IJAB: Das Papier verknüpft die Zukunft der Jugendarbeit direkt mit der Zukunft der Demokratie in Europa. Warum sollten Entscheidungsträger*innen Jugendarbeit jetzt mehr denn je ernst nehmen?
Emmanuel Bakowski: Ich finde, sie sollten sie immer ernst nehmen. Im Moment wirkt es allerdings so, als würden wir unseren Fokus von der Sorge um zukünftige Generationen hin zu Krieg und nationalen Interessen verschieben. Natürlich hat militärische Vorbereitung ihre Relevanz, aber sie sollte nicht dazu führen, andere wichtige Bereiche zu vernachlässigen wie Jugendarbeit, die Demokratie stärkt. Für mich beginnt Demokratie damit, einander zu verstehen und bereit zu sein, andere Hintergründe zu tolerieren. Und sie setzt sich fort, indem diese Tradition von Verständnis sowie kulturellem, sozialem und politischem Austausch gepflegt wird. Genau das bietet Jugendarbeit: Sie gibt jungen Menschen eine Plattform, unterschiedliche Kulturen und Hintergründe zu entdecken, Problemlösung durch Zusammenarbeit zu üben und sich füreinander und für andere Länder zu interessieren. Wenn ich Freund*innen überall in Europa habe, dann interessiert mich, was in ihren Ländern passiert, weil es sie direkt betrifft. Jugendarbeit fördert aktives, erfahrungsbasiertes Reflektieren in einer Lebensphase, in der Persönlichkeit, Ziele und weltanschauliche Ausrichtungen noch im Entstehen sind. In Zeiten, in denen einzelne Nationen sich scheinbar stärker abschotten, ist Jugendarbeit ein wichtiger Weg, diese Nationen einzubeziehen - nicht nur jetzt, sondern auch für kommende Generationen. Und davon profitieren nicht nur die einzelnen jungen Menschen, die teilnehmen, sondern Europas Demokratie insgesamt.
Anastasiia Kryvoruchko: Wir leben derzeit in einer sehr instabilen und verletzlichen Welt. Und ich als ukrainische Bürgerin habe das aus erster Hand erlebt so sehr, wie es eben möglich ist. Seit 2022 lebe ich in Deutschland und studiere an der Universität. Umgeben von einer multikulturellen Gesellschaft - sowohl in solchen Projekten als auch an meiner Uni - habe ich verstanden: Wenn man sich mit einer Person aus einer anderen Kultur anfreundet, erweitert man nicht nur den eigenen Horizont, indem man Bräuche oder Werte kennenlernt und vielleicht Stereotype über eine ganze Nation abbaut. Man verbindet sich auch mit dieser Person und ihrer Kultur. Und dadurch wird es viel schwerer, durch mögliche Propaganda irgendeiner Regierung gegen dieses Land manipuliert zu werden oder Hass auf diese Nation zu entwickeln. Wenn immer mehr Menschen die Chance bekommen, sich wirklich mit anderen Ländern zu verbinden, wird es hoffentlich unmöglich, einen Krieg oder irgendeine Form von Aggression zu beginnen, weil die Mehrheit der Bevölkerung keine Aggression gegen das Land einer*s Freund*in unterstützen kann. Ich glaube wirklich, dass das Ausmaß an Hass in der heutigen Welt reduziert werden kann, wenn wir solche sicheren Räume schaffen, in denen sich junge Menschen international verbinden können. Was wir außerdem sehen: Menschen in manchen Ländern schweigen, weil sie nicht glauben, dass sie etwas verändern oder Entscheidungen ihrer Regierung beeinflussen können. Oder weil sie Angst haben, angegriffen zu werden. Das ist das Problem. Genau das sollten wir weltweit verändern.
IJAB: Ihr beschreibt Jugendarbeit als besonders wichtig für junge Menschen, die soziale oder wirtschaftliche Nachteile erleben. Könnt ihr eine konkrete Geschichte aus eurer eigenen Erfahrung teilen, die das verdeutlicht?
