Politisierung durch Biografie
IJAB: Ihr kommt beide aus sehr unterschiedlichen Kontexten. Was hat euch persönlich motiviert, euch als Jugenddelegierte zur Frauenrechtskommission zu bewerben?
Samet Beşyaprak: Ich arbeite seit einigen Jahren zu Antidiskriminierung, mit Fokus auf Rassismus und Gendergerechtigkeit, sowie zu globaler Bildungsungerechtigkeit. Dabei spielt mein biografischer Hintergrund eine große Rolle: Ich komme aus Gelsenkirchen, einer Stadt, die stark von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen ist. Das Aufwachsen in diesen gesellschaftlichen Bedingungen und das Gefühl, politisch nicht teilhaben zu können, waren für mich ein Auslöser für Politisierung. Menschen mit einer biografischen Geschichte wie meiner besetzen solche Positionen noch immer zu selten.
Gleichzeitig habe ich früh erlebt, wie unfair Care-Arbeit in meiner Familie und meinem Umfeld verteilt ist, und durch Freundinnen mitbekommen, wie sie von Sexismus betroffen waren. Auch ich selbst bin mehrfach von Diskriminierung betroffen. Es wäre aber gelogen zu sagen, feministische Arbeit sei mir in die Wiege gelegt worden: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie mit starken patriarchalen Strukturen, die ich erst verlernen musste. Es waren oft Frauen in meinem Leben, die mir gezeigt haben, wie es anders geht – wie Frauen und Mädchen benachteiligt werden und welche Strukturen dahinterstehen. Irgendwann habe ich angefangen, mit Freund*innen selbstorganisiert zu Feminismus zu arbeiten. Mein Interesse, mich als Jugenddelegierter zu bewerben, kam nicht nur daher, dass ich ein junger Mensch bin, sondern dass ich ein junger Mann bin. Ein Ziel war es, als „Ally“ (Verbündeter; hier: männliche Person, die sich aktiv für Frauenrechte einsetzt) andere junge Männer mitzuziehen. Gleichzeitig reflektiere ich selbstkritisch, dass ich als Mann diese Position überhaupt einnehme.
Ezgi Gülistan Gül: Ich komme ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie mit einer kurdischen Migrationsbiografie. Dadurch war ich schon von Kindesbeinen an für Themen wie Ungleichheit, Menschenrechte und gesellschaftliche Teilhabe politisiert. Geschlechtergerechtigkeit habe ich nie als Nischenthema gesehen, sondern als ein Thema, das unmittelbar mit Menschenrechten verknüpft ist. Durch meine biografischen Bezüge zur kurdischen Community habe ich erlebt, wie stark Frauen gesellschaftliche Veränderungsprozesse tragen können. Die kurdische Frauenbewegung ist eine Grassroots-Bewegung, durch die ich an das Thema herangeführt wurde. Gleichzeitig hatte ich immer das Interesse, auch die institutionelle Ebene kennenzulernen, was mich zu Praktika im Bundestag und bei NGOs geführt hat.
Letztlich habe ich mich für das Jugenddelegiertenamt beworben, weil ich überzeugt bin, dass internationale Politik sehr konkrete Auswirkungen auf die Menschen hat, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Ich wollte diese Anliegen in die Prozesse einbringen und erleben, wie viel junge Menschen in einem Feld bewegen können, das von älteren Generationen dominiert wird – und selten von Menschen mit Migrationsbiografie.
Acht Millionen junge Menschen – aber wie vertreten?
IJAB: Was bedeutet es für euch als deutsche Jungenddelegierte zur UN-Frauenrechtskommission, junge Menschen aus Deutschland zu repräsentieren?
Samet Beşyaprak: Das ist erst einmal eine Mammutaufgabe: Wir sind nur zwei Personen, während gleichzeitig 8,3 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren in Deutschland leben – eine sehr heterogene Gruppe. Deshalb war es uns von Anfang an wichtig, dem Amt eine gewisse Legitimation zu geben, indem wir mit möglichst vielen anderen jungen Menschen sprechen. Ezgi und ich sind selbst akademisch sozialisiert und kommen aus Kontexten, die uns dieses Mandat überhaupt erst ermöglicht haben. Das hat auch viel mit der finanziellen Situation zu tun: Ehrenamt ist in Deutschland immer noch ein großes Privileg. Wir bekommen kein Geld für unser Mandat, und politisches Engagement folgt oft einem Ausschlussprinzip: Manche Menschen können ein solches Mandat aufgrund von vielen Barrieren schlicht nicht übernehmen.
