Gruppenfoto mit jungen Menschen Gruppenfoto mit jungen Menschen
Youth Camp der Solidaritätsjugend Deutschlands und ihrer Partnerorganisationen 2019
Coronavirus

„Wir sind wie eine Familie“

Jugendbegegnung mit Tunesien geht weiter

Die Solidaritätsjugend Deutschlands und die tunesische NGO We Love Sousse haben seit 2015 eine Partnerschaft entwickelt. Kennengelernt haben sich die Partner auf der von IJAB 2015 veranstalteten mulitlateralen Konferenz an der Träger aus Marokko, Tunesien, Ägypten und Deutschland teilnahmen. Ein wichtiger Kernpunkt dieser langen Partnerschaft ist eine jährlich stattfindende Jugendbegegnung mit Partnern aus 12 Ländern. Während der Pandemie wurde sie auf ein Online-Format umgestellt. Jetzt hoffen die Beteiligten auf physische Begegnung im Sommer. IJAB hat mit Carolina Sachs, Emilia Schanz und Haifa Gharbi gesprochen.

19.05.2021 / Christian Herrmann

ijab.de: Carolina, Emilia, Haifa, die Solidaritätsjugend Deutschlands und We Love Sousse aus Tunesien haben seit einigen Jahren eine gewachsene Partnerschaft. Erzählt uns etwas darüber.

Haifa Gharbi: Die Partnerschaft entwickelte sich zwischen 2015 und 2017. Wir haben uns zum ersten Mal während der von IJAB organisierten Konferenz zum Jugendaustausch zwischen Nordafrika und Deutschland im November 2015 in Bonn getroffen. Dann tauschten wir Besuche in Frankfurt und Tunis aus. 2017 haben wir dann zum ersten Mal am Camp der Solidaritätsjugend teilgenommen. Wir haben uns also Zeit gelassen, um die Partnerschaft zu entwickeln. Als wir beim ersten Camp dabei waren, sind wir nicht direkt mit einer ganzen Gruppe gekommen, sondern haben nur zwei Teilnehmer*innen zum Beobachten und Lernen geschickt. Im nächsten Jahr führten diese beiden Teilnehmer*innen unsere erste tunesische Gruppe zum Camp nach Deutschland. Das allein war schon ein erster Erfolg. In diesem Jahr wollen wir zum 5. Mal an einem Camp mit der Solijugend teilnehmen.

ijab.de: Mit welchen Themen setzt ihr euch bei den Camps auseinander?

Carolina Sachs: Unsere internationalen Jugendbegegnungen, die Youth Camps, veranstalten wir jetzt schon seit 57 Jahren, alljährlich sind etwa 250 junge Menschen aus einem Dutzend Länder dabei. Wir beschäftigen uns mit Themen wie Rassismus, Diskriminierung oder Nationalismus. Dinge, die in den letzten Jahren leider zugenommen haben, und denen wir etwas entgegensetzen möchten. 2019, als das Camp zum letzten Mal als physische Begegnung stattfinden konnte, haben wir uns mit Biografiearbeit beschäftigt. Wie haben unsere Eltern und Großeltern gelebt, wo sind sie geboren und was haben sie erlebt? Man stellt dann schnell fest, dass wir schon immer eine vielfältige Gesellschaft gewesen sind. Wir freuen uns sehr mit so engagierten Partnern wie „We love Sousse“ auf Augenhöhe zusammenarbeiten und gemeinsame Aktivitäten planen zu können. Das hat das Camp letztes Jahr unheimlich bereichert. Momentan planen wir auch eine Intensivierung unserer Partnerschaft.

Haifa Gharbi: Um uns auf das Camp vorzubereiten, denken wir immer darüber nach, mit welchen Themen wir uns beschäftigen sollten und versuchen, Dinge vorwegzunehmen. Als wir uns zum Beispiel zum ersten Mal mit unseren Partnern aus Algerien, Marokko und der Türkei während der von der Solijugend organisierten Nordafrika-Konferenz 2017 trafen, sprachen wir über Erwartungen und Hindernisse und machten ein Brainstorming zu möglichen Themen, die während des Camps behandelt werden sollten – Demokratie, soziale Medien, etc.. Es war eine gute Gelegenheit, nicht nur das Programm des Camps zu besprechen, sondern auch sicherzustellen, dass die Partner schnell miteinander in Kontakt kommen und durch Eisbrecher, Workshops und Speed-Dating-Aktivitäten Hemmungen überwinden.

Emilia Schanz: Über das Jahr betrachtet, ist unser internationales Camp für die Solidaritätsjugend ein zentrales Ereignis. Ganz viele andere Aktivitäten docken unmittelbar an das Camp an.

Haifa Gharbi: Das ist auch bei uns der Fall. Über das Camp hinaus planen wir zukünftige gemeinsame Aktivitäten, wir freuen uns darauf, in Kontakt zu bleiben und uns gegenseitig über mögliche Chancen und Zukunftsperspektiven zu informieren. So wissen wir recht gut, was für junge Menschen in Deutschland gerade wichtig ist.

