ijab.de: Nochmal ganz herzliche Glückwünsche zur Auszeichnung mit dem Preis des Westfälischen Friedens! Wir haben uns bei IJAB alle sehr darüber gefreut. Was bedeutet der Preis für euch?
Stephan Erb: Der Preis ist ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung für unser Engagement im trilateralen Jugendaustausch zwischen Deutschland, Polen und der Ukraine. Aber wir machen den Austausch ja nicht selbst. Wir fördern ihn und kümmern uns um die Rahmenbedingungen, die Vernetzung der Projektorganisatoren und die Weiterentwicklung der Begegnungen. Der Austausch selbst ist nur durch die vielen zivilgesellschaftlichen Player und die Schulen möglich. Insofern ist das auch eine große Anerkennung für sie. Deshalb haben junge Menschen aus den drei Ländern den Preis entgegengenommen. Da das DPJW gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Macron ausgezeichnet wurde, gab es auch große mediale Aufmerksamkeit.
Elisabeth Ritter: Macron hat auch einen Akzent auf die internationale Jugendarbeit gelegt: Er hat sein Preisgeld dem Deutsch-Französischen Jugendwerk gespendet. Ich habe mir die Verleihung im Live-Stream angesehen und fand die Veranstaltung besonders, schon wegen der ganzen Prominenz. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat eröffnet. Bundespräsident Steinmeier und die Jugendministerinnen von Deutschland und Polen waren auch da. Das alles hat dazu geführt, dass die Internationale Jugendarbeit im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Das ist ja nicht oft der Fall und bleibt hoffentlich in Erinnerung. Dass die Jugendlichen den Preis entgegengenommen haben, fand ich auch gut. So wurde deutlich, dass man einen Unterschied machen kann, wenn man sich für etwas engagiert, und dass man sich als selbstwirksam erleben kann.
Stephan Erb: Bei solchen öffentlichen und medial wirksamen Veranstaltungen ist das Thema zumeist nur kurzfristig im Fokus. Kurz darauf waren die Europawahlen und dann stand die Diskussion über die Ergebnisse im Zentrum. Aber wir können jetzt an die Preisverleihung anknüpfen, damit sie nachhaltig ist. Wir können sie gut für unsere Lobby-Arbeit nutzen.
Elisabeth Ritter: Ja, es ist wirklich eine Chance, deutlich zu machen, wie wichtig die Rahmenbedingungen für den Jugendaustausch sind. Seit 2014 bekommen wir Mittel des Auswärtigen Amts für die Östliche Partnerschaft, die wir für die Förderung von Projekten mit der Ukraine nutzen. Dadurch ist viel entstanden und wir sehen, dass der Bedarf riesig ist.
„Wir haben kein Nachfrageproblem“
ijab.de: Muss da nicht noch viel mehr passieren? Die Ukraine ist immerhin EU-Beitrittskandidat. Jetzt ist doch der Moment, wo man nicht nur Politiker*innen zusammenbringen muss, sondern vor allem die Menschen.
Stephan Erb: Genau. Und das tun wir auch. Wir bearbeiten ja nicht nur Förderanträge. Wir haben zum Beispiel ein trilaterales Forum, zu dem wir neue Interessierte einladen und wir haben regelmäßig deutlich mehr Anmeldungen als Plätze. Wir haben wirklich kein Nachfrageproblem, es kommen immer neue Partner dazu. Wir beteiligen uns finanziell mit erheblichen Mitteln aus unserem normalen Haushalt, weil das Geld, das wir vom Auswärtigen Amt für die Förderung bekommen, bei Weitem nicht den Bedarf deckt.
Elisabeth Ritter: Ich nenne mal ein Beispiel dafür. Mit unseren polnischen Partnern bearbeiten wir den Schwerpunkt kommunale Jugendarbeit. Das haben wir trilateral geöffnet und Ende 2023 zu einer Online-Veranstaltung eingeladen. Danach bekamen wir eine Flut von Anträgen. Alle wollen jetzt etwas machen. Aus unseren eigenen Töpfen können wir so viele Projekte nicht finanzieren und wir überlegen jedes Mal, an wen wir die Antragsteller*innen weiterleiten können. Vieles wird leider wegen fehlender Mittel ausgebremst. Und wir reden ja wirklich nicht über große Summen, nur über die, die nötig sind, damit etwas auf stabilen Füßen steht. Unsere Brücke nach Polen erweist sich dabei als sehr hilfreich, denn auf der kommunalen Ebene gibt es Ressourcen, die wir gemeinsam nutzen können, bei der Unterbringung zum Beispiel, ohne dass das viel Geld kostet.