Uns war zugleich bewusst, dass mit dem Amt eine große Verantwortung einhergeht. Deshalb war es uns wichtig, kontinuierlich mit jungen Menschen im Austausch zu sein: Wir haben verschiedene Formate organisiert, um vor allem über das Schwerpunktthema – den Zugang von Frauen und Mädchen zum Recht – und über die Frage zu sprechen, wie strukturelle Barrieren abgebaut werden können. Innerhalb dieser thematischen Eingrenzung konnten wir eigene Schwerpunkte setzen.
Call for Perspectives: Was junge Menschen einbringen konnten
IJAB: Ihr habt im Vorfeld mit einem von euch organisierten Jugenddialogforum die Stimmen junger Menschen eingesammelt. Was kam dabei heraus und was davon konntet ihr auf UN-Ebene tragen?
Ezgi Gülistan Gül: Die Veranstaltung zum Call for Perspectives wurde sehr gut besucht - von jungen Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Das hat uns gefreut, denn gerade das ist entscheidend, wenn wir über Repräsentanz sprechen. Es kamen viele wiederkehrende Themen zur Sprache, mit denen wir uns bereits beschäftigt hatten: digitale Gewalt, Sicherheit im öffentlichen und digitalen Raum, Jugendbeteiligung und Geschlechterstereotype. Der Call hat unsere Prioritäten also nicht ersetzt, sondern eher geschärft und erweitert. Digitale Gewalt war für uns bereits ein großes Thema, und der Dialog hat gezeigt, wie präsent sie tatsächlich im Alltag junger Menschen ist – schließlich ist der digitale Raum für uns junge Menschen ein zentraler Lebensraum.
Wir haben auch viel darüber gesprochen, wie institutionelle Hürden abgebaut und Unterstützungsangebote bekannter gemacht werden können. Diese wiederkehrenden Themen haben wir in unseren UN-Reden und in den verschiedenen Formaten in New York immer wieder aufgegriffen und sichtbar gemacht – ebenso im Gespräch mit Bundesjugendministerin Frau Karin Prien. Wichtig ist uns dabei auch die Nachbereitung über die CSW hinaus, damit diese Themen dauerhaft sichtbar in der Politik bleiben.
Samet Beşyaprak: Mit unseren unterschiedlichen Formaten haben wir auch unterschiedliche Zielgruppen erreicht. Beim Jugenddialogforum etwa waren es Personen, die politische Themen bereits sehr gut selbst einordnen können. Genauso wichtig war es uns aber, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, die diese Vorkenntnisse nicht mitbringen. Ich habe zum Beispiel einen Workshop in Gelsenkirchen gegeben, in einer 12. Klasse im Pädagogikunterricht, bei dem es allgemeiner um Mädchen- und Frauenrechte ging. Das war sinnvoll, weil sich da ganz andere Lebensrealitäten gezeigt haben und: Junge Menschen sind Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt.
Natürlich sind in Deutschland andere Perspektiven wichtig: Das Thema Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten kam bei uns seltener vor, weil das Bedrohungsszenario hier ein anderes ist, dennoch war es uns ein Anliegen, auch darüber zu sprechen. Vor Ort haben wir gemerkt: Für europäische Staaten war zum Beispiel der Zugang zu reproduktiven und sexuellen Rechten, etwa zu sicheren Abtreibungen, ein großer Punkt. Für andere Staaten war das kein großes Thema oder wurde sogar angegriffen.
Kernbotschaft beim Interactive Youth Dialogue
IJAB: Beim Interactive Youth Dialogue habt ihr eine Rede gehalten und seid mit anderen Mitgliedstaaten in den Austausch gekommen. Welche Kernbotschaft habt ihr in eurer Rede vermittelt?
Ezgi Gülistan Gül: Unsere Rede bei der UN in New York war auf das diesjährige Thema zugeschnitten. Unsere Kernbotschaft war – wie die vieler anderer –, dass Rechte auf dem Papier allein nicht ausreichen und Zugang zum Recht bedeutet, dass Schutz tatsächlich erreichbar sein muss. Wir haben versucht, das anhand realer Geschichten sichtbar zu machen, etwa aus Afghanistan oder zu jesidischen Frauen und Mädchen, die von digitaler Gewalt betroffen sind und für die es keine rechtliche Regulierung gibt. Besonders stark betroffen sind dabei junge Frauen. Nicht zuletzt war unsere Botschaft: Jugendbeteiligung darf nicht symbolisch bleiben.
Samet Beşyaprak: Zum anderen war unsere Rede ein Appell an die Männer im Raum und darüber hinaus: Wo sind sie, wenn Frauen- und Mädchenrechte angegriffen werden?Als „Agents of Change“ (dt. Akteur*innen des Wandels) müssen sie Fortschritt mit vorantreiben, gerade in den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie Führungspositionen innehaben. In genau dieser Sitzung kam es – ich würde sagen – zu einem historischen Eklat.
