Das National Museum of Science, Technology, and Space mit einem großen Banner über der Fassade mit dem Text „Bring them home now!“ Das National Museum of Science, Technology, and Space mit einem großen Banner über der Fassade mit dem Text „Bring them home now!“
Youth Work weltweit

Jugend- und Bildungsarbeit im Spannungsfeld der Gegenwart

Begegnungsreise nach Israel

Eine einwöchige Begegnungsreise nach Israel bot deutschen Fachkräften der Jugend- und Bildungsarbeit die Gelegenheit, Jugendorganisationen, Erinnerungskultur und aktuelle gesellschaftliche Konflikte kennenzulernen. Ziel war es, Wissen über Antisemitismus zu vertiefen und Impulse für die eigene pädagogische Praxis zu gewinnen.

15.10.2025 / Johannes Braunmiller

 „Meine jüdischen Freunde fühlen sich schlecht in Europa. Viele würden gerne wegziehen, wissen aber auch nicht, wohin – da Israel auch nicht das Land ist, in dem Milch und Honig fließt.“ Mit diesem Satz fasste die israelisch-österreichische Referentin und Bildungsexpertin Anita Haviv im Rahmen eines Workshops zur Bedeutung Israels als „sicherer Hafen“, ein Gefühl zusammen, das viele Jüdinnen und Juden derzeit teilen. Ihre Worte geben Hinweis auf die Spannungen und Fragen, die die israelische Gesellschaft und Jüdinnen und Juden weltweit seit dem 7. Oktober 2023 bewegen – und zugleich zentrale Themen der einwöchigen Begegnungsreise pädagogischer Fachkräfte nach Israel vom 15. bis 21. September 2025.

Lernen durch Begegnung

Die Reise bildete das zweite Modul im Rahmen des Diskursprojektes „Sichtbar Handeln! Umgehen mit Antisemitismus in Jugend- und Bildungsarbeit“. Bereits im ersten Modul in Hannover hatten die Teilnehmenden Grundlagenwissen zu Antisemitismus erworben, Einblicke in jüdisches Leben in Deutschland erhalten und über Herausforderungen in der Bildungsarbeit diskutiert. Als zweiter Programmteil diente die Begegnungsreise dazu, historische und gesellschaftliche Entwicklungen in Israel aus politischer und pädagogischer Perspektive zu beleuchten.

Organisiert wurde die Reise vom Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch ConAct in Kooperation mit IJAB und dem Council of Youth Movements in Israel (CYMI). Das CYMI fungiert als Dachverband der israelischen Jugendbewegungen und repräsentiert dabei das gesamte politische, religiöse und soziale Spektrum der Jugendarbeit in Israel – von säkular bis religiös, von konservativ bis progressiv.

Geschichte, Visionen und Realitäten

Die Stationen der Begegnungsreise – Tel Aviv, Haifa, Jerusalem, Yad Vashem und Akkon – vermittelten ein vielschichtiges Bild der israelischen Gesellschaft. Überall im Land war die Präsenz des 7. Oktober 2023 spür- und sichtbar: Plakate mit den Gesichtern der Geiseln, die sich zum Zeitpunkt der Reise noch in Gefangenschaft befanden, Transparente an Brücken und Gebäuden mit dem Aufruf „Bring them home now“ prägten das öffentliche Bild.

Vor diesem Hintergrund begleitet die Frage, wie die  Menschen in Israel – und darüber hinaus – mit den gesellschaftlichen und emotionalen Folgen der Ereignisse umgehen, die gesamte Reise. Thematisch reichte das Programm von der israelischen Geschichte und Staatsgründung über aktuelle Diskurse in Zeiten des Krieges bis hin zu der existenziellen Frage: Ist Israel heute ein sicherer Hafen für Jüdinnen und Juden?.
Zur Auseinandersetzung mit eben dieser Frage führten die Teilnehmer*innen u.a. Gespräche mit Anita Haviv, die bereits 1979 von Österreich nach Israel ausgewandert ist und zwei weiteren jungen europäischen Israelis, die erst in den letzten Jahren von Polen bzw. England auf der Suche nach Sicherheit und Zugehörigkeit nach Israel migriert sind.

Ein Gespräch mit Reut Karp, die gemeinsam mit ihrer Familie die Ereignisse des 7. Oktobers unmittelbar erlebte, vermittelte den Teilnehmenden einen direkten Einblick in die persönlichen Auswirkungen des Angriffs auf sie und ihre Familie. Als die Hamas am 7. Oktober Israel angriff, war Reut Karp von ihren Kindern getrennt. Zwei von ihnen befanden sich bei ihrem Vater in einem der angegriffenen Kibbuzim nahe Gaza. Über Stunden hielt sie telefonisch Kontakt, bis die Kinder in Sicherheit waren. Der Vater wurde von den Terroristen ermordet.

Während und nach den Gesprächen wurde deutlich, welche gesellschaftlichen Herausforderungen sich auch zwei Jahre nach den Angriffen daraus ergeben – von kollektiven Traumata und psychischen Folgen bis hin zu nach wie vor laufenden Debatten über die politische und militärische Reaktionen.

