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Griechenland

jugenderinnert.jetzt erst recht

Erinnerungskarte zu Kriegsverbrechen erweitert

Wie ist es, bei IJAB ein Praktikum zu machen? Marco Fründt hat sich der anspruchsvollen Aufgabe gestellt, der Erinnerungskarte jugenderinnert.jetzt neue Orte deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland hinzuzufügen. Nun sind dort mehr als 80 Orte verzeichnet. Dadurch stehen jetzt mehr Informationen zur Verfügung, die im deutsch-griechischen Jugendaustausch genutzt werden können. Marco sagt: „Diese Arbeit liegt mir am Herzen“.

22.12.2020 / Marco Fründt

Eine der Hauptaufgaben während meines viermonatigen Praktikums bei IJAB bestand in der Erweiterung und Aktualisierung der Erinnerungskarte auf jugenderinnert.jetzt, die Orte nationalsozialistischer Verbrechen in Griechenland zur Zeit der deutschen Besatzung zeigt. Die Karte wurde als Hilfsmittel für den deutsch-griechischen Jugendaustausch und im Rahmen der Vorbereitung für die Gründung des deutsch-griechische Jugendwerk angelegt. Sie wurde 2017 vom Politikwissenschaftler Friedrich Kersting während seines Praktikums bei IJAB erstellt, vom Bundesjugendministerium gefördert und seitdem sukzessive erweitert und aktualisiert. Sie soll deutsche Träger des deutsch-griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausches bei der Erinnerungsarbeit unterstützen. Wenn sie zum Beispiel einen Austausch an einem Ort in Griechenland durchführen wollen, können sie sich auf der Karte einen Überblick verschaffen, was dort passiert ist und anhand dieser Informationen entscheiden, inwieweit sie diese in den Austausch einbinden möchten.

Neue Erinnerungsorte

Als ich mein Praktikum im September 2020 begann, zählte die Karte bereits 30 Erinnerungsorte – etwa 25 weitere Texte waren bereits „in der Pipeline“. Nach einigen Abstimmungsgesprächen überarbeitete ich diese „wartenden“ Texte zunächst, wobei ich mich vor allem auf aktuelle Entwicklungen in Sachen Erinnerungsarbeit an diesen Orten sowie auf den sprachlichen Umgang mit im historischen Kontext problematischen Begriffen und Formulierungen konzentrierte. Hierbei half mir einerseits, dass ich mich bereits privat intensiv mit dem Thema der deutschen Besatzung in Griechenland beschäftigt hatte und mittlerweile auch schon eine solide Sammlung an einschlägiger Literatur im Regal stehen hatte. Aber vor allem standen mir auch meine Kolleg/-innen aus dem Griechenland-Team und der Öffentlichkeitsarbeit stets mit ihrer Expertise bei.

Nachdem ich also diese Texte redigiert und online gestellt hatte, zählte die Karte nun etwas mehr als 50 Erinnerungsorte. Diese Orte sind in vier Kategorien aufgeteilt: Opfergemeinden, Orte der Deportation, Orte der NS-Infrastruktur und Kriegsverbrechen an italienischen Soldaten. Als Opfergemeinden werden in Griechenland Orte bezeichnet, an denen deutsche Soldaten Verbrechen an der griechischen Zivilbevölkerung begangen haben. In Griechenland gibt es ein offizielles Netzwerk dieser „Märtyrergemeinden“. Manche Orte werden auf jugenderinnert.jetzt auch mehreren Kategorien zugeordnet.

Nun war ich an der Reihe, nicht mehr nur Texte zu redigieren, sondern selbstständig Orte und Geschehnisse aus der Zeit der deutschen Besatzung Griechenlands zu recherchieren. Hierzu bot sich mir zunächst auch eine recht vielfältige Quellenlage, sowohl online als auch analog an. Neben einschlägiger Fachliteratur auf Deutsch, Englisch und Griechisch und Infomaterial von Bildungs- und Gedenkstätten in Griechenland und Deutschland nutzte ich auch journalistische Formate wie Zeitungsartikel oder Radioberichte, um Informationen zusammenzutragen.

