Zeichnung einer Teilnehmerin auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte in Ravensbrück Zeichnung einer Teilnehmerin auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte in Ravensbrück
Zeichnung einer Teilnehmerin zu Pelagia Biadalowas Geschichte
Demokratie und Menschenrechte

"Manche Sachen weiß ich - aber ich erinnere mich nicht"

Erinnerung in der Jugendarbeit

„Das war eine ziemlich Scheißwoche“, sagt Rafael, Gedenkstättendienstler aus Wien in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück angesichts der politischen Entwicklungen der letzten Tage. Er schaut zu Matthias Heyl, dem Leiter der Pädagogischen Dienste der Gedenkstätte, der gerade mit Abendproviant durch die Tür kommt. Es ist der erste Tag in der neuen Ausgabe des Projekts „Sound in the Silence: Raise your Voice“ – ein internationales Gedenkstättenprojekt für junge Menschen. Knapp 80 Jahre nach der Befreiung des größten Frauen-Konzentrationslagers informiert sich IJAB über Erinnerungskulturen in der Jugendarbeit.

13.03.2025 / Natali Petala-Weber

Der Weg nach Ravensbrück ist lang – ungefähr eine Stunde fährt die Regionalbahn von Berlin aus zum Bahnhof Fürstenberg/Havel. Einmal  angekommen fragt man sich jedes Mal, ob man zur Gedenkstätte lieber laufen oder doch fahren soll. Es kommt darauf an, wie es einem gerade geht. Auch auf dem Gelände der Gedenkstätte kommen einem die Wege lang vor – vom Ufer des Schwedtsees bis zur Rezeption der Internationalen Jugendbegegnungsstätte oder zur ehemaligen Kommandatur, dem zentralen Ausstellungsort, bleibt mit jedem nächsten Schritt viel Zeit zum Nachdenken. Zeit wird auch benötigt, denn die Gedanken und Fragen überlappen sich hier in Ravensbrück viel zu schnell. Wie es sein konnte, dass sich ein solcher Terror entfaltet? Ob Inhaftierte versucht hätten, ans andere Ufer zu schwimmen, um dem Grauen zu entkommen? Matthias Aufgabe ist es dann, darauf aufmerksam zu machen, dass „der in Ravensbrück kulminierende Terror andernorts mit Denunziation, Verfolgung und Inhaftierung seinen Anfang nahm“[1] – mit andern Worten: Auf dem gegenüberliegenden Ufer würde kein nazifreies Deutschland auf die Fliehenden warten. 

Schwarz: die Farbe der Erinnerung 

Am 02. Februar 2025 kommen 15 junge Menschen in Ravensbrück zusammen, um über eine Woche lang gemeinsam ihren Erkenntnissen und Gefühlen in der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Ravensbrück in einer Perfomance Ausdruck zu verleihen. Begleitet wird die Gruppe seitens der Gedenkstätte von Matthias Heyl und Lea Fink, Mitarbeiterin in der Bildungsabteilung, sowie von internationalen Künstler*innen und den Theaterpädagog*innen des Theaters Strahl in Berlin. Begleitet werden sie aber auch von den persönlichen Geschichten derer, die heute nicht mehr da sind, ihren Zeichnungen, die sie heimlich aus dem Lager geschafft haben, Schnitzereien aus den Stielen ihrer Zahnbürsten, heimlichen Gedichten. Diese Gruppe junger Menschen hat in 2025 noch die Gelegenheit eine von diesen persönlichen Geschichten aus erster Hand zu hören: Emmie Arbel, ehemalige Ravensbrück-Inhaftierte, ist am ersten Abend des Projekts digital zugeschaltet. Sie betrachtet die Gruppe aufmerksam über den überdimensionalen Bildschirm im Konferenzraum der Gedenkstätte. Emmie möchte selbst nicht als „Überlebende“ bezeichnet werden; sie sagt über sich selbst, sie ist eine „Rebellin“, und jedes Mal, wenn sie Deutschland besucht, lässt sie deshalb eine Kleinigkeit mitgehen. Emmie Arbel und ihre Familie wurden 1942 von den Nazis deportiert, weil sie Juden waren. Als der Krieg endete, war Emmie gerade erst acht Jahre alt. Ihre Geschichte hat sie gemeinsam mit der Künstlerin Barbara Yelin in der Graphic Novel „Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung“ (2023) festgehalten. Auch Barbara ist am ersten Abend der Jugendbegegnung zugeschaltet, denn sie liest für die Gruppe aus der Graphic Novel vor. „Welche Farbe hat die Erinnerung?“ fragt im Anschluss an die Lesung eine der Teilnehmenden. „Schwarz“ antwortet Emmie. 

