Vereinigtes Königreich

Jugendarbeit im Dialog: Study Visit UK 2025

Fachkräfte entdecken Jugendarbeit in England und Wales

Im Rahmen der Initiative UK-German Connection erkundeten deutsche Fachkräfte der Jugendarbeit vom 9. bis 13. November 2025 das Vereinigte Königreich und lernten zentrale Akteure der Jugendarbeit in England und Wales kennen.

04.05.2026 / Sabine Lier

Das Vereinigte Königreich ist und bleibt ein attraktives Austauschziel für junge Menschen in Deutschland. Nicht nur die Sprache und Kultur, sondern auch der Umgang der britischen Gesellschaft mit aktuellen Trends und Herausforderungen sind dabei von Interesse. Denn die Lebensrealitäten der jungen Menschen in beiden Ländern gleichen sich. Doch wie steht es um die Jugendarbeit und den Jugendaustausch im Vereinigten Königreich? Wie funktioniert Jugendarbeit im Kontext der vier Nationen? Welchen Herausforderungen sehen sich der Arbeitsbereich und nicht zuletzt auch junge Menschen gegenüber? Diese und viele weitere Fragen galt es im Rahmen des fünftägigen Aufenthaltes in England und Wales zu beantworten.

Unserem Aufruf zur Bewerbung für die Teilnahme am Programm folgten über 40 Fachkräfte aus ganz Deutschland und aus allen Bereichen der Jugendarbeit. Das hohe Interesse an einer Maßnahme dieser Art spiegelt wider, welche große Bereitschaft in der deutschen Trägerlandschaft herrscht und welchen hohen Stellenwert das Vereinigte Königreich als Partnerland bei den Fachkräften aber auch deren Zielgruppen einnimmt. 

Programm und Reiseverlauf

Gemeinsam reiste die Gruppe am 9. November mit Zug von Köln über Brüssel nach London, und bewegte sich auch im Partnerland ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fort. Denn der Study Visit bot uns aufgrund der regionalen Nähe zum Partnerland die einmalige Gelegenheit, die Anreise zum Programm mit dem Zug zu planen und den Fachkräften zu ermöglichen, so zu reisen, wie es auch die jungen Menschen während der Begegnung würden. Die intensive Reisezeit nutzen die Fachkräfte dazu, die Besuche bei und Treffen mit den britischen Kolleg*innen vorzubereiten und sich gegenseitig kennenzulernen.

Über 5 Tage hinweg trafen die deutschen Fachkräfte zentrale Akteure der Jugendarbeit in England und Wales. Zum Auftakt wurden die Fachkräfte in der Londoner Niederlassung der UK-German Connection im British Council in Empfang genommen und trafen Leigh Middleton, Geschäftsführer der National Youth Agency (NYA), sowie später am Tag auch Vertreter*innen der deutschen Botschaft, zum Austausch. Thematisch drehte sich dieser erste Tag um die grundlegenden Strukturen und Rahmenbedingungen für die Jugendarbeit, deren Angebote, Zielgruppen sowie zukünftige Entwicklung des Sektors im Allgemeinen.

Am nächsten Tag ging es mit dem Zug weiter nach Bath, wo die Gruppe in einer Jugendherberge der Youth Hostel Association (YHA) England and Wales übernachtete und sich mit dem Leitungsteam der YHA zu deren Angeboten und Programmen austauschte.

In Bristol trafen die Fachkräfte dann auf Vertreter*innen lokaler Strukturen der Jugendarbeit, wie beispielsweise Bristol Play & Youth Alliance, Young Bristol und Youth Moves, sowie assoziierter Bereiche, wie das Bristol City Youth Council und das International Town Twinning Office. Im Austausch mit den Partner*innen konnten die Fachkräfte so einen Einblick in die Angebote der Stadt Bristol und der örtlichen freien Träger nehmen. Am Abend gingen die Fachkräfte dann noch auf Entdeckungstour und besichtigten ein lokales Jugendzentrum sowie einen mobilen Jugendarbeitsbus. Im Austausch mit den Jugendarbeitern und auch den Kindern und Jugendlichen konnten die Fachkräfte so auch einen Blick auf die Zielgruppe werfen und deren Lebensrealitäten ein Stück weit kennen lernen.

