Eine Gruppe von Menschen hält sich an den Händen. Eine Gruppe von Menschen hält sich an den Händen.
Demokratie und Menschenrechte

Haltung statt Resignation

Jugendverbandsarbeit unter (rechtem) Druck

„Ohne Demokrat*innen keine Demokratie“ - eine kompakte These mit viel Gehalt. Doch wie kann sichergestellt werden, dass junge Menschen zu Demokrat*innen werden und Demokratie nicht nur abstrakt durch formale Bildungsprozesse beschreiben können, sondern diese tatsächlich erleben und erlernen?

27.08.2025 / Björn Schreiber, Pia Kamratzki, Lars Reisner

Jugendverbände und -ringe bieten als "Werkstätten der Demokratie"1 vor Ort für junge Menschen diese Freiräume und sind Ausdruck einer demokratischen Selbstorganisation junger Menschen. Die Jugendverbandsarbeit erfüllt auch nach ihrem gesetzlichen Auftrag nach § 12 SGB VIII in einer demokratischen Gesellschaft zwei wichtige Funktionen: Sie bietet Lern- und Erfahrungsräume für junge Menschen, um demokratische Verfahren erlebbar zu machen und macht gleichzeitig die Interessen junger Menschen sichtbar und bringt sie in politische Diskurse ein. Doch genau diese wichtigen Funktionen stehen zunehmend unter Druck.

Hürden für eine gelingende Jugendverbandsarbeit

In zahlreichen Bundesländern - etwa in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern - werden derzeit Kürzungen in der Jugend(verbands)arbeit debattiert, die diese in eine ständige Rechtfertigungsposition drängen. Geplante Einschnitte gefährden die Qualität und Vielfalt der Angebote und damit zentrale Räume demokratischer Bildung. Jugendverbände vermitteln jungen Menschen gesellschaftlich relevante Fähigkeiten. Ihr Rückbau untergräbt die Basis einer demokratischen Kultur, was angesichts wachsender Demokratiefeindlichkeit und Rechtsextremismus bedenklich ist.

Mit den Kürzungen geht häufig ein Personalabbau einher. Zeitgleich leidet die Jugendverbandsarbeit vielerorts – besonders im ländlichen Raum – unter akutem Fachkräftemangel. Hohe bürokratische Hürden und starre Förderbedingungen erschweren die Arbeit, was bei Ehrenamtlichen nicht selten zum Rückzug aus dem Engagement führt und kritische zivilgesellschaftliche Strukturen destabilisiert.

Mit dem Wegfall außerschulischer Angebote und Projekte verlieren marginalisierte Jugendliche wichtige Zugänge zu gesellschaftlichem Leben. Damit gehen auch tragende Beziehungen und Chancen zur Identitätsbildung verloren. Dies kann besonders im ländlichen Raum zu Isolation, Abwanderung oder Perspektivlosigkeit von jungen Menschen führen. Dabei gilt die junge Generation durch den Klimawandel, Kriege, den Nachwirkungen der Coronapandemie und aufgrund einer angespannten wirtschaftlichen Lage ohnehin bereits als belastet.2

