Teilnehmende der BronxBerlinConnection Teilnehmende der BronxBerlinConnection
USA-Special 2022

BronxBerlinConnection: Transatlantische Straßensozialarbeit

Jugend in den USA

Mit der BronxBerlinConnection bringt "Gangway – Straßensozialarbeit
in Berlin" junge Kreative aus Berlin und New York in den Austausch. Knapp 300 Jugendliche haben bis dato vom Projekt profitiert. Darunter auch viele Jugendliche, die auf anderem Weg kaum Zugang zu internationalen Erfahrungen haben würden. „Wir hoffen, dass das nur der Anfang ist!”, sagt Olad Aden, Projektleiter bei Gangway e. V., und berichtet IJAB von einem besonderen Projekt zwischen Spree und Hudson River.

25.02.2022 / Ein Interview mit Olad Aden von Gangway Berlin

Seit 2008 bringt Gangway e. V. - Straßensozialarbeit in Berlin junge Kreative aus Deutschland und den USA in den Austausch – worum geht es bei BronxBerlinConnection?

In unserer Arbeit mit einer Gruppe von 15 Jugendlichen, teilweise frisch aus der Haft entlassen, haben wir uns im Jahr 2008 dazu entschieden, eine Reise nach New York zu unternehmen. Seitdem haben wir damit nicht aufgehört. Die Plattform des Projekts ist die Hip-Hop-Kultur: Ein Thema, das auf Berliner Straßen heute nach wie vor sehr populär ist. Wir bringen Jugendliche aus New York und Berlin zusammen, damit sie sich kennenlernen und austauschen. In diesem Prozess lernen sie neue Lebenswelten kennen und schauen dabei auch auf das eigene Leben, aus einer neuen Perspektive. Hip-Hop kommt aus den urbanen Lebensräumen von New York und es ist hier, wo wir unsere Zeit verbringen: Die South Bronx, Harlem, Brooklyn. Wir lernen über Polizeigewalt, Rassismus, die Verbindung von Hip-Hop zur Sklaverei, zu Jazz und Blues, zu Aktivist*innen wie Malcolm X und Martin Luther King. Wir verstehen Waff engesetze, fehlende soziale Dienstleistungen und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die Menschen, die sie brauchen. Wir nehmen auch an Workshops im Knast teil. Gleichzeitig treten wir bei Veranstaltungen im Goethe-Institut und im Deutschen Konsulat auf.

Internationaler Jugendaustausch ist mit vielen Ländern der Welt möglich – warum die USA, warum New York?

Kaum ein eigenes Land steht Deutschland so nah wie die USA. Durch die Vielzahl der hier stationierten amerikanischen Truppen kam die Hip-Hop Kultur nach Deutschland und ist inzwischen zu einer ganz eigenständigen Kultur mit eigenen Styles, Themen und eigener Sprache gewachsen. Als Entstehungsort der Kultur ist New York dennoch einzigartig. Hier hat alles begonnen und kaum eine andere Stadt fasziniert Jugendliche mehr als sie. Jugendliche aus Berlin und New York haben auch neben der Hip-Hop Kultur viel gemeinsam. Sie alle sind in der Großstadt aufgewachsen und sie alle haben eine dementsprechend „dicke Haut“. Beide Städte sind voll junger Künstler*innen und es ist schwer, herauszustechen. Viele der jungen Teilnehmer*innen haben außerdem einen Migrationshintergrund und dementsprechende Rassismuserfahrung.

Mit wem arbeitet ihr auf amerikanischer Seite zusammen, auf wen treffen eure Teilnehmenden?

Unser Partner in New York ist das Hip Hop ReEducation Project in Brooklyn. Darüber hinaus arbeiten wir derzeit mit einer Vielzahl von Organisationen zusammen, z. B. dem Goethe-Institut NYC, der Amerikanischen Botschaft Berlin, The Door in Manhattan und Zulu Nation. Die Kontakte kommen über persönliche Verbindung des Projektleiters und langjähriges Netzwerken zustande. Unsere Projektpartner in New York arbeiten mit sozial benachteiligten Jugendlichen, die in den Schattenseiten dieser großartigen Metropole aufgewachsen sind. Sie alle haben viel zu berichten darüber, wie es ist, sich durchsetzen zu müssen. Viele von ihnen haben latente Rassismus- sowie Gewalterfahrungen machen müssen. Viele von ihnen haben die eigene Stadt, geschweige denn das eigene Land, noch nie verlassen.

