Freiwillige beim Workcamp im St. Francis Center, L.A., hinter Obstkisten Freiwillige beim Workcamp im St. Francis Center, L.A., hinter Obstkisten
USA-Special 2022

Workcamps der Kolping Jugendgemeinschaftsdienste in den USA

Workcamps

Welche Erfahrungen sammeln Jugendliche in Workcamps in den USA und welche Wirkung haben diese Erfahrungen auf ihr Leben als Heranwachsende in Deutschland? Die Kolping Jugendgemeinschaftsdienste (JGD) führen seit über 20 Jahren Workcamps mit den USA durch: Darum haben wir Annette Fuchs, Leiterin der Kolping JGD, sowie Andy Gracklauer und Friederike Knörzer, Workcamp-Leitende in den USA, um eine Einordnung gebeten.

25.02.2022 / Annette Fuchs mit Andy Gracklauer und Friederike Knörzer, Kolping JGD

Wer, wann, was? Hintergrundinfos zu den Workcamps

Die Kolping JGD bieten Workcamps in den USA seit über 20 Jahren an. Die Workcamps in Los Angeles und San Diego sind durch einen Projektpartner entstanden, der von Uganda in die USA versetzt wurde. Als Pfarrer hatte er viele Kontakte in die Gemeinde. Er hat den Kontakt zu den Projekten und Gastfamilien hergestellt und zunächst die Gruppen auch persönlich betreut. Im Moment arbeiten wir mit dem St. Francis Center in Los Angeles zusammen, welches sich um Obdachlose kümmert, z. B. Frühstück zubereitet und Essenspakete ausgibt. Bisher hat die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Die Teilnehmenden und Projektpartner sind sehr zufrieden. Die Workcamps in den USA sind gut nachgefragt und finden bis zu drei Mal im Jahr statt. Finanziert werden sie durch Zuschüsse aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes und Teilnahmebeiträge.

Nicht nur ein „cooles“ Land kennenlernen, sondern auch Engagement zeigen

Der Wunsch junger Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren, nebenbei ihr Englisch zu verbessern und die USA kennenzulernen, führte zur Initialisierung der Workcamps in den USA. Zielgruppe sind 16 bis 26 Jährige mit Englischkenntnissen, z. B. Schüler*innen, Studierende und Auszubildende. Sie wollen zunächst natürlich vor allem die USA kennenlernen, wie sie sie aus den Medien kennen: Ein „cooles“ Land mit interessanten Leuten und weite Landschaften mit vielen schönen Nationalparks. Dass sie sich in den Projekten darüber hinaus auch mit gesellschaftlichen und sozialen Problemen in den USA auseinandersetzen müssen, sich in diesem Bereich engagieren und für ihr eigenes Leben lernen können, macht ein Workcamp hier für sie besonders interessant.

Anders und doch gleich – was macht die Zusammenarbeit mit den USA so besonders?

Eine Kultur kennenzu­lernen, die für viele junge Menschen Vorbild ist, die der unseren so ähn­lich zu sein scheint, in der es aber doch einige Unterschiede gibt, ist für junge Menschen interes­sant. Spezielle Themen sind nicht geplant. Auto­matisch ergibt sich die Diskussion über Kapitalismus und dessen Vor- und Nachteile. Im Vergleich zu unseren anderen Workcamps, die meist im Globalen Süden stattfinden, ist der Lebensstandard in den USA wesentlich höher. Gleichzeitig ist es erschreckend zu sehen, wie viele Menschen in den USA am Existenzminimum leben und wie schnell der soziale Abstieg gehen kann. Los Angeles bringen wir in unseren Köpfen meist mit Reichtum, Hollywood und Stars in Ver­bindung. Umso krasser ist die Erfahrung, dass mitten in L.A. Menschen auf den Bürgersteigen in Zelten leben.

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Friederike Knörzer, Workcamp-Leiterin zur Zusammenarbeit mit dem St. Francis Center in Los Angeles: „Die USA sind aufgrund ihres politischen Sys­tems ein Land, in dem es schnell passieren kann, dass man in die Obdachlosigkeit gerät. Auch ist es dort extrem schwer, aus dieser wieder heraus zu kommen. Der Kreislauf aus Arbeitslosigkeit, Verlust des Wohnsitzes und Verlust des sozialen Umfelds lässt sich kaum durchbrechen und es gibt unzählige Men­schen, die durch verschiedene Gründe aus dem Raster gefallen sind. Im Land selbst gibt es zwar Organisationen, die versuchen, diese Menschen zu unterstützen, doch es sind noch zu weni­ge. Das soziale Sicherungssystem ist mit dem deutschen nicht zu vergleichen, vom Staat gibt es kaum Hilfe. Das St. Francis Center versucht, die Menschen mit dem Nötigs­ten zu versorgen. Um ihre Existenz zu sichern, wird den Obdachlosen auch bei formalen Angelegenheiten geholfen. Regelmäßig kommen Ärzte vorbei. Viele Men­schen kommen täglich. Das St. Francis ist darüber hinaus ein sozialer Knotenpunkt für viele, hier kann man sich austauschen und trifft täglich bekannte Gesichter und Freunde.