Gefährdung durch rechte Verunsicherungsstrategien

Jugendverbände und -ringe treten unmissverständlich für Demokratie und Menschenrechte ein. Deshalb werden sie von extremen Rechten als Feinde erkannt und bekämpft, bedroht und eingeschüchtert. Eine gezielte Verunsicherungsstrategie ist die Verbreitung des rechten Mythos, Jugendverbände hätten sich auch aufgrund ihrer Förderung durch öffentliche Mittel politisch neutral zu verhalten. Das widerspräche nicht nur dem Selbstverständnis der Jugendverbände, sondern ist ebenso schlicht falsch. Es gibt in eine Verpflichtung für staatliche Stellen, nicht unverhältnismäßig in den Wettbewerb der Parteien einzugreifen. Jugendverbände und -ringe als Teil der Zivilgesellschaft dagegen sind Träger von Grundrechten wie der Meinungsfreiheit und unterliegen gerade keinem Neutralitätsgebot. Auch das Gemeinnützigkeitsrecht gibt zwar Leitplanken vor, die es verbieten, einzelne Parteien gezielt zu unterstützen. Ein pauschales Verbot von (jugend)politischen Äußerungen geht damit aber nicht einher. Um diesen Mythen und Verunsicherungsstrategien gezielt etwas entgegenzusetzen und Jugendverbände und -ringe in ihrer Arbeit zu stärken, hat der Bundesjugendring kürzlich die Handreichung „Haltung statt Neutralität! - Zum Umgang mit rechtsextremen Anfeindungen der Jugendverbandsarbeit" veröffentlicht.

Jugendverbandsarbeit mit Haltung

Die beschriebenen Herausforderungen zeigen vor allem eines: zunehmend sind solche Verbände, Einrichtungen und Institutionen unter Druck, die junge Menschen bei der Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft unterstützen. Dies scheint kaum verwunderlich, denn rechtsextreme Parteien und ihre (Jugend)organisationen verfolgen eine Erziehungsdiktatur. Die Belange junger Menschen, ihr Anspruch, gestaltender Teil einer resilienten und demokratischen Gesellschaft zu sein, stehen deren Zielen entgegen. Gerade deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass Jugendverbände und Jugendringe genau das tun, was sie am besten können: Räume für demokratische Debatten, für den Austausch, die aktive Mitgestaltung von Gesellschaft und das Leben von Vielfalt und Diversität zu schaffen. Die DNA heißt also Haltung – eine Haltung gegen jede Vereinnahmung junger Menschen, eine Haltung gegen jede Form der Ausgrenzung und für eine Demokratie, die die bewusste Staatsferne der Jugend(verbands)arbeit als entscheidenden Aspekt einer unabhängigen und kritischen Jugend anerkennt und einer Haltung, die Jugendverbandsarbeit nicht nur auf das konkrete Tätigkeitsfeld eines Verbandes herunterbricht, sondern die einen Vertretungsanspruch für die Interessen junger Menschen wahrnimmt und sich als politischer Akteur versteht. Um diesen zentralen Aufgaben gerecht zu werden, bedarf es gerade in Zeiten, in den unsere Demokratie gefährdet scheint und in denen junge Menschen verstärkt Adultismus begegnen, einer Stärkung der Jugendverbandsarbeit auf einer finanziellen, strukturellen wie anerkennende Ebene, durch demokratischen Parteien und Verwaltung. Gleichzeitig muss Jugendverbandsarbeit selbst gerade aufgrund zunehmender Anfeindungen resilientere Strukturen aufbauen – der Schutz von Ehren- und Hauptamtlichen, die rechtssichere Gestaltung von Satzungen oder die Stärkung des eigenen Zivilgesellschaftlichen Netzwerkes sind nur einige Beispiele.

Bei aller Verunsicherung gilt es aber vor allem eines zu vermeiden: den Rückzug der Jugendverbandsarbeit aus dem politischen Raum. Jetzt erst Recht!


1 Position der DBJR-Vollversammlung „Werkstätten der Demokratie – politische Bildung von Jugendverbänden und Jugendringen stärken und schützen“ https://www.dbjr.de/artikel/politische-bildung-staerken-und-schuetzen 

2 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe

Dieser Beitrag stammt aus dem Fachmagazin beyond 01|2025 mit dem Fokusthema “Junge Zivilgesellschaft unter Druck”.

Hände halten einen fiktiven Pass, in den Namen politischer Gefangener eingestempelt sind
Über Demokratie und Menschenrechte

Internationale Jugendarbeit und jugendpolitische Zusammenarbeit versteht IJAB als Beitrag zur Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft und zur Förderung eines demokratischen Gemeinwesens.