Collage mit Portraits junger Menschen Collage mit Portraits junger Menschen
Japan

Junge Menschen aus Japan und Deutschland begegnen sich

Online-Austausch der Deutsch-Japanischen Jugendgesellschaft

Mitte September hat die Deutsch-Japanische Jugendgesellschaft e.V. (DJJG) einen digitalen Youth Summit organsiert, um junge Menschen aus Deutschland und Japan zusammenzubringen. Im Fokus stand der Austausch über die Erfahrungen mit der Pandemie. IJAB hat mit Pauline Böhm und Oliver Pohl von der DJJG gesprochen. Beide sind ehemalige Programmteilnehmende und engagieren sich mittlerweile im Vorstand der DJJG ehrenamtlich für den deutsch-japanischen Jugendaustausch.

28.10.2020 / Dorothea Wünsch

IJAB: Die Deutsch-Japanische Jugendgesellschaft e.V. (DJJG) führt seit einigen Jahren regelmäßig Austauschprogramme in Deutschland und Japan durch. Wie ist der Austausch entstanden? Und wodurch haben sich bisherige Austausche ausgezeichnet?

Pauline Böhm: Der Auftakt war ein u.a. vom Verband der Deutsch-Japanischen Gesellschaften organisiertes Austauschprogramm 2005 in Japan. Alumni haben sich im Anschluss zusammengetan und die Deutsch-Japanische Jugendgesellschaft e.V. (DJJG) gegründet, um das Programm fortzuführen. So haben seit 2006 eine ganze Reihe von Programmen stattgefunden. Je nach Veranstaltungsland heißen die Programme „Hallo Deutschland“ oder „Hallo Japan“. Anfangs haben bis zu 200 Leute teilgenommen. Programmbestandteile waren u.a. Praktika und längere Gastfamilienaufenthalte. 2011 ereignete sich die Dreifachkatastrophe in Japan, woraufhin das Programm erst mal ausgesetzt wurde. 2013 wurde mit einer Neuauflage in angepasster Form in Deutschland gestartet. Seitdem begegnen sich im Rahmen des Programms jeweils 40 junge Menschen aus beiden Ländern für ca. 10 Tage, jährlich abwechselnd in Deutschland und in Japan. Was das Programm auszeichnet, ist, dass es seit 2014 jeweils unter einem Oberthema läuft, zu dem es dann Gruppenarbeit aus verschiedenen Perspektiven gibt. Dies ermöglicht intensiven inhaltlichen Austausch – bei dem selbstverständlich auch das gegenseitige Kennenlernen nicht zu kurz kommt. Zudem basiert der Austausch auf ehrenamtlichem Engagement. Beim Programm an sich helfen über 50 Ehrenamtliche mit. Auch auf japanischer Seite engagieren sich viele junge Menschen ehrenamtlich für das Programm, die – da es in Japan nicht so einfach ist wie in Deutschland, einen Verein zu gründen – anfangs ohne eigene Vereinsstruktur aktiv waren. Seit 2016 gibt es auf japanischer Seite das Japanisch-Deutsche Jugendnetzwerk, abgekürzt JG-Youth. Was uns alle antreibt, ist der Gedanke: Wir haben alle etwas Tolles erlebt und das wollen wir gemeinsam auch weitergeben und weitermachen.

IJAB: Der ursprünglich für den Sommer vorgesehene Austausch in Japan konnte aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie geplant stattfinden. Wann ist die Idee zur Umsetzung eines Online-Austausches entstanden?

Oliver Pohl: Am Ende des letzten Programms im September 2019 haben wir angefangen, das Programm für dieses Jahr als physischen Austausch zu planen. Die Bewerbungsphase lief und wir hatten auch schon einige Bewerber/-innen aus Deutschland und Japan. Als dann die Einreisesperren für Japan im Frühjahr verkündet wurden, mussten wir das Programm absagen, zumal auch die Ungewissheit bestand, wie lange die Situation nun noch anhalten würde. Noch im März entstand im Team der Ehrenamtlichen die Idee, eine Alternative zu planen. Wir haben dann in vielen längeren Videokonferenzen überlegt, was es jetzt genau werden wird. Uns war bewusst, dass das Übertragen eines physischen Austausches ins Virtuelle mit zehn Tage Anwesenheit in einem Land mit Herumreisen und Fachbesuchen vor Ort nicht möglich sein würde. Wir mussten erst mal ein komplett neues Thema und auch einen anderen Modus finden.