Sie haben sich explizit auf die Fahnen geschrieben, Jugendlichen mit „ungeraden Lebenswegen“ die Chance zu geben, den Atlantik zu überqueren - „Fulbright für die Straße“ nennen Sie das auf Ihrer Website. Warum ist Ihnen das wichtig?

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten für Jugendliche, deren akademische Laufbahnen gerade verlaufen, an internationalen Jugendaustauschprojekten teilzunehmen. Wie aber sieht es aus mit den Jugendlichen, die schulische Bildung gar nicht auf dem Radar haben? Denjenigen, die Fehler gemacht, eventuell sogar eine Freiheitsstrafe verbüßt haben und heute Anschluss an eine Gesellschaft finden wollen, die, so fühlt es sich für sie manchmal an, sie gar nicht haben will? Seit 13 Jahren nunmehr beobachten wir, was passieren kann, wenn man Jugendliche eine Zeit lang aus ihren eigenen Lebensrealitäten entführt und sie in ein ganz anderes Land bringt. Sie lernen, sie wachsen, sie betrachten ihr eigenes Leben aus einer anderen Perspektive. Sie schließen internationale Freundschafen und am allerwichtigsten: Sie setzen sich ganz andere und viel größere Ziele. Hier nun sammeln sie ein Erfolgserlebnis und plötzlich ist die Welt ein ganzes Stück kleiner geworden. Viele von ihnen stehen noch viele Jahre nach Ende des Projekts in Verbindung miteinander.

Was bedeutet ein solcher Austausch für die Jugendlichen und wie bereiten Sie sie auf den Austausch vor?

Die Erfahrungen, die die Jugendlichen in dieser Zeit machen, sind lebensprägend. Nachdem sie eine transatlantische Begegnung weit weg von zu Hause erfahren konnten, kehren sie mit einer anderen Selbstwahrnehmung zurück. Viele legen die Latte viel höher, setzen sich größere Ziele … „Ich habe es gerade bis nach New York/Berlin geschafft! Wer weiß, wo es als Nächstes hingeht!“. In Berlin sowie in New York sind Jugendliche oftmals nicht besonders mobil in ihrer eigenen Stadt. Viele von ihnen kennen andere Stadtteile nur aus dem Fernsehen. Vorurteile sind dementsprechend medial geprägt. Um an dem Projekt teilnehmen zu können, müssen Teilnehmer*innen an Vorbereitungstreffen in verschiedenen Stadtteilen teilnehmen. In diesem Rahmen treffen in den nächsten knapp neun Monaten Jugendliche verschiedenster kultureller sowie sozioökonomischer Hintergründe aufeinander und setzen sich an einen Tisch, an dem sie sonst nicht zusammensitzen würden. Oftmals sind diese Begegnungen genauso wichtig wie die auf transatlantischer Ebene.

In der Vorbereitungsphase treffen wir uns regelmäßig, um uns gemeinsam mit der Geschichte von New York City und den USA auseinanderzusetzen. Natürlich geht es hier schwerpunktmäßig um das Thema Hip-Hop und seine Entstehungsgeschichte, die eng verknüpft ist mit sozialer Ungerechtigkeit. Da die Jugendlichen in New York auch die Möglichkeit haben, ihre Künste auf Bühnen zu präsentieren, bereiten wir auch die gemeinsamen Shows vor. Auch Videos, die vor Ort gedreht werden sollen, beginnen meist bereits in Berlin. Außerdem sollen die Jugendlichen die Regelwerke vor Ort selbst bestimmen und das Programm mitgestalten.

Wie alt sind eure Teilnehmenden im Schnitt und wie erfahren Sie von der Möglichkeit, in die USA zu gehen?

Als Träger für Straßensozialarbeit in Berlin arbeiten wir mit Jugendlichen zwischen 14 und 27 Jahren, wobei sich die Zielgruppe in diesem Projekt eher zwischen 18 und 24 Jahren ansiedelt. Die Jugendlichen kommen auf verschiedenen Wegen in das Projekt. Zum einen sind viele von ihnen bereits in diversen Workshops von uns involviert. Andere kommen über die Workshops zu uns, die wir im Knast anbieten. Manchmal müssen wir dann auch in Betrieben oder beim Amt vorsprechen, wenn potenzielle Teilnehmer*innen sich z. B. in einer Arbeitsmaßnahme befinden. Andere wiederum kommen über andere Streetwork-Teams von Gangway zu uns und natürlich hören viele Jugendliche über ihre Freunde oder Social-Media-Netzwerke von dem Projekt.

