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Coronavirus

„Wir sind weiter optimistisch“

Interview mit IJAB-Direktorin Marie-Luise Dreber

Deutschland öffnet sich nach dem Shutdown in vielen Bereichen immer mehr. Aber Vieles ist auf lange Sicht noch schwer berechenbar - dazu zählt auch der internationale Jugendaustausch. Marie-Luise Dreber, Direktorin von IJAB, sprach am 4. Juni 2020 mit dem Pressenetzwerk für Jugendthemen und ging dabei auch auf das neue Konjunkturpaket ein.

05.06.2020 / Jörg Wild, Pressenetzwerk für Jugendthemen

Das Interview mit Marie-Luise Dreber ist Teil einer Artikel- und Interviewserie des Pressenetzwerks für Jugendthemen zum Thema Jugend im Shutdown. Die Inhalte der Serie dürfen unter bestimmten Bedingungen von Dritten übernommen werden. Danke für diese Initiative!

Jörg Wild: Der Internationale Jugendaustausch ist durch Corona zumindest in den persönlichen Begegnungen zusammengebrochen. In wieweit berührt dieser Zustand den IJAB? Sind oder waren Ihre Kolleginnen und Kollegen in Kurzarbeit, oder sind sie durch die Krise mehr gefordert denn je?

Marie-Luise Dreber: Wir als Geschäftsstelle erhalten eine Förderung des Bundesjugendministeriums und sind nicht in Kurzarbeit. Allerdings können zurzeit viele Aktivitäten nicht wie geplant umgesetzt werden. Einzelne Maßnahmen – vor allem die bilateralen Programme – müssen verschoben werden. Einen großen Teil der Veranstaltungen versuchen wir aber so weit wie möglich digital umzusetzen.

Jörg Wild: Sie haben eine Umfrage unter den Akteuren des Internationalen Jugendaustausches durchgeführt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Marie-Luise Dreber: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der größte Teil des internationalen Jugendaustausches zum Erliegen gekommen ist. Vor allem die internationalen Begegnungen sind abgesagt oder verschoben worden. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Freiwilligen, Schülerinnen und Schülern sowie Au-pairs, die im Ausland geblieben sind und auch junge Menschen aus dem Ausland, die hier bei uns in Deutschland geblieben sind. Und wir merken, dass es schwer ist realistisch zu planen, weil viele Rahmenbedingungen für die nächsten Monate sowohl im Inland als auch im Ausland noch nicht abzusehen sind. Es gibt also für alle noch viele Unsicherheiten. Und darüber hinaus bedeutet der physische Stillstand im Jugendaustausch für eine Reihe von Trägern  auch eine echte Existenzfrage, wenn es in der nächsten Zeit für sie keine Unterstützung der Strukturen gibt.

Jörg Wild: Da sind wir schon bei der nächsten Frage: Womit halten sich Organisationen zurzeit über Wasser, für die der Internationale Jugendaustausch das Kerngeschäft ist?

Marie-Luise Dreber: Das ist in der Tat ein großes Problem. Solange die Programme noch laufen, die von den jeweiligen Fördergebern finanziell unterstützt werden, geht es noch, aber was danach kommt, ist ungewiss. Aber es gibt auch gemeinnützige Träger, die bisher keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten. Viele Träger werben deshalb ganz gezielt Spenden ein oder wenden sich an Stiftungen. Allerdings sind heute die Maßnahmen im Rahmen des Konjunkturpakets der Bundesregierung bekannt gegeben worden. Dort sind nun Unterstützungsleistungen für die gemeinnützigen Träger und explizit für die Träger des internationalen Jugendaustauschs genannt. Nun hoffen wir, dass damit die größten Finanzprobleme überwunden werden können.

IJAB wird Ende Juni 2020 eine zweite Umfrage starten, die mehr auf die Perspektiven der Internationalen Jugendarbeit und den Erhalt der Trägerstrukturen eingehen wird. Und es soll im September ein weiteres Online-Forum mit den Trägern geben, um die Ergebnisse der zweiten Umfrage mit den zu ziehenden Schlussfolgerungen zu diskutieren. Wichtig ist auch, den politischen Dialog weiter aufrechterhalten, damit unser Arbeitsfeld die notwendige finanzielle und politische Unterstützung erhält. Denn es geht ja vor allem um die Idee, die hinter dem internationalen Jugendaustausch steckt. Und diese Idee ist nach Monaten nationaler Abschottung wichtiger denn je: Für Toleranz und Vielfalt werben und jungen Menschen die Chance geben, andere Perspektiven, Weltanschauungen und Länder kennenzulernen, sich damit auseinanderzusetzen und Teilhabe und gesellschaftliches Engagement in einer globalen Welt zu ermöglichen.

