Demokratie und Menschenrechte

Mehr als Begegnung

Internationale Jugendarbeit als Friedenspraxis

Internationale Jugendarbeit schafft es, in Zeiten der Polarisierung und gesellschaftlichen Fragmentierung einen Raum zu öffnen für echtes Erleben, direkten Austausch und eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe. Der Beitrag zur Friedenspraxis wird dabei oft übersehen und unterschätzt. Doch gerade in Zeiten zunehmender Konflikte und internationaler Spannungen ist der Bedarf nach Begegnung relevanter denn je. Welchen Beitrag kann die Internationale Jugendarbeit zur Friedensbildung leisten? Wo liegen die Stärken und die Grenzen des Arbeitsfeldes?

08.06.2026 / Till Veerbeck-Stroetmann

Die Ursprünge der Internationalen Jugendarbeit sind die Schlussfolgerung zweier Weltkriege mit dem Ziel der Friedenssicherung, der Zusammenarbeit und der Völkerverständigung. Ab den 1950er Jahren etablierte sich ein eigenständiges Arbeitsfeld. Der staatliche Auftrag, zur Stabilisierung internationaler Beziehungen beizutragen, wird im Sinne des Subsidiaritätsprinzips wesentlich von der Zivilgesellschaft getragen und bildet eine zentrale Grundlage ihres Handelns. Besonders wirkungsvoll ist dies, wenn staatliche und zivilgesellschaftliche Interessen aufeinander abgestimmt sind und gemeinsam verfolgt werden. Historisch gesehen war die Internationale Jugendarbeit also ein wichtiger Beitrag zum Europäischen Friedensprojekt und ebnete den Weg zu internationaler Annäherung und grenzüberschreitender Verständigung¹. 

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurden die Grenzen der Internationalen Jugendarbeit sichtbar. Mit kaum einem europäischen Land pflegte Deutschland so viel Jugendaustausch wie mit Russland. Diese Zusammenarbeit brach innerhalb eines Tages zusammen. Jugendaustausch und Jugendbegegnungen können Kriege weder verhindern noch beenden, aber sie haben dennoch Wichtiges für die Friedenssicherung anzubieten.

Die Angst vor Krieg ist die dringlichste und größte Sorge junger Menschen in Deutschland². Die Auseinandersetzung mit Fragen zu Frieden und Sicherheit ist damit naheliegend und dringlich. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich alle jungen Menschen in klassischen Formaten der Friedensarbeit engagieren wollen oder können. Um junge Menschen im Umgang mit Unsicherheit, Widersprüchlichkeiten und Komplexität zu stärken, braucht es weitere Angebote. Ein Schlüssel zur Erhöhung der Konfliktfähigkeit und Resilienz junger Menschen ist der Ansatz der Ambiguitätstoleranz, der Fähigkeit, Uneindeutigkeiten auszuhalten und mit widersprüchlichen Perspektiven konstruktiv umzugehen³. Gerade hier setzt die Internationale Jugendarbeit an und schafft Erfahrungsräume, in denen junge Menschen mit pluralen Lebenswelten und -wirklichkeiten, Überzeugungen und Denkarten konfrontiert werden. Durch direkte Begegnung wird es möglich, Differenzen nicht nur kognitiv zu begreifen, sondern konkret zu erleben, auszuhalten und emotional mit Geschichten und Menschen zu verknüpfen.

Die Internationale Jugendarbeit eröffnet jungen Menschen Begegnungs-, Lern- und Teilhabechancen über Ländergrenzen hinweg und bietet über vielfältige Formate, wie den internationalen Jugendbegegnungen, Workcamps und internationalen Freiwilligendiensten sowie den europäischen Mobilitäts- und Austauschprogrammen im Rahmen von Erasmus+ und dem Europäischen Solidaritätskorps, die Gelegenheit selbst wirksam zu werden. Im Selbstverständnis orientiert sich die IJA an den universellen Menschenrechten und trägt durch ihre Praxis zur Stärkung demokratischer Werte und Strukturen bei⁴. Es liegt ein essenzieller Unterschied darin, ob man abstrakt weiß, dass in einem anderen Land auf der Welt Menschen leben, die so sind wie ich und gleichsam ganz anders oder ob man dies selbst real erlebt hat. Die mediale Repräsentation von Krieg auf Social Media ist etwas gänzlich anderes als die direkte Interaktion mit Menschen aus der Ukraine oder anderen Krisen- und Kriegsregionen. Echtes Erleben führt zu einem Perspektivwechsel und dieser bereitet den Weg zur internationalen Verbundenheit.

Auf Grundlage partizipativer Ansätze, pädagogischer Begleitung und des Prinzips der Begegnung auf Augenhöhe tragen die vielfältigen Formate der Internationalen Jugendarbeit zur Entwicklung von Kompetenzen bei, die für den konstruktiven Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten zentral sind. Unabhängig von den Inhalten eröffnen diese Formate Erfahrungsräume, in denen eigene Annahmen hinterfragt, Vorurteile reflektiert und Empathie entwickelt werden können⁵. Die daraus resultierenden Kompetenzen und Erfahrungen wirken über die unmittelbare Begegnung hinaus und können dazu beitragen, dass Impulse in unterschiedliche Lebens- und Handlungskontexte hineinwirken. In diesem Sinne leisten die Formate der Internationalen Jugendarbeit einen impliziten, jedoch nachhaltigen Beitrag zur Friedensbildung und zum internationalen Zusammenhalt⁶.  

