Der Weg nach Ravensbrück ist lang – ungefähr eine Stunde fährt die Regionalbahn von Berlin aus zum Bahnhof Fürstenberg/Havel. Einmal angekommen fragt man sich jedes Mal, ob man zur Gedenkstätte lieber laufen oder doch fahren soll. Es kommt darauf an, wie es einem gerade geht. Auch auf dem Gelände der Gedenkstätte kommen einem die Wege lang vor – vom Ufer des Schwedtsees bis zur Rezeption der Internationalen Jugendbegegnungsstätte oder zur ehemaligen Kommandatur, dem zentralen Ausstellungsort, bleibt mit jedem nächsten Schritt viel Zeit zum Nachdenken. Zeit wird auch benötigt, denn die Gedanken und Fragen überlappen sich hier in Ravensbrück viel zu schnell. Wie es sein konnte, dass sich ein solcher Terror entfaltet? Ob Inhaftierte versucht hätten, ans andere Ufer zu schwimmen, um dem Grauen zu entkommen? Matthias Aufgabe ist es dann, darauf aufmerksam zu machen, dass „der in Ravensbrück kulminierende Terror andernorts mit Denunziation, Verfolgung und Inhaftierung seinen Anfang nahm“[1] – mit andern Worten: Auf dem gegenüberliegenden Ufer würde kein nazifreies Deutschland auf die Fliehenden warten.
Schwarz: die Farbe der Erinnerung
Am 02. Februar 2025 kommen 15 junge Menschen in Ravensbrück zusammen, um über eine Woche lang gemeinsam ihren Erkenntnissen und Gefühlen in der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Ravensbrück in einer Perfomance Ausdruck zu verleihen. Begleitet wird die Gruppe seitens der Gedenkstätte von Matthias Heyl und Lea Fink, Mitarbeiterin in der Bildungsabteilung, sowie von internationalen Künstler*innen und den Theaterpädagog*innen des Theaters Strahl in Berlin. Begleitet werden sie aber auch von den persönlichen Geschichten derer, die heute nicht mehr da sind, ihren Zeichnungen, die sie heimlich aus dem Lager geschafft haben, Schnitzereien aus den Stielen ihrer Zahnbürsten, heimlichen Gedichten. Diese Gruppe junger Menschen hat in 2025 noch die Gelegenheit eine von diesen persönlichen Geschichten aus erster Hand zu hören: Emmie Arbel, ehemalige Ravensbrück-Inhaftierte, ist am ersten Abend des Projekts digital zugeschaltet. Sie betrachtet die Gruppe aufmerksam über den überdimensionalen Bildschirm im Konferenzraum der Gedenkstätte. Emmie möchte selbst nicht als „Überlebende“ bezeichnet werden; sie sagt über sich selbst, sie ist eine „Rebellin“, und jedes Mal, wenn sie Deutschland besucht, lässt sie deshalb eine Kleinigkeit mitgehen. Emmie Arbel und ihre Familie wurden 1942 von den Nazis deportiert, weil sie Juden waren. Als der Krieg endete, war Emmie gerade erst acht Jahre alt. Ihre Geschichte hat sie gemeinsam mit der Künstlerin Barbara Yelin in der Graphic Novel „Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung“ (2023) festgehalten. Auch Barbara ist am ersten Abend der Jugendbegegnung zugeschaltet, denn sie liest für die Gruppe aus der Graphic Novel vor. „Welche Farbe hat die Erinnerung?“ fragt im Anschluss an die Lesung eine der Teilnehmenden. „Schwarz“ antwortet Emmie.
Sound in the Silence: aktive Teilhabe an lebendiger Erinnerungskultur
„Sound in the Silence“ ist ein einzigartiges internationales Bildungs- und Kunstprojekt, das jungen Menschen einen eigenen kreativen Zugang zur Geschichte eröffnet. Durch die Verbindung von historisch-politischer Bildung mit künstlerischen Ausdrucksformen wie Tanz, Rap, Sound, Creative Writing und Performance setzen sich die Teilnehmenden mit historischen Orten und Biografien auseinander. Im Zentrum steht die Frage, wie Geschichte künstlerisch erfahrbar gemacht werden kann und welche Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen bestehen. Mit der ersten, vom „European Network for Remembrance and Solidarity“ und dem Hamburger Stadtteilkulturzentrum MOTTE mitgetragenen Ravensbrücker „Sound in the Silence“-Edition kamen Künstler*innen um den amerikanisch-jüdischen Rapper Dan Wolf nach Ravensbrück, um mit jungen Menschen aus vier Ländern eine Performance zu erarbeiten, die die Geschichte des einstigen Frauen-Konzentrationslagers reflektiert. Den künstlerischen Aktivitäten gingen Gelände- und Ausstellungserkundungen sowie vertiefende Workshops der historisch-politischen Bildung (mit dem Themenschwerpunkt „Kunst im KZ“ als Bindeglied voraus), die das Team der Bildungsabteilung der Gedenkstätte verantwortete. Zwischen die „Edu(cational)“ und „Art Workshops“ platzierte das pädagogische Team „EduArt Workshops“, in denen Künstler*innen und Gedenkstättenmitarbeiter*innen eine gemeinsame Vertiefungsebene zu schaffen versuchten.