Jörg Wild: Wann laufen die internationalen Programme wieder an?

Marie-Luise Dreber: Wir sind weiter optimistisch und hoffen, dass im Herbst einiges wieder anlaufen kann. Vieles hängt von den Einreise- und Aufenthaltsbedingungen im jeweiligen Land ab und natürlich von den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes.

Jörg Wild: Welche Hilfen bietet IJAB zurzeit den Akteuren des Internationalen Jugendaustausches?

Marie-Luise Dreber: Wir informieren vor allem über unsere Website, über unseren Newsletter und über die sozialen Medien über alles, was zurzeit  an Informationen für die Internationale Jugendarbeit relevant ist. Dazu gehören Unterstützungsleistungen der öffentlichen Hand und der Fördergeber, wichtige Rettungsschirme, Verordnungen der Bundesländer, Informationen zur Situation in den Partnerländern und Hinweise zur Nutzung digitaler Tools für den virtuellen Austausch. Gerade Letzteres ist wichtig, um den Kontakt zum ausländischen Partner auch in Corona-Zeiten zu halten. Darüber hinaus führen wir regelmäßig Interviews mit ausländischen Partnern durch – diese werden als Livestream über Facebook gesendet und sind auch über Youtube abrufbar. Wir wollen damit mehr über die Situation junger Menschen in anderen Ländern erfahren, insbesondere auch zur Situation  der Zivilgesellschaft  – und damit auch den Partnern. Weiter bieten wir Plattformen für Austausch und Vernetzung, Unterstützung bei der digitalen sprachlichen Verständigung, d. h. wie kann z. B. eine Simultanübersetzung bei virtuellen Treffen eingesetzt werden, oder wie funktioniert Sprachanimation über die digitalen Medien. Und natürlich machen wir auch politische Lobbyarbeit.

Jörg Wild: Wo liegen bei den internationalen Partnern die größten Probleme? Brechen dort ganze Strukturen zusammen? Oder sind die Partner womöglich krisenerprobter als wir und deshalb überlebensfähiger?

Marie-Luise Dreber: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Das hängt von den jeweiligen Strukturen vor Ort ab, und die sind in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich. Wir beobachten aber, dass gerade jetzt während der Corona-Pandemie die Mitsprache der Zivilgesellschaft sehr eingeschränkt ist. Dazu gehören auch die fehlenden Mitsprachemöglichkeiten von jungen Menschen bei den Bestimmungen für die sich langsam wieder öffnende Jugendarbeit.

Jörg Wild: Was ist in den nächsten Wochen und Monaten besonders wichtig für eine Wiederbelebung des Internationalen Jugendaustausches?

Marie-Luise Dreber: Wir müssen wieder ganz bewusst werben für den Austausch. Viele Jugendliche und vor allem ihre Eltern sind sicher sehr vorsichtig geworden. Hierfür haben wir eine bundesweite Kampagne geplant, an der sich viele Träger beteiligen werden. Wir müssen aber auch mehr Fachkräfte mobilisieren und qualifizieren, um mit jungen Menschen internationale Austauschprogramme zu planen und durchzuführen. Dafür brauchen wir neben finanzieller Förderung  auch die notwendige politische Unterstützung, um allen jungen Menschen Zugang zu internationalem Jugendaustausch zu ermöglichen.

Jörg Wild: Welche Perspektiven sehen Sie: Wird es nach der Krise mehr Geld für den internationalen Jugendaustausch geben, um neue Impulse zu ermöglichen? Oder wird das Geld für diese Form der Jugendarbeit gekürzt, weil die Staatsfinanzen an allen Ecken und Enden angezapft werden.

Marie-Luise Dreber: Ja, wenn ich das schon wüsste. Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass mehr Geld für den internationalen Austausch bereitgestellt wird, denn wir hatten ja schon vor Corona eine riesige Lücke. Schon jetzt konnten längst nicht alle förderfähigen Anträge für Austauschprogramme bedient werden. Nach Monaten geschlossener Grenzen  müssen wir jetzt noch mehr für Austausch und Verständigung weltweit werben .

Themenschwerpunkt Coronavirus

Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.