„Das Online-Camp hat uns sehr geholfen, den Mut nicht zu verlieren“

Carolina Sachs: Im letzten Jahr musste das Camp aufgrund von Corona und den damit verbundenen Maßnahmen erstmals online stattfinden. Aber fünf Tage lang, konnten alle unsere Partner mit dabei sein und mit uns neue Ideen und Methoden ausprobieren. Wir haben gemeinsam gekocht und es gab sogar eine Modenschau. Finanziert wurde das über den Kinder- und Jugendplan des Bundes und das Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch – Tandem.

Haifa Gharbi: Ja, das Online-Camp hat uns sehr geholfen, den Mut nicht zu verlieren und positiv zu bleiben. Wir waren von Anfang an dabei, wir haben daran geglaubt, dass wir es trotz der Umstände schaffen können. Durch die Zusammenarbeit mit der Solijugend fühlten wir uns sicherer, was unseren Beitrag angeht. Wir hatten das Gefühl, nicht nur Partner, sondern eine Familie zu sein. Wir bereiteten viele Aktivitäten für das Camp vor, wie z.B. Kochen, Workout und Mediationen, um nur einige zu nennen. Wir hatten auch Spaß daran, ein Video über die Stadt Sousse zu drehen und vorzuführen, in dem wir unsere Stadt präsentierten. Wir zeigten das Video während der Abschlusszeremonie. Außerdem ermöglichte das Camp unseren Jugendlichen, Sessions zu leiten, zu organisieren und eine Modenschau in englischer Sprache zu beschreiben, was für einige von ihnen schon eine große Leistung war. Insgesamt hat das Camp eine positive Botschaft ausgestrahlt, wir hatten viel Spaß zusammen. Wir sind wirklich wie eine Familie. Neben dem Online-Camp starteten wir auch eine digitale Kampagne in den sozialen Medien, die unter dem Hashtag soli4ever für Solidarität warb. Die Aktivität bestand darin, Bilder von ehemaligen Teilnehmern des Camps zu teilen und/oder Fotos oder Videos zu schicken, um Solidarität zu zeigen und eine Botschaft der Hoffnung in Zeiten von Krisen zu senden. Die Kampagne zeigte die Kreativität der Mitglieder und hatte eine aufmunternde Wirkung auf sie.

Carolina Sachs: Wir hatten auch ein bisschen Austausch zwischen den Generationen. Ein paar unserer früheren Camp-Teilnehmer*innen haben vorbeigeschaut und Fotos von vor 30, 40 Jahren gezeigt. Damals herrschte noch der Kalte Krieg. Natürlich haben wir auch darüber gesprochen, wie wir uns während der Pandemie und des Lockdowns fühlen.

ijab.de: Viele internationale Partner und natürlich auch junge Menschen hier in Deutschland beschreiben ein Gefühl der Isolation und Vereinsamung. Was ist eure Erfahrung?

Haifa Gharbi: Ich denke, dass es wichtig war, dass das Camp nicht ausschließlich online stattgefunden hat, sondern zumindest Treffen vor Ort ermöglicht hat. Die jungen Menschen haben nicht ausschließlich vor dem Computer gesessen. Wir haben uns in unserem Büro getroffen und dort gemeinsam etwas unternommen.

Carolina Sachs: Ja, wir haben Referent*innen vom Chaos Computer Club und Extinction Rebellion eingeladen und kamen mit den Jugendlichen über alternative Lebensstile ins Gespräch. Für die älteren Jugendlichen gab es auch einen Workshop zu einem Horrorfilm aus Tunesien, der sehr spannende Themen enthielt.

Haifa Gharbi: Das war wirklich sehr lebendig. Wir hatten eine Abschlussveranstaltung am Strand, bei der viel gelacht und getanzt wurde. Das Camp ist wirklich zu uns gekommen.

Carolina Sachs: Da ist schon die ein oder andere Träne geflossen.

„Wir lernen alle dazu“

ijab.de: Hattet ihr technische Schwierigkeiten zu überwinden, zum Beispiel, was die Bandbreite des Internetzugangs angeht?

Haifa Gharbi: Natürlich gab es technische Probleme, aber wir haben sie alle pünktlich gelöst. Die Internetverbindung ist in Tunesien in den letzten Jahren deutlich besser geworden – damit haben wir keine Schwierigkeiten gehabt.

Carolina Sachs: Wir hatten teilweise auch Schwierigkeiten – auch weil es unsere erste Erfahrung mit einer großen Online-Veranstaltung war. Im Keller unserer Geschäftsstelle in Offenbach hatten wir ein Studio aufgebaut. Unsere Dolmetscher*innen saßen überall auf der Welt verteilt, u. a. in Palästina und Tschechien. Es ist toll, dass diese Kooperation ohne Reisen und Visa möglich war. Dennoch gab es Herausforderungen. Beispielsweise war es für viele Sprachmittler*innen schwer auf einmal online übersetzen zu müssen. Der Druck war da. Und wir mussten die unterschiedlichen Zeitzonen berücksichtigen. Was ist die beste Zeit für ein Treffen, damit möglichst viele dabei sein können?