Pauline Böhm: Ja genau, die Idee kam gerade im Kontext der eigentlichen Programmabsage mit der Feststellung, dass es genau jetzt, wo wir hier in Deutschland im Lockdown sitzen und wo es auch in Japan größere Einschränkungen gibt, spannend wäre, sich auszutauschen. Dabei bot sich nur ein Online-Format als Alternative an. Uns war schnell klar, dass wir relativ nah an unserem eigentlichen Programm mit einem inhaltlichen Schwerpunkt bleiben wollten und die inhaltliche Arbeit in Kleingruppen ermöglichen wollten. Gleichzeitig sollte aber auch eine Art Kennenlernen stattfinden. Und uns war auch wichtig, dass die Teilnehmenden zwei Tage lang Spaß haben. Zudem wollten wir auch die Möglichkeit nutzen, dass wir online sind und beide Seiten gleichberechtigt drankommen können. Sonst steht oftmals die Perspektive des Landes im Fokus, in dem das Programm stattfindet. Das waren die Ziele, auf die wir uns in der Findungsphase geeinigt haben. Inhaltlich sollte es um die Pandemie-Situation gehen, wie die Pandemie uns betrifft und was für Erfahrungen wir gemacht haben. Was uns in der Vorbereitung weiterhin intensiv beschäftigt hat, waren die Fragen, wie viele Leute an dem Programm teilnehmen können, wie die Gruppenarbeit aussehen könnte und wie viele Personen idealerweise in einer Gruppe sein sollen.

Durch die Gespräche mit den japanischen (aber auch deutschen) Teilnehmer/-innen habe ich gelernt, mit welchen unterschiedlichen Corona-bedingten Einschränkungen Personen aus verschiedenen Ländern sowie Berufsgruppen zu kämpfen haben. Es war interessant zu sehen, wie ähnlich viele der Probleme sind. So war ich überrascht, dass es in Japan auch relativ viele „Maskenverweigerer“ zu geben scheint, obwohl es in Japan schon vor Corona üblich war, Masken zu tragen.
Fabian, 25 Jahre alt, Teilnehmer aus Deutschland

IJAB: Was hat den Online-Austausch ausgemacht?

Oliver Pohl: Der Austausch fand mit 30 jungen Menschen an zwei Tagen à vier Stunden online statt und hat sich wie ein Light- und Express-Format des regulären „Hallo Programms“ angefühlt. Das Zeitfenster erschien uns mit Blick auf die Zeitverschiebung angemessen, damit es für beide Seiten nicht zu früh und nicht zu spät sein würde. Wir haben versucht, die essenziellen Komponenten des Austausches und die interkulturelle Zusammenarbeit ins Digitale zu transferieren. Wir haben Microsoft Teams mit seinen Kollaborationsmöglichkeiten, wie beispielsweise die Videokonferenzfunktion sowie das gemeinsame Arbeiten an einem Dokument bzw. einer Präsentation, genutzt.

Pauline Böhm: Der Austausch bestand aus drei großen Themenblöcke: Die erste Stunde haben wir mit einer Vorstellungsrunde und Kennenlernen in Kleingruppen verbracht. Alle Teilnehmenden sollten erst mal das Gefühl haben: Hier kann ich etwas erzählen und hier darf ich auch Fehler machen – auch in der anderen Sprache. In der Vorstellungsrunde sollte beispielsweise jeder eine Bewegung machen, mit der er/sie sich beschreiben kann. Wir sind relativ schnell in den Erfahrungsaustausch zum Programmthema „Die Pandemie und wir“ eingestiegen. In Kleingruppen haben die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen und Anekdoten zu Aspekten wie Arbeit, Reise und Kultur in der Pandemie-Situation gesprochen. Aus dem physischen Format haben wir als Element das gemeinsame Arbeiten an den PowerPoint-Dateien bzw. „Partizipationsdateien“ mitgenommen. Im Austausch soll es zwar hauptsächlich darum gehen, sich gegenseitig als Menschen kennenzulernen. Als weiteres wichtiges Element, was man von der anderen Kultur lernen kann, erachten wir aber auch die Zusammenarbeit und das Kennenlernen der jeweiligen Arbeitsweise. Dafür eignet sich so ein Kollaborationstool wie Microsoft Teams wirklich gut, um gemeinsam zum Beispiel Dokumente zu bearbeiten und dabei gemeinsam ein Ergebnis zu erstellen. Das hat online gut geklappt. Wir haben die Teilnehmenden beispielsweise auch Collagen erstellen lassen, wie ihre Situation in Bezug auf ihr Gruppenthema vorher und nachher ist. Das kam sehr gut an. Der letzte Punkt war das Herausfinden von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Deutschland und Japan in Bezug auf diese jeweiligen Unterthemen. Wie im physischen Austausch auch, gab es am Ende Abschlusspräsentationen der Kleingruppen.

