Eine Frau in einem blauen Pullover mit orangefarbenem Schal sitzt lächelnd und klatschend in einem Raum voller sitzender Menschen, die auf etwas fokussieren. Eine Frau in einem blauen Pullover mit orangefarbenem Schal sitzt lächelnd und klatschend in einem Raum voller sitzender Menschen, die auf etwas fokussieren.
Jahrestagung „Fachkräfte im Blick”

Demokratie ist kein Nice-to-have

Zwischen Verantwortung und Aufbruch

„Was habe ich letzte Woche für die Demokratie getan?“ Mit dieser Frage startete die Jahrestagung 2026 „Fachkräfte im Blick“. Eine bewusst persönliche Einstimmung auf zwei Tage, in denen schnell deutlich wurde: Demokratiebildung ist für die Internationale Jugendarbeit kein Zusatzthema mehr. Sie ist Kernauftrag.

27.02.2026 / Cathrin Piesche

Democratic Youth Work: Haltung zeigen in bewegten Zeiten

Im Impulsvortrag „Democratic Youth Work“ zeichnete Daniel Poli (IJAB) ein klares Bild der globalen Lage. Demokratische Institutionen geraten weltweit unter Druck. Autokratische Entwicklungen nehmen zu, zivilgesellschaftliche Räume werden eingeschränkt, Polarisierung wächst. 

Internationale Jugendarbeit kann sich in diesem Kontext nicht auf eine vermeintliche Neutralität zurückziehen: „Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat sind für uns keine Option – sie sind verpflichtende Wertebasis."

Gleichzeitig wurde deutlich: Demokratie ist kein statischer Zustand. In vielen Ländern engagieren sich junge Menschen unter schwierigen Bedingungen für demokratische Rechte. Begegnung, Austausch und internationale Kooperation wirken hier als langfristige demokratische Investition. 

Die zentrale Frage lautete daher nicht, ob Internationale Jugendarbeit demokratiepolitisch relevant ist – sondern wie bewusst und strategisch sie diese Rolle wahrnimmt.

Programme im Wandel – Demokratie politisch denken

Manfred von Hebel (JUGEND für Europa) richtete den Blick auf die europäische Programmentwicklung. Begriffe wie „Skills“ und „Preparedness“ markieren eine neue Schwerpunktsetzung: Resilienz, Krisenvorsorge und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit rücken stärker in den Fokus. 

Im Raum stand die Frage: Reagieren wir zu spät? Kann Jugendarbeit noch gegensteuern, wenn gesellschaftliche Erosion bereits fortgeschritten ist? 

Die Diskussion machte deutlich: Rückzug ist keine Option. Demokratiebildung ist systemrelevant. Internationale Jugendarbeit muss ihren Beitrag selbstbewusst benennen – auch gegenüber Politik und Verwaltung.

Peer-Café: Wo stehen wir – und was brauchen wir?

Noch am ersten Tag bot das Peer-Café Raum für kollegiale Reflexion. Hier ging es weniger um Förderlogiken, sondern um professionelle Praxis, Haltung und strukturelle Fragen. Diskutiert wurde unter anderem:

Dabei wurde spürbar: Internationale Jugendarbeit ist ein professionelles Feld mit hoher Reflexionsbereitschaft. Demokratiebildung findet nicht nur mit Teilnehmenden statt – sondern auch im Team, in Partnerschaften, in Aushandlungsprozessen. 

„Wieder streiten lernen“ lautete eine zentrale Botschaft. Demokratische Streitkultur braucht Räume, Spielregeln und Respekt.

Markt der Möglichkeiten – Werkzeuge für die Praxis

Auf diese Selbstverortung folgte mit den Spotlights ein breiter Einblick in aktuelle Instrumente, Projekte und Entwicklungen.

Vorgestellt wurden unter anderem das Qualitätshandbuch Internationale Jugendarbeit, das Evaluationstool i-EVAL, der Argumentationsleitfaden „Worte finden – Wirkung zeigen“, Inklusionsangebote sowie Forschungs- und Praxisprojekte zu Antirassismus, Mental Health und Jugendinformation. 

Es zeigte sich: Die fachlichen Werkzeuge sind vorhanden. Entscheidend ist, wie sie strategisch eingesetzt und miteinander verbunden werden – in Kommunen, Trägerstrukturen und internationalen Partnerschaften.

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Tag 2: Wenn Demokratie konkret wird

Der zweite Tag holte die große demokratiepolitische Rahmung in die konkrete Fachpraxis zurück. In Workshops wurde sichtbar, wo Internationale Jugendarbeit aktuell steht – und wo sie sich weiterentwickeln muss.

Demokratie im digitalen Raum: KI, Polarisierung, Radikalisierung

Gleich zu Beginn wurde klar: Demokratieförderung findet längst auch im algorithmisch gesteuerten Raum statt.

Im Workshop zu Künstlicher Intelligenz und Extremismus wurde analysiert, wie Empfehlungsalgorithmen Polarisierung verstärken, wie extremistische Akteur*innen KI strategisch nutzen – und warum Jugendliche besonders adressiert werden. Die Diskussion ging dabei über reine Medienkompetenz hinaus. Es ging um demokratische Resilienz im digitalen Raum. Mit Tools wie dem „Hasskompass“ wurden konkrete Gegenstrategien erprobt.

Demokratiebildung heißt hier: verstehen, wie digitale Dynamiken wirken – und wie man ihnen pädagogisch begegnet.

Polarisierung, Flucht, Fakten – argumentationsfähig bleiben

Mehrere Workshops griffen die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung auf.

