Am 23. Februar haben sich um 8 Uhr morgens lange Warteschlangen vor den Sicherheitsschleusen an den Eingängen des Colosseums in Berlin gebildet. Der ehemalige Kinokomplex mit seinen 10 Vorführräumen und großzügigen Ausstellungsflächen ist ideal für große Konferenzen, aber dieser Andrang von Besucher*innen, Partnerorganisationen und Redner*innen ist überfordernd. 4.000 Teilnehmer*innen wurden im vergangenen Jahr gezählt. Bis zu zwei Stunden dauert es, bis man endlich drinnen ist. Die Stände im Erd- und Obergeschoss geben einen Vorgeschmack auf das, was zu erwarten ist. Viel Kultur ist vertreten: Literatur, Kino, Musik, Kunsthandwerk und Theater. Daneben stehen Stände von Drohnenherstellern und eine breite Palette von zivilgesellschaftlichen Organisationen aller Art. Ein Verein von Krim-Tataren hat einen Stand mit Kaffee und Gebäck aufgebaut, die jungen Frauen und Männer können sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat alles in die Waagschale geworfen, was sie hat. Bundesaußenminister Wadephul nimmt an einer der Sessions teil, der Kanzler eröffnet die Veranstaltung um 10 Uhr. Da haben die Sessions längst begonnen und die letzten Besucher*innen warten noch immer vor den Türen. Städtepartnerschaften präsentieren ihre Arbeit, die THW-Jugend stellt ihre deutsch-ukrainische Kooperation im Bereich des Katastrophenschutzes vor, ein Dokumentarfilm zeigt die Schwierigkeiten der Bauern, in frontnahen Gebieten die Ernte einzubringen, eine andere Session beschäftigt sich mit dem Holocaust und seiner Erforschung. Friedrich Merz hält eine empathische Eröffnungsrede, in der er an die zahllosen Opfer der russischen Aggression erinnert, die Getöteten, die Verwundeten und die Traumatisierten. Er erinnert an die bombardierten Wohnviertel, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten und er versichert den anwesenden Ukrainer*innen: „Wir stehen an Ihrer Seite“. Der ukrainische Botschafter, Oleksii Makeiev, sagt etwas, das den Geist der gesamten Veranstaltung gut zusammenfasst: „Die Ukraine ist kein Verhandlungsgegenstand, sie ist Akteur“.
Zwischen Kriegsfolgen und Wiederaufbau
Das Cafe Kyiv ist eine Veranstaltung von großer Vielfalt, in der auch das Thema Jugend seinen Platz hat. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn bei vielen Konferenzen – zum Beispiel den Konferenzen zum Wiederaufbau – wurde das Thema vernachlässigt. Das muss verwundern, denn junge Menschen tragen einen großen Teil der Last des Krieges – an der Front, als Geflüchtete und Vertriebene, als Menschen, deren Schulen, Jugendzentren und Wohnhäuser bombardiert werden, als Menschen, die um ihre Kindheit und Jugend gebracht werden. Gerade sie aber werden es sein, die das Land wiederaufbauen müssen und es nach ihren Vorstellungen formen werden. Dafür gibt es bereits Pläne. Das „Rebuild Ukraine Ambassadors Programme“ des Europäischen Jugendparlaments präsentiert Rebuilding Ukraine – A Youth Policy Agenda for Recovery and EU Accession, ein detailliertes Papier für viele Politikfelder mit genauen Benchmarks für das Erreichen gesellschaftlicher Ziele.
IJAB und seine Partnerorganisationen – das Deutsch-Polnische Jugendwerk, der German Marshall Fund of the United States und die International Renaissance Foundation – setzen in einer Diskussionsveranstaltung den Fokus auf die ukrainische Jugend. „Wie geht es jungen Menschen in der Ukraine?“, möchte Moderatorin Elisabeth Ritter von den Panelteilnehmerinnen wissen. Olena Podobied-Frankivska vom Dachverband NUMO – National Ukrainian Youth Association – hat dazu Zahlen. Ein Indikator für das Befinden kann das Freizeitverhalten sein. Die häufigste Antwort auf die Frage nach Freizeitwünschen ist: Junge Menschen möchten in Ruhe gelassen werden. Soziale Bindungen zu Freunden und Familie erodieren unter der Last des Krieges. Und es gibt viel zu wenig Orte, um diese Einkapselung aufzufangen. Nur 7% der Befragten haben Zugang zu einem Jugendzentrum – es gibt zu wenige davon. Die Bereitschaft sich einer Jugend-NGO anzuschließen ist groß, aber nur wenige wissen, wie und wo sie das tun können. Podobied-Frankivska sieht die Jugendpolitik gefordert und wünscht sich den nachhaltigen Aufbau von Jugendstrukturen auf allen Ebenen, von der lokalen bis zur nationalen Ebene. Sie sagt aber auch: „Jugendarbeit gibt es in der Ukraine erst seit der Unabhängigkeit 1991 und Jugendpolitik als ernstzunehmendes Politikfeld erst seit der Revolution der Würde 2014. Zugleich sind wir seit 2014 im Krieg. Das lässt sich nicht mit Deutschland vergleichen und bleibt daher zwangsläufig hinter den objektiven Anforderungen zurück.“
Jugendarbeit beginnt vor Ort
Die lokale Ebene ist auf dem Podium gut vertreten. BUR – Building Ukraine Together beschäftigt sich bereits seit Beginn des Krieges im Donbas mit praktischem Wiederaufbau. Kriegszerstörte Häuser werden von Freiwilligen der Jugend-NGO wiederhergestellt, aber auch Jugendzentren weit jenseits der Front renoviert. Marta Benyshyn beschreibt, welche Auswirkungen das auf Freiwillige hat, wie sie spüren, dass sie etwas nach ihren Vorstellungen verändern können und Gemeinschaft schaffen. Dass weiterhin internationale Freiwillige kommen, ist ihr wichtig. Nach dem Wegfall von USAid nutzt BUR nun verstärkt die Möglichkeiten von Erasmus+ JUGEND und eröffnet damit auch Chancen für mehr internationale Kooperationen. Oleksandra Vlasiuk vertritt die NGO Potribni Tut, die vor allem im Süden und Osten der Ukraine präsent ist – in Odesa, Mykolajiw und Charkiw beispielsweise. Die Organisation unterstützt die Bildung von lokalen Jugendräten, vernetzt Jugendstrukturen und macht Bildungsangebote aller Art. „Wir machen die Möglichkeiten sichtbar, die junge Menschen haben, sich einzubringen und ihre Community nach ihren Vorstellungen zu verändern. Wir sehen uns vor allem als Ermöglicher“, sagt Oleksandra Vlasiuk.
Internationale Kontakte und Kooperationen sind allen drei Organisationen wichtig. „Junge Menschen sollen ins Ausland gehen, mit dem, was sie gelernt haben, in die Ukraine zurückkommen und sich bei uns einbringen“, sagt Olena Podobied-Frankivska. Die Rückkehr erwähnt sie nicht zufällig. Ihren Angaben zufolge ist die Anzahl junger Menschen seit der Staatsgründung von 11 Millionen auf 3,5 Millionen zurückgegangen. Die Ursache dafür ist nicht nur der Krieg, sondern auch der kontinuierliche Brain-Drain. Die Ukraine und ihre internationalen Partner werden in die Perspektiven junger Menschen investieren müssen, um das zu ändern.