Streetwork hat seinen Ursprung in den USA der 20er Jahre. Gangway e. V. macht heute Straßensozialarbeit in Berlin. Wenn Sie auf die Arbeit ihrer Partner*innen in den USA schauen – was unterscheidet Sozialarbeit in den beiden Großstädten? Was können wir voneinander lernen?

Wir agieren unter völlig anderen Umständen. Während man auch in Deutschland nicht mehr davon reden kann, dass alle Jugendlichen von unserem so genannten „sozialen Netz“ aufgefangen werden, so existiert dieses jedoch und die meisten unserer Jugendlichen können davon profitieren. Die Jugendlichen in New York werden von einem solchen Netz leider nur selten aufgefangen. Viele von ihnen leben in sehr rohen Lebensrealitäten und sie sind bei der Bewältigung dieser oftmals auf sich alleine gestellt. In der Arbeit mit denen, die Fehler gemacht haben, z. B. bei Jugendlichen, die derzeit eine Haftstrafe verbüßen, scheint es, als fehle der Rehabilitationsgedanke auf amerikanischer Seite gänzlich, während in Deutschland besonderer Wert darauf gelegt wird. Ein anderer, wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Städten liegt in der Gewalt bedingt durch andere Waffengesetze. Das bedeutet, dass Auseinandersetzungen in den USA schneller gefährlich eskalieren können, so dass Streetworker in den USA oftmals schneller intervenieren müssen. Während es in Berlin und für Kolleg*innen von Gangway undenkbar wäre, in irgendeiner Weise mit der Polizei zusammen zu arbeiten, müssen Kolleg*innen in den USA hier oftmals anders reagieren. Kolleg*innen in New York und anderen Städten in den USA müssen sich aufgrund des Systems, „gegen“ das sie manchmal kämpfen, immer wieder neue und teilweise sehr interessante Konzepte zusammenbasteln, um nachhaltig mit Jugendlichen arbeiten zu können. Wir lernen seit vielen Jahren mit- und voneinander.

Was plant ihr für die kommenden Jahre in Sachen USA-Austausch – was möchtet ihr noch erleben oder erreichen?

Je nach Pandemiegeschehen planen wir 2022 eine Gruppe aus New York hier in Berlin bei uns zu empfangen. Darüber hinaus planen wir mit einer weiteren Gruppe nach New York zu fliegen. Des Weiteren arbeiten wir seit knapp fünf Monaten mit zwei Jugendgruppen aus Berlin und Detroit (#YAEDetroitBerlin [Young Artist Exchange]). Dabei sind bisher knapp zwölf musikalische Kollaborationen entstanden. Im April wird die Gruppe aus Detroit nach Berlin kommen und die Gruppe aus Berlin wird im Mai zur Rückbegegnung nach Detroit fliegen. Ziel ist es, in beiden Städten eine Record-Release-Tour quer durch beide Städte zu absolvieren. Ansonsten möchten wir einfach alles nur noch viel größer denken: Mehr Austauschprojekte, in mehreren Städten mit mehreren Jugendgruppen planen. Denn diese Arbeit ist wichtig und sie sendet wichtige Signale an Jugendliche überall da, wo diese Projekte stattfinden.

Das Projekt im Netz
BronxBerlinConnection

Zum Interviewpartner: Olad Aden ist Straßensozialarbeiter bei Gangway, Foto- und Videograf in Berlin. In dieser Funktion hat er schon viele Jugendaustausche organisiert. Seit 2008 organisiert und begleitet er den Deutsch-Amerikanischen Jugendaustausch BronxBerlinConnection.

Ein Junge auf einem Fahrrad und ein laufendes Mädchen mit US-Flaggen
USA-Special 2022
Deutsch-US-amerikanischer Jugendaustausch

Die Autor*innen und Interviewpartner*innen im USA-Special zeigen, dass sich ein transatlantischer Austausch für alle Beteiligten lohnt, allen voran für Jugendliche.

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Nahaufnahme der US-amerikanischen Flagge
Über die Zusammenarbeit mit den USA

IJAB unterstützt, gefördert durch das BMFSFJ, die Intensivierung von Aktivitäten im Bereich des Jugend- und Fachkräfteaustauschs mit den USA und führt ein Fortbildungs- und ein Praktikumsprogramm durch.

Ansprechpersonen
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