ijab.de: Frau Sedlmayr, der Bayerische Jugendring hat mit Mitteln der Stiftung Jugendaustausch Bayern in den letzten 3 Jahren etwa 100 Austausche gefördert. Zielgruppe waren junge Menschen, die selten an internationalen Projekten teilnehmen. Warum haben Sie das gemacht?
Lea Sedlmayr: Ein wichtiger Auslöser war die Zugangsstudie. Sie warf ein Schlaglicht darauf, wer an internationalen Jugendaustauschen teilnimmt und wer nicht und warum das so ist. In Bayern kennen wir die Situation. Jugendzentren sowie Mittel-, Real- und Förderschulen stellen kaum Anträge. Das wollten wir ändern.
ijab.de: Ist das Programm von der Zielgruppe angenommen worden?
Lea Sedlmayr: Ja, alle Mittel sind verausgabt worden. Aber Geld ist natürlich nicht alles. Wir haben in der Jugendarbeit zwar einige Träger, die im internationalen Austausch sehr aktiv sind, aber in der Fläche fehlt das internationale Element, es gibt keine Tradition dafür. Dabei wissen wir aus den Untersuchungen des RAY-Netzwerkes, dass es gerade die nicht-privilegierten jungen Menschen sind, die in besonderer Weise von internationalen Erfahrungen profitieren.
Information, Ermutigung und praktische Unterstützung sind nötig
ijab.de: Was sind nach Ihrer Erfahrung die Gründe dafür, dass Träger, aber oft auch junge Menschen selbst, internationale Chancen nicht wahrnehmen?
Lea Sedlmayr: Das hat viele Gründe. Es fängt bei den sogenannten Geisterhypothesen an: Austausch sei teuer, es würden gute Fremdsprachenkenntnisse verlangt, überhaupt seien die Programme „nicht für mich gemacht“. Tatsächlich müssen Träger und junge Menschen für den internationalen Austausch aus der Komfortzone rauskommen und Mut für neue Erfahrungen haben. Das ist auch deswegen nicht leicht, weil Internationales nicht Teil der Ausbildung ist.
Manchmal gibt es aber auch sehr trivial klingende Gründe: Wenn auf der Packliste ein Koffer oder feste Schuhe stehen, dann können das Dinge sein, die manche junge Menschen nicht haben. Manchmal sind Angebote auch nicht barrierefrei. Es gibt nicht das eine Angebot, das für alle passt. Das Angebotsdesign muss für die Zielgruppe so angepasst werden, dass sie es sich zutraut.
Dafür ist viel Information, Ermutigung und praktische Unterstützung bei den Fachkräften nötig – inhaltliche Unterstützung, die Suche nach einer geeigneten Unterkunft oder das Zurechtfinden bei den unterschiedlichen Fördermöglichkeiten. Manchmal macht es auch Sinn, mit kleinen Projekten anzufangen, auf denen man aufbauen kann, bis die Internationale Jugendarbeit zu einem festen Bestandteil der eigenen Arbeit geworden ist. Dabei haben sich lokale und regionale Netzwerke aus Jugendarbeit und Schule bewährt.
Die Fördermöglichkeiten müssen sichtbarer werden
ijab.de: Um die ungleiche Nutzung internationaler Angebote und den mit ihnen verbundenen Chancen wissen wir seit Jahren. Ändert sich trotzdem zu wenig?
Lea Sedlmayr: Als sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, kam Corona. Als die Situation sich normalisierte kam aber auch das Ende der Corona-Hilfen. Ein schlechter Zeitpunkt, um etwas zu ändern und neue Projekte anzugehen. Andererseits hat bereits die Langzeitwirkungsstudie von Prof. Thomas seit 2005 vieles von dem herausgearbeitet, was auch die Zugangsstudie beleuchtet hat. Bei den Fördermittelgebern war Erasmus+ JUGEND die erste Institution, die benachteiligte junge Menschen und junge Menschen mit Behinderungen als Zielgruppen ins Auge gefasst hat. Aber sie haben eben auch ein eher kompliziertes Antragsverfahren. Als ich mit meinem Projekt anfing, habe ich mit allen Förderstellen gesprochen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass sie mein Thema auf dem Schirm hatten und es sogar eigene Töpfe dafür gab. Auf den Webseiten war aber kaum etwas dazu zu finden. Ich würde mir wünschen, dass das mehr dargestellt wird, leichter auffindbar ist, dass auch gute Projekte vorgestellt werden und dass das ganze Thema, wie wir benachteiligten jungen Menschen internationale Erfahrungen ermöglichen können, sichtbarer wird.
ijab.de: Wenn das Geld grundsätzlich vorhanden ist, woran mangelt es dann? Am Willen oder eben doch am Geld?
Lea Sedlmayr: Dazu müssten wir mehr forschen, um das beantworten zu können. Aber ein paar Dinge kann ich schon dazu sagen. Wir haben seit Jahrzehnten eine Förderpolitik, die sich an einer privilegierten Zielgruppe ausrichtet. Wenn wir auch andere junge Menschen erreichen wollen, dann müssen wir die Förderrichtlinien anpassen. Wenn ich das sage, ist das manchmal unbequem und manch einer mag sich denken, „ach Lea, jetzt lass uns nicht auch noch über die Jugendzentren nachdenken“. Ja, und manchmal ist es eben auch das Geld. Gastfamilien spielen im Jugendaustausch eine wichtige Rolle. Aber wer vier Kinder zu Hause hat, öffnet seine Wohnung nicht unbedingt auch noch für einen Gast. Da braucht es dann Geld für Drittortbegegnungen. Oder wir haben junge Menschen, die keinen Pass haben. Auch der kostet Geld, das nicht unbedingt vorhanden ist.
Internationaler Austausch gibt Fachkräften viel
ijab.de: Wie ist es um den Willen der Fachkräfte bestellt?
Lea Sedlmayr: Internationaler Austausch verlangt Fachkräften einiges ab, aber er gibt ihnen auch viel. Mir sagte mal ein Kollege: „Wenn ich mit meinen Jugendlichen zwei Wochen im Ausland war, dann ist meine Beziehungsarbeit für den Rest des Jahres geritzt“. Das kann ich mir gut vorstellen. Man erlebt viel miteinander und es bieten sich tausend Anlässe, miteinander zu sprechen. Das erleichtert die Arbeit. Gerade erleben wir, wie neue Anforderungen, an die Jugendarbeit herangetragen werden, sie soll Demokratiebildung leisten. Das tut sie ohnehin die ganze Zeit, Jugendarbeit ist eine Schule der Demokratie. Ein internationaler Blick kann viel dazu beitragen. Und wer möchte, dass junge Menschen nach einer Zeit im Ausland ihre Erfahrungen mit neuem Selbstbewusstsein in unsere Gesellschaft zurücktragen und sich einbringen, der muss dafür auch Geld in die Hand nehmen.
Lea Sedlmayer war bis Ende 2025 beim Bayerischen Jugendring für das Förderprogramm für Schüler:innenaustausch und Jugendaustausch für mobilitätsferne Jugendliche tätig. Das Programm ist zum Jahresende ausgelaufen.
