IJAB: Welche Kompetenzen benötigen Fachkräfte, um mit jungen Menschen das Thema „Zukunftsdenken“ anzugehen?
Antti Rantaniva: Die Zukunft betrifft alle – aus diesem Grund kann jede*r das Thema angehen. Die Kompetenzen, die man bereits besitzt, sind also schon ausreichend. Dennoch bietet unser Handbuch Hintergrundwissen zur Zukunftsforschung, quasi die Grundlagen zu dem, worüber wir gerade sprechen. Es hilft Fachkräften das Konzept zu verstehen, wie man verschiedene Zukünfte visualisiert und wie man identifiziert, welche großen Phänomene die Zukunft beeinflussen werden. Es ist hilfreich, sich mit den Konzepten von „Zukunftsdenken“ vertraut zu machen und sich Methoden für die Vorstellung unterschiedlicher Zukunftsszenarien anzueignen. Denn unser Gehirn braucht ein kleines Warm-Up, um nicht von dem auszugehen, was wir bereits wissen.
Dieser Aspekt ist interessant, denn es fällt jungen Menschen leichter als Fachkräften, die Überzeugung loszulassen, dass das, was jetzt gerade ist und was ich darüber weiß, definiert, was in der Zukunft sein wird. Denn das ist natürlich überhaupt nicht wahr. Beispiel: Wir wissen, was unser Budget für die nächsten vier Jahre sein wird und wir haben bereits Antworten darauf, wie wir dieses Budget nutzen werden. Als Organisationen werden wir – auf Basis dieses Budgets – wahrscheinlich die Dinge weiter so machen wie bisher. Und sowas hält uns davon ab, uns für verschiedene Welten zu öffnen.
Mit dem Futures Coaches Handbuch stellen wir viele Übungen zur Verfügung – sowohl für Jugendarbeiter*innen als auch für junge Menschen – die die Vorstellungskraft für diverse Szenarien anregen, sogar wilde Szenarien, wie z. B.: „Wäre es für dich eine gute Zukunft, wenn die meisten Menschen in Partnerschaften mit Robotern oder KI anstelle von Menschen lebten?“. Solche Gedankenexperimente lassen die Vorstellungskraft anspringen und helfen Menschen festzustellen, dass die Dinge eigentlich ganz anders gestaltet werden können und dass es vielleicht nicht der jährliche Haushalt ist, der die Zukunft bestimmt.
IJAB: Ihr habt die Methodik des Zukunftsdenkens mit jungen Menschen auf lokaler Ebene erprobt. Was kam dabei heraus?
Antti Rantaniva: Die Entwicklung fand im Rahmen eines regionalen Projekts statt, das vom Europäischen Sozialfonds finanziert war. Zielgruppe des Projekts waren NEETs, d.h. junge Menschen, die weder in Ausbildung noch in Anstellung sind. Normalerweise spricht man mit dieser Zielgruppe über ihre persönliche Lebenssituation und ihre Erwartungen in Bezug auf ihre persönliche Zukunft. Wir setzten aber anders an: Wir fragten nach ihrer Vision von einer guten Zukunft im Allgemeinen. Meine Erkenntnis daraus war, dass dieser Ansatz die Diskussion auf Augenhöhe bringt, weil es keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Der Kern unseres Coaching-Programms liegt darin, den Glauben an die Zukunft zu finden, einen Sinn zu finden. Es geht darum, etwas zu finden, das erreichbar erscheint und etwas repräsentiert, das auf unseren Grundwerten basiert. Das hilft gegen das Gefühl überfordert, verloren und hoffnungslos zu sein.
IJAB: Lass uns einen Schritt weitergehen: Welchen Beitrag könnte die Internationale Jugendarbeit zum Zukunftsdenken leisten und andersherum?
Antti Rantaniva: Ich betrachte den internationalen Aspekt als den nächsten Schritt, den wir gehen müssen. Denn diese Probleme existieren nicht nur in Finnland, sondern mehr oder weniger in allen Ländern. Und obwohl Jugendarbeit in Europa von Land zu Land unterschiedlich ist, gibt es gemeinsame Elemente. Deshalb sollte diese Arbeit insgesamt international gemeinschaftlich geleistet werden. Es wäre sinnvoll, junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen, damit sie über Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch kommen, um Themen wie z. B. die Sicherheit in Europa anzugehen.
