Eine Gruppe junger Menschen arbeiten auf einem Friedhof Eine Gruppe junger Menschen arbeiten auf einem Friedhof
SCI-Workcamp in der Ukraine: Begegnung und gemeinsame Arbeit stehen im Mittelpunkt
Coronavirus

Es ist bitter für uns

Interview mit Ulrich Hauke, Geschäftsführer von SCI Deutschland

Workcamps stellen die gemeinsame Arbeit und die Begegnung junger Menschen in den Mittelpunkt. Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie ist dies nicht möglich. Den Anbietern von Workcamps droht das Aus der Sommersaison. Wir haben mit Ulrich Hauke über die Folgen gesprochen.

06.04.2020 / Christian Herrmann

ijab.de: Herr Hauke, wie erleben Sie als Geschäftsführer von SCI Deutschland die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit?

Ulrich Hauke: Die Situation ist sehr schwierig, wir sind von ihr überrollt worden. Alle Einschätzungen, die wir immer wieder angepasst haben, haben sich als zu optimistisch erwiesen. Im Augenblick sind alle Workcamps und Seminare bis in den Juni hinein gestrichen. Das ist nicht nur bei SCI in Deutschland so, sondern auch bei unseren Partnerorganisationen im internationalen SCI-Netzwerk. Auch die Vermittlung in die internationalen Workcamps haben wir bis Ende April eingestellt. Zurzeit gehen wir davon aus, dass sich die Situation nicht kurzfristig ändern wird. Was die Sommersaison, in der ja die meisten unserer Workcamps stattfinden, angeht, sind wir inzwischen ziemlich pessimistisch.

ijab.de: Was spiegeln Ihnen ihre internationalen Partner? Wie ist bei denen die Situation?

Ulrich Hauke: Alle Partnerorganisationen in unserem Netzwerk arbeiten autonom, aber wir tauschen uns natürlich aus. Während unserer jüngsten Online-Konferenz habe ich die Stimmung ähnlich pessimistisch erlebt wie hier bei uns. Der Ruf, das ganze Jahresprogramm zu streichen, ist schon da und er wird lauter werden. Für viele Partner wird das zur Überlebensfrage werden, denn sie sind dringend auf die Teilnahmebeiträge angewiesen. Es muss jetzt das Überleben der Organisationen gesichert werden. Jeder Ausfall von Aktivität gefährdet die Organisationen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – besonders dort, wo es keine nationale oder internationale Förderung gibt. Wenn das Jahr wirklich komplett ausfällt, dann werden beim nächsten internationalen Meeting vielleicht nicht mehr alle Organisationen mit am Tisch sitzen.

ijab.de: Wie hoch steht das Wasser bei SCI Deutschland?

Ulrich Hauke: Wir können den Betrieb ein paar Monate aufrechterhalten, aber nicht ein ganzes Jahr. Wenn längerfristig die Vermittlungsgebühren und andere Einnahmen wegfallen, dann wird das auch bei uns Konsequenzen haben.

ijab.de: Welche Alternativen bieten sich an? Ihre Langzeitfreiwilligen denken über digitale Workcamps nach. Kommt jetzt der Durchbruch der Digitalisierung in der Internationalen Jugendarbeit?

Ulrich Hauke: Was wir gerade erleben, halte ich eher noch für Versuche. Im Zentrum eines Workcamps steht die Begegnung zwischen Menschen. Das lässt sich nicht durch Skype-Meetings ersetzen. Trotzdem schätze ich die Initiative unserer Langzeitfreiwilligen sehr, sich darüber Gedanken zu machen, wie überhaupt noch Möglichkeiten für Engagement angeboten werden können. Außerdem ist es wichtig, dass wir die Kontinuität von Kontakten aufrechterhalten. Entsprechend positiv war die Resonanz von unseren Projektpartnern und vom Vorstand auf die neuen Ideen.
Wahrscheinlich werden wir schlicht gezwungen werden, digitale Tools mehr zu nutzen.

ijab.de: Beim Thema Nachhaltigkeit in der Internationalen Jugendarbeit haben wir eine ganz ähnliche Diskussion.

Ulrich Hauke: Ja, digitale Ressourcen werden in Zukunft stärker genutzt werden. Das ist sicher eine Bereicherung.

ijab.de: Können Sie sich die Corona-Pandemie und ihre Folgen auch als Thema von Seminaren und Workcamps vorstellen?

Ulrich Hauke: Tatsächlich bereiten wir dazu schon ein Seminar vor. Wir möchten wissen, was für Folgen der Pandemie in anderen Ländern hat. Trotzdem möchten wir uns von dem Thema nicht völlig überrollen lassen. Viele andere Probleme bestehen ja weiter fort – die schlimme Situation, die wir an der griechisch-türkischen Grenze haben, die Klimakrise, die Kriege in der Welt, die Verletzung von Menschenrechten. Diese Themen wollen wir auch in Zukunft weiter bearbeiten.

ijab.de: Die Zahlen der bestätigten Fälle einer Infektion mit dem Coronavirus sind in Europa vielleicht auch deswegen so hoch, weil hier Ressourcen für Tests zur Verfügung stehen. Haben wir es mit einem Fall von globaler Ungerechtigkeit zu tun, der auch im Austausch eine Rolle spielen sollte?

Ulrich Hauke: Die südlichen Länder und Kontinente werden in den nächsten Wochen stärker ins Bewusstsein rücken. Viele von ihnen stehen erst ganz am Anfang der Pandemie. Das kann sich schnell ändern und wird viele Fragen aufwerfen. Das Coronavirus wird langfristig eine Rolle im internationalen Austausch spielen. Es wird die Menschen zur Auseinandersetzung mit den Gesundheitssystemen in ihren Ländern zwingen.

ijab.de: Was brennt Ihnen noch unter den Fingernägeln?

Ulrich Hauke: Der 100. Geburtstag von SCI fällt leider in dieses Krisenjahr. Das ist sehr bitter für uns, denn natürlich tritt das nun völlig in den Hintergrund. 100 Jahre SCI, das bedeutet auch 100 Jahre Workcamps. Wir haben dazu zusammen mit anderen Workcamporganisationen in Deutschland eine große Konferenz in Berlin geplant und ein umfangreiches Programm von Workcamps drumherum entwickelt. Die Bundesjugendministerin ist die Schirmherrin und hat ihre Teilnahme an der Konferenz zugesagt. Das ist nun alles in Frage gestellt und lässt sich nicht einfach online ersetzen.

Themenschwerpunkt Coronavirus

Geschlossene Grenzen, Reisewarnungen, Ausgangssperren und Ausgangsbeschränkungen bedingt durch den Coronavirus stellen die Internationale Jugendarbeit aktuell vor große Herausforderungen.

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