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Coronavirus

Hört nie auf, online zu experimentieren

Tipps zu virtuellen Workcamps

Liliia und Natalia aus der Ukraine arbeiten als Langzeitfreiwillige im Bonner Büro von Service Civil International (SCI). Sie kamen in Deutschland an, als die Corona-Pandemie gerade Fahrt aufnahm. Sie haben deshalb frühzeitig über „virtuelle Workcamps“ nachgedacht. Nun hat das erste stattgefunden.

22.06.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Liliia, Natalia, wir haben zum letzten Mal im März miteinander gesprochen. Damals war euch schon klar, dass voraussichtlich ein großer Teil der diesjährigen Workcamp-Saison ins Wasser fallen wird und ihr dachtet darüber nach, wie ein virtuelles Workcamp aussehen könnte. Inzwischen hat es stattgefunden. Wie war es?

Liliia: Ich bin wirklich glücklich, dass wir das gemacht haben und dass alles geklappt hat. Das digitale Format funktioniert. Wir haben Zoom, Facebook und Google Docs mit der Methodologie, wie man ein Workcamp leitet, und mit den Werten von SCI verbunden – mit einem erfolgreichen Ergebnis.

Natalia: Es war mehr, als ich erwartet habe. Der Prozess, der zum virtuellen Workcamp geführt hat, war toll und das Ergebnis hat Freude gemacht.

ijab.de: Was war das Thema des Workcamps, womit habt ihr euch inhaltlich beschäftigt?

Natalia: Unser Thema war „nachhaltiger Lebensstil in Zeiten des Lockdown“. Das Workcamp hat 8 Tage gedauert.

Liliia: Wir hatten 11 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 8 Ländern – aus Spanien, Russland, der Ukraine, Italien, Deutschland, Sri Lanka und der Türkei. Der Kontakt untereinander war wirklich sehr eng und er ist auch nach dem Ende des Workcamps nicht abgerissen. Es war schön, einen Einblick in die unterschiedlichen Länder zu bekommen. Unsere russische Teilnehmerin berichtete zum Beispiel über ein Urban Gardening-Projekt in ihrer Heimatstadt. Dadurch, dass wir für das Workcamp eine Facebook-Gruppe angelegt hatten, geht der Austausch weiter.

Natalia: Ja, die Facebook-Gruppe läuft immer noch, sie ist ein Ort, um Ideen und Erfahrungen miteinander zu teilen und Pläne für künftige Kooperationen zu schmieden.

Liliia: Wir treffen uns immer noch etwa 3 mal im Monat, um uns auszutauschen. In 8 Tagen ist ein echtes Gemeinschaftsgefühl entstanden. Das ist für mich einer der größten Erfolge.

Natalia: Es war schwer, sich voneinander zu verabschieden. Für unsere Zoom-Abschiedsparty hatten wir eine Stunde angesetzt – es sind dann schließlich drei geworden. Aber das Gemeinschaftsgefühl ist natürlich nicht alles, wir haben tatsächlich auch viel über Nachhaltigkeit voneinander gelernt.

ijab.de: Ihr habt viel Zeit und Arbeit in die Vorbereitung gesteckt. Hat alles so geklappt, wie ihr es euch vorgestellt habt?

Liliia: Ja, es hat geklappt. Vieles ist ja, wie bei jedem anderen Workcamp auch. Man hat einen Plan, aber man muss flexibel sein und ihn anpassen. Die Länge der Zoom-Sitzungen war zum Beispiel etwas, das uns die ganze Zeit beschäftigt hat. Wir hatten die einzelnen Meetings auf 1 ½ Stunden angesetzt. Am Anfang fanden das einige zu lang, am Ende fanden sie es zu kurz. Wir haben deshalb immer um ein Feedback gebeten und gefragt, ob wir irgendetwas anders machen sollen.

Natalia: Das Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war positiv und es hat uns geholfen, die richtige Balance bei der Länge der Meetings zu finden. Wir machten das schließlich auch zum ersten Mal und man lernt nur, wenn man etwas tut und es ausprobiert.

Liliia: Hätten wir gewusst, dass das virtuelle Workcamp so gut ankommt, dann hätten wir mit einer längeren Bewerbungsfrist geplant und vielleicht noch mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammenbekommen.

Natalia: Würde ich das heute nochmal machen? Unbedingt – und zwar wegen der tollen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Am Anfang hatte ich Befürchtungen wegen der ganzen Technik und überhaupt wegen des digitalen Formats. Jetzt fühle ich mich sicher und habe überhaupt keine Angst mehr. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist es ähnlich gegangen. Am Anfang haben sich manche nicht getraut, Bilder von sich zu zeigen. Aber nach und nach haben alle ihre Kameras angeschaltet und wir konnten uns nicht nur hören, sondern auch sehen. Das ist wichtig: Der virtuelle Raum, in dem man sich trifft, muss sicher sein und alle müssen sich darin wohlfühlen.

ijab.de: Habt ihr Tipps für andere, die ein virtuelles Workcamp auch mal ausprobieren wollen?

Liliia: Vieles ist, wie bei einem normalen Workcamp. Da spült auch niemand gerne das Geschirr ab, aber natürlich muss es trotzdem gemacht werden. Es hilft nur meistens nicht, wenn man die Leute unter Druck setzt. Fühl dich in die Stimmung der Gruppe ein, unterstütze die Leute – dann ziehen sie auch mit.

Außerdem ist es wichtig, mit allen Kontakt zu halten. Wir haben oft noch abends Anfragen über den Facebook Messenger erhalten. Wie mache ich dies, wie mache ich das? Dafür muss man sich Zeit nehmen und die Fragen beantworten. Oder jemand hat uns gesagt, dass sie am nächsten Tag keine Zeit hat. Dann haben wir angeboten, dass Zoom-Meeting für sie aufzuzeichnen, damit der Kontakt zur Gruppe nicht abreisst.

Natalia: Außerdem ist es gut, wenn alle eine Aufgabe haben und schon dadurch eingebunden sind. Wir hatten zum Beispiel einen Photo Wizzard, der Screenshots gemacht hat, einen Time Keeper, einen Good Mood Officer und einen Reporter. Und natürlich muss man Angebote machen. Wir haben zum Beispiel zusammen gekocht, Fotos miteinander geteilt oder eine Nähparty veranstaltet.

ijab.de: Könnt ihr was zur Nähparty sagen?

Liliia: Die Textilindustrie liegt weltweit auf Platz 2 bei der Umweltzerstörung. Man kann aber eben  auch neue Dinge aus alten Sachen selber machen. Die brauchen dann auch keine Verpackung. Und das macht sogar Spaß – man sitzt zusammen, redet miteinander und näht.

Natalia: Wir haben außerdem darauf geachtet, dass die Verantwortung zwischen allen geteilt wird, alle zu Wort kommen und alle auch etwas vorstellen. Unsere Teilnehmerin aus Deutschland hat zum Beispiel etwas über Mülltrennung erzählt. Mein wichtigster Tipp ist aber: Macht alles so, dass es euch Spaß macht und hört nie auf online zu experimentieren.

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