Erinnerungskultur im Spannungsfeld der Gegenwart

Ein zentraler Moment der Reise war der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Hier setzten sich die Teilnehmenden mit Fragen der israelischen Erinnerungskultur und den Spannungsfeldern, denen diese in der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation ausgesetzt ist, auseinander.

Vor Ort wurde klar, wie die Gedenkstätte selbst von den Folgen des Krieges betroffen ist: deutlich weniger Besucher*innen, eingeschränkte internationale Zusammenarbeit in Forschung und Archivarbeit, ersteres aufgrund der sicherheitspolitischen Lage, zweiteres auch infolge von Boykottaufrufen.
Die Beobachtungen machten deutlich, wie herausfordernd es ist, Holocaust-Gedenken in einer von Krieg und gesellschaftlicher Zerrissenheit geprägten Zeit lebendig zu vermitteln.

Jugendarbeit im Ausnahmezustand

Besonders eindrücklich war der Austausch mit Vertreter*innen der israelischen Jugendbewegungen Bnei Akiva, Maccabi Tzair und Ezra. Sie sprachen über die Herausforderungen ihrer Arbeit in einem Land, das sich zur Zeit der Reise im Krieg befand – als pädagogische Fachkräfte und ehrenamtlich Engagierte, aber auch als Reservisten der israelischen Streitkräfte. Trotz dieser Spannungsfelder setzen die verschiedenen Jugendorganisationen ihre Arbeit fort, und versuchen weiterhin Räume der Begegnung und Reflexion für junge Menschen zu schaffen.

Beim Besuch bei der arabisch-muslimischen Jugendorganisation Al Raya in Akkon stand vor allem die Sichtweise der Jugendlichen selbst im Vordergrund. Sie schilderten, welche Rolle die Jugendarbeit in ihrem Alltag spielt, wie sie Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit stärkt und welchen positiven Einfluss sie auf ihr Umfeld und die Gesellschaft sehen.

Die Gespräche machten deutlich, wie eng Jugendarbeit und gesellschaftliche Resilienz in Israel miteinander verwoben sind – und welche Bedeutung die aktuell oft ausbleibende internationale Vernetzung gerade jetzt hat. Gerade sie kann helfen, Perspektiven zu erweitern und gegenseitiges Verständnis trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten zu fördern und solidarische Beziehungen auch in Krisenzeiten über nationale Grenzen hinweg aufrechtzuerhalten.

Reflexion, Ambivalenzen und offene Fragen

Im Verlauf der Reise entstand ein differenziertes, aber keineswegs abgeschlossenes Bild der israelischen Gegenwart und Gesellschaft – geprägt von Ambivalenzen und offenen Fragen.
Wie kann Jugendarbeit national und international in einem von historischen Konflikten und akut stattfindendem Krieg geprägten Umfeld Brücken schlagen?
Wie lässt sich der Blick auf Israel in der deutschen Bildungsarbeit sensibel, aber auch kritisch gestalten?
Und welche Verantwortung tragen pädagogische Fachkräfte, wenn sie über Antisemitismus, Israel oder jüdisches Leben sprechen?

Diese Fragen gewannen zusätzlich an Gewicht vor dem Hintergrund des Gaza-Krieges und des damit verbundenen Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung. Die vielen Gespräche machten deutlich, dass sich das Land in einem Zustand zwischen Trauer, Bedrohung, Wut und Erschöpfung befindet – und dass diese Stimmung auch die Arbeit mit Jugendlichen und den internationalen pädagogischen Austausch beeinflusste. Mit Blick auf die inzwischen angelaufenen Friedensprozesse verbindet sich im Nachhinein die Hoffnung, dass sich daraus neue Perspektiven für Dialog und Verständigung entwickeln.

Die Worte von Anita Haviv zu Beginn – dass viele Jüdinnen und Juden sich in Europa unsicher fühlen, aber auch Israel nicht als uneingeschränkt sicheren Ort erleben – spiegelten sich in den Eindrücken der Teilnehmenden wider und verdeutlichten, wie komplex Fragen nach Heimat und Sicherheit auch heute weiterhin sind. So endete die Reise nicht mit eindeutigen Antworten, sondern mit neuen Perspektiven – und dem Bewusstsein, dass Bildungsarbeit in Israel heute mehr denn je bedeutet, Widersprüche auszuhalten, zuzuhören und den Dialog offen zu halten.

Im Abschlussmodul Ende Oktober sollen die Lernerfahrungen des ersten Moduls und der Begegnungsreise vertieft werden. Ziel ist es, anhand von Best-Practice-Beispielen den Transfer des erworbenen Wissens in die pädagogische Praxis zu unterstützen.

Zum ConAct-Bericht über die Begegnungsreise.

Eine Gruppe junger Leute posiert lächelnd auf einer gepflasterten Straße in einer städtischen Umgebung, manche zeigen Peace-Zeichen. Sie tragen winterliche Kleidung und Accessoires wie Mützen und Schals.
Über Youth Work weltweit

Erhalten Sie Einblicke in die Arbeit unserer Partner.