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Coronavirus

Raus aus der Schockstarre

djo – Deutsche Jugend in Europa startet Kampagne

Trotz erster Lockerungen des Shutdowns ist der Jugendaustausch weit von der früheren Normalität entfernt. Jetzt wird Kreativität benötigt, eine Anpassung der Förderrichtlinien an die neue Realität und Kontinuität im Kontakt zu den internationalen Partnern. Dazu hat sich die djo - Deutsche Jugend in Europa etwas einfallen lassen. IJAB hat mit Johanna Heil über die Kampagne #stayincontact gesprochen.

03.07.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Frau Heil, wie geht es Ihren internationalen Partnern?

Johanna Heil: Als Zusammenschluss von Migrantenselbstorganisationen haben unsere Mitglieder vor allem mit Osteuropa Austausch. Viele unserer dortigen Partner sind immer noch wie eingefroren nach der ersten Schockstarre, die durch die Corona-Pandemie verursacht wurde. Einige sehen aber auch Vorteile. Eine Kollegin aus Kirgistan sagte zum Beispiel, dass sie – seit sich ihre Organisation auf Online-Angebote verlegt hat – viel mehr anbieten könne, da jede einzelne Maßnahme mit geringeren Kosten verbunden ist. Das funktioniert wahrscheinlich auch deshalb so gut, weil die Jugendlichen während des Lockdowns ohnehin sehr viel Zeit im Internet verbringen. Aber es fehlt natürlich das Persönliche und die Stimmung, die vielen kleinen Dinge, die man erlebt, wenn man zum Beispiel einen Kaffee zusammen trinken geht oder abends zusammensitzt.

ijab.de: In Deutschland sind wir Dank der öffentlichen Förderung vergleichsweise gut abgesichert. Wie sieht es in den Partnerländern aus?

Johanna Heil: Unsere Partner machen sich natürlich Gedanken und fragen sich, ob ihre Regierungen ihnen helfen werden. Einige hatten es ja aufgrund geringer oder gar nicht vorhandener Förderung schon vor Corona schwer, jetzt erleben sie eine Zeit großer Unsicherheit. Ich denke, dass wir da in der Verantwortung stehen. Im Kinder- und Jugendplan haben wir ja das Gastgeberprinzip. Das heißt: Wer einlädt, trägt auch die Kosten. Wir müssen solche Förderrichtlinien der neuen Realität anpassen.

ijab.de: Gibt es auch Partner, die existentiell bedroht sind?

Johanna Heil: Ich mache mir nicht so sehr Sorgen um die Großen. In Russland führen wir zum Beispiel viele Austausche mit dem Jugendring der Russlanddeutschen durch. Die werden die Krise überstehen. Ernste Probleme haben eher die Kleinen – Jugendzentren zum Beispiel. Oft sind das Kooperationen, die wir uns erst in den letzten Jahren erarbeitet haben und die nun zu zerbrechen drohen. Natürlich sind auch die Jugendlichen betroffen, die bisher an unseren Austauschen teilgenommen haben. Viele Eltern wissen nicht mehr, woher sie das Geld für Teilnahmebeiträge nehmen sollen.

ijab.de: Sie planen eine Kampagne, um auf die Situation der Partner aufmerksam zu machen. Wie sieht die Kampagne aus?

Johanna Heil: Die Kampagne heißt #stayincontact und besteht aus unterschiedlichen Teilen. Wir haben eine Postkarte, weil wir denken, es ist auch mal schön, per Brief miteinander in Kontakt zu bleiben. Die kann man bei uns bestellen oder von unserer Webseite herunterladen. Aus Videobotschaften von unseren Partnerorganisationen im Ausland ist ein Film zur Kampagne entstanden. Außerdem haben wir unsere Mitgliedsorganisationen ermutigt mit ihren Austauschpartnern online in Aktion zu treten und uns darüber zu berichten. So können alle nachvollziehen, wie es den Partnern geht und es ist eben auch ein Beitrag dazu, miteinander in Kontakt zu bleiben. Wir haben uns vorgenommen, alle zwei Tage etwas aus diesen Treffen zu posten.

ijab.de: Welche Wirkungen erhoffen Sie sich von der Kampagne?

Johanna Heil: Wir wollen uns aus der Schockstarre befreien. Auch wenn wir jetzt nicht oder nur sehr eingeschränkt reisen können, gibt es viel, das wir gemeinsam machen können. Die digitalen Mittel sind dafür vorhanden und können für kreative Angebote genutzt werden. Mit Zoom kann man zum Beispiel einen Theaterworkshop durchführen. Wir wollen Motivation schaffen und Lust darauf, Neues auszuprobieren.

Wir haben aber auch die Fördermittelgeber im Blick. Wir müssen uns alle fragen, was die durch die Corona-Pandemie bedingten Einschränkungen mit der Gesellschaft machen. Geschlossene Grenzen führen ganz schnell zu neuen Vorurteilen. Außerdem brauchen wir flexiblere Förderformen. Online-Projekte müssen förderfähig sein. Das Gastgeberprinzip, zu dem ich ja schon etwas gesagt habe, sollten wir aussetzen. Und wir müssen jetzt schon an die Zeit nach der Krise denken und zum Beispiel Delegationsreisen durchführen, um zu sehen was vor Ort geht und was nicht.

ijab.de: Was glauben Sie, wann Austausch wie früher wieder möglich sein wird?

Johanna Heil: Die Träger stellen natürlich dieselbe Frage. Im Augenblick ist es sehr schwer, irgendetwas zu planen und entsprechend wenig passiert. Die Situation ist von Land zu Land unterschiedlich und am Ende müssen die Regierungen entscheiden, wann Grenzen geöffnet werden und Kontaktbeschränkungen gelockert werden. Mit Tschechien sind vielleicht bald schon Austausche möglich. Für März 2021 planen wir immerhin eine Delegationsreise nach Griechenland, eigentlich sollte die schon im Oktober 2020 stattfinden. Die meisten unserer Partnerländer liegen aber außerhalb der Europäischen Union und für die gelten weiterhin Beschränkungen. Mit Russland läuft zum Beispiel überhaupt nichts.

Die Unsicherheiten sind aber auch finanzieller Natur. Wer vor Corona Flüge für eine Gruppe gebucht hat, konnte darauf hoffen, das Geld erstattet zu bekommen. Wer jetzt bucht, muss damit rechnen, dass die Tickets verfallen oder dass man mit einem Gutschein abgespeist wird, der gegebenenfalls nichts nützt. Auch die Unterbringung von Gruppen wird teurer werden. Wir können die Jugendlichen nicht mehr in 4- oder 6-Bett-Zimmern unterbringen, sondern müssten Einzelzimmer buchen. Alles wird teurer werden und das erschwert die Planung ungemein.

Themenschwerpunkt Coronavirus

Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.