Darüber hinaus weisen zahlreiche Formate einen expliziten Bezug zur Friedensarbeit auf. Sie greifen aktuelle politische Entwicklungen auf, setzen sich mit Fragen von Erinnerung und Geschichte auseinander oder fördern gezielt Kompetenzen wie Konfliktfähigkeit und Menschenrechtsbildung. In dialogorientierten Settings entstehen Räume, in denen junge Menschen aus unterschiedlichen Kontexten miteinander ins Gespräch kommen, Perspektiven austauschen und gemeinsam an Lösungsansätzen arbeiten. Ein Beispiel für das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Wirkungsebenen und zugleich für die Kooperation von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen ist die internationale Jugendbegegnung „Youth4Peace“, die von IJAB und seinen Partnerorganisationen umgesetzt wurde. Anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs kamen 80 junge Menschen aus 26 Ländern in Berlin zusammen, um sich mit Fragen von Erinnerung, Frieden und Demokratie auseinanderzusetzen.

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Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung ermöglichte die mehrtägige Begegnung intensive zwischenmenschliche Erfahrungen, die den Aufbau tragfähiger Beziehungen unterstützten. Damit wird exemplarisch deutlich, wie implizite und explizite Beiträge zur Friedensbildung in der Internationalen Jugendarbeit ineinandergreifen.

Die Internationale Jugendarbeit eröffnet vielfältige Potenziale für die Friedensbildung, da sie auf freiwilliger Teilnahme, Begegnung und erfahrungsbasiertem Lernen beruht. Sie ermöglicht niedrigschwellige Zugänge zu Themen wie Vielfalt, Demokratie und internationaler Verständigung und schafft Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und gemeinsam reflektiert werden können. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung kann sie so zur Förderung von Dialogfähigkeit, Empathie und kooperativem Handeln beitragen⁷. 

Diese Potenziale bedürfen bestimmter Bedingungen. Die Wirkung der Maßnahmen hängt stark von der Qualität ihrer pädagogisch fachlichen Begleitung und strukturellen Rahmenbedingungen ab. Erforderlich ist die Reflexion bestehender Ausschlussmechanismen und des eigenen Anspruchs. In einer Zeit der zunehmenden Politisierung kommt auch die Internationale Jugendarbeit nicht umhin, sich immer häufiger positionieren zu müssen. Hierfür braucht es Ressourcen und Qualifizierung. Ebenfalls müssen Fragen des Transfers und der Verstetigung mitgedacht und mitfinanziert werden. Gute internationale Begegnung braucht sichere Rahmenbedingungen⁸. Es ist Aufgabe staatlicher und internationaler Akteur*innen, diese zu gewährleisten und die Voraussetzungen für zivilgesellschaftliches Handeln zu schaffen. Die Internationale Jugendarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Friedensbildung, muss allerdings als ein Bestandteil umfassender gesellschaftlicher Friedensarbeit verstanden werden.

Zur weiteren Ergründung des Potenzials der Internationalen Jugendarbeit zur Friedensbildung lädt IJAB zum Fachtag “Local to global: Friedensarbeit in der Internationalen Jugendarbeit” am 11. Juni in Bonn ein. Dort wird der hier verhandelten Frage weiter auf den Grund gegangen, und mit Praxisbeispielen, Workshops und Methodenangeboten erweitert.

¹ Thimmel, Andreas: Internationale Bildung – Internationale Jugendbildung. In: Hafeneger, Benno (Hrsg.) (2011). Handbuch Außerschulische Jugendbildung: Grundlagen – Handlungsfelder – Akteure. Schwalbach/Ts.: Wochenschau, S. 403–416.

² Shell Deutschland Holding: Jugendstudie 2024. Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse, Hamburg 2024, S. 13-15.

³ Deutschlandfunk Kultur: Ambiguitätstoleranz – Lernen, mit Mehrdeutigkeit zu leben

⁴ IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. (Hrsg.): Datenreport Internationale Jugendarbeit 2021, Bonn 2021, S. 5-11.

⁵ Tropp, Linda R.; White, Faith A.; Rucinski, Cara L.; Tredoux, Colin G.: Intergroup Contact and Youth: Advancing Theory and Practice, in: Group Processes & Intergroup Relations, 25 (2022)

⁶ RAY – Research-based Analysis of European Youth Programmes (2022): Comparative Research Report 2014–2020. Wien: RAY

⁷ König, Dietmut / Jalabert, Laurent (2023): Wie internationale Jugendbegegnungen Verständnis und Zivilcourage fördern können. In: Deutsch-Französisches Jugendwerk (Hrsg.): PANORAMA #4 Über Krieg sprechen. Berlin/Paris: DFJW

⁸ Feldmann-Wojtachnia, Eva: Internationale Jugendbegegnungen in Zeiten von Krieg und Krisen, in: Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (Hrsg.): Außerschulische Bildung. Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, Heft 3/2023, Bonn 2023

Hinweis zur Veröffentlichung

Dieser Beitrag wurde zuerst im Fachmagazin z.B. (Ausgabe 02/2026) veröffentlicht und für diese Seite übernommen.

Hände halten einen fiktiven Pass, in den Namen politischer Gefangener eingestempelt sind
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Internationale Jugendarbeit und jugendpolitische Zusammenarbeit versteht IJAB als Beitrag zur Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft und zur Förderung eines demokratischen Gemeinwesens.

Eine Gruppe junger Erwachsener steht für ein Gruppenfoto zusammen, mit einem älteren Herrn in der Mitte, auf einer Balkonterrasse vor einer städtischen Kulisse mit sichtbarem Regierungsgebäude und Fernsehturm.
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