Sound in the Silence: aktive Teilhabe an lebendiger Erinnerungskultur  

„Sound in the Silence“ ist ein einzigartiges internationales Bildungs- und Kunstprojekt, das jungen Menschen einen eigenen kreativen Zugang zur Geschichte eröffnet. Durch die Verbindung von historisch-politischer Bildung mit künstlerischen Ausdrucksformen wie Tanz, Rap, Sound, Creative Writing und Performance setzen sich die Teilnehmenden mit historischen Orten und Biografien auseinander. Im Zentrum steht die Frage, wie Geschichte künstlerisch erfahrbar gemacht werden kann und welche Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen bestehen. Mit der ersten, vom „European Network for Remembrance and Solidarity“ und dem Hamburger Stadtteilkulturzentrum MOTTE mitgetragenen Ravensbrücker „Sound in the Silence“-Edition kamen Künstler*innen um den amerikanisch-jüdischen Rapper Dan Wolf nach Ravensbrück, um mit jungen Menschen aus vier Ländern eine Performance zu erarbeiten, die die Geschichte des einstigen Frauen-Konzentrationslagers reflektiert. Den künstlerischen Aktivitäten gingen Gelände- und Ausstellungserkundungen sowie vertiefende Workshops der historisch-politischen Bildung (mit dem Themenschwerpunkt „Kunst im KZ“ als Bindeglied voraus), die das Team der Bildungsabteilung der Gedenkstätte verantwortete. Zwischen die „Edu(cational)“ und „Art Workshops“ platzierte das pädagogische Team „EduArt Workshops“, in denen Künstler*innen und Gedenkstättenmitarbeiter*innen eine gemeinsame Vertiefungsebene zu schaffen versuchten.

„Take a piece of history. Take a piece of yourself. Make something new“ (Dan Wolf) 

„Take a piece of history. Take a piece of yourself. Make something new“, fordert Dan Wolf die Teilnehmenden am zweiten Tag der Jugendbegegnung auf. Denn Grundlage des Projekts „Sound in the Silence“ ist die aktive Teilhabe der jungen Menschen an einer Erinnerungskultur, die lebendig ist. Es geht darum, neue Wege der Erinnerungskultur zu bahnen, in Reflexion auf die je eigene Geschichte, die Situation der Teilnehmenden und die aktuellen Fragen und Kritiken, die sich stets mit den aktuellen Entwicklungen wandeln. „Dieses Projekt handelt eigentlich nicht von der Vergangenheit“, sagt Dan Wolf, „sondern davon, dass wir sicherstellen, dass wir eine Zukunft haben“. 

„Das Recht, Bescheid zu wissen“: Partizipative historisch-politische Bildung in der Internationalen Jugendarbeit 

In Matthias Heyls pädagogischem Ansatz geht es um einen Perspektivwechsel: von der „Pflicht, Bescheid zu wissen“ hin zum „Recht, Bescheid zu wissen“. Daraus leitet er ab, „dass die, die an Bildungsprozessen, die die nationalsozialistischen Verbrechen in ihrem historischen und damit auch immer gesellschaftlichen Kontext zum Gegenstand haben, beteiligt sind, auch das Recht haben, diese aktiv mitzugestalten, also selber Akteur*innen einer lebendigen Erinnerungskultur zu werden.“[2] Dieser Ansatz ist in der gedenstättenpädagogischen Praxis in Ravensbrück erlebbar: Die anfängliche Sprachlosigkeit der  jungen Teilnehmenden gegenüber dem NS-Terror wird sukzessive transformiert. „Der leere Raum“ – wie Dan Wolf das Ohnmachtsgefühl zwischen Herz und Hirn der Teilnehmenden nennt, füllt sich mit der eigenen Stimme, der eigenen Ausdruckskraft. Die Teilnehmenden spüren, dass sie sich hier in Ravensbrück frei verhalten dürfen, es ist ein „Safe Space“ der erinnerungskulturellen Praxis geschaffen. Es gibt hier keine ritualisierte Form des Erinnerns und das pädagogische Leitungsteam erwartet nicht vorgeformte Reaktionen. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde das Projekt umbenannt in: Silence is no longer here, because of us

