Mohammad Ahmaro im Gespräch mit jungen Menschen Mohammad Ahmaro im Gespräch mit jungen Menschen
Demokratie und Menschenrechte

Zehn Jahre Youth, Peace & Security

Interview mit Mohammad Ahmaro

Zehn Jahre nach der Verabschiedung der UN-Resolution 2250 wird deutlich, wie sehr junge Menschen die Agenda zu Jugend, Frieden und Sicherheit geprägt haben. Im Gespräch mit Mohammad Ahmaro, einem zentralen Akteur der YPS-Bewegung in Jordanien, blicken wir auf Erfolge und aktuelle Herausforderungen.

05.01.2026 / K. Schmahl-Rempel

Vor zehn Jahren verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 2250 und legte damit den Grundstein für die Agenda zu Jugend, Frieden und Sicherheit (Youth, Peace and Security – YPS). Sie markierte einen Wendepunkt. Erstmals wurden junge Menschen nicht in erster Linie als Opfer oder potenzielle Risikogruppe betrachtet, sondern als aktive Mitgestaltende von Frieden, sozialem Zusammenhalt und politischer Teilhabe. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums sprachen wir mit Mohammad Ahmaro, Bildungs- und Jugendberater beim Zivilen Friedensdienst der GIZ in Jordanien. Er gehört zu den zentralen Akteuren der jordanischen YPS-Bewegung und war an der Umsetzung der Resolution 2250 auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene beteiligt. In diesem Interview blickt er zurück, bewertet aktuelle Entwicklungen und richtet eine klare Botschaft an junge Menschen weltweit.

IJAB: Könnten Sie beschreiben, welche Rolle Sie bei der Entwicklung und Umsetzung der YPS-Agenda in Jordanien gespielt haben?

Mohammad Ahmaro: Kurz nach der Verabschiedung der Resolution 2250 begann ich, mich über meine Arbeit im Projekt „Shabab 2250“ bei IDare for Sustainable Development in der Agenda zu Jugend, Frieden und Sicherheit zu engagieren. Ich bildete junge Menschen darin aus und coachte sie bei der Anwendung der Resolution in der Jugendarbeit, unter Einsatz kreativer Instrumente wie Kunst, Medien und gemeindebasierter Initiativen. Diese frühe Erfahrung trug dazu bei, die Grundlagen für die Jordanische Nationale Koalition für 2250 zu legen, der ich als Teil der ersten Generation angehörte. Zwischen 2016 und 2022 moderierte ich Workshops, begleitete jugendgeleitete kreative Projekte und förderte die Prinzipien von Partizipation, Schutz, Prävention und Partnerschaft in lokalen Gemeinschaften.

2024 wurde ich Teil des Jugendkonsultationsteams, das zur Erarbeitung des Nationalen Aktionsplans Jordaniens zu 2250 beitrug. Auf internationaler Ebene vertrat ich die GIZ, das Jugendministerium sowie verschiedene Initiativen auf Konferenzen in Amman, Budapest und Genf. Heute unterstütze ich in meiner Funktion als Bildungs- und Jugendberater beim Zivilen Friedensdienst der GIZ Organisationen dabei, sichere Räume zu schaffen, die Resilienz junger Menschen zu stärken und ihnen zu ermöglichen, aktiv zu friedlichen und inklusiven Gemeinschaften beizutragen.

IJAB: Was hat Sie persönlich motiviert, sich in diesem Feld zu engagieren?

Mohammad Ahmaro: Mich inspiriert vor allem der Perspektivwechsel, den die Resolution 2250 bewirkt hat. Über viele Jahre hinweg wurden junge Menschen hauptsächlich als Opfer oder potenzielle Täter von Gewalt gesehen. Die Resolution erkannte an, was längst Realität war: junge Menschen sind Friedensstifter, Führungspersönlichkeiten und Partner*innen. Ich hatte bereits lange vor der Etablierung dieses Begriffs in gemeindebasierten Friedensinitiativen gearbeitet, und diese Anerkennung bestätigte unsere Arbeit. Zu wissen, dass junge Menschen Akteur*innen des Wandels sind und keine Probleme, die gelöst werden müssen, motiviert mich bis heute.

