Fridays for Future Aktivitst*innen mit Plakaten in Washington DC Fridays for Future Aktivitst*innen mit Plakaten in Washington DC
USA-Special 2022

Fridays for Future in den USA

Jugend in den USA

Die deutsch-amerikanische Aktivistin Katharina (Kat) Maier hat an der Freien Universität in Berlin studiert, als sie dort 2018 zufällig auf eine Demo der Jugendbewegung Fridays for Future traf. Als Event-Managerin, die schon seit Jahren „sozial“ unterwegs war, stieg sie sofort in die Organisation der Bewegung ein. Bei ihrer Rückkehr in die USA Mitte 2020 nahm sie ihr Engagement von Berlin nach Washington D. C. mit. Im Interview mit IJAB beschreibt Katharina Maier, was die Initiative in den USA ausmacht und wie junge Menschen die Themen Gender und Race mit Aktivismus und Nachhaltigkeit verbinden.

25.02.2022 / Interview mit Katharina Maier über Fridays for Future in den USA

Kat, was ist derzeit deine Rolle bei Fridays for Future USA?

Als ich aus Deutschland zurück in die USA gekommen bin, wollte ich eigentlich einfach mit Fridays for Future weitermachen, habe dann aber festgestellt, dass sich die Bewegung in den USA bereits Anfang 2020 aufgelöst hatte. Aber da Aktivismus in den USA weit verbreitet ist, findet man recht schnell Organisationen, in denen man sich engagieren kann.

Auf diesem Weg habe ich Leute kennengelernt und Ende 2020 haben sich drei von uns zusammengesetzt und haben uns gefragt: Brauchen wir Fridays for Future oder sollten wir unsere Energie in bereits bestehende Netzwerke und Initiativen stecken? Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Fridays for Future andere Nischen, andere Stärken hat, andere Leute anspricht. Zu dritt haben wir die Bewegung in den USA so wieder gestartet.

Wir sind hierarchie- und titellos aufgebaut, das heißt, ich würde meine Position als Organisatorin, Koordinatorin oder generell als Aktivistin auf nationaler Ebene angeben. Wir haben Fridays for Future zuerst auf nationaler Ebene als einen Hub aufgebaut, in dem wir Ressourcen und Wissen bündeln können, um andere dabei zu unterstützen, regionale Gruppen aufzuziehen. Ich bin gerade in Washington D. C. und wir haben auch hier versucht, eine lokale Gruppe aufzumachen, aber durch Corona ist alles ein bisschen langsam.

Ich habe jetzt gerade rausgehört, dass der Aktivismus in den USA viel stärker verbreitet ist als in Deutschland. Ist das richtig?

Jein! Aktivismus ist in den USA nur anders strukturiert und es gibt andere Möglichkeiten. Ich würde auf keinen Fall sagen, dass es besser ist. Aktivismus wird in den USA von Nicht-Aktivist*innen zum Beispiel als viel radikaler angesehen, gleichzeitig gibt es viel mehr Organisationen, in denen Menschen auf ganz unterschiedliche Art und Weise aktiv werden können. Es ist in den USA sehr leicht, eine eigene Organisation aufzustellen. Solange du dich gut auf Social Media präsentierst, weiß niemand, ob dahinter zwei oder zweihundert Leute stecken. Dadurch ist Aktivismus in den USA im Vergleich zu Deutschland sehr zersplittert, was bedeutet, dass nicht immer effektiv zusammengearbeitet wird.

Gibt es finanzielle Unterstützung? Vielleicht sogar staatliche oder regional-öffentliche?

Es gibt vom Staat keine Fördermittel, außer vielleicht ein bisschen Steuererlassung, aber dafür sind philanthropisch motivierte Spenden sowie Stiftungsmittel hier weit verbreitet. Wir sind nicht formiert, daher sind Stiftungsmittel nicht so interessant für uns. Aber es ist auch eine ressourcenintensive Sache, diese Stiftungsgelder zu beantragen und zu verwalten. Gerade für Grassroots-Organisationen ist das eine sehr große Hürde, wenn sie kein festes Personal haben. Wir haben das große Glück, dass wir ein Spendenkonto haben. Das ist öffentlich zugänglich als Open Collective, jede*r kann die Transaktionen sehen.

Wie wurde der Wiederaufbau, den du mitgestaltet hast, von deinem sozialen Umfeld aufgenommen und wie hat deine Peer-Group auf dein Engagement reagiert?

