Zwei junge Frauen sitzen auf einem Schiffsdeck Zwei junge Frauen sitzen auf einem Schiffsdeck
Natalia und Liliia
Coronavirus

„Es war ein sehr ungewöhnliches Jahr“

Als Langzeitfreiwillige in Deutschland

Liliia und Natalia waren als Langzeitfreiwillige in der Geschäftsstelle von Service Civil International in Bonn. Während der Corona-Pandemie erwiesen sie sich als Pionierinnen digitaler Projekte. Im Interview mit IJAB ziehen sie Bilanz.

20.04.2021 / Christian Herrmann

ijab.de: Liliia, Natalia, ihr seid jetzt ein Jahr als Langzeitfreiwillige bei SCI Deutschland gewesen. Was habt ihr erlebt?

Natalia: Eigentlich sind wir sogar schon 14 Monate hier. Die Corona-Situation in der Ukraine ist gerade so schlimm, dass uns SCI die Möglichkeit gegeben hat, noch ein bisschen zu bleiben. Meine Heimatstadt Kyjiw führt die Corona-Statistik der Ukraine an und in Bila Zerkwa, wo Liliia herkommt, ist es nicht viel besser.
Als ich meinen Freiwilligendienst antrat, war ich etwas unsicher, denn ich hatte meinen Master-Studiengang in Journalistik erfolgreich abgeschlossen, aber meine Doktorarbeit zugunsten des Freiwilligendienstes aufgeschoben. Aber es hat sich gelohnt und das hat viel damit zu tun, dass SCI wirklich sehr professionell arbeitet. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, neue Erfahrungen zu machen und neue Menschen kennen zu lernen. Was die Nutzung digitaler Tool während des Lockdowns angeht, hat man uns freie Hand zum experimentieren gelassen und ich glaube, wir haben Pionierarbeit geleistet. Alles in allem war es wirklich ein sehr ungewöhnliches Jahr.

Liliia: Ich hoffe, euch stört der Lärm im Hintergrund nicht. Das ist meine Mitbewohnerin, die gerade das Abendessen vorbereitet. Es gibt heute Zimtschnecken. Zu den Highlights meiner Erfahrungen gehört, dass ich hier Backen gelernt habe. Kochen konnte ich, aber von Backen hatte ich keine Ahnung. Letztens habe ich mein erstes Brot gebacken und man hat mir gesagt, dass das sogar essbar sei.

ijab.de: Was habt ihr gelernt, das ihr aus der Ukraine noch nicht kanntet?

Natalia: Dieser ganze Bereich von NGOs war neu für mich. An meine Zeit als Campleiterin habe ich nur gute Erinnerungen und ich habe gelernt, online Projekte zu entwickeln und zu implementieren. Ich habe also viel über Projektmanagement gelernt. Auch was Büroarbeit angeht war mir vieles neu.

Liliia: Mit Freiwilligenarbeit hatte ich Erfahrung, aber die ganzen Verwaltungsvorgänge, die dafür notwendig sind, kannte ich nicht. Online-Projekte kamen früher nicht vor und ich habe mir da auch nicht viel zugetraut. Jetzt findet alles online statt und ich bin eine Expertin dafür geworden. Was ich mir nicht so klar gemacht habe, ist der große Aufwand, der damit verbunden ist. Ein Tag Online-Workcamp bedeutet einen Monat Vorbereitung. Es ist nicht einfach, etwas, das immer in einer physischen Begegnungsform stattgefunden hat, in etwas Digitales umzuwandeln. Dafür muss man kreativ sein. Deshalb war ich wirklich sehr froh über die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen hier bei SCI. Der digitale Wandel interessiert mich weiterhin sehr.
Immerhin hatte ich die Möglichkeit, auch ein Offline-Projekt zu realisieren und mein Workshop hat gut funktioniert. Außerdem habe ich mit gewaltfreier Kommunikation ein neues Thema für mich entdeckt.

ijab.de: Was davon werdet ihr in der Zukunft gebrauchen können?

Natalia: Ich versuche, meine beruflichen Perspektiven im Blick zu behalten. Aber ich möchte das gerne mit meinen Erfahrungen als Freiwillige verbinden, denn ich sehe ja den Wert dessen, was wir hier tun, den Wert für die Welt. Ich habe mich für ein Praktikum bei Ukraine-Redaktion der Deutschen Welle beworben. Ich denke, meine Erfahrungen in der Verwaltung und als Campleiterin werden mir dabei nützlich sein. Wann ich bei der Deutschen Welle anfangen kann, weiß ich noch nicht. Wegen Corona hat sich alles verschoben. Was auch immer passieren mag, ich möchte auf jeden Fall mit den vielen tollen Leuten, die ich hier kennen gelernt habe, in Kontakt bleiben. Wir müssen die Welt ja ein bisschen besser machen.

Liliia: Ich habe jetzt eine „Arbeit nach der Arbeit“ angefangen. Ich möchte dabei helfen, einen Jugendring in meiner Heimatstadt Bila Zerkwa aufzubauen und den Aktiven dort internationale Kontakte verschaffen, damit sie sich austauschen können, und ich kann meine Erfahrungen einbringen. Wir treffen uns abends und reden darüber, was wir machen wollen. Seit Dezember haben wir schon ein paar Partner gefunden. Alles Digitale bleibt für mich interessant und, wie gesagt, das Friedensthema auch. Was ich jetzt als nächstes machen werde, das weiß ich noch nicht genau. Vielleicht bietet sich hier eine Chance, vielleicht fahre ich nachhause in die Ukraine und helfe dort den Jugendring in Bila Zerkwa aufzubauen.

ijab.de: Das ist ein gutes Stichwort. Was habt ihr als nächstes vor?

Natalia: Wenn es mit dem Praktikum bei der Deutschen Welle nicht klappt, ist die Alternative, an die Uni in Kyjiw zurückzukehren und dort meine Doktorarbeit zu schreiben. Umweltthemen interessieren mich auch sehr, aber ich möchte nicht mein Leben lang Freiwillige bleiben – eher möchte ich beide Bereiche verbinden.

Liliia: Ich bereite mich auf meine Deutschprüfung vor und möchte auch weiter meine Sprachkenntnisse vertiefen. Als nächstes möchte ich Polnisch lernen. Professionelle Jugendarbeit, so wie ich sie hier bei SCI erlebt habe, interessiert mich auch. Ich würde gerne andere damit anstecken. Vielleicht werde ich ja Jugendarbeit-Influencerin.

Natalia: Ich würde gerne noch etwas sagen. Ich möchte SCI sehr für die Zeit hier danken. Die sind nicht nur professionell, sondern auch nett und freundlich. Ich schätze das sehr, wenn jemand nicht nur einfach Arbeitgeber ist. Diese Organisation kann ich wirklich empfehlen.

Liliia: Ja, mir hatten das schon frühere Freiwillige erzählt, dass SCI eine ganz besondere „Blase“ ist. Den Unterschied kann man wirklich spüren. Ich habe das in den Projekten und Studiencamps in Verbindung mit Gedenkstätten erlebt. Man lernt Fragen zu stellen und es gibt immer eine ganz starke Friedensbotschaft in allen Projekten.

Natalia: Ja, wir sind hier an ein sehr hohes Niveau gewöhnt worden. Von dem möchten wir nicht mehr runter – eher wollen wir es erhöhen.

Thema Coronavirus

Das Corona-Pandemie stellen die Internationale Jugendarbeit vor große Herausforderungen. Im "Thema Coronavirus" finden sich die gesammelten Beiträge.