Der Workshop zu „Futures of Youth Work“ der European Youth Work Academy in Kranjska Gora hat gezeigt, wie viele unterschiedliche Perspektiven es zu diesem Thema gibt und wie fruchtbar es sein kann, wenn wir die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenführen. Wir haben das Futures Coaches Handbuch ins Englische übersetzt. Der Hauptgrund dafür ist, dass wir es zu einem internationalen Werkzeug entwickeln wollen. Außerdem überlegen wir, ein internationales Training zu konzipieren und einige Schulungen für Futures-Coaches in der Jugendarbeit umzusetzen.
IJAB: Du hast die European Academy on Youth Work in Slowenien erwähnt. Was hast du aus dem Workshop mitgenommen?
Antti Rantaniva: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass das Bewusstsein definitiv wächst: Futures Thinking ist nicht nur in Finnland ein großes Thema. Es ist ein großes Thema. Punkt. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir in der Diskussion nicht so weit sind, wie wir es sein sollten. Das ist natürlich – und das betrifft nicht nur die Jugendarbeit. Ich glaube, wir reagieren ein bisschen langsam auf die Tatsache, dass die Zukunft drängt und dass wir als Gesellschaft, als Europa große Veränderungen anstoßen sollten. Aber, wie man bereits weiß, verändern sich Menschen eher langsam und erst dann, wenn sie es müssen.
Leider habe ich keine fertigen Antworten darauf, wie dieser Wandel aussehen sollte. Aber ich erkenne, dass es in der Jugendarbeit einen starken Bedarf an strukturellem Wandel und einer Weiterentwicklung unserer Kompetenzen gibt, sodass wir auf bestimmte Themen reagieren können, die junge Menschen heute beschäftigen und die Gesellschaften, in denen sie leben, prägen. Vielleicht ist das Wertvolle und Wichtige am Ende doch, dass wir über Veränderung sprechen und anerkennen, dass Veränderung stattfindet – auch wenn vielleicht noch nicht klar ist, wie wir darauf reagieren sollten.
IJAB: Welche Auswirkung könnte die Erklärung zu zukünftigen Generationen, die mit dem UN-Zukunftspakt verabschiedet wurde, auf dieses Thema haben?
Antti Rantaniva: Es ist ein historisches Zeichen, dass zukünftige Generationen in dieser Weise von praktisch allen Nationen angesprochen werden. Eine Sache, die man kritisch sehen kann, ist jedoch, dass diese Erklärung niemanden zu etwas verpflichtet. Dennoch ist es in erster Linie bedeutsam, dass diese Diskussionen überhaupt geführt werden und von allen Staaten als etwas anerkannt werden, über das gesprochen werden sollte.
Es gibt viele Initiativen von jungen Menschen, viel Jugend-Aktivismus, der versucht, etwas zu bewirken. Die jüngeren Generationen, die den Wandel repräsentieren, suchen nach Plattformen, um ihre Stimmen hörbar zu machen. Sie suchen nach Beteiligungsmöglichkeiten, um Veränderung zu bewirken. Hier sollte die Jugendarbeit ins Spiel kommen – hier könnten wir ambitionierter sein, in der Art und Weise, wie wir jungen Menschen helfen, die Welt zu verändern und ihre Argumente zu vertreten. Die Europäische Union bietet Plattformen und Partizipationsmöglichkeiten, um junge europäische Bürger*innen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Und es bleibt nicht nur bei Worten; es werden Maßnahmen umgesetzt. Am Ende des Tages sind es die jungen Menschen, die die Wege in jene Zukünfte gestalten, die wir uns für kommende Generationenvorstellen.
IJAB: Vielen Dank für das Gespräch.
Mehr Informationen und Methoden zum Future's Coaches Manual stehen in englischer Sprache zur Verfügung: Future Coaching.
Antti Rantaniva arbeitet seit 2019 am Juvenia - Youth Research and Development Centre in Finnland. Er ist seit vielen Jahren im Bereich der Weiterenwicklung der Jugendarbeit tätig - in vielfältigen Beratungsaufgaben im Bereich der kommunalen Jugendarbeit sowie in der Erprobung größerer Entwicklungsprojekte in verschiedenen Regionen Finnlands sowie auf internationaler Ebene. Neben zukunftsorientiertem Denken inspiriert ihn der Austausch mit unterschiedlichen Menschen sowie kreative Lernumgebungen.
Webseite: www.xamk.fi/en/rdi/juvenia/
Kontakt: antti.rantaniva(at)xamk.fi
Über Futures Thinking in der Internationalen Jugendarbeit sprechen wir am 11.12.2025 beim DIY²-Labor in Zusammenarbeit mit der European Academy on Youth Work.