Mariana Turcan Mariana Turcan
Mariana Turcan, Creative Development Association
Coronavirus

„Wir lassen viele zurück“

In Moldawien leidet die Jugendarbeit

Kein Geld für Laptops, schwache Internetanbindung, Lehrer, die mit der neuen Technik nicht umgehen können. In der Republik Moldau sind Online-Angebote in der Coronakrise nur bedingt einsetzbar, sagt Mariana Turcan von der NGO „Creative Development Association“ im Interview mit IJAB. Und: Die Regierung tut noch nicht genug, um Bildungsangebote aufrechtzuerhalten.

19.08.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Frau Turcan, Ihre NGO heißt „Asociatia pentru Dezvoltare Creativa – Creative Development Association“. Was genau machen Sie?

Mariana Turcan: Wir arbeiten hauptsächlich mit jungen Menschen und sozial verwundbaren Gruppen. Wir führen non-formale Bildungsangebote durch – beispielsweise eine Summer School, an der wir gerade beteiligt sind –, bieten mithilfe von Erasmus+ Trainings und Jugendaustausche an und haben ein Alumni-Netzwerk, bei dem es darum geht, wie junge Menschen ihre Auslandserfahrungen wieder in die moldauische Gesellschaft einbringen können. Unsere Themen sind zum Beispiel Sozialer Zusammenhalt, Freiwilligkeit, Menschenrechte und Aktive Bürgerschaft. Außerdem beschäftigen wir uns mit Jugendpolitik und der Frage, wie Jugendarbeit in der Republik Moldau implementiert werden kann. Wir arbeiten auch mit anderen Altersgruppen, aber junge Menschen sind der Schwerpunkt.

ijab.de: Wie ist die Situation während der Corona-Pandemie im Lande?

Mariana Turcan: Die Epidemie begann im März, inzwischen haben sich etwa 30.000 Menschen infiziert. Zu Beginn hatten die Menschen Angst, jetzt fürchten sie das Virus weniger. Wir hören hier eine Menge Verschwörungstheorien und Falschinformationen, es mangelt an Gesundheitsbildung. Die Signale der Politik sind widersprüchlich. Wir werden dazu aufgefordert Gesichtsmasken zu tragen, aber unsere Politiker treten in der Öffentlichkeit ohne Masken auf. Sie sagen etwas und tun das Gegenteil. Im Bildungsbereich ist es dasselbe.

ijab.de: Glauben die Menschen den offiziellen Statistiken? In vielen Ländern ist das ja nicht der Fall.

Mariana Turcan: Es ist offensichtlich, dass zu wenig getestet wird, aber viele Menschen glauben, dass die Zahlen der Statistik viel zu hoch sind und nur dazu dienen, ihnen Angst zu machen. Das hat inzwischen absurde Züge angenommen. Es gibt Gerüchte, dass Familien Geld erhalten, wenn sie Angehörige als infiziert melden. Sogar wie viel gezahlt wird, glauben diese Leute zu wissen. Von 1.000 Euro und mehr ist die Rede – ziemlich viel Geld für moldauische Verhältnisse. Keines dieser Gerüchte ist bestätigt worden.

ijab.de: Wie wirkt sich die Epidemie auf die jungen Leute aus?

Mariana Turcan: Die Schülerinnen und Schüler bleiben zu Hause und lernen online – zumindest theoretisch ist das so. Viele Familien haben kein Geld für Laptops oder Smartphones und auch nicht für Internetzugänge. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Republik Moldau gute Internetzugänge und Netzabdeckung hat, sind die Internetzugänge In den ländlichen Regionen schwach. Viele Lehrkräfte haben keine Ahnung, wie sie online unterrichten können. Sie schicken den Schülerinnen und Schülern SMS oder Viber-Nachrichten mit Hinweisen, welches Kapitel sie im Lehrbuch durcharbeiten sollen. Von Zoom, Google Classroom und anderen Apps haben sie gehört, aber sie können sie nicht anwenden. Wir bieten daher Trainings an, welche App man sinnvoll für was nutzen kann.

Nun zur Jugendarbeit. Alle internationalen Aktivitäten sind wegen der Reisebeschränkungen eingestellt. Die Jugendzentren sind geöffnet, aber es darf sich nur eine beschränkte Anzahl von Personen im selben Raum aufhalten. Auch einige Eltern lassen ihre Kinder nicht gerne nach draußen in den öffentlichen Raum. Manche Aktivitäten könnte man online anbieten, aber die Jugendarbeiter haben keine Erfahrung damit und sind noch dabei, viel zu lernen und das neue Wissen in der Praxis anzuwenden. Die Hilfsangebote für Familien sind stark eingeschränkt, die Folge ist häusliche Gewalt und es fehlt sogar an warmen Mahlzeiten für ärmere Familien. Aus Mangel an Ressourcen werden viele Menschen abgehängt.

Was unsere eigene Arbeit betrifft: Wir haben im Mai, als wir noch hoffen konnten, Präsenzveranstaltungen durchzuführen, Mittel für eine unserer jährlichen Summer Schools beantragt. Als eigenen Posten hatten wir die Sicherheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgewiesen – also Gesichtsmasken, Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel. Ausgerechnet dieser Posten ist nicht bewilligt worden. Das ist der doppelte Standard unserer Regierung: Einerseits fordert man uns auf, uns zu schützen, streicht dann aber den Schutz aus dem Antrag. Wir haben uns dann dazu entschlossen, die Veranstaltung online durchzuführen. Das hat auch gut funktioniert, aber es ist uns klar, dass wir unter den hier herrschenden Bedingungen eben nicht diejenigen erreichen, die solche Bildungsangebote am dringendsten brauchen.

ijab.de: Bieten Sie inzwischen wieder Präsenzveranstaltungen an?

Mariana Turcan: Ja, das tun wir. Im Augenblick führen wir ein Training zu Menschenrechten mit Mitteln des Europarats durch. Wir versuchen dabei, uns und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so gut es geht zu schützen: So viel wie möglich findet draußen statt, wir benutzen Masken, Desinfektionsmittel und prüfen, ob jemand Fieber hat. Wir werden dabei vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA unterstützt. Es fühlt sich schon fast wie die Rückkehr zur Normalität an.

Themenschwerpunkt Coronavirus

Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.