm der Woche zu sprechen. Anschließend besuchten wir das Museum „dar essid“, um die historische islamische Lebensweise kennenzulernen und die tunesische Innenarchitektur zu bewundern. Dabei lernten wir viel über den Alltag, die Kleidung und die Lebensweise einer islamischen Familie vor Hunderten von Jahren.

Während unseres Fachkräfterauschtauschs fand ebenfalls das Festival „Voix des femmes“ (Stimmen der Frauen) statt, das von WLS-Mitgliedern ehrenamtlich organisiert und durchgeführt wurde. Vor dem Mittagsessen wurden wir eingeladen, den Kurzfilm „Aicha“ des marokkanischen Regisseurs Zakaria Nouri anzuschauen. Das Ganze fand neben dem Museum „el Kobba“ statt, in dem die Mitglieder von WLS Kinder aus finanziell schwachen Familien betreuen und regelmäßig am Nachmittag mit Sport und einem Bildungsprogramm unterstützen.

Das Mittagessen fand in einem sogenannten „Maison d'hôtes“ statt, einem Gästehaus, in dem die Inhaberinnen des Hauses selbst kochen und den Gästen kulinarische Spezialitäten servieren.

Im Anschluss fuhren wir zum Büro von WLS, wo das erste Arbeitsgruppentreffen und die Aufzeichnung eines Podcasts stattfinden sollte. Der Podcast wurde von Iheb Helali moderiert und sollte das Projekt „Young Verified Leaders“ bekannter machen. Der Inhalt der geplanten Audioaufnahme war uns zwar bekannt, niemand hatte aber Erfahrung mit der Aufnahme eines Podcasts. Die gute Laune und die Gastfreundschaft der Moderatorin trugen dazu bei, eine sehr angenehme und unterhaltsame Atmosphäre zu schaffen. Erschöpft von den vielen Eindrücken verschoben wir ein weiteres Arbeitstreffen am Abend, um den Tag im „Théâtre municipal“, dem Stadttheater von Sousse, ausklingen zu lassen. Dort wurden wir Zeugen eines atemberaubenden Auftritts der Newcomerin-Sängerin Mayssoun Fatnassi, die mit ihrer wunderbaren Stimme dem Namen des Festivals gerecht wurde.

Mittwoch, 15.12.2021

Am Mittwoch lernten wir, als Koordinationsteam von „Young Verified Leaders“ gemeinsam zu improvisieren. Eine der Herausforderungen des Treffens in Sousse bestand von Anfang an darin, den tunesischen Behörden das Projekt zu „pitchen“, also kurz und überzeugend die Ziele und die bereits vorliegenden Ergebnisse darzustellen. Haifa und ihr Kollege Anis Boufrikha, Gründer von We Love Sousse, hatten bereits seit Wochen versucht, ein offizielles Treffen mit dem Minister für Jugend und Sport zu organisieren. Angesichts des vollen Terminkalenders des Ministers und der Schwierigkeit, in so kurzer Zeit einen Termin zu planen, hatte Haifa uns gewarnt, dass das Kabinett uns jederzeit anrufen könnte, um den Termin umzuplanen oder abzusagen.