Emmanuel Bakowski: Der offensichtliche Vorteil ist: Wir nehmen kostenlos teil, das heißt – unabhängig von der finanziellen Situation, Unterkunft, Verpflegung und Reisekosten sollen übernommen werden. Aber es geht um mehr als das: Einmal habe ich an einem Jugendaustausch teilgenommen, bei dem eine der Organisationen aus Spanien gezielt junge Menschen aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen ermutigt und unterstützt hat. Dazu gehörten zum Beispiel auch Geflüchtete aus anderen Teilen der Welt. Und wie für alle anderen Teilnehmenden hatten auch sie die Möglichkeit, Menschen aus anderen europäischen Ländern kennenzulernen und ein Netzwerk von Freund*innen über den ganzen Kontinent hinweg aufzubauen. Jugendaustausche schaffen einen „safe space“, weil die meisten Teilnehmenden eher neugierig als verurteilend sind. Gerade für diejenigen, die sich vielleicht nicht als Teil einer größeren europäischen Gesellschaft fühlen, kann das ein Gefühl von Zugehörigkeit geben.
Allerdings ist es nicht perfekt. Als ich mit den spanischen Teilnehmenden unterwegs war, konnten einige von ihnen nicht besonders gut Englisch, und damit wurde auch nicht gut umgegangen. Das hat sie auf eine gewisse Weise ausgeschlossen. Oder: Viele NGOs, die mit Erasmus+ verbunden sind, organisieren Projekte eher in größeren Städten als in ländlichen Regionen. Das erschwert wiederum Menschen aus ländlichen Gebieten den Zugang. Damit NGOs tatsächlich in ländlichen Regionen verankert sein können, braucht es die nötigen Rahmenbedingungen für Förderung, Anerkennung und Zugänglichkeit. Und genau deshalb war das auch ein großes Thema in unserem Papier. Weil es hier noch viel zu tun gibt.
Anastasiia Kryvoruchko: Genau das ist das wirklich Beeindruckende an Jugendinitiativen: Sie wirken auf Menschen aus allen Hintergründen, aus allen sozialen und wirtschaftlichen Umfeldern. Sie zeigen, dass es nicht ums Geld geht, sondern um echte Verbindung. Sie reißen Grenzen zwischen Menschen ein. In unserer Gruppe gab es auch ein Mädchen, das nicht besonders gut Englisch sprechen konnte und trotzdem hat sie an unserem internationalen Jugendaustauschprogramm teilgenommen. Das wirkt zunächst unglaublich, aber irgendwie hat sie es geschafft, mit Menschen aus Griechenland und Deutschland in Verbindung zu kommen, sogar ohne in einer gemeinsamen Sprache zu kommunizieren. Irgendwie geht es nicht um die Sprache, es geht um Verbindung. Deshalb sollte es keine Ausnahmen oder Einschränkungen geben nach dem Motto: „Du wirst nur akzeptiert, wenn du eine Reihe von Kriterien erfüllst.“ Es geht nicht um Kriterien. Es geht um Verbindung und Verbindung entsteht, indem du einfach du selbst bist.
IJAB: Euer Papier ist sowohl eine „Erklärung der Besorgnis“ als auch ein Angebot zur Partnerschaft an politische Entscheidungsträger*innen. Beim Runden Tisch habt ihr den teilnehmenden Institutionen die Frage gestellt, wie EU‑Institutionen vom Zuhören zum Teilen von Macht übergehen können. Was würde euch jetzt davon überzeugen, dass diese Partnerschaft wirklich ernst genommen wird?
