Eine Gruppe Menschen winkt in die Kamera Eine Gruppe Menschen winkt in die Kamera
Workshop mit den UN-Jugenddelegierten aus Deutschland während des Jugendlagers der Solijugend
Coronavirus

Ein Stück Normalität

Jugendlager der Solijugend

Viele wünschen sich in Pandemiezeiten ein Stück Normalität und menschliche Begegnung. Das diesjährige Jugendlager der Solidaritätsjugend Deutschlands - kurz Solijugend - fand daher hybrid statt: vor Ort im Schwarzwald und mit online zugeschalteten internationalen Partnern aus aller Welt. Referent*innen der Solijugend erzählen, wie es war.

19.10.2021 / Carolina Sachs, Tilmann Ziegenhain und Adeline Haaby

Unsere Mitglieder wollten kein zweites Online-Jugendlager. Wir auch nicht. Aber welche Alternativen gab es und wie konnten sie umgesetzt werden?

Innerhalb weniger Wochen und unter den besonderen Umständen eines neuen Teams in unserer Geschäftsstelle sowie einer weltweiten Pandemie organisierten wir ein hybrides Kinder- und Jugendlager mit verschiedenen nationalen Gruppen, die sich separat in ihren jeweiligen Heimatländern trafen – mit ausführlichem Hygienekonzept und dem Hoffen auf null Corona-Fälle. Wir trauten uns! Wir wollten unseren Kindern und Jugendlichen nach Monaten des Lockdowns endlich wieder etwas bieten.

Mit 85 Teilnehmenden im Alter zwischen einem und 80 Jahren trafen wir uns zum Höhepunkt des Sommers in der Jugendherberge Forbach-Herrenwies, in den Tiefen des Schwarzwaldes, in unmittelbarer Nähe eines wunderschönen Stausees, einer Bobbahn und eines Kletterwaldes.

Hier grüne Armbänder, dort gelbe und rote – und zack hatte jede Gruppe einen anderen Zeitslot für Essen, Busfahrten und die verschiedenen Programmpunkte. Auch die Einteilung der Schlafräume erfolgte anhand fester Gruppen. Wo immer möglich versuchten wir natürlich, Aktivitäten im Freien durchzuführen. Das konsequente Tragen von Masken innerhalb des Gebäudes funktionierte auch deshalb sehr gut.

Corona war und ist zwar immer noch nicht abgesagt, aber manchmal braucht es nur ein wenig Heimwerkerarbeit und gesunden Menschenverstand, um wieder etwas Normalität zurück in den Alltag zu bringen.

Beim Speeddating zu Beginn unseres Jugendlagers beantworteten die Jüngeren folgende Frage: „Was würdet ihr als Königin oder König von Deutschland ändern?“ Nicht überraschend war der Weitblick unserer Teilnehmer*innen: „Ich würde machen, dass Corona vorbei ist.“

„Kein Gold, keine Edelsteine, kein Eis – nein, das Ende von Corona wird herbeigesehnt. Wen wundert es nach so langer Zeit?“ Diese Zeilen schrieb unsere langjährige und sehr engagierte ehrenamtliche Mitarbeiterin und Russischübersetzerin Heike Adomat nach unserem Jugendlager.

Bibber, bibber – Digital Detox im Wald

Wir hatten für die Dolmetscherfunktion von Zoom eigens Sprachmittler*innen akquiriert und waren damit bereit für ein internationales Programm, das an fast allen Tagen für einige Stunden online durchgeführt wurde. Doch der Schwarzwald ist zwar ein Traum für Spaziergänger*innen und Naturliebhaber*innen, kann aber schnell zum Albtraum für internetsüchtige Stadtbewohner*innen werden, die zuständig für ein internationales Programm sind. Die Internetverbindung reichte anfangs nicht aus, um unsere sechs Partnerorganisationen aus der Türkei, den Niederlanden, Polen, Russland, Algerien und Tunesien per Zoom dazuzuschalten.

Einmal tief einatmen.

Zum Glück haben wir rechtzeitig unsere auffallende Begabung zur Improvisation entdeckt.

Einmal tief ausatmen.

Letztendlich gelang es uns doch, alle miteinander zu verbinden: Zum Beispiel zu einem gemeinsamen Filmabend, zu einer Foto-Show oder einem Meeting, bei dem die Gruppen sich, ihre Länder und aktuelle Projekte vorstellen und sich austauschen konnten.

Da neue Herausforderungen die Soli-Familie nie erschrecken, führten wir also drei Parallelprogramme durch.

Einmal ein Familienprogramm mit furchterregender Einhornsuche und Nachtwanderung, Badespaß, Bobfahren für Groß und Klein, Klettergarten, Spielen und Basteln und gleichzeitig ein Jugendprogramm mit Bogenschießen, Floßbau und Fahrt über den Stausee. Dazu kam das bereits erwähnte digitale Programm mit unseren Partnern im Ausland.

