IJAB: Herr Sözeyatarlar, wie ist die Situation in ihrer Heimatstadt Kahramanmaraş mehr als ein Jahr nach dem Erdbeben?
Murat Sözeyatarlar: Zurzeit sind etwa 70 % der Gebäude im Stadtzentrum wiederhergestellt, das heißt 15.980 Wohnungen sind fertiggestellt und den Eigentümern vom türkischen Präsidenten übergeben worden. 95 % der Menschen, die die Stadt verlassen hatten, sind zurückgekehrt. Wir bereiten uns auf die Normalisierung der Situation vor. Unsere Angebote für junge Menschen finden wieder statt, die Wunden heilen. Obwohl unser Jugendzentrum sehr nahe am Epizentrum des Bebens lag, hat es wenig abbekommen und diente daher als Notunterkunft. Jetzt können wir unsere Räume wieder nutzen. Aber: 15 oder 16 unserer Mitarbeiter*innen sind beim Beben ums Leben gekommen und die Reparaturen halten weiter an.
IJAB: Wie sind das Jugendhaus Nordstraße in Bonn und das Jugendzentrum in Kahramanmaraş miteinander verbunden? Woher kennen Sie sich?
Saliha Biçer: 2017 sind wir auf einer Partnerbörse von IJAB auf das Jugendzentrum in Kahramanmaraş aufmerksam geworden. 2018 sind wir zum ersten Mal mit 14 Jugendlichen und zwei Betreuer*innen dorthin gefahren. Danach ist uns Corona in die Quere gekommen und der Gegenbesuch fand erst 2022 statt. 2023 kam das Erdbeben und machte erneut Austausche unmöglich. Aber jetzt wollen wir wieder anfangen. Im Herbst wird eine Gruppe aus Bonn in die Türkei reisen und auch eine Gruppe aus der Türkei bereitet sich darauf vor, nach Bonn zu kommen.
Anderen zu helfen, macht stark
IJAB: Sie kennen sich also schon eine Weile. Was waren ihre Gedanken unmittelbar nach dem Beben?
Murat Sözeyatarlar: In den ersten Tagen konnten wir überhaupt nicht richtig denken. Welche Gebäude sind betroffen? Wie geht es Freunden und Verwandten? Die Telefonverbindungen waren unterbrochen und wir waren von der Außenwelt abgeschnitten. Das hat uns in den ersten Tagen beschäftigt. Die Regierung hat dann schnell reagiert und Studentenwohnheime auf dem Uni-Campus, die unbeschädigt geblieben waren, zur Verfügung gestellt. Dann haben wir angefangen andere zu unterstützen, oft 24 Stunden rund um die Uhr. Manche von uns haben vier Monate lang ihre Familien nicht gesehen. Wir haben Lebensmittel verteilt und Zelte vermittelt. Aber anderen zu helfen, macht auch stark.
Saliha Biçer: Ich habe sofort versucht Kontakt aufzunehmen und habe Murat schließlich telefonisch erreicht. Der Fastenmonat Ramadan stand bevor und wir haben Lebensmittel, Sachspenden und Geldspenden gesammelt und sie nach Kahramanmaraş geschickt.
Murat Sözeyatarlar: Das hat es uns ermöglicht Mahlzeiten zum Fastenbrechen für 3.000 Jugendliche zuzubereiten und zu verteilen. Das war ein großes Ereignis, das wir auch als Gelegenheit dafür genutzt haben, dass sich die Jugendlichen untereinander kennenlernen. Wir hatten damals viele Menschen in der Stadt, die aus Orten gekommen waren, wo die Situation noch schlimmer war. Kinder und Jugendliche brauchen Aktionen, damit ihr Leben normal weitergeht.
Saliha Biçer: Wir haben versucht, unseren Partner*innen Mut zu machen, haben immer wieder nachgefragt, welche Hilfe sie brauchen und wenn es nur jemand ist, mit dem sie reden können.
Murat Sözeyatarlar: Die materielle Unterstützung war natürlich wichtig, Lebensmittel und Decken zum Beispiel. Aber es war für uns auch wichtig, dass ihr da seid, dass ihr an uns denkt und wir nicht vergessen sind.
Die Situation normalisiert sich
IJAB: Wie wird es jetzt weitergehen?
Murat Sözeyatarlar: Die Gebäude werden weiter wiederhergestellt und wir haben jetzt auch strengere Bauvorschriften. Die Wohnheime auf dem Campus werden im Juni an die Universität zurückgegeben. Ich denke, dass sich im September die Situation normalisiert hat. Dann ist auch Jugendaustausch wieder vorstellbar.
Saliha Biçer: Die Jugendlichen aus dem Jugendhäusern Nordstraße und Dransdorf, die 2022 am Austausch teilgenommen haben, haben nach dem Beben sofort Kontakt zu ihren Freundinnen und Freunden in Kahramanmaraş aufgenommen. Sie haben Informationen weitergegeben und ausgetauscht. Viele Jugendliche und auch die Eltern haben gespendet. Das Erdbeben in Kahramanmaraş ist nach wie vor ein Thema in den Häusern, damit auch verbunden der Austausch in den Herbstferien. Die Jugendlichen fragen mich, wann wieder ein Austausch stattfindet.
Murat Sözeyatarlar: Wir können das Erdbeben natürlich nicht vergessen, aber es darf auch nicht unser Leben bestimmen. Vielleicht können wir ja einen Jugendaustausch zum Erdbeben und seinen Folgen machen. Das könnte helfen, das Erlebte zu verarbeiten.
Fachmagazin „beyond"
Der Artikel erschien in der Ausgabe 1|24 des Fachmagazins "beyond – Internationale Impulse für die Jugendarbeit". Das Heft erscheint halbjährlich. Das Fachmagazin können Sie hier kostenfrei abonnieren. Bestehende Abonnements bleiben erhalten und müssen nicht neu angefragt werden.
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