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Coronavirus

Online-Jugendbegegnung: Es geht auch groß

„Multi“ brachte hunderte junge Menschen zusammen

Alle zwei Jahre bringt die „Multi“ junge Menschen aus der ganzen Welt in Oberhausen zusammen. Im Corona-Jahr 2020 haben die Organisatoren auf ein Online-Format mit Medienmix umgestellt – und das ziemlich erfolgreich. IJAB hat mit Marc Grunenberg von der Stadt Oberhausen und Vivian Hagedorn vom Freiwilligenteam des Großevents darüber gesprochen.

28.08.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Vivian, Marc, die Stadt Oberhausen richtet schon seit einigen Jahren die Multi, eine große Jugendbegegnung, aus. Beschreibt uns die Multi!

Marc Grunenberg: Die Multi findet alle zwei Jahre in Oberhausen statt und bringt für zwei Wochen 400 bis 500 junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Sie werden in Familien untergebracht und nehmen gemeinsam mit den Gastfamilien am Programm teil. Inzwischen sind 15 Länder und alle 5 Kontinente beteiligt. In den Jahren zwischen den Events reisen dann Jugendgruppen aus Oberhausen in unsere Partnerländer.

ijab.de: 15 Länder und 5 Kontinente, das klingt ziemlich beeindruckend. Wie ist es dazu gekommen?

Marc Grunenberg: Die Multi ist über die Jahre gewachsen. Zuerst waren England und die Ukraine beteiligt, dann Israel. Unsere türkischen Partner haben dann China mit ins Boot geholt und so ging es immer weiter. Wir haben klein angefangen, aber der interkulturelle Austausch und der familiäre Charakter der Multi standen immer im Vordergrund und tun es bis heute.

ijab.de: Ein Projekt von dieser Größenordnung kostet sicher viel Geld. Warum leistet sich die Stadt Oberhausen das?

Marc Grunenberg: Schon die Größe ist ein Alleinstellungsmerkmal. Das gibt es woanders nicht. Unser städtischer Kämmerer muss sich wegen uns allerdings auch nicht allzu große Sorgen machen, denn wir bekommen Mittel vom Bund, vom Land Nordrhein-Westfalen und von privaten Sponsoren.

ijab.de: Was ist euch im März durch den Kopf gegangen, als klar wurde, dass die Multi wegen der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden kann?

Vivian Hagedorn: Ja, das war natürlich Mist, denn unser Freiwilligenteam, bei dem ich mitmache, hatte ja im Januar und Februar schon vieles vorbereitet. Es wurde uns dann schnell klar, dass wir uns was anderes ausdenken müssen.

ijab.de: Was habt ihr euch ausgedacht?

Vivian Hagedorn: In vielen unserer Partnerländer mussten die Menschen in Quarantäne und die Reisebeschränkungen machten einen direkten Austausch unmöglich. Wir wollten aber niemanden hängen lassen und dachten, dass es gerade jetzt wichtig ist, dass Menschen in Kontakt bleiben. Wir haben uns deshalb für eine Online-Lösung entschieden, auch wenn wir im ersten Moment nicht genau wussten, wie die aussehen kann.

Marc Grunenberg: Es war uns klar, dass wir nicht einfach eine zweiwöchige Zoom-Konferenz machen können. Da redet man ja irgendwann nur noch mit sich selbst und verliert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir haben uns also für einen Mix von Kanälen entschieden und haben jeden Tag etwas anderes angeboten.

Vivian Hagedorn: Ja, genau. Wir haben uns das Programm der Multi vorgenommen und geschaut, welche Aktivität sich am besten mit welchem Medium durchführen lässt.

ijab.de: Wie ist dieser Medienmix angenommen worden?

Marc Grunenberg: Überraschend gut. Wobei wir eben auch viel darüber gelernt haben, welche soziale Medien junge Menschen heute nutzen. Beispielsweise haben wir festgestellt, dass Facebook von Jugendlichen nahezu gar nicht mehr genutzt wird.

Vivian Hagedorn: Ja, und je nach dem mussten wir einzelne Events auch parallel auf mehreren Plattformen stattfinden lassen, denn nicht alle soziale Medien sind in allen unseren Partnerländern gleichermaßen populär oder verfügbar.

