Konstantinos Spatiotis Konstantinos Spatiotis
Konstantinos Spatiotis
Griechenland

Die Chancen für Veränderung verstehen

Griechische Jugendarbeit in der Coronakrise

Was bedeutet die Coronakrise für ein Land, in dem es kaum strukturelle Förderung für die Jugendarbeit gibt? IJAB hat mit Konstantinos Spatiotis gesprochen. Er berichtet von den Nöten der Zivilgesellschaft, aber auch von Solidarität und dem Willen zur Veränderung.

25.05.2020 / Christian Herrmann

Konstantinos Spatiotis arbeitet seit 2005 als Gemeinde- und Jugendarbeiter und ist Moderator für non-formales und erfahrungsbasiertes Lernen. Er ist im Bereich der europäischen Mobilitätsprogramme, der Jugendpartizipation und des sozialen Unternehmertums aktiv.

ijab.de: Kostas, wie hast du die Coronakrise in Griechenland erlebt?

Konstantinos Spatiotis: Mir ist es so gegangen, wie vielen anderen. Wir haben die Nachrichten über China gesehen, aber das war weit weg. Dann brach das Virus in Italien aus. Ab dem Moment haben viele Menschen Angst bekommen und natürlich haben wir uns Sorgen um die alten Leute und um Menschen mit gesundheitlichen Problemen gemacht. Viele haben sich völlig von den Medien abgewandt, damit die Angst nicht immer größer wird. Aber wir haben auch etwas anderes beobachtet: Die Leute haben angefangen, sich umeinander zu kümmern. Das sehe ich als Chance.

ijab.de: Kannst du diese Chance genauer beschreiben?

Konstantinos Spatiotis: Es gibt ein große Wort, das jetzt in aller Munde ist: Solidarität. Wir haben sie in vielfältiger Weise erlebt. Diese Solidarität bezieht sich nicht nur auf die Menschen, die einem nahe stehen – die Familie zum Beispiel –, sie bezieht sich auch auf andere, etwa die Nachbarn. Das wirft auch ein Schlaglicht auf Jugendarbeit und non-formale Bildung und ihre Anerkennung. Wir haben jungen Menschen, Jugendgruppen oder Jugendorganisationen die Gelegenheit gegeben, sich zu treffen, miteinander ins Gespräch zu kommen und ihnen Zugang zu Informationen verschafft. Welche Möglichkeiten bietet Erasmus+, was bietet die Regierung an und wie kann man es nutzen?

ijab.de: Wie sind zivilgesellschaftliche Organisationen von der Coronakrise betroffen? In Deutschland haben es die Organisationen am schwersten, die hauptsächlich von Projektmitteln leben.

Konstantinos Spatiotis: Das ist in Griechenland ähnlich. Es gibt kaum staatliche oder örtliche Unterstützung. Viele Organisationen leben von europäischer Projektförderung. Diese Organisationen sind jetzt praktisch eingefroren, denn ihre Projekte können nicht stattfinden. Eine Ausnahme bilden Jugendstrukturen in der Flüchtlingsarbeit. Sie erhalten strukturelle Förderung und können Flüchtlinge weiter unterstützen. Jetzt, während der Coronakrise, achten sie auch darauf, dass die Schutzmaßnahmen und Regeln eingehalten werden.

Trotz des „eingefrorenen“ Zustands konnte die Griechische Nationalagentur Organisationen und junge Menschen mobilisieren. Dabei wurde diskutiert, wie man mit der gegenwärtigen Situation umgehen soll und wie Lösungen gefunden werden können. Eine wichtige Frage war auch, was man jetzt online anbieten kann. Wir konnten sogar ein paar Extras anbieten: zum Beispiel Trainings zur Peer-Beratung über den Umgang mit Corona.

ijab.de: Lass uns versuchen, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Die Reisebeschränkungen werden abgebaut werden. Griechenland wird seine internationalen Flughäfen schon ab dem 1. Juli öffnen. Wann kann es mit dem Jugendaustausch wieder losgehen?

Konstantinos Spatiotis: Die Organisationen warten auf ein Zeichen der Nationalagentur. Niemand möchte den ersten Schritt selbst gehen und natürlich möchte niemand ein Risiko eingehen. Stell dir vor, du organisierst ein Event und jemand infiziert andere mit dem Virus. Das möchte niemand verantworten. Selbst wenn die akute Ansteckungsgefahr vorüber ist, wird es eine diffuse Angst vor dem Reisen geben. Wir sind also noch nicht bereit. Ich rechne mit ersten Austauschen nicht vor September oder Oktober.

ijab.de: In Deutschland gibt es Diskussionen über Online-Alternativen, zum Beispiel über virtuelle Workcamps. Auch in Griechenland ist der Schulunterricht zügig auf Online-Unterricht umgestellt worden. Siehst du da Möglichkeiten?

Konstantinos Spatiotis: Ich bin mir nicht sicher, ob der Online-Unterricht wirklich gut gemacht wurde oder nicht. Was ich aber von Lehrern, Eltern und Schülern höre ist das: Man hat ohne eine wirkliche Strategie gehandelt. Man hat den Lehrerinnen und Lehrern die Tools und ein paar Regeln gegeben und ihnen gesagt, „so, jetzt macht mal“. Es gab keine Trainings, wie man online unterrichtet. Vielleicht wäre es besser gewesen, etwas zu warten und die Dinge besser vorzubereiten. Dazu kommt noch, dass die Schülerinnen und Schüler, die in prekären Verhältnissen leben, gar nicht über das nötige Equipment verfügen.

ijab.de: In Deutschland haben wir auch eine Debatte über soziale Ungleichheit in Zusammenhang mit dem Online-Unterricht. Nicht alle können sich die nötigen Geräte leisten und im ländlichen Raum ist der Internetzugang oft schlecht.

Konstantinos Spatiotis: Ja, aber man muss solche Debatten auch als Chance zur Veränderung verstehen. Es gibt jetzt Dinge, von denen wir sagen müssen: Das funktioniert nicht. Dazu gehören das Schulsystem und die fehlende Anerkennung non-formaler Bildung. Ich könnte noch einiges hinzufügen: die Wirtschaft, die Umweltprobleme, die Beschäftigungspolitik. Eine große Anzahl junger Menschen ist arbeitslos oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Wer Arbeit findet, findet sie im Tourismus oder in der Gastronomie. Dort gibt es einen beträchtlichen Schwarzmarkt. Das heißt, wer infolge der Coronakrise seinen Job verliert, hat auch keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Junge Menschen betrifft das besonders häufig. Davor können wir die Augen nicht mehr verschließen.

ijab.de: Hat man vieles davon nicht auch schon gesagt, als Griechenland in die Schulden- und Finanzkrise schlitterte?

Konstantinos Spatiotis: Das stimmt, aber wir haben auf örtlicher Ebene inzwischen so viele gute Beispiele, wie man etwas anders machen kann. Darüber wird nur leider nicht berichtet. Unsere Medien schauen immer nur auf das, was die Regierung macht. Sie sollten ihr Augenmerk auf diese guten Beispiele richten.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon
Über die Zusammenarbeit mit Griechenland

Bis zum Frühjahr 2021 unterstützte IJAB das Bundesjugendministerium beim Aufbau eines Jugendwerks mit Griechenland.

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Christina Gerlach
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Internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
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