Zum Abschied am Informationszentrum drückt mir Matthias den Band „Adorno revisited. Erziehung nach Ausschwitz und Erziehung zur Mündigkeit heute“ (2019) in die Hand. Denn es ist ihm wichtig, dass auch für die Internationale Jugendarbeit die Adornosche „Wendung aufs Subjekt“ auf fruchtbaren Boden trifft, die notwendige Wahrnehmung der Lernenden als Subjekt als „unabdingabaren und unhintergehbaren Standard“ gedenkstättenpädagogischer Praxis. Dies schließt – in der Internationalen Jugendarbeit vielleicht umso mehr – die Offenheit ein, Kontroversen sichtbar und verhandelbar zu machen, denn sie bleiben bei der Vielfalt der Teilnehmenden, der Heterogenität ihrer Ansprüche und der unterschiedlichen Bildungskulturen in den unterschiedlichen Ländern nicht aus (vgl. Heyl 2019). Niemals seit 1945 war dieser Ansatz von einer solchen Wichtigkeit wie heute. 

Weitere Infos

Das Projekt „Silence is no longer here, because of us“ wird über die Stiftung Erinnerung, Verantwortung Zukunft (EVZ) mit den Mitteln der Beauftragten für Kultur und Medien im Förderprogramm „Jugend erinnert“ gefördert.

IJAB arbeitet mit den Pädagogischen Diensten der Mahn- und Gedenkstätte in Ravensbrück bereits seit 2017 zusammen. Im April 2017 fand in Ravensbrück der Fachtag Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch mit 50 Teilnehmenden aus Deutschland und Griechenland statt. 2021-2022 beteiligten sich die Pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte in Ravensbrück an den Living Labs: Internationale Begegnungsorte für Toleranz, einer hybriden experimentellen Jugendbegegnung, die Bestandteil des Forschungsprojekts Internationale Jugendarbeit.digital war.

https://www.ravensbrueck-sbg.de/meldungen/27102024-2112024-performance-projekt-sound-in-the-silence-raise-your-voice/

Sound in the Silence | ENRS

Youth4Peace – eine internationale Jugendbegegnung 

Anlässlich des 80. Jahrestags nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 08. Mai 2025 veranstaltet IJAB in Kooperation mit den bilateralen Jugendwerken und Koordinierungsstellen, DPJW, DFJW, DGJW, ConAct, TANDEM, dem Deutschen Bundesjugendring, RYCO und JUGEND für Europa die internationale Jugendbegegnung Youth4Peace. Das europäische Friedensprojekt, das auf Austausch, Begegnung und Verständigung setzt, bietet den Rahmen, um junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen und konkrete Handlungsstrategien zu entwickeln, wie eine demokratische Friedensarchitektur aus Sicht junger Menschen[3] in Zukunft aussehen soll.


[1] S. Heyl, Matthias (2021): „Das Recht, Bescheid zu wissen. Aktive Teilhabe an lebendiger Erinnerungskultur“, in: Baader, Meike Sophia / Freytag, Tatjana / Kempa, Karolina (Hrsg.), Politische Bildung in Transformation – Transdisziplinäre Perspektiven, S. 331. 

[2]S. Heyl, Matthias (2022): „Vom Recht, Bescheid zu wissen. Partizipative historisch politische Bildung zu den nationalsozialistischen Massenverbrechen“, in: Bundschuh, Stephan / Drücker, Ansgar / Hilgers, Judith / Voßberg, Timo / Yetkin, Eren Yildirim  (Hrsg.), Partizipativ erinnern. Praktiken, Forschung, Diskurse. Eine Bestandsaufnahme. Reader für Multiplikator:innen, S. 52 ff. 

[3] Bzgl. der Rolle von jungen Menschen in Fragen von Frieden und Sicherheit s. IJAB-Beitrag (2024): Jugend, Frieden und Sicherheit. UN-Resolution 2250 und ihre Bedeutung für die Jugendarbeit

Hände halten einen fiktiven Pass, in den Namen politischer Gefangener eingestempelt sind
Über Demokratie und Menschenrechte

Internationale Jugendarbeit und jugendpolitische Zusammenarbeit versteht IJAB als Beitrag zur Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft und zur Förderung eines demokratischen Gemeinwesens.