Anastasia Protopsalti Anastasia Protopsalti
Anastasia Protopsalti (rechts im Bild)
Griechenland

Covid-19 in Griechenland

Schrittweise Lockerung der Corona-Bestimmungen

Griechenland, der „Vorzeigestaat“, wie die deutschen Medien teilweise in Bezug auf den Umgang mit der Pandemie schrieben, geht seit Anfang Mai vorsichtige Schritte in eine „neue Normalität“ und lockert die Bestimmungen. Fast acht Wochen nach den ersten Maßnahmen zum absoluten Lockdown beschreibt Anastasia Protopsalti vom griechischen Institut für Jugend und Lebenslanges Lernen (INEDIVIM) die Auswirkungen der Coronakrise auf die Jugend.

14.05.2020 / Anastasia Protopsalti

Jugendaustausche waren bereits zu Beginn der Krise nicht mehr denkbar. Bereits am 08.03.2020 wurde im offiziellen Mitteilungsblatt der Regierung ein „vorübergehendes Verbot des Betriebs von Konferenzorten im gesamten Gebiet des Landes“ verordnet und die internationalen Flughäfen wurden geschlossen. Niemand konnte mehr rein oder raus, einige der EU-Freiwilligen, die mit der Finanzierung durch das Europäische Solidaritätskorps hier in Griechenland waren, haben auf den letzten Drücker in ihr Heimatland zurückreisen können. Griechische Freiwillige, die sich zu der Zeit im Ausland befanden, wurden mit den letzten Flugzeugen, von der Regierung organisiert, zusammen mit Student(inn)en, die im Ausland studieren, zurück nach Griechenland geholt, wo sie sich zunächst zwei Wochen lang in dafür vorgesehene Hotels in Quarantäne begeben mussten. Alle Mobilitätsprogramme, ob Austausche von jungen Menschen oder Fachkräften, Fortbildungsseminare oder Erasmus+ Lernpartnerschaften, wurden auf Eis gelegt.

Die Verunsicherung bleibt

Zum derzeitigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass die Mobilitätsmaßnahmen im Rahmen der ersten Ausschreibungsrunde für Erasmus+-Projekte stufenweise ab Juni starten können. Dennoch verunsichert die Ungewissheit einer zweiten Welle von COVID-19 und einer entsprechenden Anpassung der Einschränkungen viele. Ein großes Problem ist die dritte Runde des Projektausschreibungen für Erasmus+ von 2019, da es hier laufende Programme gibt, die logistische Probleme mit sich bringen. Die Umbuchung von Flugtickets gehören dazu, aber auch die reservierten oder vorausbezahlten Hotels, denn sie passen ihre Preise je nach Urlaubssaison an. Wenn die Austausche auf Hochsaison verlagert werden müssen, dann ergibt sich ein Preisunterschied, der Probleme für das Budget des ganzen Projektes mit sich bringt. Auch in den deutsch-griechischen Jugendaustauschen und Fachkräfteprogrammen, die aktuell über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert werden, führen die Verlegung von Terminen, die Absagen und Anpassungen der Programme zu einem enormen verwaltungstechnischen Aufwand – so wie auch bei allen anderen Fördertöpfen. Bei einigen Organisationen in Griechenland sind die Geldgeber sogar von Programmen mit der Begründung abgesprungen, dass ihre Schwerpunkte nun woanders lägen. Dabei handelt es sich meist um Projekte, die mit den Flüchtlingen in Griechenland in Verbindung stehen.

Finanzielle Herausforderungen

Große Organisationen haben sich in dieser Krise trotzdem sofort umgestellt, um die Vermittlung ihrer Dienstleistungen (u.a. psychologische Unterstützung, Beratungen durch Anwälte) oder/und der Erreichung ihrer Zielsetzungen teilweise online weiterhin ermöglichen zu können. Viele von ihnen haben schon vorher online gearbeitet und somit war die Umstellung keine große Herausforderung. Finanziell halten sich die kleineren Organisationen mit vergangenen Projekten, die noch nicht abgeschlossen sind, über Wasser. Träger allerdings, die in der Internationalen Jugendarbeit aktiv sind, stehen aktuell ganz schlecht da. Durch den Ausfall der Finanzierung bzw. durch die Verschiebung von Programmen auf einen späteren Zeitpunkt oder sogar deren Ausfall, fallen Finanzierungen für die Angestellten aus. Da es in Griechenland keine staatliche Finanzierungshilfe für Organisationen gibt, werden die Organisationen entweder durch private Geldgeber unterstützt, damit Stellen längerfristig finanziert werden können, oder es findet eine Finanzierung von Arbeitsstellen durch die diversen Programme statt. Dabei kann es sich um europäische, zwischenstaatliche oder andere Programme handeln. Das bedeutet, dass diese Stellen durch die Projekte für einen gewissen Zeitraum finanziert werden können.

Für diese Art von „Kurzarbeitern“ allerdings hat die Regierung eine vorläufige Finanzierung von 800 Euro für 45 Tage vorgesehen. Diese Entschädigung deckt die Versicherungsbeiträge für die Arbeitnehmer, deren Arbeitsvertrag vorübergehend ausgesetzt wird. Diese Zulage bekommen Arbeitnehmer/-innen, deren Arbeitgeber aufgrund von Ausfall von Einnahmen, die nötigen Zahlungen nachweislich nicht finanzieren können.

Die Tatsache, dass Jugendaustausche oder Fachkräfteprogramme mit u.a. Italien, Spanien und Frankreich – die Länder, mit denen Griechenland hauptsächlich kooperiert –  höchstwahrscheinlich 2020 überhaupt nicht mehr erfolgen, erschwert die Finanzierung der kleineren Organisationen genauso wie die Ungewissheit, ob Programme und Austausche mit Deutschland stattfinden werden. Da bedarf es Geduld und Abwarten, damit wir sehen, wie die allmähliche Öffnung sich prozentual hinsichtlich der Ausbreitung des Virus auswirken wird.