Marc Grunenberg: Das hat uns manchmal vor technische Herausforderungen gestellt.

ijab.de: Durchlaufen Jugendarbeit und Internationale Jugendarbeit gerade einen durch die Coronakrise beschleunigten Lernprozess, was die Digitalisierung betrifft?

Marc Grunenberg: Definitiv. Ich war in dem Zusammenhang sehr froh, dass wir für die Multi ein junges Team von 40 Ehrenamtlichen haben. Von denen habe ich wahnsinnig viel gelernt. Wir werden sicherlich einige der digitalen Angebote auch nach Corona in die Multi integrieren.

Vivian Hagedorn: Ja, man lernt nie aus, aber es ist auch anstrengend. Ich habe, während die Veranstaltung lief, oft noch spät abends mit dem Handy dagesessen und gepostet, repostet oder geliket. Die anderem in unserem Kernteam von 4 Leuten haben das auch getan.

ijab.de: Welche Medien und Kanäle habt ihr genutzt? Nicht alle sozialen Medien sind überall verfügbar. In China – einem eurer Partnerländer – sind viele gesperrt.

Vivian Hagedorn: Das war eine unserer ersten Fragen. Welche Kanäle haben wir und womit erreichen wir wen? Man kommt dann schnell darauf, dass man alle populären sozialen Medien plus die eigene Homepage braucht. Auch in China ist unsere Homepage erreichbar.

Marc Grunenberg: Wir haben die diversen sozialen Medien gemeinsam mit unseren Partnern ausprobiert. Das hat für einige von uns auch bedeutet, sich neue Accounts zulegen zu müssen. Das hat eigentlich überall gut geklappt, aber China bleibt natürlich schwierig. Außerdem wollten wir die chinesischen Jugendlichen ja nicht dazu auffordern gegen chinesisches Recht zu verstoßen, selbst wenn sie technisch dazu in der Lage gewesen wären.

ijab.de: Jetzt haben wir viel über Technik geredet. Was lief inhaltlich bei der Multi?

Vivian Hagedorn: Für uns war wichtig, dass wir nichts anbieten, was einfach nur konsumiert werden kann. Alles war immer mit der Aufforderung verbunden, uns etwas zu schicken, zum Beispiel Fotos oder Videos. Traditionell haben wir bei der Multi ein Event, das wir Luftballons für den Frieden nennen. In diesem Jahr haben wir dazu aufgerufen, Seifenblasen für den Frieden zu pusten und uns Videos davon zu schicken. Wir haben 50 Videos bekommen – das hat uns überrascht.
Auf Spotify haben wir eine Playlist zusammengestellt und zu Partys aufgerufen. Das hat auch super geklappt.
Beim Move-Tag geht es um politische Themen und darum, was Jugendliche gerne ändern würden.
Der Hit war der Familientag. Da hatten wir 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 12 Ländern, die miteinander in Kontakt kamen und sich über ihre Lebensrealitäten ausgetauscht haben.

ijab.de: Das klingt spannend. Man schaut den Menschen ja direkt ins Wohnzimmer.

Marc Grunenberg: Ja, absolut. Wir haben deswegen auch dazu aufgerufen, uns Videos vom Familienleben zu schicken. Dabei waren wir von der Menge der Zusendungen absolut überwältigt.

ijab.de: 5 Kontinente bedeutet auch: ziemlich viele Sprachen. Wie seid ihr damit umgegangen?

Marc Grunenberg: Das geht nur mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, also Englisch. Außerdem spielen die unterschiedlichen Zeitzonen eine Rolle. Wir haben festgestellt, dass 15:30 eine gute Zeit ist. Da sind die einen gerade aufgestanden und die anderen noch nicht im Bett.

ijab.de: Wie geht es jetzt weiter mit der Multi? Ein Ende der Corona-Pandemie ist ja nicht in Sicht.

Marc Grunenberg: Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Zumindest im europäischen Rahmen sollte eine Multi – vielleicht in kleinerer Form – zukünftig möglich sein. Wir werden das zur gegebenen Zeit mit unseren Partnern besprechen. Eine Online-Multi ist schön, aber sie ist kein Ersatz für eine reale Begegnung. Es geht einfach zu Lasten des Persönlichen.

Mehr Informationen: www.multi-online.org

Die Stadt Oberhausen ist Teil des Netzwerks "Kommune goes International". Mehr Informationen zu diesem Projekt gibt es hier: https://ijab.de/projekte/kommune-goes-international

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