Emmanuel Bakowski: Für mich wäre das ein Follow‑up. Die Veranstaltung in Brüssel war großartig und basierend auf der Diskussion mit den politischen Entscheidungsträger*innen hatte ich das Gefühl, dass wirklich alle interessiert waren. Aber am Ende war es eben das: eine Diskussion. Wir brauchen mehr Commitment von den Institutionen, weiter gemeinsam mit dem EU‑Sektor zu arbeiten, sei es mit Generation Europe oder einem anderen Netzwerk. Diese Partnerschaft ist so gedacht, dass zum Beispiel Generation Europe und wir als Jugendvertreter*innen unser erfahrungsbasiertes Wissen und unsere Praxis in der Jugendarbeit einbringen und die Institutionen ihre Kontakte, ihren politischen Einfluss und ihre Expertise aus dem jeweiligen Feld. Ich muss also sehen, dass sie uns konkrete, greifbare Unterstützung anbieten können, damit wir die richtigen Menschen an den richtigen Orten, zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise erreichen und so die bestmögliche Wirkung erzielen. Und ich möchte mehr Formate sehen wie dieses, in denen Erfahrungen von jungen Menschen und von Personen aus der Jugendarbeit, Jugendorganisationen und Jugendleiter*innen nicht nur gehört, sondern tatsächlich in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
Anastasiia Kryvoruchko: Ich habe die Atmosphäre beim Runden Tisch wirklich sehr geliebt und all die kleinen Details, wie ein gemeinsames Mittagessen mit Smalltalk fast ohne Formalitäten. Oder dass wir direkt nebeneinander saßen, nicht als zwei gegenüberstehende Gruppen. Das alles hat zu einer gemütlichen Atmosphäre beigetragen, in der wir über unser gemeinsames zukünftiges Wohlergehen gesprochen haben. Ich habe es sehr geschätzt, wie uns zugehört wurde, und das Engagement im Raum war echt und spürbar. Ich freue mich über solche Formate und ich denke, das ist ein sehr schöner Anfang.
IJAB: Was sind eure persönlichen nächsten Schritte, um dieses Papier lebendig zu halten?
Emmanuel Bakowski: Während des Round Tables haben wir darüber gesprochen, wie wichtig es ist, nationale Regierungen und Verwaltungen stärker zu ermutigen, sich auf Jugendarbeit zu konzentrieren. Ich habe mich mit Leuten von IBB und von der Nationalen Agentur in Deutschland vernetzt, um mit ihnen zu besprechen, wie ich als Vertreter von Generation Europe und dieses Papiers etwas tun kann, um es stärker auf die lokale Ebene zu bringen, also auch zur Bundesregierung. Es wurde mir empfohlen, Kontakt mit dem Deutschen Bundesjugendring aufzunehmen, um zu besprechen, wie wir das Papier in die deutsche Politik einbringen können. Außerdem ist meine Universität Leuphana in Lüneburg immer sehr daran interessiert, Studierende zu Eigeninitiative zu ermutigen. Sie haben bereits mit der Nationalen Agentur in Deutschland zusammengearbeitet, und sobald das Papier veröffentlicht ist, möchte ich es auch an meine Universität bringen und schauen, ob wir es Studierenden meiner Universität zugänglicher machen können.
Anastasiia Kryvoruchko: Unsere Arbeit an diesem Papier geht weiter: Wir werden es finalisieren, natürlich veröffentlichen und dann so weit verbreiten, wie wir können. Abgesehen vom Runden Tisch arbeite ich auch in meiner lokalen Gruppe und mit meinen Jugendleiter*innen bei Generation Europe zusammen und wir haben darüber geredet, wir man diese Ideen auch auf lokaler Ebene verbreiten kann. Wann immer wir die Möglichkeit haben, mit Entscheidungsträger*innen, Politiker*innen oder Initiativen zu sprechen, erwähnen wir, dass es diesen Vorschlag gibt. Ich denke: einfach weiter versuchen und vielleicht stößt es eines Tages auf positive Resonanz und wir bewirken eine Veränderung.
IJAB: Vielen Dank!
Das Policy Paper “Young Voices for Youth Work. A Youth Vision for a Sustainable, Well-Funded and Inclusive Ecosystem of Empowerment on Local and European Level” mit 28 Empfehlungen für eine resiliente Jugendarbeit in Europa wurde am 21. Januar 2026 veröffentlicht und ist über folgenden Link verfügbar: Youth Voices of Youth Work.