Ein Mann steht an einem Rednerpult und spricht. Ein Mann steht an einem Rednerpult und spricht.
Robert Helm-Pleuger von Eurodesk Deutschland
Coronavirus

Zwischen Hoffen und Bangen

Auslandsberatung in der Coronakrise

Eurodesk berät junge Menschen zu Auslandsaufenthalten in Europa und der Welt. Aber wozu kann man ihnen unter dem Eindruck der Coronakrise überhaupt noch raten? Und: Welche Risiken drohen Trägern – vor allem den kleineren – in der gegenwärtigen Situation? Wir haben mit Robert Helm-Pleuger von Eurodesk Deutschland gesprochen.

15.04.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Robert, melden sich überhaupt noch junge Leute bei Eurodesk, um sich zu Auslandsaufenthalten beraten zu lassen?

Robert Helm-Pleuger: Telefonisch läuft fast nichts, wir haben diese Beratungsform teilweise eingestellt, antworten aber auf Anfragen, die hinterlassen werden. Per E-Mail kommen weiterhin Anfragen, etwa 10 bis 20 am Tag. Die Verunsicherung ist natürlich riesig. Was wird aus meinem DiscoverEU-Ticket? Kann ich irgendwo noch einen Freiwilligendienst antreten? Gibt es überhaupt noch irgendetwas, das ich in diesem Jahr tun könnte?

ijab.de: Was ratet ihr jungen Menschen in dieser Situation?

Robert Helm-Pleuger: Wir sagen ihnen, geht den ganz normalen Weg und bewerbt euch auf Angebote. Aber: Seid flexibel! Schaut euch nach Alternativen um, denn ihr könnt nicht sicher sein, dass euer Lieblingsangebot tatsächlich stattfindet. Auch mit zeitlichen Verschiebungen müsst ihr rechnen. Zieht auch Angebote in Deutschland in Betracht, denn wir wissen nicht, wie es mit den Reisebeschränkungen weitergeht. In jedem Fall solltet Ihr euch die Stornierungsregeln des Anbieters genau anschauen.

ijab.de: Was geht denn überhaupt noch?

Robert Helm-Pleuger: Das einzige Angebot, von dem wir gehört haben, das es weiterläuft, ist die Mitarbeit auf Almen in der Schweiz. Die Almen gelten dort als „systemrelevant“. Man muss allerdings wegen der Einreisebestimmungen Kontakt mit den Bergbauern aufnehmen, denn auch für die Schweiz gelten Einreisebeschränkungen.
Manche bereits gestartete Formate laufen auch einfach weiter – bei Au-pair gibt es solche Beispiele. In einer ganzen Reihe von Fällen hat es sich als unnötig erwiesen, junge Leute wieder aus ihren Gastfamilien rauszuholen. Auch beim individuellen Schüleraustausch werden Einzelfallentscheidungen getroffen.

Über unser Netzwerk haben wir kürzlich eine Umfrage unter Trägern gestartet. Dabei hat sich gezeigt: Die meisten Träger haben die jungen Leute sofort zurückgeholt und Sicherheit an erste Stelle gesetzt. Diese Entscheidung war ganz sicher richtig. Für die kleinen Träger sind die Folgen allerdings hart. Wir befürchten, dass insbesondere viele kleinere Organisationen im kommenden Jahr nicht mehr da sein werden. Die Großen, die zudem noch in belastbare Netzwerke eingebunden sind, müssen sich weniger Sorgen machen.

ijab.de: Wie kann es nach der Coronakrise weitergehen? Wie kriegt man den internationalen Austausch wieder hochgefahren?

Robert Helm-Pleuger: Das hängt davon ab, welches Szenario sich durchsetzen wird. Vielleicht wirft uns die Coronakrise um 10 bis 15 Jahre zurück. Damals hatten wir 15 lokale Partner und haben mit ihnen gemeinsam weniger als 10.000 Beratungsgespräche durchgeführt – 2019 waren es 70.000. Das wäre dann der Super-GAU. Ob es so kommt, hängt von vielen Faktoren ab. Sollten viele Träger nicht über die Runden kommen, welche Angebote können jungen Menschen dann noch gemacht werden? Wie geht es mit den Förderprogrammen weiter? Wir versuchen unser Netzwerk zu unterstützen und Mut zu machen. Das trifft nicht nur auf die Träger zu, sondern auch auf die Jugendlichen. Wir sagen ihnen: „Irgendwann bekommt ihr wieder eure Chance. Vielleicht wird das nicht in diesem Jahr der Fall sein, aber gebt euren Traum von einem Auslandsaufenthalt nicht auf. Vielleicht wird er erst nach dem Studium oder der Ausbildung wahr werden, aber er wird wahr.“

ijab.de: Was können Dritte, beispielsweise Politik und Förderer jetzt tun?

Robert Helm-Pleuger: In Deutschland und Europa sind gigantische Rettungspakete geschnürt worden, um mit den Folgen der Coronakrise umgehen zu können. Das möchte ich überhaupt nicht kritisieren. Aber ich frage mich natürlich, ob damit nicht die Gefahr wächst, an bestimmten Stellen, die für den internationalen Austausch wichtig sind, zu sparen. Wird es wirklich noch eine Verdoppelung des Budgets bei der neuen Programmgeneration von Erasmus+ geben? Wird ein Programm wie DiscoverEU tatsächlich einfach so weitergehen? Die Verunsicherung ist groß.

ijab.de: Was brennt dir noch unter den Fingernägeln?

Robert Helm-Pleuger: Ich habe in den letzten Wochen ein paar Hoffnungsschimmer gesehen. Die Nutzung virtueller Formate klappt besser, als ich das vermutet habe. Es heißt oft, die persönliche Begegnung, die ja ein ganz zentraler Bestandteil im Austausch ist, komme dabei zu kurz. Das entspricht nicht meiner Beobachtung. Ein wichtiger Bestandteil von Tagungen ist das Get-together. Es ist die Gelegenheit sich kennen zu lernen und Gedanken jenseits der Tagesordnung zu entwickeln. Bei unserem letzten Online-Netzwerktreffen haben wir den Videokanal einfach am Ende noch eine Stunde offen gehalten. Das erlaubte den Blick in 40 Wohnzimmer in ganz Europa und war ganz wunderbar.
Wir haben jetzt unsere Mobilitätslotsen-Schulungen auf ein Online-Format umgestellt. Ich komme gerade vom ersten Versuch dazu und es hat gut geklappt. Das Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war durchweg positiv.
Irgendwann ist diese belastende Situation auch wieder vorbei. Es wird dann darum gehen, unsere Netzwerke wieder aufzubauen und vor allem, Jugendliche für den internationalen Austausch zu begeistern.

INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0
Dieses Werk ist lizenziert unter einer INT 4.0 – Namensnennung CC BY 4.0 Lizenz.
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