Die Highlights des Jugendlagers bleiben dabei unbestritten der Tagesausflug nach Baden-Baden mit dem Besuch des grandiosen Musikmuseums (in dem wir alle Instrumente ausprobieren und zusammen musizieren durften), das Volleyball- und Tischtennisturnier und unser traditioneller, sagenhafter Grillabend.

Weil der Ansatz unseres Verbandes über sportliche Aktivitäten hinausgeht, ist es uns ein sehr wichtiges Anliegen zu zeigen, wie die Solijugend international arbeitet und unsere Mitglieder auch politisch zu informieren. Aus diesem Anspruch heraus haben wir die derzeitigen beiden deutschen UN-Jugenddelegierten eingeladen einen Workshop auf dem Lager abzuhalten. Sie haben uns nicht nur die Geschichte und Aufgaben der UN erläutert und über ihre Arbeit in New York berichtet, sondern auch bestätigt, wie wichtig Verbände wie die Solijugend sind, um die Nachhaltigkeitsziele der UN zu erreichen. Der direkte Austausch mit jungen Menschen weltweit steht im Mittelpunkt unserer Arbeit.

Resilienz ist die Fähigkeit, gelassener auf Stress zu reagieren, was insbesondere in Zeiten von Corona von Bedeutung ist. Die Resilienz junger Menschen zu stärken, ist unser Antrieb. Das beste Mittel dazu ist, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, zu pflegen und in Kontakt zu treten.

Unser Workshop zum interkulturellen Lernen diente nicht nur diesem Ziel, sondern hatte auch den Zweck, Ambiguitäten und Widersprüche auszuhalten und Interkulturalität zu fördern. Was heißt es, anderen Raum zu geben und die eigenen Bedürfnisse einmal hintenanzustellen? Was für ein Gefühl löst es aus, sich auf verschiedenen Ebenen zu engagieren und anderen zuzuhören, langsam zu sprechen und sich zu verständigen, damit andere die Möglichkeit haben mitzureden? Wer sind wir als Gruppe und wen wollen wir erreichen? Wie anspruchsvoll ist es, mehrere Geschichten und nicht nur eine „Single Story“ zu einem Thema zu erzählen? Was heißt es in der Praxis, Vorurteilen entgegenzuwirken und Verständnis zu zeigen?

Bei alledem war Flexibilität definitiv das Schlagwort des Jugendlagers: Aufgrund von Corona-Maßnahmen und Wetterlaunen hatten wir uns ständig auf Programmänderungen einzustellen – Alternativen schaffen, doppelt kommunizieren, Ideen sammeln und Schwarmintelligenz waren gefragt und jede*r konnte Kompetenzen zum Nutzen der gesamten Gruppen einsetzen.

Aus diesem Grund wird bei uns immer ambitionierte ehrenamtliche Unterstützung gebraucht, damit unsere vielfältige Arbeit geleistet werden kann und neue Visionen entstehen können.

Sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen und kulant auf Umstellungen zu reagieren machte uns letztendlich allen viel Spaß. Wer hätte gedacht, dass das Verlassen der eigenen Komfortzone so aufregend sein könnte?

Solidarischer Blick in die Zukunft

Die Pandemie wird uns noch lange begleiten und scheint sich nicht an unsere Erwartungen und Hoffnungen anpassen zu wollen. Vielmehr sind wir diejenigen, die als Verein mit internationalen Kontakten unsere Haltung anpassen und kreative Konzepte entwickeln müssen.

In Anbetracht der gesellschaftlichen (Auf-)dringlichkeiten und der populistischen Stimmen scheint es mehr als notwendig, dabei auch über übergeordnete jugendpolitische Ziele nachzudenken: Wie wollen wir gemeinschaftliche Veränderungen vorantreiben? Wie können wir Partizipation und Perspektivwechsel fördern?

Wesentlich bleibt nach wie vor, uns an den Wünschen, Interessen und Anliegen unserer Mitglieder zu orientieren und ihnen unsere Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Nur dann können auch in der Zukunft nachhaltige und solidarische internationale Begegnungen stattfinden, auf denen Mitglieder, Ehren- und Hauptamtliche mit- und voneinander lernen.

Wenn jede*r von uns auf dem Jugendlager lernen konnte, mehrere Rollen gleichzeitig auszuführen und Verantwortungsbewusstsein zu zeigen, von Betreuer*innen bis zu Übersetzer*innen, hatte das eine wichtige Voraussetzung: Verständnis und Empathie für andere. Nur so kann Jugendarbeit gelingen.

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von der Autorin zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Er erschien erstmals auf der Webseite der Solidaritätsjugend Deutschlands.

Thema Coronavirus

Das Corona-Pandemie stellen die Internationale Jugendarbeit vor große Herausforderungen. Im "Thema Coronavirus" finden sich die gesammelten Beiträge.