Emilia Schanz: Einmal ist die Übersetzung komplett ausgefallen.

Carolina Sachs: Unsere Sprachanimateur*innen hatten keine Erfahrung mit einer Situation, in der sie nicht im selben Raum mit allen anderen sind. Die Dolmetscher*innen waren nach einer Stunde völlig erledigt. Wenn es für Profis schon so schwer ist, konzentriert zu bleiben, darf man sich nicht wundern, dass das bei jungen Menschen nicht anders ist. Wir mussten täglich Sprachanimateur*innen für die Übersetzung in sechs Sprachen koordinieren.

Haifa Gharbi: Für einige unserer jungen Leute war es schwierig, um 9 Uhr bei uns im Büro zu sein. In den Sommerferien wachen sie selten früh auf, so dass es eine kleine Herausforderung war, alle pünktlich bereit zu bekommen.

Carolina Sachs: Oh, das tut mir leid!

Haifa Gharbi: Das macht nichts, das war ganz gut für sie. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, das Camp nicht über fünf, sondern nur über drei Tage gehen zu lassen.

Carolina Sachs: Ja, das haben wir auch aus den Rückmeldungen mitgenommen. Das war eindeutig zu lang und nicht jede*r konnte durchgängig teilnehmen aufgrund von Schule, Studium und Arbeit. Das Arbeit mit Zoom, Padlet und Discord hat meistens gut funktioniert. Wenn man mit mehr Tools arbeitet, zersplittert die Kommunikation. Aber vielleicht hätten wir mehr Raum für Treffen ohne Programm anbieten sollen.

Haifa Gharbi: Wir lernen alle dazu. Ich wusste zum Beispiel nicht, was ein World Café ist, bevor ich mich während der letzten Camps damit beschäftigt habe. Ich musste es selbst herausfinden und dann meine Freiwilligen darauf vorbereiten, daran teilzunehmen. Ich hatte auch noch nie mit den Breakout-Rooms bei Zoom gearbeitet, aber ich habe gelernt, wie praktisch sie sind, wenn es um Workshops geht oder um die Durchführung von Englisch-Club-Sitzungen bei We Love Sousse. Ich denke, das ist es, worum es beim Camp geht: voneinander zu lernen und zu versuchen, Erfahrungen und Soft Skills auszutauschen.

Emilia Schanz: Ich bin ja erst seit November bei der Solijugend, aber das Jugendlager muss etwas ganz Besonderes sein, wie mir von Ehrenamtlichen und Partnern berichtet wurde. Ich bin schon sehr gespannt dieses Jahr mein erstes Camp zu planen und zu erleben. In welcher Form auch immer.

„Ich möchte im Moment wirklich nicht 16 sein“

ijab.de: Wann glaubt ihr, dass physischer Austausch wieder möglich ist?

Carolina Sachs: Wir hoffen auf Juli und August. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt, aber wir hoffen wirklich. Demnächst müssen wir die Einladungen verschicken und haben uns noch nicht entschieden, wie das Camp in diesem Jahr aussehen soll.

Emilia Schanz: Wir haben verschiedene Optionen. Eine davon ist, die Gruppengröße auf 100 zu verkleinern. Dann käme auch eine Jugendherberge oder eine Jugendbildungsstätte als Standort in Frage und wir hätten bessere Voraussetzungen für Hygieneregeln – bisher sind wir immer in Schulen untergebracht gewesen. Eine weitere Option ist ein hybrides Camp, bei dem sich die nationalen Gruppen physisch vor Ort treffen und dann das Ganze virtuell zusammengeführt wird.

Carolina Sachs: Wir wissen es tatsächlich noch nicht. Auch die Jugendherbergen und Jugendbildungsstätten haben in der gegenwärtigen Situation Schwierigkeiten. Irgendwann brauchen wir einen Notfallplan.

Emilia Schanz: Die letzte Option ist, das Camp ausschließlich online stattfinden zu lassen.

Carolina Sachs: Das versuchen wir nach Möglichkeit zu vermeiden. Ich möchte im Moment wirklich nicht 16 sein. Keine Partys, Pubertät und den ganzen Tag im Haushalt der Eltern. Es ist jetzt wichtig, dass wir etwas tun, etwas ausprobieren.

Emilia Schanz: Natürlich brauchen wir dafür ein ordentliches Konzept. Aber eins ist doch auch wahr: Junge Menschen treffen sich sowieso – Lockdown hin oder her. Da ist es doch besser den Rahmen eines Camps mit guten Hygieneregeln zu haben.

Carolina Sachs: Ja, und eine Stimme müssen wir ihnen auch wieder geben. Das ständige allein zuhause hocken und aufs Handy oder den Laptop starren fördert allenfalls Radikalisierung und Verschwörungstheorien.

Themenschwerpunkt Coronavirus

Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.