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Coronavirus

“Wir tauchten in die Geschichte ein”

Erfahrungen mit einem Online-Studiencamp

Vom 26.02. bis 12.03. hat Liliia Stepchenko an einem Online-Work- und Studycamp von SCI Deutschland mitgearbeitet. Beteiligt waren die Gedenkstätten Gestapokeller in Osnabrück und Augustaschacht in Ohrbeck sowie junge Menschen aus Deutschland, Russland und der Ukraine. Sie haben sich mit Zwangsarbeit während des 2. Weltkriegs beschäftigt. Liliia lässt uns an ihren Erfahrungen teilhaben und gibt Tipps für Online-Studiencamps.

06.04.2021 / Liliia Stepchenko

Wie kann man den Erfolg des Online-Projekts wiederholen? Meiner Meinung nach sollte man ein produktives Team und sehr motivierte Teilnehmer*innen haben, um eine positive Basis zu schaffen. Und ganz wichtig: Man sollte unbedingt gemeinsam Bananenbrot online zubereiten. Beim zweiten erfolgreichen Online-Work- und Studycamps "Female Perspectives on Police Brutality and Forced Labour in WWII" zusammen mit den Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht und SCI Deutschland war all das der Fall. Da die Projekttermine im Zeitraum vom 26.02 bis 12.03.2021 lagen, habe ich noch frische Eindrücke und Erfahrungen, die ich mit Ihnen teilen möchte.

Persönlich habe ich mich um die digitale Logistik gekümmert: Ich habe Zoom-Meetings gestartet, alle Break-Out-Räume betreut und mich als DJ versucht, wenn wir Pausen hatten. Außerdem habe ich alle Vorgespräche mit den Freiwilligen des Online-Workcamps vor dem Start des Projekts geführt und war technischer Support während der gesamten Dauer des Workcamps. Es war eine neue Rolle für mich, bei der ich mein Bestes gegeben habe, weil ich wollte, dass mein Team reibungslos arbeitet und mit der geplanten Zeit und den Aktivitäten Schritt halten kann. Außerdem übersetzte ich das Live-Interview mit einer Zeitzeugin der Zwangsarbeit und auch das war eine unvergessliche Erfahrung.

Eines der Highlight dieses Camps waren die Glückwünsche zu den Geburtstagen, unter denen auch meiner war. Ich bekam die wertvollsten Geschenke überhaupt – Bananenbrot per Post und ein nettes Video mit sehr süßen Wünschen von Freiwilligen. Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ein Päckchen mit einem leckeren Gebäck mich den Rest des Tages so glücklich und fröhlich machen und mich in Hochstimmung bringen würde. Ich denke, auch in diesen veränderten Zeiten können wir uns gegenseitig von Herzen kommende Geschenke machen – meins ist es, ein so tolles Team zu haben, mit dem es eine Ehre für mich ist, zusammenzuarbeiten.

Bevor ich das Feedback unserer Teilnehmer teile, möchte ich Sie mit auf eine Reise durch unser Online-Workcamp mitnehmen, damit Sie sich ein Bild davon machen können, wie das Workcamp ablief. Unsere Camp-Koordinatorin Nina hat Tagebuch geführt.

Ninas Tagebuch

Am Freitag, den 26. Februar, öffneten wir zum ersten Mal den Zoom-Link. Es ging los! Wir sahen viele Gesichter auf dem Bildschirm. Einige von ihnen waren neu für uns, einige waren schon bekannt. Wir begannen, mehr über dieses Online-Workcamp zu erfahren. Neue Aufgaben, neue Informationen, neue technische Möglichkeiten und Methoden. Wir lernten mehr über einander und über die Erfahrungen der anderen.

Samstag. Wir waren bereits vertraut mit der Prozedur des Eintritts in das Zoom-Meeting und mit den Gesichtern, die wir dort trafen. Wir hörten uns die Präsentation über SCI an. Danach spielten wir das Spiel "Lasst uns einander kennenlernen". Wir zogen von einem Raum zum anderen. Oder vielleicht auch nicht. Und später nach der Sitzung bekamen wir unsere erste Aufgabe, zum ersten Mal ein Interview zu hören.

Der Sonntag war ein freier Tag. Aber trotzdem waren wir mit den anderen im Chat verbunden und tauschten die Fotos aus, die um uns herum entstanden.

Montag, 1. März. Der Tag, an dem die Arbeit begann. Wir lernten, wie und warum Menschen in Zwangsarbeitslager kamen. Dann begann unsere Führung durch den Gestapokeller in Osnabrück und bald darauf waren wir im Arbeitserziehungslager Ohrbeck. Nach einer kurzen Pause haben wir gelernt, wie man Menschen interviewt und das haben wir dann selbst gemacht.