IJAB: Wie erlebt die junge Generation in Jordanien die YPS-Agenda?

Mohammad Ahmaro: Junge Menschen in Jordanien nehmen die YPS-Agenda zunehmend als praxisnahen Rahmen wahr, der ihre Rolle bei der Gestaltung von Gemeinschaften anerkennt. Über drei Generationen der Nationalen Koalition hinweg haben sich junge Menschen von Beobachtenden zu aktiven Mitgestaltenden entwickelt, insbesondere im Rahmen der Konsultationen zum Nationalen Aktionsplan. Die Resolution 2250 wurde in die Nationale Jugendstrategie 2019–2025 integriert, was die Sichtbarkeit der Agenda gestärkt hat. Jüngste politische Reformen, wie das neue Parteiengesetz, haben zudem formale Beteiligungsmöglichkeiten erweitert. Auf lokaler Ebene haben Sensibilisierungsveranstaltungen, Workshops und kreative Initiativen dazu beigetragen, die Agenda greifbarer zu machen. Auch wenn weiterhin Herausforderungen bestehen, vermittelt die Agenda ein Gefühl von Hoffnung und fördert eine inklusivere, stärker jugendorientierte politische Landschaft.

IJAB: Wie würden Sie die aktuelle Situation junger Menschen in Jordanien einschätzen?

Mohammad Ahmaro: Jordanien ist ein junges Land, fast 60 % der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Der Zugang zu Bildung ist insgesamt gut, dennoch bestehen Defizite hinsichtlich Qualität, Arbeitsmarktrelevanz und Zugang zu innovativen Lernformen. Die Jugendarbeitslosigkeit zählt weiterhin zu den drängendsten Problemen des Landes, insbesondere für junge Frauen. Die Beteiligung junger Menschen hat sich verbessert, unterstützt durch politische Reformen und eine stärkere Sichtbarkeit von Jugend in politischen Entscheidungsräumen, auch wenn der tatsächliche Einfluss weiter gestärkt werden muss.

Junge Menschen bleiben optimistisch, äußern jedoch Sorgen hinsichtlich langfristiger Stabilität und beruflicher Perspektiven. Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert nachhaltige Investitionen in Bildung, Beschäftigung, zivilgesellschaftlichem Engagement und sozialen Zusammenhalt – und die Anerkennung junger Menschen nicht nur als zukünftige Führungskräfte, sondern als Partner, die die Gesellschaft bereits heute mitgestalten.

IJAB: Gibt es bestimmte Gruppen, für die YPS-Maßnahmen besonders wichtig sind?

Mohammad Ahmaro: Die YPS-Agenda ist im Kern inklusiv ausgerichtet. Auch wenn es wichtig ist, die Reproduktion von Zuschreibungen zu vermeiden, stehen bestimmte Gruppen – wie benachteiligte junge Menschen, Geflüchtete, junge Frauen und Jugendliche in unterversorgten Regionen – vor strukturellen Barrieren, die gezielte Unterstützung erfordern. Für diese jungen Menschen eröffnet die Agenda Zugänge zu sicheren Räumen, Beteiligung und Schutz. Letztlich richtet sich 2250 an alle jungen Menschen und zielt darauf ab, Chancen zu erweitern, statt Kategorien zu verfestigen.

IJAB: Welche Initiativen der internationalen Jugendarbeit sind derzeit in Jordanien aktiv?

Mohammad Ahmaro: Mehrere Initiativen tragen zum Geist der YPS-Agenda bei, auch wenn sie nicht explizit das Label 2250 tragen. Die Nationale Jugendbefragung des Jugendministeriums sowie die Entwicklung des Nationalen Aktionsplans Jordaniens zu 2250 sind zentrale Beispiele für koordinierte, jugendorientierte Prozesse. Besonders hervorzuheben ist der Zivile Friedensdienst der GIZ, der mit partizipativen und kontextsensiblen Ansätzen arbeitet und Instrumente wie Theater, Storytelling und Gemeindedialoge nutzt, um sozialen Zusammenhalt, Resilienz und Jugendbeteiligung zu stärken.

IJAB: Was hat bisher gut funktioniert und was weniger?

