An wissenschaftlichen Impulsen und eindrucksvollen Erfahrungsberichten mangelt es nicht am Fachtag „Jugendarmut“ in Bonn. Dr. Irina Volf, Direktorin des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. in Frankfurt am Main findet gleich zu Beginn in ihrem einführenden Vortrag klare Worte für die Situation junger Menschen, die unter erschwerten Bedingungen aufwachsen: „Armut – auf gesamtgesellschaftlicher Ebene – ist ein komplexes strukturelles Problem. Und es bedeutet für die Betroffenen das Leben in einer Dauerkrise.“
Armut zieht in erster Linie einen Mangel an Ressourcen nach sich – finanziellen, aber auch gesundheitlichen, kulturellen und sozialen. Ob ein Kind in Armut aufwächst oder nicht, prägt dessen weitere Lebensbedingungen und -Chancen maßgeblich. Wissenschaftliche Studien gibt es dafür zu Genüge[1]. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – auch an internationalen Austauschprogrammen – ist für die meisten Armutsbetroffenen fast unmöglich. „Aber“, wie Dr. Volf betont, „Kindheit wartet nicht. Kindheit passiert jetzt. Und für von Armut betroffene junge Menschen können internationale Erfahrungen lebensverändernd sein.“
Belegen kann sie dies nicht nur anhand ihrer weitreichenden Forschungsexpertise zum Thema Kinder- und Jugendarmut in Deutschland, sondern auch aus der eigenen Lebensgeschichte. In „bitterer Armut“ in Kirgisistan aufgewachsen, gewann sie bei einem Wettbewerb mit 17 Jahren die Teilnahme an einem Auslandsjahr in den USA. Eine Erfahrung, die ihr Leben nachhaltig veränderte. Es folgten ein Stipendium für ein Studium in Deutschland, danach die Promotion. „Ohne diese internationalen Erfahrungen“, soDr. Volf, „wäre ich nicht da, wo ich heute bin“. Das Auslandsjahr in den USA war sozusagen der erste Schritt auf dem Weg aus der „Dauerkrise“.
Internationale Erfahrungen haben lebensveränderndes Potenzial
Auch für die drei Panelisti*innen aus Portugal, Deutschland und der Slowakei steht fest: internationale Jugendbegegnungen können das Leben armutsbetroffener Kinder und Jugendlicher nachhaltig verändern. – Denn besonders für diese jungen Menschen schaffen sie Räume, in denen die Jugendliche Zugehörigkeit erfahren, Selbstvertrauen aufbauen und ihre persönlichen Stärken entfalten können.
Wie Bruno Batista von Eco-Estilistas in Lissabon berichtete: „Für viele Jugendliche ist der Austausch die einzige Zeit im Jahr, in der sie sich sicher fühlen, ihr eigenes Bett haben und zwei Mahlzeiten am Tag bekommen.“
Manuela Demel vom Jugendhilfeträger pewobe gGmbH in Frankfurt an der Oder sieht die positiven Veränderungen in den jungen Menschen direkt: „Während des Austauschs machen die Kinder zum ersten Mal die Erfahrung, dass es egal ist, woher sie kommen oder wie viel Geld sie haben. Sie werden so angenommen, wie sie sind“. Die Konsequenz: Die Jugendlichen öffnen sich, sind weltoffener und toleranter, haben mehr Selbstbewusstsein.
Ein Safe Space für mehr Selbstbewusstsein
Die Zeit im Jugendaustausch ist damit ein wichtiger „Safe Space“ für armutsbetroffene Jugendliche. Das bestätigt auch Dominika Göghová vom Jugendzentrum Ulita in Bratislava. Während der „Auszeit“ sei es für Fachkräfte leichter, eine gefestigte Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen. Ein ruhiger Ort, an dem die jungen Menschen ihre Probleme und Sorgen mit den Betreuer*innen teilen. Auch für die Fachkräfte selbst sei es eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen und neue Ideen für Projekte mit den internationalen Kolleg*innen zu sammeln.
„Die Jugendlichen verbessern während der Jugendbegegnung nicht nur ihre Sprachkenntnisse, sie kommen gestärkt und motiviert zurück, sich weiter für ihre Community zu engagieren – und sich von Problemen fernzuhalten, damit sie wieder teilnehmen dürfen.“, erzählt Dominika weiter. Zwei ihrer Teilnehmer*innen habe die Erfahrung während des internationalen Austauschs dazu inspiriert, nun selbst Soziale Arbeit zu studieren. In einem Umfeld, in dem die wenigsten überhaupt ihren Schulabschluss machen.
Internationale Jugendarbeit schwächt Folgen von Armut ab
Während die Ursachen von Armut – fehlende Auffangnetze, finanzielle Unterstützung oder Beratungsstellen nach persönlichen Schicksalsschlägen – strukturell bedingt sind, prägen sich die Folgen von Armut für jede Person anders aus. Für Dr. Irina Volf liegt genau an diesem Punkt das Potenzial Internationaler Jugendarbeit. Sie kann die Folgen von Armut auf individueller Ebene gezielt aufgreifen und bearbeiten.