Begegnungen sind lebensverändernd
ijab.de: Was haben junge Menschen in Deutschland, der Ukraine und Polen von den von euch geförderten Projekten? Was können sie voneinander lernen?
Stephan Erb: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat natürlich alles verändert. Für junge Menschen aus Deutschland ist es in jedem Fall eine Möglichkeit etwas über ein Land zu erfahren, von dem sie nicht viel wissen. Das ist in Polen anders – wegen der unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch wegen der historischen und kulturellen Verbindungen. Die trilateralen Begegnungen erweitern den Horizont. Deutsche und polnische junge Menschen sind mit Gleichaltrigen konfrontiert, die im Krieg aufwachsen. Sie können Europa aus einer anderen Perspektive sehen und erfahren etwas von einer Bedrohungslage, die ihnen bisher im friedlichen und freien Europa unbekannt war. Für junge Menschen in der Ukraine ist der Krieg tagtäglich Realität. Während der Jugendbegegnungen können sie wenigstens für kurze Zeit etwas Anderes erleben. Sie können Solidarität erfahren und das Gefühl haben, Teil von Europa zu sein. Die Themen der Projekte sind vielfältig und beschäftigen alle jungen Menschen, egal wo sie leben. Die Klimakrise zum Beispiel oder die gemeinsame Geschichte. Aber der Krieg ist natürlich immer präsent.
Elisabeth Ritter: Wir werten die Austausche mit i-Eval aus. Im vergangenen Jahr waren es etwa 40 Begegnungen, die wir uns angeschaut haben. Im Online-Formular des Tools gibt es ein freies Feld, das die Befragten mit etwas füllen können, das ihnen besonders wichtig erschien. Es ist schon interessant zu sehen, wie viele Teilnehmer*innen aus der Ukraine sagten, sie hätten die Begegnung als lebensverändernd erlebt. Sie kommen aus dem Kriegsalltag raus, bekommen neue Ideen und Perspektiven. Die von uns geförderten Begegnungen sind geschützte Räume für den Austausch. Gerade deswegen ist die Vorbereitung der Teamer*innen so wichtig. Viele Dinge, die uns völlig alltäglich erscheinen, erleben junge Menschen aus der Ukraine als Trigger und das hat natürlich mit ihren Kriegserlebnissen zu tun. Sie treffen auf andere junge Menschen, die neugierig sind und Fragen stellen, die unvorhersehbare Reaktionen auslösen können. Da muss erst mal ein Realitätsabgleich stattfinden. Wir stellen fest, dass sich vor allem Methoden der kulturellen Bildung gut für die Begegnungen eignen. Beim Tanzen oder Gestalten muss nicht viel gesprochen werden und nicht das gesagt werden, was ohnehin schwer sagbar ist. Für Sport gilt ähnliches. Die Belastung der Teilnehmer*innen aus der Ukraine hat auch etwas mit der schwierigen Anreise zu tun, denn die Begegnungen finden alle in Deutschland oder Polen statt. Die Wege in der Ukraine sind lang und Gruppen stehen zuweilen stundenlang an der Grenze. Auch darauf müssen Teamer*innen vorbereitet sein. Mit ihnen steht und fällt die Begegnung.
ijab.de: Wie sieht es aus, wie lange wird es das Engagement des DPJWs für trilaterale Projekte mit der Ukraine geben?
Stephan Erb: Das DPJW engagiert sich seit den 1990er Jahren für die Zusammenarbeit mit der Ukraine im deutsch-polnischen Kontext. Und es wird auch in Zukunft einer unserer Schwerpunkte bleiben. Hierfür benötigen wir stabile Rahmenbedingungen und verlässliche Mittel.