Es war schon ein Kulturschock, als ich zurück in die USA kam: Nachhaltigkeit und Umweltschutz werden hier als neue Themen betrachtet und als radikal angesehen. Wenn ich in meinem vorherigen Job versucht habe, Nachhaltigkeit als Thema in normale Konversation einzubringen, hieß es immer „Oh, there goes Kat again ...!“. Auch wenn das Thema Umwelt ein Thema in den Nachrichten ist, wird es anders als andere Themen betrachtet und nicht sehr ernstgenommen. Mittlerweile kommen fast alle meine Freund*innen aus dem Kreis der Aktivist*innen. Viele andere konnten sich unter Aktivismus, wie wir ihn mit Fridays for Future betreiben, nichts vorstellen. Sie kannten eher ehrenamtliches Engagement, bei dem man mal in die Suppenküche geht oder im Tierheim ein paar Stunden aushilft. Weil sie mich kennen und lieben, unterstützen sie mich. Meine Mutter ist jetzt Feuer und Flamme für Nachhaltigkeit; sie war schon immer nachhaltig aufgestellt, aber jetzt ist Nachhaltigkeit ein Schlagwort!

Nimmst du hier einen Unterschied zwischen den Generationen wahr, was die Radikalisierung des Themas betrifft?

Ich glaube schon, dass Aktivismus dieser Art hier ein neues Konzept ist. Streiken ist arbeitsrechtlich in den USA viel schwieriger als in Deutschland und wird daher kaum gemacht. Ich glaube aber auch, dass Nachhaltigkeit als Thema noch nicht in den USA angekommen ist. Es wird mehr als Trend gesehen.

Wie funktioniert Umweltbildung dann in der Schule oder in anderen Kontexten?

Es wird immer mehr eingebracht, aber in der Regel durch einzelne, sehr engagierte Lehrer*innen. Lehrpläne ändern sich hier sehr langsam. Daher sind Privatinitiativen und Organisationen sehr wichtig, die versuchen, Umweltbildungsmaterial zu entwickeln, das in Schulen angewandt werden kann, um diese große Lücke zu schließen.

Stichwort Parents for Future: Wie erfährst du die Unterstützung der Eltern, aber auch der Schulen, was die Bewegung betrifft?

Wir hatten hier aufgrund von Corona noch nicht so viele Demos, aber ich kann mich auch nicht erinnern, auf irgendeiner Demo Schulen oder Klassen gesehen zu haben. Das Schulsystem erzeugt so einen Druck gute Noten zu kriegen, dass viele Schüler*innen alleine schon deswegen nicht im Unterricht fehlen würden. Besser würde es funktionieren, solche Aktivitäten als extra curriculare Aktivität der Schule anzubieten. Mit Eltern habe ich relativ wenig zu tun, eher schreiben uns tatsächlich Großeltern, dass sie uns unterstützen wollen. Da sehe ich hier in den USA konkret eine Lücke, wie man sie einbinden kann, damit auch sie sich engagieren können.

Du bist bereits auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Deutschland eingegangen. Gibt es noch andere Punkte, die du gerne herausheben würdest?

Was bisher vielleicht nicht so explizit gesagt wurde: Wir müssen alle individuell handeln und wir haben auch alle eine individuelle Verantwortung zu handeln und zu schauen, wie wir unsere Gesellschaft gestalten. Aber das Narrativ, dass die Verantwortung für alles auf den Individuen lastet, ist künstlich geschaffen und wird in den USA von der Öl- und Gasindustrie absichtlich genährt, damit Menschen sich allein und machtlos fühlen im Kampf für mehr Nachhaltigkeit.

Wie wir aus diesem Zyklus rauskommen, indem wir miteinander reden, um von der individuellen zur kollektiven Handlung überzugehen, das hat man in Deutschland viel besser hinbekommen als in den USA. Hier neigt man schneller dazu, sich entweder machtlos zu fühlen oder zu sagen: Das ist alles eine Lüge. Es gibt in den USA wenige Menschen, die in der Mitte stehen.

Gibt es US-spezifische Themen für Fridays for Future? Themen, die in den USA anders diskutiert werden als in Deutschland?

Hier haben die Themen Race (Erg. IJAB: im dt. Diskurs „Rassismusdebatte“) und „Genderidentität“ eine viel größere Bedeutung. Das hat sich in den USA in den letzten Jahren sehr verändert. In Deutschland hat sich der Diskurs ebenfalls mehr in Richtung „Klimagerechtigkeit“ gewandelt, aber nicht so stark wie hier. Egal, welches Thema besprochen wird, ob Armut oder Klima, alles wird unter der Lupe der Rassismusdebatte und Genderidentität beleuchtet. Wenn man das nicht explizit irgendwo benennt, wird man in Aktivist*innen-Kreisen sehr schnell darauf hingewiesen. Das hat alles Vor- und Nachteile: Dadurch kommt man dazu, sich mehr mit diesen Themen zu beschäftigen, aber es entsteht auch mehr CancelCulture. Wir arbeiten zwar alle in die gleiche Richtung, aber noch nicht unbedingt zusammen. Man bleibt schnell in Nuancen stecken, Projekte gehen nicht weiter, wir verlieren Leute, Zeit und Energie. Ich versuche trotzdem, diese Diskurse nicht zu unterdrücken, denn sie müssen geführt werden in einer Zeit, in der viele Menschen sich nicht gehört oder gesehen fühlen. Deswegen versuche ich, das Thema in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu setzen. Bei Aktivismus gibt es kein Richtig oder Falsch. Wir versuchen, den jungen Menschen sogenannte Safe Spaces zu geben, in denen sie sich ausprobieren können. Wir sind Aktivist*innen, die das zum ersten Mal machen. Wir lernen und machen gleichzeitig.