Mohammad Ahmaro: Die Beteiligung junger Menschen ist ein zentraler Erfolg, insbesondere ihr Engagement in politischen Reformprozessen und gemeindebasierten Initiativen. Auch im Bereich Schutz – etwa durch Programme zur psychischen Gesundheit – und Prävention, beispielsweise im Kampf gegen Hassrede und geschlechtsspezifische Gewalt, wurden Fortschritte erzielt. Partnerschaften zwischen Institutionen und Organisationen haben die Koordination gestärkt.

Gleichzeitig bleibt die nachhaltige Finanzierung eine Herausforderung, und Initiativen sind mitunter nicht ausreichend in den übergeordneten YPS-Rahmen eingebettet. Mehr Kohärenz und eine stärkere Anerkennung bestehender Aktivitäten würden die Wirkung deutlich erhöhen.

IJAB: Wenn Sie frei träumen könnten: Welche Maßnahmen würden YPS in Jordanien weiter stärken?

Mohammad Ahmaro: Ich stelle mir dauerhafte, inklusive Jugendräume vor, die Führungskompetenzen und sinnvolle Beteiligung auf allen Ebenen fördern. Dazu gehört die Ausweitung kreativer Methoden – wie Community Arts und Storytelling –, die Integration psychosozialer Unterstützung sowie die Förderung von Austauschformaten auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Stärkere institutionelle Mechanismen zur Unterstützung und Begleitung jugendgeleiteter Initiativen würden zudem langfristige Wirkung sicherstellen.

IJAB: Wie könnte eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Jordanien und Deutschland bzw. der EU aussehen?

Mohammad Ahmaro: Die Zusammenarbeit sollte auf langfristige Partnerschaften ausgerichtet sein, die Wissensaustausch, Peer-to-Peer-Lernen unter Jugendlichen und den institutionellen Dialog fördern. Deutschland und die EU können partizipative Modelle unterstützen, die Gemeinschaftsresilienz und sozialen Zusammenhalt stärken, und dabei an bewährte Ansätze wie den Zivilen Friedensdienst anknüpfen. Finanzielle und technische Unterstützung wird dabei ebenso wichtig sein wie die klare Botschaft, dass junge Menschen in allen Kontexten – nicht nur in fragilen Staaten – einen substanziellen Beitrag zur Friedensarbeit leisten.

IJAB: Welche Erfolge würden Sie sich für die nächsten fünf bis zehn Jahre wünschen?

Mohammad Ahmaro: Global wie auch in Jordanien wünsche ich mir eine Abkehr von übermäßig technokratischen Messansätzen hin zu Zugängen, die die realen, oft unsichtbaren Beiträge junger Menschen zum Frieden sichtbar machen. Forschung sollte gelebte Erfahrungen wie Vertrauensaufbau und Schadensprävention besser erfassen. Investitionen in sinnstiftende Räume der Begegnung werden entscheidend sein, insbesondere in einer digital vernetzten, zugleich aber sozial fragmentierten Welt. Kreative Methoden sollten als zentraler Bestandteil der Friedensarbeit anerkannt werden. Für Jordanien hoffe ich, dass die Verpflichtungen aus der Resolution 2250 vollständig institutionalisiert und langfristig verankert werden.

IJAB: Welche Botschaft möchten Sie jungen Menschen mitgeben, die sich für Frieden und Beteiligung engagieren?

Mohammad Ahmaro: Ihr seid nicht nur die Zukunft – ihr seid die Gegenwart. Eure Kreativität, euer Mut und euer Engagement stärken bereits heute eure Gemeinschaften. Lasst euch nicht einreden, eure Rolle beginne erst später. Die Resolution 2250 hat euren Beitrag nicht geschaffen, sondern ihn anerkannt. Fordert sinnvolle Beteiligung ein und sucht nach Umfeldern, die euer Engagement wertschätzen und schützen. Baut Verbindungen auf, hinterfragt Stereotype und handelt weiterhin als Partner*innen und Führungspersönlichkeiten in der Friedensarbeit. Eure Stimme ist ein Recht – erhebt sie selbstbewusst und mit Menschlichkeit.

 

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