Auch in Griechenland: Unterricht online

Die Lehrer und Lehrerinnen stehen mit ihren Schülern und Schülerinnen seit Schließung der Schulen von der Regierung am 11.03.2020 hauptsächlich über Videokonferenzen in Kontakt – meistens über Zoom oder Webex. Sehr viel Material wird auf Datenbanken abgelegt, mit dem sich die Schüler und Schülerinnen dann allein – oder mit den Eltern – auseinandersetzen müssen. Die Lösungen dazu werden meistens eine Woche später nachgereicht. Die Videokonferenzen decken an den öffentlichen Schulen nicht den gesamten Fächerbedarf. Es werden die „wichtigsten“ Fächer unterrichtet, wie u.a. Mathematik, Sprache, Fremdsprachen, Physik, Chemie, Biologie, Geschichte. Die privaten Schulen allerdings bieten das gesamte vorgesehene Unterrichtsprogramm an.

Im Allgemeinen ist die Reaktion der Schülerinnen und Schüler auf den Fernunterricht, trotz anfänglicher technischer Schwierigkeiten, sehr positiv ausgefallen und alle haben mit sehr viel Lust und Laune an dieser Form von Unterricht teilgenommen.

Die griechischen Nachhilfeschulen (Frontistiria), die vor allem die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe (Lyzeum) auf die Aufnahmeprüfung an den Hochschulen vorbereiten, haben ebenfalls sehr schnell auf Unterricht per Videokonferenz umgeschaltet. Dort verläuft der Unterricht interaktiver als in der Schule, da meist nur bis zu 5 Schüler/-innen in einer Klasse sind.

Dasselbe gilt auch für die Fremdsprachschulen oder den privaten Fremdsprachenunterricht. Die meisten haben unmittelbar auf die Online-Version des Unterrichts umgeschaltet, und da es sich oft nur um wenige Teilnehmer/-innen handelt, ist die interaktive Form des Unterrichts hier eher gesichert.

Schrittweise Öffnung des Bildungssystems

Zwei Monate waren nun die Bildungseinrichtungen geschlossen. Ab der zweiten Woche des Lockdowns standen alle Schüler/-innen und Student(inn)en mit dem Lehrpersonal digital in Kontakt. Für die formale Bildung liegt folgender Plan vor:
Am 11. Mai werden erst einmal die Schulen für die dritte Stufe der Lyzeen (Abschlussjahrgang / Jahrgang 12) geöffnet, da diese am 15. Mai zu den landesweiten Prüfungen antreten.

Am 18. Mai folgen der erste und der zweite Jahrgang der Lyzeen (10. und 11. Jahrgang) zusammen mit den Gymnasial-Klassen (7. bis 9. Stufe), die im Rotationsverfahren unterrichtet werden.

Das Schuljahr wird um zwei Wochen, auf Ende Juni, verlängert. Die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und II werden dieses Jahr keine Abschlussprüfungen – ihre Versetzung findet automatisch statt. Sogar die Abiturienten und Abiturientinnen werden von den innerschulischen Prüfungen entlastet werden, da sie mit der Benotung des vergangenen Halbjahres ihre Schullaufbahn abschließen werden.

Nach dem 20. Mai und je nach Verlauf der Viruspandemie im Land wird – laut Bildungsministerin Niki Kerameos – die Möglichkeit in Betracht gezogen, Grundschulen und Kindergärten zu öffnen.

Die Universitäten werden den Unterricht weiterhin digital durchführen, aber zu den Prüfungen im Juni und Juli werden die Schülerinnen und Schüler unter bestimmten Sicherheitsbedingungen persönlich antreten.

Ein Corona-Plan für Griechenland

Seit dem 04. Mai sind die Ausgangsbeschränkungen in Griechenland aufgehoben. Das bedeutet, dass die Bürger/-innen keine SMS mehr schicken brauchen, wenn sie aus dem Haus gehen wollen. Viele Arbeitnehmer/-innen sind zurück an ihren Arbeitsplatz gerufen worden. Geschäfte und kleine Unternehmen, der Bausektor, sowie Zahnarztpraxen und Reisebüros dürfen öffnen. Der öffentliche Verkehr wird auf 50 % seiner ursprünglichen Leistung hochgefahren und der gesamte öffentliche Sektor funktioniert wieder zu 100 %.

Ab dem 19. Mai werden Reisen in andere Präfekturen erlaubt, die Hotels öffnen Anfang Juni wieder. Tourist(inn)en werden mit einer gesundheitlichen Beglaubigung nach Griechenland wahrscheinlich erst nach dem 1. Juli einreisen dürfen. Einzelheiten werden noch bekannt gegeben. Das bedeutet höchstwahrscheinlich, dass auch die sommerlichen Zeltlager für junge Teilnehmer/-innen zugelassen werden, aber eine bindende Stellungnahme ist noch nicht veröffentlicht worden.

Jeder weitere Schritt wird von dem Verlauf der Pandemie und des Ansteckungspotentials abhängen.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon
Über die Zusammenarbeit mit Griechenland

Bis zum Frühjahr 2021 unterstützte IJAB das Bundesjugendministerium beim Aufbau eines Jugendwerks mit Griechenland.

Ansprechpartnerin
Portraitfoto Christina Gerlach
Christina Gerlach
Leiterin des Geschäftsbereichs
Internationale jugendpolitische Zusammenarbeit
Tel.: 0228 9506-100