In einem Hotelrestaurant nahe des Essener Rathauses lernen wir uns erstmalig kennen. Wir sind die Gruppe deutscher Fachkräfte der Kinder-, Jugend- sowie Medienarbeit, die sich auf den Weg nach Ankara gemacht hat, um am diesjährigen Fachkräfteaustausch mit der Türkei zum Thema Medienkompetenz teilzunehmen. Wie üblich beginnt der bilaterale Fachaustausch mit einem Vorbereitungsseminar in Deutschland. Noch ist es still, das Restaurant leer, die Gruppe noch etwas verhalten. Professionen sowie Wohn- und Arbeitsorte werden ausgetauscht. Die Gruppe setzt sich zusammen aus Medienexpertinnen, Jugendsozialarbeiterinnen mit Schwerpunkten wie der Beratung von Migrantinnen und Menschen mit Fluchterfahrung, der Inobhutnahme sowie der Leitung von Jugendzentren. Das Potenzial der Gruppe wird schnell deutlich: Kompetenzen werden gebündelt, Arbeitsfelder ergründet und Fragen gesammelt. Das Interesse am Wissen in der Gruppe ist spürbar und begleitet uns durch das gesamte Programm.
Ankunft in Ankara: Zahlen, Systeme, Eindrücke
Um 23 Uhr am Folgetag werden wir vom zuständigen Referenten des türkischen Ministeriums für Jugend und Sport persönlich am Flughafen von Ankara in Empfang genommen und zu später Stunde in ein Restaurant begleitet. Damit beginnt die außerordentliche Gastfreundschaft des Ministeriums. Den Auftakt des deutsch-türkischen Austausches bestimmen zunächst Zahlen: In 81 Provinzen betreibt die Regierung 100.000 Schulen, 560 Jugendzentren; jährlich werden 60 Jugendcamps durchgeführt, und insgesamt arbeiten im Ministerium 87.000 Personen, davon 15.000 direkt in der Jugendarbeit. Zahlen, über die in Deutschland nur gestaunt werden kann. Schnell entsteht der Eindruck: Der Staat kümmert sich – zentral, umfassend und von Ankara aus.
Voller Tatendrang und Neugier geht es los: drei Tage, acht Einrichtungsbesuche, elf Programmpunkte und zwischendurch Austausch beim Essen. Man schüttelt sich die Hände und lernt die türkische Gruppe kennen, mehrheitlich Beamte verschiedener Ministerien. Erste Gespräche beginnen in der Lobby und werden in unserem ständigen Begleiter, dem weißen Regierungsbus, über die kommenden Tage fortgeführt.
Wir besuchen als erstes Yeşilay (YEDAM), eine NGO zur Prävention von Sucht. Jede*r aus der Gruppe übernimmt die Gesprächsführung bei mindestens einem Programmpunkt, stellt die deutsche Delegation vor und initiiert das Gespräch. Bei Yeşilay wird deutlich: Das Partnernetzwerk besteht vor allem aus der Regierung, den verschiedenen Ministerien und deren angeschlossenen Organisationen, Strukturen und Angeboten. Auch für die Jugendzentren, ob staatlich oder kommunal verwaltet, sind die zentralen Partner staatliche Organe. Für uns, die einen Teil ihrer Arbeitszeit in die Netzwerkpflege zu unterschiedlichen Trägern und Strukturen investieren, ist das ungewohnt. Uns wird schnell bewusst: Während wir Deutschen zunächst Kritik und Probleme suchen, dominieren hier Lob und Anerkennung für die geleistete Arbeit. Kritik und Herausforderungen finden wir eher in Nebensätzen – irritierend und zugleich erfrischend.
Medienkompetenz: Zwischen Technikbegeisterung und Reflexionsbedarf
Voller Stolz wird uns präsentiert, was die Türkei in Sachen Medienkompetenz zu bieten hat: an einer inklusiven Berufsschule (SERÇEV), bei TRT, an der privaten Başkent-Universität, in Jugend- und Sozialzentren sowie kommunalen Einrichtungen wie dem Altındağ Municipality Youth Center. Überall erleben wir Medienkompetenz vor allem als Fähigkeit zur Medienproduktion und zum Umgang mit Technologie. Das Ziel scheint zu sein, möglichst vielen jungen Menschen die technischen Grundlagen der Medienproduktion zu vermitteln. Die kritische Reflexion von Mediennutzung hingegen wird oft erst auf Nachfrage thematisiert. Wir fremdeln leicht mit diesem Schwerpunkt, finden beim Gespräch über unsere Zielgruppen und deren Sorgen jedoch schnell wieder zueinander. Die Termine sind zahlreich und die Zeit in jeder Einrichtung kurz. Bei GSM, einer NGO unabhängig von der Regierung und finanziert über EU-Mittel, erkennen wir bekannte Strukturen wieder. Das ist uns vertrauter: etwas kleiner, weniger formal, weniger „clean“. Auch hier fehlt die Zeit für tiefgehende Gespräche.
Trotz des Wunsches nach mehr Tiefe und weniger Breite können wir viel mitnehmen. Der Ansatz, zunächst das „Handwerk“ zu lernen, beschäftigt uns weiter: Ob das Maß an Reflexion, das wir anstreben, nicht auch ein ebenso großes Maß an technischer Kompetenz voraussetzt? Ideen wie Gesundheitsvorsorge in Jugendzentren, gleichanteilig inklusive Berufsschulen oder zentral gesteuerte Suchtprävention faszinieren uns.
Aus Begegnungen entstehen Impulse: Lernmomente, Fragen und der Blick nach vorn
Zum Abschluss verstärkt der Referent des Ministeriums nochmals den Eindruck: „Die Dinge bleiben innerhalb der Familie“ – innerhalb der Systeme wird sich um Probleme gekümmert, sie werden nicht nach außen getragen. Der Fokus liegt auf dem, was gut läuft. Beim Abschlussessen sprechen wir erneut darüber, ausgelassen und offen. Wir bestärken uns in unserem Handeln – unabhängig von unterschiedlichen Systemen – und benennen zugleich, was wir in unserem eigenen kleinen System beim nächsten Mal anders machen möchten.
Wir hatten das Privileg, erleben zu dürfen, wovon wir zuvor nur hörten oder lasen. Mit rauchenden Köpfen ging es am Abreisetag zurück nach Deutschland. Vieles von dem, was wir erlebt haben, wird vermutlich erst in den kommenden Tagen, Wochen oder gar Jahren nachhallen. Klar bleibt: Junge Menschen – ob in Deutschland oder in der Türkei – teilen Lebenswelten, die sich zunehmend ins Digitale verschieben. In diesen Lebenswelten bieten wir Unterstützung, Orientierung und Perspektive. Um unsere eigenen Perspektiven zu erweitern, zu korrigieren und zu hinterfragen, braucht es Erfahrungsräume und Austausch – den wir in Ankara erleben durften.
Die Rückbegegnung findet im kommenden Mai statt. Wir freuen uns darauf, uns wiederzusehen und Chancen wie Herausforderungen der Medienbildung weiter zu verhandeln.
(Weiterführende Informationen zu den Besuchten Einrichtungen (Blau) sowie den Mitreisenden Organisationen (Grün) finden Sie im Bilder-Karussell)
Impressionen vom Fachaustausch finden Sie auf unserer Instagram-Seite.





























