IJAB: Bitte stelle dich kurz vor.
Tamar Jmukhadze: Mein Name ist Tamar Jmukhadze und ich bin 21 Jahre alt. Ich studiere Mathematik und Design an einer Universität in Georgien.
IJAB: Warum demonstrierst du auf den Straßen und was hat dich persönlich motiviert, an den Protesten teilzunehmen?
Tamar Jmukhadze: Die Demonstrationen begannen, nachdem sich die Regierung absichtlich von dem Ziel des Landes, EU-Mitglied zu werden, entfernt und damit ihre eigenen Werte verraten hatte. Dies äußerte sich in einer kontrollierten und illegalen Form der Aggression gegen Bürger*innen und Demonstrant*innen. Auch meine eigene Familie litt unter diesen repressiven Maßnahmen. Meine Mutter war Dozentin an der Staatlichen Universität Tbilissi. Letzten Sommer hat sie sich gegen die Einführung von Gesetzen auf „russischer“ Grundlage ausgesprochen; kurz darauf wurde sie entlassen, obwohl sie 18 Jahre lang an der Universität unterrichtet hatte. Ich wünsche mir für mein Land eine Zukunft, in der wir unsere Ideen und persönlichen Ziele frei und ohne Angst äußern können.
IJAB: Was sind die Hauptforderungen der jungen Demonstrant*innen?
Tamar Jmukhadze: Die jungen Demonstrant*innen fordern im Wesentlichen, dass die Regierung zurücktritt, dass neue, unabhängige und faire Wahlen abgehalten werden und dass unser Weg nach Europa nicht länger blockiert wird. Und natürlich fordern sie die Freilassung all jener, die unrechtmäßig verhaftet wurden.
IJAB: Wie reagiert die Regierung auf die Proteste? Gibt es Versuche, die Bewegung zu unterdrücken?
Tamar Jmukhadze: Die Regierung ergreift extreme Maßnahmen und wendet alle möglichen Methoden an, um die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken und die Menschen zu zwingen, überhaupt nicht mehr zu protestieren. Ihre Methoden reichen von der fristlosen Entlassung von Menschen aus ihren Arbeitsverhältnissen bis hin zur Schaffung von Gesetzen, die es ihnen ermöglichen, fast jede Person, die an einer Demonstration teilnimmt, mit einer Geldstrafe zu belegen, und das aus fast unglaublichen Gründen.
IJAB: Wie groß ist die Unterstützung in der Bevölkerung für die (proeuropäische) Bewegung?
Tamar Jmukhadze: Es gibt eine große Bewegung zur Unterstützung dieses Anliegens. Fast jeder, vor allem junge Menschen, wünscht sich verzweifelt europäische Werte und eine europäische Zukunft für ihr tägliches Leben.
IJAB: Gibt es junge Menschen in Georgien, die noch skeptisch gegenüber einer Annäherung an Europa sind? Warum, denkst du, ist das so?
Tamar Jmukhadze: Ja, leider. Ich glaube, das liegt an der Propaganda, die noch aus der Zeit der Sowjetunion stammt. Die Regierung nutzt dies, um ein Gefühl des Verlusts bestimmter Werte zu wecken, zum Beispiel der Religion oder georgischer Traditionen, und suggeriert, dass wir sie verlieren könnten, wenn wir uns Europa annähern.
IJAB: Was sind deine Hoffnungen und Erwartungen für Georgien in den nächsten Jahren?
Tamar Jmukhadze: Die Situation ist noch unentschieden, aber alles ist möglich. Einige Leute sind eher pessimistisch und warten auf eine Antwort der EU, die ein wenig mehr Unterstützung bietet. Ich denke, selbst wenn es uns gelingt, diese Regierung zu stürzen, wird es noch ein langer Weg sein, bis wir der EU beitreten können. Und doch bin ich in dieser Sache optimistisch.
IJAB: Vielen Dank.