Wie seid ihr national organisiert? Wie kommuniziert ihr? Benutzt ihr digitale Tools oder habt ihr eine Plattform, auf der ihr zusammenkommt?

Wir nennen uns ein Netzwerk. Jede*r kann Teil dieses Netzwerks sein oder eine regionale Gruppe bilden. Es gibt aber auch eine Menge an Gruppen in den USA, die einfach entstehen, ihr eigenes Ding machen und nicht mit uns verbunden sind. Innerhalb unseres Netzwerks organisieren wir uns auf der Plattform Slack, auf der wir versuchen, Personen aus den regionalen Gruppen zusammenzubringen. Wenn jemand sagt „Hey, ich möchte mitmachen“, dann sagen wir „Ok, hier ist eine Ortsgruppe, da kannst du mitmachen“ oder wir sagen „Es gibt noch keine Ortsgruppe, wir helfen dir eine aufzubauen“. Also ist jede*r, die / der auf nationaler Ebene aktiv ist, auch in einer Ortsgruppe engagiert und kann sich auf nationaler Ebene an den Arbeitsgruppen beteiligen. Zum Beispiel kann die Social-Media-Person einer Ortsgruppe in die nationale Arbeitsgruppe für Social Media kommen und ist dort dann mit Social-Media-Personen aus anderen Ortsgruppen vernetzt.

Innerhalb vom Netzwerk gibt es derzeit 22 Ortsgruppen, auf Slack sind 81 Personen vernetzt. Wir sind also noch relativ klein. Einige Ortsgruppen wie die in New York sind groß, andere sind sehr klein und bestehen aus nur 2 bis 3 Personen. Bei einer
großen Demo haben wir trotzdem 45.000 Personen zusammengetrommelt.

Eine der aktuellen Initiativen der Bundesregierung ist, den Jugendaustausch mit den USA zu intensivieren und auszubauen. Siehst du hier eine Chance für Fridays for Future als Jugendinitiative?

Für Fridays for Future wäre das sehr wertvoll. Wir sind im Vergleich zu anderen Grassroots-Organisationen international schon breit aufgestellt. Man bekommt dadurch die Möglichkeit, voneinander zu lernen: Wie machen andere das? Was sind vielleicht andere Schwerpunkte? Wie kann man Themen anders angehen oder beleuchten usw. Es ist wichtig für junge Menschen Leute aus anderen Ländern kennenzulernen, die sich mit den gleichen Fragen beschäftigen.

Kann internationaler Jugendaustausch nachhaltig sein? In den Jugendstrukturen in Deutschland wird diese Frage sehr stark diskutiert. Wie siehst du das?

Es ist schon so, dass wir durch Internet und Technologie die Welt mehr erfahren und global besser vernetzt sind, sodass die Menge an Reisen verringert werden könnte. Ein Video-Call, egal wie lustig er gestaltet ist, ist aber immer etwas Anderes, als wenn man etwas physisch zusammen macht. Es ist einfach wichtig, dass wir Reisen bedachter machen, dass es z. B. nicht normal ist, für ein verlängertes Wochenende irgendwo hinzudüsen, sondern man für länger irgendwo hingeht und dann diese Zeit sinnvoll ausfüllt. Ich glaube schon, dass wir die Welt erforschen müssen, denn es trägt zu persönlichem Wachstum bei und diese Erfahrungen kann man nicht durch Social Media machen.

Das Projekt im Netz
Fridays for Future USA

Zur Interviewpartnerin: Katharina Maier ist Aktivistin bei Fridays for Future und arbeitet als Assistentin des Präsidenten und der Vizepräsidentin des Center for International Environmental Law in Washington D. C.

Ein Junge auf einem Fahrrad und ein laufendes Mädchen mit US-Flaggen
USA-Special 2022
Deutsch-US-amerikanischer Jugendaustausch

Die Autor*innen und Interviewpartner*innen im USA-Special zeigen, dass sich ein transatlantischer Austausch für alle Beteiligten lohnt, allen voran für Jugendliche.

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Über die Zusammenarbeit mit den USA

IJAB unterstützt, gefördert durch das BMFSFJ, die Intensivierung von Aktivitäten im Bereich des Jugend- und Fachkräfteaustauschs mit den USA und führt ein Fortbildungs- und ein Praktikumsprogramm durch.

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