Viele Verbrechen sind unbekannt

Wenn es um die deutschen Verbrechen in Griechenland geht, gibt es eine Handvoll Orte, die bekannter sind wie z.B. Kalavryta oder Distomo und einige, die weniger bekannt sind. Um einen möglichst guten Überblick über die deutsche Besatzung und die Verbrechen an der griechischen Bevölkerung geben zu können, ist es wichtig, auch weniger bekannte oder kleinere Orte in die Erinnerungskarte aufzunehmen. Dabei erhebt die Karte keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wie auch? Auf der Liste der Märtyrergemeinden in Griechenland, die seit 1998 geführt wird, befinden sich aktuell über 100 Orte. Und auf diese Liste kommen nur jene Orte, deren dortige, von den Deutschen begangenen Verbrechen bereits von einem wissenschaftlichen Gremium historisch aufgearbeitet wurden. Diese Liste wächst stetig, da die Gräueltaten der nationalsozialistischen Besatzer an immer mehr Orten wissenschaftlich erforscht werden. Dieses Thema hat in den letzten Jahren vermehrt einen Weg in die Öffentlichkeit gefunden, sowohl in Griechenland als auch in Deutschland. Diese Entwicklung ist möglicherweise auch darauf zurückzuführen, dass es mehr Materialien in der politischen Bildung zu diesem Thema gibt, zum Beispiel auch die Erinnerungskarte auf jugenderinnert.jetzt.

Ursprünglich war die Arbeit an der Karte nur eine von mehreren Aufgaben, die ich während meines Praktikums bearbeiten sollte. Als große Aufgabe stand zunächst die Vorbereitung der bilateralen Trägerkonferenz zur Gründung des deutsch-griechischen Jugendwerks in Leipzig an. Nachdem wir wochenlang viel Zeit in die Planung dieser Veranstaltung, die Anfang Oktober hätte stattfinden sollen, gesteckt hatten, machte Corona uns leider einen Strich durch die Rechnung und wir mussten die Veranstaltung absagen. Allerdings konnte eine große Online-Veranstaltung für die deutsche Trägerlandschaft des deutsch-griechischen Jugendaustausches im Dezember, die einen gewissen Ersatz für die ausgefallene Trägerkonferenz darstellte, von uns wie geplant durchgeführt werden – und war meiner Meinung nach auch ein voller Erfolg.

Die Überlebenden leiden noch immer

Die Erinnerungskarte, mittlerweile zu meiner Hauptaufgabe im Praktikum geworden, ist ein Projekt, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, denn das Thema der deutschen Besatzung Griechenlands spielt im deutschen Geschichtsunterricht immer noch kaum eine Rolle. Und dass, obwohl es immer noch Menschen gibt, die an den Folgen der Verbrechen der Deutschen leiden. Seien es Überlebende von Konzentrationslagern oder Menschen, deren Angehörige und Freunde ermordet wurden.

Je weiter ich in meiner Recherche voranschritt, als desto schwieriger stellte sich diese heraus – die Quellenlage für viele der von mir erstellten Texte stellte erwies sich als sehr dünn. Auch meine eigene „Griechenland-Bibliothek“ nützte mir da irgendwann nur noch wenig. Ich stieß allerdings immer wieder auf den Historiker Hermann Frank Meyer, der viel zum Thema geforscht und auch geschrieben hat. Allerdings sind seine Bücher nur schwer zu beschaffen, denn einige sind aus dem Buchhandel verschwunden – auch die Antiquariate in meiner Stadt konnten mir nicht weiterhelfen. Ich hatte allerdings Glück, denn ein IJAB-Kollege aus der Öffentlichkeitsarbeit, der ebenfalls für jugenderinnert.jetzt verantwortlich ist, besaß eines dieser Bücher. So konnte ich letztendlich noch insgesamt 25 Erinnerungsorte hinzufügen, sodass die Karte nun etwa 80 Orte umfasst. Ein Großteil der Orte, die ich zur Karte hinzufügen konnte, befindet sich auf Kreta, wo die deutschen Soldaten die Bevölkerung ganzer Regionen nahezu auslöschte. Hinzu kamen aber auch weitere Orte in Mittelgriechenland, Epirus, Zentralmakedonien, Thessalien und Ostmakedonien sowie Thrakien.

Für diese sehr wichtige Arbeit an der Erinnerungskarte wurden mir sehr viel Wertschätzung und Vertrauen entgegengebracht. Ich hoffe sehr, dass sie von meinen Nachfolger/-innen weitergeführt werden wird. Während meines Praktikums bekam ich Einblicke in die Vorbereitungen zur Gründung des Deutsch-Griechischen Jugendwerks und konnte auch selber daran mitzuwirken. Gegen Ende meines Praktikums – ich hatte die Möglichkeit bekommen, es um den Dezember zu verlängern – arbeitete ich an einer ähnlichen Erinnerungskarte des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes. Ich überarbeitete und aktualisierte einen Teil der dort aufgeführten deutschen Erinnerungsorte.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon
Über die Zusammenarbeit mit Griechenland

Bis zum Frühjahr 2021 unterstützte IJAB das Bundesjugendministerium beim Aufbau eines Jugendwerks mit Griechenland.

Ansprechpartnerin
Portraitfoto Christina Gerlach
Christina Gerlach
Leiterin des Geschäftsbereichs
Internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-100