Von Bristol aus ging es dann weiter nach Cardiff, wo die Fachkräfte an einem runden Tisch mit zentralen Akteuren der Jugendarbeit in Wales teilnahmen, wie beispielsweise Media Academy Cymru (MAC), Council for Wales of Voluntary Youth Services (CWVYS), Taith, Boys’ and Girls’ Clubs of Wales, und Youth Cymru. Hier waren vor allem die aktuellen sozialen Probleme junger Waliser*innen Thema und machte nochmals deutlich, welchen Beitrag die Jugendarbeit im Land zur Resilienz junger Menschen beiträgt. Am letzten Tag tauschte sich die Gruppe beim Youth Sports Trust zur Rolle des Sports im Zusammenhang mit mentaler und physischer Gesundheit junger Menschen im Vereinigten Königreich aus, bevor es mit dem Zug wieder zurück nach Köln ging.

Der Study Visit zielte neben der Information und Vernetzung ebenfalls darauf ab, die bestehenden wahrgenommenen Barrieren im deutsch-britischen Austausch herabzusetzen und den Fachkräften zu erlauben, in die Arbeitspraxis vor Ort einzutauchen, um so ein besseres Verständnis für die Realität britischer Träger zu entwickeln. Denn – obgleich sowohl bei deutschen als auch britischen Trägern ein unvermindert hohes Interesse an einer Zusammenarbeit besteht – die aktuellen finanziellen und politischen Rahmenbedingungen für den Jugendaustausch führen zu Schwierigkeiten in der tatsächlichen Umsetzung wechselseitiger Austauschbeziehungen. 

Finanzielle Rahmenbedingungen für deutsch-britische Jugendaustausche

Eine große Herausforderung stellen wie üblich auch die finanziellen Rahmenbedingungen, sowohl für den Jugendaustausch als auch die Jugendarbeit insgesamt dar. Während des Study Visit tauschten sich die deutschen Fachkräfte mit ihren britischen Kolleg*innen über den Rückgang der zur Verfügung stehenden öffentlichen Fördermittel für die Kinder- und Jugendhilfe im Vereinigten Königreich aus. So wurden in den letzten 15 Jahren rund 75% der öffentlichen Hilfe für den Sektor eingestellt, was zur Schließung vieler Einrichtungen und Einstellungen zahlreicher Angebote in allen vier Nationen zur Folge hatte. Britische Träger finanzieren sich seither vermehrt durch Stiftungen, Fonds oder private Organisationen über Sponsorenverträge, um die fehlende staatliche Unterstützung zu kompensieren. Im aktuellen National Youth Sector Census der National Youth Agency (NYA) lässt sich nachlesen, wie genau der Sektor finanziert und personell aufgestellt ist.

Jugendaustauschmaßnahmen werden in Deutschland über den Kinder- und Jugendplan des Bundes (KJP) bzw. die jeweiligen Landesjugendförderpläne gefördert. Der KJP fördert außerschulische Begegnungen zwischen jungen Menschen und Fachkräften der Jugendarbeit nach dem Gastgeberprinzip. Das bedeutet in der Praxis, dass alle Besuche die in Deutschland stattfinden über den KJP gefördert und finanziert werden können. Für die Gegenbesuche im jeweiligen Partnerland stehen jedoch nur kleine Pauschalen und Zuschüsse zur Verfügung. Die Initiative UK-German Connection fördert den deutsch-britischen Jugendaustausch und stellt dabei britischen Trägern Mittel zur Verfügung und finanziert durch ihre Programme die Kosten des Besuchs in Deutschland für die Antragstellenden. So bleibt eine Förderlücke für die (Gegen)Besuche im Vereinigten Königreich zurück, die durch komplementäre Fördermittel oder andere finanzielle Mittel durch die deutschen Träger geschlossen werden muss. 