Oliver Pohl: Wir haben auch auf genügend Pausen geachtet und Energizer eingeplant, damit die Leute zwischendurch ein bisschen Energie tanken können und Spaß haben. Zum Beispiel haben wir auch Rajio Taisou vor dem Bildschirm gemacht, ein klassisches japanisches Dreiminuten-Workout, das eigentlich alle in Japan kennen. Danach waren wieder alle fit.

IJAB: Was war den Jugendlichen aus Japan und Deutschland im Austausch wichtig?

Oliver Pohl: Die Leute fanden es toll, dass sie sich trotz der Reiseproblematik interkulturell austauschen konnten. Und sie fanden es sehr spannend, die jeweils andere Sichtweise kennenlernen zu können, trotz der Kürze der Zeit. Die Teilnehmenden waren vor allem interessiert zu hören, wie es in der Pandemie-Situation im Arbeitsleben aussieht. Beispielsweise wie die Regelungen zum Home-Office sind. Aber auch wie das kulturelle Leben in den beiden Ländern durch die Pandemie beeinflusst wird. Die Teilnehmenden fanden es spannend, Erfahrungen und persönliche Anekdoten aus dem anderen Land zu hören, sowohl mit Blick auf den eigenen Alltag wie auch auf die Unterstützung von Seiten der Politik. Der Wunsch bei den Teilnehmenden war groß, noch mehr Zeit miteinander zu verbringen. Und sie waren traurig, dass dies aktuell nicht möglich ist. Hier fehlten dann Elemente aus dem Rahmenprogramm wie beispielsweise der Karaokeabend , wo das Eis bei fast allen bricht, oder auch die Abschlussfeier, bei der die meisten Leute ihre Freundschaften für die kommenden Jahre verstetigen und so auch langfristig in Kontakt bleiben.

Oliver Pohl: Das Programm wurde insgesamt sehr gut angenommen. Die Jugendlichen zeigten sich sehr motiviert, die andere Sprache (weiter) zu lernen oder sich weiter ehrenamtlich zu engagieren, um auch anderen Leuten so einen Austausch ermöglichen zu können. Einige Leute sowohl aus Deutschland als auch aus Japan haben sich direkt im Anschluss gemeldet, dass sie sich gern beim Ausrichten des nächsten Austausches, ob er jetzt physisch oder digital sein wird, beteiligen möchten.

IJAB: Wie hat die sprachliche Verständigung im Austausch funktioniert?

Oliver Pohl: Was den Austausch grundsätzlich ausmacht, ist, dass die Kommunikation zu einem Großteil auf Deutsch und Japanisch stattfindet. Das Programm motiviert sehr viele Leute, sich auszuprobieren und die andere Sprache zu sprechen und dann darüber Freundschaften zu knüpfen. Wenn die Sprachniveaus noch nicht so ausgeglichen sind, kommunizieren die Teilnehmenden lieber mit Händen und mit Füßen als auf English. Beim Online-Austausch gab es nun in jeder Gruppe eine/-n Moderator/-in oder auch Teilnehmende, die sprachlich aushelfen und etwas übersetzen konnten.

Pauline Böhm: Wir haben im Vorfeld kommuniziert, dass die Teilnehmenden, wenn sie in der großen Gruppe sind und nicht sprechen, die Mikros auf stumm schalten sollen, damit es nicht rauscht und stört. Teilweise haben die Teilnehmenden dies als unangenehm empfunden. Gerade im Japanischen sind so kleine Bestätigungssounds, das so genannte Aizuchi, sehr wichtig. Umso befremdlicher war es teilweise für einige, so allein zu sprechen und nichts zurückzubekommen. Das war eine spannende Erkenntnis zum Thema Online-Meeting-Etikette.