Am Dienstag sind wir tiefer in das Thema eingestiegen. Wir haben mehr Antworten bekommen, wie es Frauen in den Zwangsarbeitslagern ging. Wir sahen einen Teil eines Interviews mit einer Überlebenden, analysierten es und dann wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt, je nach unserer Aufgabe. Danach sprachen wir in einem Open Space miteinander.

Mittwoch, es war bereits der fünfte Tag des Camps, die Zeit verging wie im Flug. Man hörte, dass wir uns mehr Interaktion mit anderen wünschten, also waren wir jetzt ein Teil des Frage-Antwort-Spiels, indem wir von einem Zoom-Raum in einen anderen Zoom-Raum gingen und eine lustige Frage stellten, die von unserem Camp-Koordinator gestellt wurde.

Der Donnerstag wurde durch den ersten der Geburtstage eröffnet. Wir sangen, wünschten uns etwas Gutes und lachten viel. Auch an diesem Tag teilten wir nicht nur mit, was wir getan oder herausgefunden hatten, sondern kamen auch mit anderen Leuten in Kontakt, die versuchten, die Erinnerung an die Geschichte zu bewahren. Dabei waren wir nicht allein. Wir hörten Historikern zu und erfuhren, dass Interviews sogar Teil der laufenden Forschung sind. Dann entspannten wir uns nach diesem Tag und rochen unseren Lieblingsduft während der Reflexionssitzung. Und der Tag war noch nicht zu Ende. Nach der Hauptsitzung bereiteten wir eine Überraschungskarte für Karina vor.

Schließlich war es Freitag. Die erste Woche war fast vorbei. Wir gratulierten Karina, zeigten unsere Liebe und Freude. Wir bereiteten Fragen für das Interview mit einer Frau vor, die durch ein Zwangsarbeitslager gegangen war. Wir hatten zwei Tage frei, aber wir bekamen auch den Auftrag, eine Frauenvertretung in unserer Stadt zu finden. Der Tag war vorbei, aber wir trafen uns später mit anderen und kochten in Zoom Bananenbrot und spielten ein Quiz.

Es war Montag, der 8. März – ein perfekter Tag für das Thema, das wir gerade bearbeiteten. Wir haben uns ausgetauscht oder anderen zugehört, als sie zeigten, was sie gefunden hatten. Später verbanden wir uns mit unserem inneren Selbst, als wir unseren Biographie-Baum oder Lebensbaum zeichneten.

Dienstag. An diesem Tag trafen wir Antonina, die Zeitzeugin. Aber zuerst das Überraschungsvideo für Lili, wir hatten das Wochenende über daran gearbeitet. Und dann das Gespräch. Viele Fragen, viele Antworten, die noch mehr Fragen brachten.

Mittwoch. Wir teilten unsere Eindrücke über den Vortrag mit der Gruppe und arbeiteten dann gemeinsam an unserer Aufgabe. Danach war es Zeit für Open Space. Wir tauchten in die Geschichte ein und hörten uns Widerstandslieder an und gingen dann zurück in die Gegenwart und lernten ein Land kennen, aus dem einige Teilnehmer kamen.

Donnerstag. Der große Tag. Wir arbeiteten für diesen Tag, um zu sehen, wie alles zu einem Ganzen werden würde. Es gab Schwierigkeiten, aber wir haben es geschafft, alles fertigzustellen. Wir präsentierten Zeitleisten, erstellten drei Lebensbäume von drei Überlebenden.

Freitag. Es war der 12. März. Der letzte Camptag. Die Zeit ging so schnell vorbei. Wir machten die letzten Auswertungsrunden und begannen, die Abschiedsparty vorzubereiten, die mit einem Mafia-Spiel und Kostümen im Gangster-Stil sehr stimmungsvoll war.

Ein Online-Workcamp ist immer eine große Herausforderung, es erfordert viel Vorbereitung, aber es ist auch sehr lohnend. Als Teil des Gedenkstättenteams ist es unsere Aufgabe, die Teilnehmer*innen mit Informationen zu versorgen und sie durch die Aufgaben zu führen. So viele Informationen wir geben, so viel lernen wir auch immer von den Teilnehmer*innen. – wie Geschichte wahrgenommen wird, wie man in verschiedenen nationalen Kontexten gedenkt, wie neue Wege des Denkens, Arbeitens und des sozialen Miteinanders online aussehen.

Wie haben die Teilnehmer*innen das Studiencamp erlebt?

Ich hoffe, Ihnen hat unsere Reise durch das Online-Workcamp gefallen. Jetzt ist es höchste Zeit für das Feedback unserer Teilnehmer*innen!