„Folgen von Armut sind sehr individuell. Sie können am effektivsten dort vorgebeugt werden, wo direkt mit armutsbetroffenen Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird.“, betont Dr. Volf.
Dies geschieht nicht zuletzt durch die positiven Erfahrungen, die Jugendliche während des Austauschs machen. Während internationaler Jugendbegegnungen bekommen junge Menschen wichtige Soft Skills vermittelt und können neue Kompetenzen, beispielsweise im Umgang mit Fremdsprachen, sowie ihre Persönlichkeit weiterentwickeln. Gerade deshalb muss der Zugang zu internationalen Erfahrungen für junge Menschen, die in Armut aufwachsen, gesichert werden.
Armutssensibilität als Schlüsselkompetenz für Fachkräfte
Armutssensibilität ist damit ebenso eine Grundvoraussetzung, um Kinder- und Jugendarmut zu bekämpfen, als auch eine Schlüsselkompetenz für pädagogische Fachkräfte, um mit betroffenen Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.
Im Rahmen des Fachtags wurde zugleich deutlich, dass Fachkräfte für den armutssensiblen Umgang mit jungen Menschen in der Internationalen Jugendarbeit mehr Orientierung und Unterstützung benötigen. Aus den Beiträgen lassen sich einige Punkte zusammenfassen, die dabei wichtig sind:
- Fachkräfte müssen strukturelle Hürden für armutsbetroffene Jugendliche im eigenen Arbeitsfeld erkennen, hinterfragen und abbauen.
- Fachkräfte dürfen Armutsursachen nicht individualisieren und müssen die Komplexität und Vielschichtigkeit von Jugendarmut verstehen lernen.
- Fachkräfte müssen im armutssensiblen Umgang mit jungen Menschen geschult werden.
Wie es ein Teilnehmender treffend am Ende des Tages zusammenfasst: „Wir dürfen die Jugendlichen nicht als Problem sehen, sondern von deren Potenzial ausgehen. Das heißt auch, die Herausforderung zu akzeptieren, mit armutsbetroffenen jungen Menschen zu arbeiten.“
Herausforderungen für die Internationale Jugendarbeit
Herausforderungen in der inklusiveren Gestaltung Internationaler Jugendarbeit gibt es genug. Sowohl die Panelist*innen als auch die Teilnehmenden am Fachtag berichten von erschwerten Rahmenbedingungen, fehlender finanzieller Unterstützung und dem Wunsch nach mehr Argumentationsgrundlage, um die Teilnahme an internationalen Programmen für Jugendlichen zum Beispiel gegenüber Jobcentern begründen zu können. Auch wird für mehr Lobbyismus und Advocacy auf politischer Ebene plädiert.
„Gerade im aktuellen politischen Klima sollten wir aktiv werden und aufstehen für junge Menschen, die in Armut aufwachsen.“, appelliert eine Teilnehmerin.
Der Fachtag endet so mit vielen neuen Impulsen und Erfolgsgeschichten wie die Internationale Jugendarbeit für junge Menschen ein wichtiger Schritt auf dem Weg aus der „Dauerkrise“ – dem Aufwachsen in Armut – sein kann.
Die Überlegungen zum Thema Jugendarmut sind damit lange nicht zu Ende. Wie Mareike Ketelaar, Leiterin des Geschäftsbereichs Qualifizierung und Weiterentwicklung bei IJAB, zusammenfasst: „Der Fachtag ist ein guter Anfang, um gemeinsam daran zu arbeiten, die Teilhabe armutsbetroffener junger Menschen zu erhöhen. Wir werden uns bei IJAB und JUGEND für Europa weiter dafür einsetzen, das Potenzial Internationaler Jugendarbeit sichtbar zu machen und betroffene Jugendliche zu stärken.“
Weitere Materialien
- Weiterführende Fakten, Publikationen und Veranstaltungshinweise zum Thema Jugendarmut und Internationale Jugendarbeit finden sich im Ressourcen-Padlet des Fachtags.
- Das neuste beyond-Heft „Armut erkennen, Chancen nutzen“ setzt den Fokus auf inspirierende Beiträge über das Potenzial Internationaler Jugendarbeit für armutsbetroffene Kinder und Jugendliche.
[1] zum Beispiel: Heinrich, Lea/Volf, Irina: (Über-)Leben mit 28… AWO-ISS-Langzeitstudie zur Kinderarmut: Übergang ins junge Erwachsenenalter und Bewältigung der Corona-Krise. Endbericht der 6. AWO-ISS-Studie im Auftrag der Kurt und Maria Dohle Stiftung. Frankfurt a. M. 2022. Verfügbar unter: Langzeitstudie zur Lebenssituation und Lebenslage (armer) Kinder: Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.







































