Die Ursprünge der Internationalen Jugendarbeit sind die Schlussfolgerung zweier Weltkriege mit dem Ziel der Friedenssicherung, der Zusammenarbeit und der Völkerverständigung. Ab den 1950er Jahren etablierte sich ein eigenständiges Arbeitsfeld. Der staatliche Auftrag, zur Stabilisierung internationaler Beziehungen beizutragen, wird im Sinne des Subsidiaritätsprinzips wesentlich von der Zivilgesellschaft getragen und bildet eine zentrale Grundlage ihres Handelns. Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn staatliche und zivilgesellschaftliche Interessen aufeinander abgestimmt sind und gemeinsam verfolgt werden. Historisch gesehen war die Internationale Jugendarbeit also ein wichtiger Beitrag zum Europäischen Friedensprojekt und ebnete den Weg zu internationaler Annäherung und grenzüberschreitender Verständigung¹.
Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurden die Grenzen der Internationalen Jugendarbeit sichtbar. Mit kaum einem europäischen Land pflegte Deutschland so viel Jugendaustausch wie mit Russland. Diese Zusammenarbeit brach innerhalb eines Tages zusammen. Jugendaustausch und Jugendbegegnungen können Kriege weder verhindern noch beenden, aber sie haben dennoch Wichtiges für die Friedenssicherung anzubieten.
Die Angst vor Krieg ist die dringlichste und größte Sorge junger Menschen in Deutschland². Die Auseinandersetzung mit Fragen zu Frieden und Sicherheit ist damit naheliegend und dringlich. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich alle jungen Menschen in klassischen Formaten der Friedensarbeit engagieren wollen oder können. Um junge Menschen im Umgang mit Unsicherheit, Widersprüchlichkeiten und Komplexität zu stärken, braucht es weitere Angebote. Ein Schlüssel zur Erhöhung der Konfliktfähigkeit und Resilienz junger Menschen ist der Ansatz der Ambiguitätstoleranz, der Fähigkeit, Uneindeutigkeiten auszuhalten und mit widersprüchlichen Perspektiven konstruktiv umzugehen³. Gerade hier setzt die Internationale Jugendarbeit an und schafft Erfahrungsräume, in denen junge Menschen mit pluralen Lebenswelten und -wirklichkeiten, Überzeugungen und Denkarten konfrontiert werden. Durch direkte Begegnung wird es möglich, Differenzen nicht nur kognitiv zu begreifen, sondern konkret zu erleben, auszuhalten und emotional mit Geschichten und Menschen zu verknüpfen.
Die Internationale Jugendarbeit eröffnet jungen Menschen Begegnungs-, Lern- und Teilhabechancen über Ländergrenzen hinweg und bietet über vielfältige Formate, wie den internationalen Jugendbegegnungen, Workcamps und internationalen Freiwilligendiensten sowie den europäischen Mobilitäts- und Austauschprogrammen im Rahmen von Erasmus+ und dem Europäischen Solidaritätskorps, die Gelegenheit selbst wirksam zu werden. Im Selbstverständnis orientiert sich die IJA an den universellen Menschenrechten und trägt durch ihre Praxis zur Stärkung demokratischer Werte und Strukturen bei⁴. Es liegt ein essenzieller Unterschied darin, ob man abstrakt weiß, dass in einem anderen Land auf der Welt Menschen leben, die so sind wie ich und gleichsam ganz anders oder ob man dies selbst real erlebt hat. Die mediale Repräsentation von Krieg auf Social Media ist etwas gänzlich anderes als die direkte Interaktion mit Menschen aus der Ukraine oder anderen Krisen- und Kriegsregionen. Echtes Erleben führt zu einem Perspektivwechsel und dieser bereitet den Weg zur internationalen Verbundenheit.
Auf Grundlage partizipativer Ansätze, pädagogischer Begleitung und des Prinzips der Begegnung auf Augenhöhe tragen die vielfältigen Formate der Internationalen Jugendarbeit zur Entwicklung von Kompetenzen bei, die für den konstruktiven Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten zentral sind. Unabhängig von den Inhalten eröffnen diese Formate Erfahrungsräume, in denen eigene Annahmen hinterfragt, Vorurteile reflektiert und Empathie entwickelt werden können⁵. Die daraus resultierenden Kompetenzen und Erfahrungen wirken über die unmittelbare Begegnung hinaus und können dazu beitragen, dass Impulse in unterschiedliche Lebens- und Handlungskontexte hineinwirken. In diesem Sinne leisten die Formate der Internationalen Jugendarbeit einen impliziten, jedoch nachhaltigen Beitrag zur Friedensbildung und zum internationalen Zusammenhalt⁶.
Darüber hinaus weisen zahlreiche Formate einen expliziten Bezug zur Friedensarbeit auf. Sie greifen aktuelle politische Entwicklungen auf, setzen sich mit Fragen von Erinnerung und Geschichte auseinander oder fördern gezielt Kompetenzen wie Konfliktfähigkeit und Menschenrechtsbildung. In dialogorientierten Settings entstehen Räume, in denen junge Menschen aus unterschiedlichen Kontexten miteinander ins Gespräch kommen, Perspektiven austauschen und gemeinsam an Lösungsansätzen arbeiten. Ein Beispiel für das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Wirkungsebenen und zugleich für die Kooperation von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen ist die internationale Jugendbegegnung „Youth4Peace“, die von IJAB und seinen Partnerorganisationen umgesetzt wurde. Anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs kamen 80 junge Menschen aus 26 Ländern in Berlin zusammen, um sich mit Fragen von Erinnerung, Frieden und Demokratie auseinanderzusetzen.






