Karin Peham-Strauß, Karin Peham-Strauß,
Karin Peham-Strauß, Jugendzentrum Perg
Coronavirus

„Jugendarbeit ist online nicht zu ersetzen“

Coronakrise: ein Blick nach Österreich

Wie sind in unserem Nachbarland Österreich die Bedingungen für Jugendarbeit in der zweiten Welle der Corona-Pandemie und wie sind die Perspektiven für internationale Projekte? IJAB hat darüber mit Karin Peham-Strauß vom Jugendzentrum Perg in Oberösterreich gesprochen.

23.09.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Karin, wie andere Länder in Europa steckt auch Österreich in der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Vielerorts sind die Infektionszahlen sogar höher, als während der ersten Welle im Frühjahr. Trotzdem ist die Situation anders. Wie ist es bei euch?

Karin Peham-Strauß: Es ist tatsächlich anders, als während der ersten Welle. Das wichtigste ist: Es gibt keinen neuen Lockdown. Generell scheint die Politik jetzt zurückhaltender zu sein, dass sehen wir auch in der Wirtschaft. Unser Jugendzentrum bleibt erst mal unter Sicherheitsauflagen geöffnet. Allerdings bewerben wir unsere Angebote nicht, denn es sollen nicht zu viele Jugendliche kommen. Es kommen ohnehin viele. Im Augenblick ist die Situation einfach, denn viele unserer Angebote finden im Freien statt. Wenn das Wetter kühler wird, werden sie sich in den Innenbereich verlagern. Wir sind froh über diesen Face-to-Face-Kontakt. Die Versuche, Jugendarbeit online wie bei der ersten Welle zu ersetzen, wird es kein zweites Mal geben, es würde so nicht funktionieren. Wir brauchen dazu mehr Training und Ressourcen. Unser Kompetenzzentrum bOJA entwickelt hier ständig neue Formate und Tools um das zu erleichtern.

ijab.de: Welche Sicherheitsauflagen gibt es bei euch?

Karin Peham-Strauß: Es dürfen maximal 20 Leute in die Einrichtung und sie müssen einen Meter Sicherheitsabstand einhalten. Unterschiedliche Gruppen dürfen nicht gemischt werden und es besteht Maskenpflicht. Nur Jugendliche, die einen festen Sitzplatz zugeteilt bekommen, dürfen die Maske abnehmen. Wir haben eine große offene Küche mit einem Barbereich, der durch Plexiglas geschützt ist. In ihren Angeboten sind die Betreuerinnen und Betreuer jedoch frei, sie können machen, was sie wollen, sofern sie die Sicherheitsauflagen befolgen und ein Konzept erstellen.

ijab.de: Viele setzen jetzt große Hoffnungen auf Online-Angbote in der Jugendarbeit. Du klingst skeptisch. Warum?

Karin Peham-Strauß: Solange es keinen Lockdown gibt, sind wir sind nicht auf Online-Angebote angewiesen. Die erste Corona-Welle war ja ein richtiger Schock und alles wurde eingestellt. Die Jugendzentren und Schulen wurden geschlossen, die Jugendlichen waren regelrecht zuhause eingesperrt. Wir haben festgestellt, dass die Jugendlichen auch nicht die passenden Geräte und Tools hatten. Ebenso sind nicht alle Jugendarbeiterinnen und -arbeiter online-affin und gut ausgebildet. Inzwischen sind Schulen, Jugendzentren und Ausbildungsbetriebe wieder offen. Die Jugendlichen können sich – unter Schutzauflagen – wieder frei bewegen und kommen wieder zu uns. Während des Lockdowns haben sie sich per Handy nur bei echten Problemen bei uns gemeldet, wir haben sehr viel Zeit investiert, die richtigen Formate zu finden. Es hat nicht so gut geklappt. Bei einigen ist der Kontakt völlig abgerissen. Bei uns – wir sind hier nicht in der Großstadt – kommt erschwerend dazu: Die Internetanbindung ist nicht immer besonders gut. Zoom, Skype oder andere Tools können hier nur eingeschränkt genutzt werden. Hybride Formate, die reale Begegnung einschließen, kann ich mir für die Zukunft vorstellen. Reine Online-Formate, nein.

ijab.de: Als Jugendzentrum führt ihr auch Jugend- und Fachkräfteaustausche durch. Wie sind da die Perspektiven?

Karin Peham-Strauß: In diesem Jahr läuft natürlich nichts mehr. Mit unserem russischen Partner hatten wir ein Reiseprojekt mit der Transsib zum Thema Klimawandel geplant. Es hätte zwei Tage nach dem Lockdown starten sollen – wir mussten es absagen. Was das Geld angeht, haben wir Glück gehabt. Wir haben – bis auf die Visagebühren – alles zurückbekommen. Ich habe dann die Verlängerung des Projektes beantragt, wir können es innerhalb von 36 Monaten nachholen.
Im Lockdown habe ich mit unseren Partnern dann einen zweiten Antrag für ein Projekt in Sotschi zum Thema Jugendstrukturen geschrieben. Es ist unklar, wann es stattfinden kann. Keines der beiden Projekte kann man online und durch tagelanges Sitzen vor dem Computer ersetzen. Nicht einmal die Vorbereitung funktioniert online. Man muss sich vor Ort ein Bild machen können. Wie ist der Partner aufgestellt, wie frei und demokratisch ist das vor Ort? Wir merken natürlich auch, dass durch die Reisebeschränkungen die Kontakte mit unseren Partnern zurückgegangen sind.

ijab.de: Steht damit die internationale Arbeit eurer Einrichtung auf dem Spiel?

Karin Peham-Strauß: Der Austausch mit Russland ist ohnehin schon schwierig genug, denn wir haben immer mit den Ängsten der Eltern zu kämpfen. Die Corona-Pandemie macht die Lage noch schwieriger. Wenn unsere jetzt geplanten Projekte nicht stattfinden, dann müssen wir die Fördermittel eben zurückzahlen. Wir leben aber nicht von ihnen. Die internationalen Projekte sind immer unser „Zuckerl“ in der Offenen Jugendarbeit gewesen – leben können wir auch ohne sie. Die Arbeit mit Langzeitfreiwilligen wird in jedem Fall weitergehen. Eine junger Mann ist gerade abgereist, eine junge Frau aus Albanien wird hoffentlich bald kommen. Wir leiten gerade alles in die Wege, damit das möglich ist. Sie wird wohl erst mal 14 Tage in Quarantäne müssen, aber das weiß sie und wir haben offen kommuniziert, wie die Situation hier ist.

ijab.de: Gibt es noch etwas, das du uns sagen möchtest?

Karin Peham-Strauß: Ich würde mir wünschen, dass unsere Politik besser versteht, was non-formale Bildung ist. Wir brauchen wirklich mehr Lobbyarbeit für die Offene Jugendarbeit.

Themenschwerpunkt Coronavirus

Reisewarnungen und Kontaktbeschränkungen bedingt durch das Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.