Vor dem Austausch hatte ich eher negative Gedanken zur Corona-Situation: Wie soll es in Zukunft nur damit weitergehen? Aber in unserer Gruppe haben wir auch versucht, Positives zu sehen, und haben auch Inspiration gefunden. Ich fand das sehr schön. Also, ich habe gelernt, dass man besonders in solch einer schwierigen Situation nicht zu viel allein nachdenken sollte, sondern der Blick einer weiteren Person hilfreich sein kann.“
Mamiko, 29 Jahre alt, Teilnehmerin aus Japan

IJAB: Wie geht es weiter?

Oliver Pohl: Unsere japanische Partnerorganisation hat Ende September als Online-Veranstaltung ein Kulturfest durchgeführt. Das hat unseren Austausch, den „Youth Summit“, schön ergänzt. Ehrenamtliche haben sich ein Programm ausgedacht, welches die japanische Kultur aber auch die deutsch-japanische Interkulturalität ins Netz gebracht hat, beispielweise mit einem Origami-Workshop, gemeinsamen Filmabend oder einem Online-Bierfest. Das ist auch sehr gut angekommen. Einige Teilnehmende vom „Youth Summit“ waren wieder dabei. Die Teilnehmenden können sich darüber hinaus über eine „Line“-Gruppe des beliebtesten Messenger-Service in Japan weiterhin austauschen und Kontakte knüpfen. Wir überlegen, eventuell auch ein Online-Meet-Up, eine Art Stammtisch, für Interessierte und aktuelle Mitglieder nach dem Vorbild unsere Partnerorganisation in Japan einzurichten.

Oliver Pohl: Was die Vorbereitungen für das nächste Jahr angeht, so werden wir jetzt erst mal mit einem physischen Austausch planen. Wenn sich abzeichnen sollte, dass ein physischer Austausch nicht möglich sein wird, werden wir vermutlich wieder eine Alternative auf die Beine stellen. Weiterhin könnte ich mir auch vorstellen, diese Art von Online-Austausch ergänzend oder als Zusatzprogramm für Leute anzubieten, für die es nicht möglich ist, 10 Tage Urlaub zu nehmen oder ins andere Land zu reisen. So könnten wir auch jenen ermöglichen, auf inhaltlicher Ebene mit Leuten aus dem jeweils anderen Land in Kontakt zu kommen. Aufgrund der ehrenamtlichen Strukturen müssen wir jedoch immer schauen, ob wir alle tollen Ideen auch umsetzen können. Das Pandemie-Thema wird uns vermutlich die nächsten Jahre weiterhin beschäftigen. Nächstes Jahr wird es vor allem auch um das Jubiläum 160 Jahre Deutsch-Japanische Beziehungen gehen. Vor 10 Jahren war die Dreifachkatastrophe, wodurch das 150-jährige Jubiläum etwas überschattet wurde, sodass wir das jetzt nachholen wollen.

Pauline Böhm: Das Online-Programm war letztendlich ein Versuch und nicht das perfekte Format für die Ewigkeit. Es war aber ein wichtiger Schritt, um zu schauen, ob die Leute so etwas überhaupt wollen und ob so etwas ankommt. Ob ein digitales Programm auch so nachhaltige Verbindungen schaffen kann, wie es die zehn Tage-Programme schaffen können und ob die Teilnehmenden von unserem Wochenendaustausch online in zwei Jahren immer noch in Kontakt sind, wird sich zeigen. Die Bewerberzahlen und die Menschen, die teilgenommen haben, haben in jedem Fall gezeigt: Es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen und den Mut zu haben, um sich etwas zu überlegen und etwas Neues auszuprobieren. Ich glaube, dass die Leute jetzt grundsätzlich offener denn je dafür sind, auch so etwas mal online mitzumachen, und von daher würde ich gern alle ermutigen, es auch auszuprobieren.

Mehr Informationen:

DJJG: https://djjg.org
JG-Youth: https://jg-youth.net

Vier junge Frauen schauen in die Kamera.
Über die Zusammenarbeit mit Japan

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Referentin für internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
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Jugend und Medien in Japan
Dokumentation des Deutsch-Japanischen Studienprogramms vom 25. Mai - 08. Juni 2019 in Japan
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