Am Mittwochmorgen, als die zweite Arbeitssitzung mit Samra, einer Vertreterin des WLS-Büros, begonnen hatte und wir dabei waren, konkrete Ideen durchzuspielen, informierte Haifa darüber, dass wir um 14 Uhr erwartet würden, um den Minister zu treffen. Nachdem der Transport organisiert war, fuhr das Team nach Hammamet, einer Stadt eine Stunde nördlich von Sousse. Zwischen zwei Vorträgen begrüßte der Minister die tunesische, algerische und deutsche Delegation. Wie erwartet hatten wir weniger als eine halbe Stunde Zeit zur Verfügung, um das YVL-Projekt vorzustellen. Der Minister berichtete außerdem von den laufenden Jugendprojekten in Tunesien und formulierte Vorschläge, wie das YVL-Projekt als Plattform zu den aktuellen Maßnahmen dienen könnte. Nach einigen Gruppenbildern und einem kurzen, aber intensiven Austausch fuhren wir zurück nach Sousse, um unser Mittagessen im Restaurant „Treken“ einzunehmen, das direkt gegenüber vom WLS-Büro liegt. Neben den vielen köstlichen Fleischgerichten (Huhn, Schawarma, Rindfleisch) wurden auch viele vegetarische Köstlichkeiten angeboten: Ommek Houria, Slata meshwiya, Ojja, Tajine, Chakchouka, Tchich, Kafteji. An dieser Stelle ist es wichtig, die traditionelle Chillisause „Harissa“ zu erwähnen, die zu den meisten tunesischen Gerichten gereicht wird.

Am Abschlussabend des Festivals „Voix de Femmes“ trat die belgische Band „Yaya Bossa“ auf, die kurzfristig aufgrund des Wegfalls einer anderen Band organisiert worden war. Ebenfalls wurden durch eine Jury diverse Preise an die Künstler*innen verliehen, die während der drei Tage des Festivals aufgetreten waren.

Währenddessen schauten sich unsere algerischen Partner das Halbfinale Algerien gegen Katar an und waren bereits verschwunden.

Donnerstag, 16.12.2021

Der Tag begann mit einem dritten Arbeitsgruppentreffen. In der Planungsphase hatten wir (Haifa, Nassim, Nasser, Carolina und Adeline) die unterschiedlichen Aufgabebereiche zwischen unseren vier Organisationen aufgeteilt und am Donnerstag wurde der zu präsentierende Teil von den algerischen Kollegen, Nassim und Nasser bearbeitet.

Nach zwei intensiven Arbeitsstunden war es Zeit für einen traditionellen Schaufensterbummel durch die Altstadt. Dabei wurden wir von Farah begleitet, die uns nicht nur half, uns in den engen Gassen der Altstadt zurechtzufinden, sondern auch, mit den lokalen Verkäufern und Handwerkern über die Preise zu verhandeln. Das Mittagsessen verbrachten wir an einem Imbiss mit frisch gepressten Säften und „makloub“, einem tunesischen Sandwich.

Am Nachmittag wurden das YVL-Team von dem Leiter des ersten tunesischen Jugendhauses, („Maisons de Jeunes“) in Riadh in Erriadh, einem Bezirk von Sousse, im Empfang genommen. Hier diskutierten wir über die Besonderheiten einer solchen Einrichtung und eine mögliche Zusammenarbeit im Projekt.

Um den Tag in einem informellen Rahmen ausklingen zu lassen, kamen wir am Nachmittag noch einmal mit den Mitgliedern von WLS im Café Don Pablo bei Kaffee und extrem süßer „Chocolat Chaud“ zusammen, lernten uns nochmal anders kennen und sprachen über mögliche strategische Vorgehensweisen im Projekt.

Freitag, 17.12.2021

Wie bereits der vorherige Tag begann auch der Freitag direkt nach dem Frühstück mit dem letzten Arbeitsgruppentreffen der Woche. Am Nachmittag besichtigten wir mit Mitgliedern von WLS die Ruinen des Amphitheaters von El Djem, die etwa eine Stunde entfernt von Sousse liegen. El Djem ist das am besten erhaltene Amphitheater Nordafrikas und gehört seit 1979 ebenfalls, wie die Medina, zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist für seine außergewöhnliche Akustik bekannt. Ursprünglich war geplant, im Anschluss daran den Präsidentenpalast von Bourguiba in Monastir zu besuchen, aber die Unwägbarkeiten des Tages entschieden anders. Auf dem Rückweg waren mehrere Autobahnabschnitte gesperrt, sodass unsere Fahrer auf Feldwege ausweichen mussten und uns einmal durch halb Tunesien führten. Einmal in Monastir angekommen, stoppte die ganze Gruppe am Hafen für einen Kaffee, da der Palast geschlossen war. Obwohl wir den Großteil des Tages im Auto verbrachten, konnten wir uns ausgiebig mit den Jugendlichen von WLS austauschen und auch ihren Musikgeschmack kennenlernen, der uns bei stundenlangen Autofahrten begleitete.