Im Workshop „‚Wir‘ und ‚die Anderen‘“ wurde mit Meinungslinien, Faktenchecks und Argumentationswerkstätten gearbeitet. Ziel war nicht moralische Überlegenheit, sondern faktenbasierte Sicherheit im Diskurs.

Der IJAB-Workshop zum Argumentationsbaukasten knüpfte daran an: Wie sprechen wir überzeugend über Internationale Jugendarbeit – gegenüber Politik, Verwaltung oder skeptischen Kolleg*innen?

Hier wurde deutlich: Demokratie braucht Sprache. Und Sprache braucht Übung.

Mehr Streit wagen – aber demokratisch

Der Workshop „Mehr Streit wagen!“ griff eine Frage auf, die sich bereits durch das Peer-Café gezogen hatte: Sind wir eigentlich streitfähig? Diskutiert wurde nicht nur, warum Streitvermeidung demokratiegefährdend sein kann – sondern auch, wann Streit kippt und destruktiv wird. Argumentationstechniken, Dilemma-Orientierung und Spielregeln demokratischer Auseinandersetzung wurden praktisch erprobt. Demokratiebildung wurde hier als Fähigkeit verstanden, Spannungen auszuhalten – ohne sich selbst zu verlieren.

Haltung, Werte und Reflexionsfähigkeit

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der eigenen professionellen Rolle. Im Methodentraining zur Wertevermittlung ging es um „Haltungsmuskeln“: Wie reflektiere ich meine eigenen Werte? Wie gestalte ich Angebote, die Diskussion ermöglichen, ohne zu indoktrinieren? Demokratiebildung beginnt bei der eigenen Selbstreflexion.

Allyship, Privilegien und traumasensible Ansätze

Workshops zu Allyship und zu traumasensibler Demokratiebildung erweiterten die Perspektive: Demokratische Teilhabe ist nicht voraussetzungslos. Privilegien, Diskriminierungserfahrungen, Fluchtbiografien oder Traumata prägen Beteiligungsmöglichkeiten. Gerade in internationalen Begegnungen treffen unterschiedliche Belastungserfahrungen aufeinander. Demokratiebildung muss diese Realitäten berücksichtigen – nicht nur inhaltlich, sondern methodisch.

Armut als strukturelle Teilhabebarriere

Mit „Armut im Koffer“ wurde ein Thema aufgegriffen, das selten so explizit mit Internationaler Jugendarbeit verbunden wird: strukturelle Armutsfolgen. Internationale Erfahrungen scheitern häufig nicht an fehlendem Interesse, sondern an finanziellen, organisatorischen und psychosozialen Hürden. Demokratiebildung, so die Diskussion, muss auch Zugangsbarrieren abbauen – sonst bleibt sie selektiv.

Über alle Workshops hinweg zeigte sich ein gemeinsamer Nenner: Demokratiebildung ist nicht nur Wertevermittlung. Sie ist Analyse, Argumentation, Konfliktfähigkeit, digitale Kompetenz, Inklusion – und strukturelle Gerechtigkeit.

Internationale Jugendarbeit als demokratische Infrastruktur

Über beide Tage hinweg kristallisierte sich ein gemeinsames Bild heraus: Internationale Jugendarbeit ist kein Zusatzangebot. Sie wirkt als demokratische Infrastruktur:

Gerade in Zeiten beschleunigter Polarisierung gewinnt diese Infrastruktur an Bedeutung. Ein Kommentar aus der Diskussion brachte es auf den Punkt: „Demokratiebildung ist kein Nice-to-have mehr.“

Der Blick nach vorn: Dranbleiben, verbinden, weiterentwickeln

Zum Abschluss richteten IJAB und JUGEND für Europa den Blick nach vorn. 2026 wird ein Jahr, in dem programmatische Grundlagen neu diskutiert werden – auch im Kontext von „Skills“ und „Preparedness“.

Gleichzeitig stehen konkrete Vorhaben an: Folgeprojekte wie Democracy in Action, die Weiterentwicklung von Qualifizierungsangeboten, Impulse aus der European Youth Work Agenda, internationale Konferenzen und neue Vernetzungsformate.

Doch jenseits einzelner Termine blieb eine übergeordnete Botschaft:

Oder wie es eine Teilnehmerin formulierte: „Wir sind demokratierelevant in dem, was wir tun.“

Die Diskussion über Democratic Youth Work ist mit dieser Tagung nicht abgeschlossen – sie beginnt erst. Wir sehen uns wieder zur nächsten Tagung “Fachkräfte im Blick” am 17. und 18. Februar 2027.

Gruppe von Erwachsenen in einem Seminarraum, lachen und blasen Luftballons auf. Eine Frau hält dabei fröhlich einen roten Ballon.
Jahrestagung „Fachkräfte im Blick”

Die Jahrestagung „Fachkräfte im Blick” ist ein trägerübergreifendes Angebot von IJAB und JUGEND für Europa. Es zielt darauf, die Mobilität von Fachkräften zu stärken und einen Beitrag zur Kompetenzentwicklung dieser Berufsgruppe in Deutschland und Europa zu leisten.

Hände halten einen fiktiven Pass, in den Namen politischer Gefangener eingestempelt sind
Über Demokratie und Menschenrechte

Internationale Jugendarbeit und jugendpolitische Zusammenarbeit versteht IJAB als Beitrag zur Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft und zur Förderung eines demokratischen Gemeinwesens.

Ansprechpartnerin
Kerstin Giebel
Koordinatorin
Qualifizierung und Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit
Tel.: Tel.: 0228 9506-223