Wenn ich zurückblicke, verstehe ich, wie viel Glück ich hatte, die Möglichkeit zu haben, an einem so tollen Projekt teilzunehmen. In drei Worten: Es war interessant (extrem!), produktiv und inspirierend! Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein digitales Camp für beide Seiten so nützlich sein kann; für die Teilnehmenden und die Organisation. So habe ich eine Menge Informationen über Zwangsarbeit und die weibliche Perspektive in Arbeitslagern während des Zweiten Weltkriegs gelernt, Informationen, die ich selbst nicht finden konnte. Außerdem haben wir viele praktische Dinge zum Thema Oral History gemacht. Für mich war es sehr nützlich, mein theoretisches Wissen über diese Methode in der Praxis anzuwenden. Dafür danke ich dem Team der Gedenkstätte Augustaschacht – ihr Wissen ist sehr wertvoll. Ich war froh, mit solchen Profis zu kommunizieren. Und natürlich bin ich dem SCI dankbar für die tolle Organisation des Projekts. Ich werde mich mit einem warmen Gefühl an dieses Camp erinnern. Vielen Dank!
Viktoriia

Als ich zum ersten Mal zum Camp kam, wusste ich nicht wirklich, was ich erwarten sollte, vor allem weil es online war. Ich wusste nur, dass das Thema kulturelles Gedächtnis und die Dinge, die mit den Menschen während des 2. Weltkriegs passiert sind, mich interessieren. Ich habe mehr als erwartet über die Gedenkstätte und die Zeitzeugen gelernt und wie man mit mündlichen Überlieferungen arbeitet. Diese Erfahrung war großartig, da sie mir geholfen hat, auch viel über mich selbst zu lernen. Danke, Rita, für den Biografiebaum-Workshop! :)
Andriana

Obwohl das Camp nicht offline stattfinden konnte, hatten wir zum Glück die Möglichkeit, ein Gespräch mit einer Camp-Überlebenden, Antonina Vasilijewna Sidoruk, zu führen. Das war eine unglaubliche Möglichkeit, von einer persönlichen Ebene aus das Leiden und die Härte eines Menschen zu sehen, der während des 2. Weltkriegs Zwangsarbeit geleistet hat. Eine andere Sache ist das Lernen über die Repräsentation von Frauen an öffentlichen Orten in verschiedenen Ländern. Das war die tollste Art, den Internationalen Frauentag zu verbringen!"
Yevheniia

Ich bin dankbar für so eine Gelegenheit, mich in einem neuen Bereich auszuprobieren, in dem ich noch nie war, mit Leuten aus meiner Heimat zu arbeiten (wir sind aus demselben Land und konnten uns natürlich nicht einfach auf der Straße treffen. Das Schicksal hat entschieden, dass wir uns hier kennenlernen sollen.
Maria

Ich habe in diesem Workcamp wirklich sehr viel gelernt. Ich habe den ganzen historischen Input mit großer Neugierde verfolgt und das Gefühl, an einem größeren Projekt zu arbeiten, hat mich motiviert, weitere Literatur zu lesen und mich wirklich in das Thema zu vertiefen.
Ich habe auch viel von den anderen Teammitgliedern gelernt, die ihr Wissen über Wegbereiterinnen in ihren Regionen geteilt und Einblicke in das kulturelle Erbe ihrer Orte gegeben haben.
Das Gespräch mit Antonina Sidoruk war auf einer persönlichen und emotionalen Ebene wirklich beeindruckend, aber auch durch so viele Details, die mich besser verstehen ließen, wie das Leben einer Zwangsarbeiterin und einer ukrainischen Frau in dieser Zeit aussah.
Das gemeinsame Backen von Bananenbrot hat Spaß gemacht, es fühlte sich an wie ein gemütlicher Abend mit einer netten Gruppe von Freunden, trotz unserer räumlichen Entfernung.
Marie-Lena

Ich bin dankbar für die Möglichkeit, an diesem Camp teilnehmen zu können!
Sonia

Es war mein erstes Studiencamp überhaupt. Am Anfang war ich nervös. Aber es lief gut und ich habe eine Menge gelernt. Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, an diesem Online-Studiencamp teilzunehmen und viele neue Leute kennenzulernen. Die Aufgaben wurden gleichmäßig auf alle Teilnehmenden verteilt. Die Energizer waren wirklich anregend. Ich habe viele neue Methoden gelernt. Bezogen auf den historischen Kontext wusste ich nicht, wie schwierig es für Zwangsarbeiter war, über ihre Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Außerdem lernte ich verschiedene Perspektiven auf historische Entwicklungen kennen.
Thomas

Themenschwerpunkt Coronavirus

Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.