Ein Lichtblick bildet hier die angekündigte Rückkehr des Vereinigten Königreichs in das europäische Förderprogramm Erasmus+ im Jahr 2027 sowie das aktuell noch bestehende Förderprogramm Taith in Wales, welches 2026 vorerst in die letzte Förderrunde geht. Durch Taith haben walisische Träger die Möglichkeit, Fördermittel für die Hin- und Rückbegegnung zu beantragen und so den Besuch der deutschen Partner in Wales mitzufinanzieren. Die Rückkehr zu Erasmus+, aber auch der zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich geschlossene Kensington-Vertrag, sollte darüber hinaus zukünftig wieder für Erleichterungen in der Mobilität zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich insgesamt bringen. Der Kensington-Vertrag inklusive des dazugehörigen Aktionsplans beschreibt in Kapitel 5 das gemeinsame Bestreben, eine offene und resiliente Gesellschaft zu fördern. Dazu gehört auch die Förderung der Mobilität junger Menschen und des gegenseitigen Austauschs sowie die Beschließung entsprechender einreiserechtlicher Erleichterungen. Aktuell stellt die Einreise vor allem für junge in Deutschland lebende Menschen ohne deutsche bzw. europäische Staatsangehörigkeit dar, da diese für die Einreise ein Visum beantragen müssen. Das Bestreben deutscher Programme marginalisierte junge Menschen stärker an Austauschen zu beteiligen, wird durch die strengen Einreisebedingungen erschwert. 

Safeguarding und Risikomanagement im deutsch-britischen Austausch 

Im Vereinigten Königreich ist der Anteil der marginalisierten jungen Menschen, die die Angebote und Dienstleistungen der Jugendarbeit in Anspruch nehmen, besonders hoch. Zuletzt hatten vor allem steigende Lebenshaltungskosten für angespannte Verhältnisse gesorgt und die Marginalisierung bestimmter Gruppen weiter vorangetrieben. Viele Programme fördern daher explizit Maßnahmen für und mit marginalisierten Gruppen oder schreiben gar fest, wie hoch der Anteil der marginalisierten jungen Teilnehmenden an einer jeden Maßnahme sein muss. 

Für die Arbeit mit Kindern und jungen Menschen gelten im Partnerland strenge Vorschriften, wenn es um deren Wohlbefinden und Schutz vor Gewalt jeglicher Art gilt. Safeguarding beschreibt ein umfassendes Verständnis von Schutz und Sicherheit in der Kinder- und Jugendarbeit. Das Konzept im Vereinigten Königreich umfasst daher alle Dimensionen die das Wohl, die Sicherheit und die Würde junger Menschen betreffen – physisch, psychisch, digital und organisatorisch. Organisationen und Fachkräfte übernehmen hier die Verantwortung, sichere Rahmenbedingungen zu schaffen, Risiken früh zu erkennen und so zu handeln, dass sich alle Beteiligten geschützt und respektiert fühlen. Während im deutschsprachigen Raum oft von „Schutzkonzepten“ gesprochen wird, fasst Safeguarding diesen Gedanken noch weiter und betont die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten, eine achtsame Organisationskultur zu entwickeln und zu pflegen. 

Obgleich die Komplexität des Themas viele deutsche Träger abschreckt, in den Gesprächen mit den verschiedenen Akteur*innen während des gesamten Study Visit wurde eines deutlich: Britische Träger arbeiten bereits seit vielen Jahren mit Safeguarding-Konzepten und besitzen besondere Expertise auf diesem Gebiet. Deutsche Träger können daher auf ebendiese Expertise seitens der Partner bauen, um gemeinsame Konzepte für deutsch-britischen Austausche zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen.

Kopfsteinpflasterstraße mit schmalen Reihenhäusern, gesäumt von roten Ziegeldächern und grünen Büschen. Im Vordergrund wehen britische Fahnen an einem Zaun. Ein Auto steht geparkt.
Über den Länderbereich UK

Infos zum Jugend- und Fachkräfteaustausch mit dem Vereinigten Königreich.

Ansprechpersonen
Christina Gerlach
Leiterin des Geschäftsbereichs
Internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-100
Dr. Stefanie Künzel-Rauscher
Referentin für die Zusammenarbeit
mit dem Vereinigten Königreich
Tel.: 0228 9506-114