Der internationale Austausch mit dem St. Francis Center zeigt den Leuten vor Ort, dass sogar Leute aus anderen Teilen der Welt sich für sie interessieren. Die Freiwilligen haben mehr Zeit als die Angestellten des Centers, auch mal private Gespräche zu führen. Somit bietet sich die Gelegenheit für viele Gespräche. Es entstehen Momente der Freude, wenn man versucht, sich gegenseitig Wörter der eigenen Muttersprache beizubringen. So begrüßten und bedankten sich die Obdachlosen teilweise auf brü­chigem Deutsch und die Freiwilligen versuchten sich in der spanischen Sprache. Das Kolping-Programm bietet etwas, was den Obdachlosen wirklich fehlt: Zeit, Auf­merksamkeit und Wertschätzung.“

Zwischen Obdachlosigkeit und Wohl­stand: Die Wirkung der Kontraste auf die Jugendlichen

Andy Gracklauer, Leiter des Workcamps im Frühjahr 2019, zu den Wirkungen des Programms auf die Teil­nehmenden: „Ich möchte behaupten, dass die Workcamp-Teil­nehmenden wichtige Erfahrungen für ihre persönliche Entwicklung sammeln konnten, die sie in Zukunft positiv beeinflussen werden. Besonders der Kontrast zwischen dem Leben der Obdachlosen auf der Straße und dem relativen Wohlstand in der Unterkunft der Freiwilligen regte zu intensivem Nachdenken an. Wir konnten hier­bei einen Zwiespalt zwischen Arm und Reich sehen, der teilweise erschreckend groß ist und an den im Land des American Dream mit seinen „unbegrenzten Möglich­keiten“ niemand in Europa als erstes denkt. Auf der einen Seite leben viele Menschen in den USA im Über­fluss, auf der anderen Seite sind viele Menschen in die­sem Land so bedürftig, dass sie auf die Armenspeisung angewiesen sind. Wir konnten bei diesem Workcamp beide Seiten kennenlernen und uns so ein umfang­reiches Bild vom Süden Kaliforniens machen, das facettenreicher kaum sein könnte. Ich denke auch, dass viele der Heimkehrer*innen aus diesem Workcamp in Los Angeles in Zukunft zweimal überlegen werden, bevor sie Essen wegwerfen. Dadurch ist die Chance gegeben, den eigenen Wohlstand nicht als selbstverständlich zu betrachten und ihn besser zu schätzen zu wissen.“

Nachhaltige Wirkung zum sozialen Engagement

Friederike Knörzer bestätigt diese Erfahrungen: „Den Teilnehmenden wurde bewusst, dass Obdachlosig­keit jeden treffen kann. Viele waren überrascht, wen und wie schnell dies geschehen kann. Die Teilnehmenden machten sich während des Camps viele Gedanken darü­ber, sprachen untereinander aber auch mit der Leitung über ihre Ansichten und reflektierten selbstständig ihre eigene Situation und ihren Umgang mit Wohlstand. Es kamen Überlegungen auf, wie man sich auch zu Hause sozial engagieren kann. Eine Teilnehmerin tritt bald ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an und einige Teil­nehmende waren sich sicher, dass dies nicht ihr letztes Workcamp sein würde.“

Kolping JGD im Netz
www.kolping-jgd.de

Zu den Autor*innen: Annette Fuchs ist Leiterin der Kolping Jugendgemeinschaftsdienste Kolpingwerk Deutschland gGmbH. Friederike Knörzer und Andy Graucklauer haben Workcamps in den USA geleitet.

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USA-Special 2022
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Die Autor*innen und Interviewpartner*innen im USA-Special zeigen, dass sich ein transatlantischer Austausch für alle Beteiligten lohnt, allen voran für Jugendliche.

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Nahaufnahme der US-amerikanischen Flagge
Über die Zusammenarbeit mit den USA

IJAB unterstützt, gefördert durch das BMFSFJ, die Intensivierung von Aktivitäten im Bereich des Jugend- und Fachkräfteaustauschs mit den USA und führt ein Fortbildungs- und ein Praktikumsprogramm durch.

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