Endlich im Hotel angekommen, warteten Haifa und andere Mitglieder von WLS auf den Rest der Gruppe. Am Abend führten uns zwei Mitglieder von WLS zu einem Konzert, wo wir unseren letzten gemeinsamen Abend verbrachten.

Samstag, 18.12.2021

Um 10:00 Uhr wartete Haifa in der Hotellobby, um sich von uns zu verabschieden. Unsere algerischen Freunde Nasser und Nassim fuhren direkt nach Tunis. Carolina wurde um 12:00 Uhr zum Flughafen gefahren und Adeline hängte noch ein paar Urlaubstage an das Arbeitstreffen ran.

Der Fachkräfteaustausch in Sousse war die erste Maßnahme des YVL-Projekts in Präsenz und wir hoffen, dass es nur die erste von vielen weiteren war.

An dieser Stelle wollen wir dem gesamten Team von We Love Sousse danken, von Haifa und Anis bis zu jedem einzelnen Mitglied, das uns diese Woche begleitete. Trotz aller Unwägbarkeiten termingerecht und im Hinblick auf die Pandemie war das Team von WLS sehr flexibel, immer für uns da, und jede*r ging sehr aufmerksam auf unsere Bedürfnisse und Anliegen während des Projekttreffens ein. Wir bedanken uns auch herzlich bei unseren algerischen Partnern Nassim und Nasser für die inspirierende Zusammenarbeit und die Bereitschaft, sich gemeinsam in Tunesien zu treffen.

Neben einem sehr dichten Programm und diversen spannenden Arbeitsgruppen hatten wir die Möglichkeit, uns näher kennenzulernen, aber dieses Mal nicht versteckt hinter einem Bildschirm, Tausende Kilometer entfernt. Insbesondere schätzten wir die informellen Gespräche mit dem Koordinationsteam von ALEJ, ADEEJ und WLS. Diese trugen nicht nur dazu bei, die vielfältigen Ansichten besser zu identifizieren, sondern auch, uns persönlicher zu begegnen. Ein Projekt dieses Ausmaßes und mit so vielen, verflochtenen interkulturellen Ebenen kann nur nachhaltig gelingen, wenn jede*r den Raum erhält, sich zu entfalten und sich dabei auch wohlzufühlen. Nur dadurch können wir die Werte vermitteln, die uns so am Herzen liegen und das Zwischenmenschliche zwischen den Partnern und unseren Mitgliedern pflegen. Nach wie vor sind wir der festen Überzeugung, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe und gegenseitiges Vertrauen die Hauptsäulen unserer Kooperation sind. Für uns ist das eine der wichtigsten Grundlagen für einen unmittelbaren Programmerfolg. Wir fühlen uns den Herausforderungen gewachsen und freuen uns schon auf die nächsten Handlungsschritte im kommenden Jahr!

Dieser Bericht wurde IJAB freundlicherweise von der Solidaritätsjugend Deutschlands zur Verfügung gestellt.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon auf einer Bühne, fünf weitere Menschen hören ihr zu.
Über die Zusammenarbeit mit Nordafrika

IJAB vernetzt die Träger im Austausch mit Tunesien, Ägypten und Marokko. Wir bieten Interessierten Information und Beratung zum Jugend- und Fachkräfteaustausch mit Nordafrika an.

Ansprechpartnerinnen
Christiane Reinholz-Asolli
Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-112
Anke Müller
Anke Müller
Sachbearbeitung / Assistenz Geschäftsbereichsleitung Internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-103