Bereits beim 4. Bundeskongress Kinder- und Jugendarbeit brachte IJAB in Zusammenarbeit mit der Deutschen Koalition für Jugend, Frieden und Sicherheit das Thema auf den Tisch: YPS-Akteur*innen – darunter Vertreter*innen der Nordic Coalition on YPS und der Deutschen Koalition für Jugend, Frieden und Sicherheit – wurden im September 2024 eingeladen, um über die wichtige Rolle von jungen Menschen in der Friedensgestaltung zu sprechen. Dabei stellten die Teilnehmenden fest: In Deutschland gibt es – anders als in Finnland – (noch) keinen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der YPS-Agenda, doch Träger der Internationalen Jugendarbeit leisten bereits seit Jahrzehnten lokal, regional und international Friedensarbeit. Die YPS-Agenda fordert von den UN-Mitgliedsstaaten das, was die Internationale Jugendarbeit anstrebt – darunter die Stärkung der strukturellen, inklusiven, wirksamen Beteiligung junger Menschen, die Förderung von Aktivitäten von jungen Menschen, die zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zur Prävention von Rassismus und Extremismus und zum interkulturellen Dialog beitragen, Friedenserziehung und die „Förderung einer Kultur des Friedens, der Toleranz und des interkulturellen und interreligiösen Dialogs“ (s. UN-Resolution 2250, S. 4/6). 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der YPS-Agenda in 2025 ist es daher lohnenswert, die Internationale Jugendarbeit durch die „YPS-Brille“ zu betrachten und diese Aktivitäten sichtbarer zu machen.
Demokratie durch Teilhabe: YPS beim 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag
Jugend, Frieden und Sicherheit wurden im Mai 2025 deshalb auch auf die Agenda des 18. DJHT – dem größten Jugendhilfegipfel in Europa – gesetzt: IJAB und die Nationale Koalition für Jugend, Frieden und Sicherheit luden YPS-Akteur*innen aus Deutschland und Europa nach Leipzig ein, um über die wichtige Rolle von jungen Menschen bei der Gestaltung von Frieden und Sicherheit zu sprechen. Anja Jokić vom Nationalen Jugendring Serbiens (KOMS) und Mitglied im Advisory Council on Youth des Europarates zeigte in ihrer Keynote den positiven Beitrag junger Menschen für die Zusammenarbeit der Westbalkanstaaten auf und sprach über den nationalen Aktionsplan von Serbien für die Umsetzung der YPS-Agenda. Dabei zeigte sich: Die Etablierung von Strukturen der internationalen jugendpolitischen Zusammenarbeit wie RYCO (Regional Youth Cooperation Office) ist für die Stärkung der Beteiligung junger Menschen in Friedensprozessen und über Grenzen hinweg essenziell.1
Peace Education in der non-formalen Bildung
Anja Jokić hob beim DJHT zudem die Bedeutung der non-formalen Bildung für die YPS-Agenda hervor: Jugendorganisationen, Jugendarbeiter*innen und politische Bildner*innen spielen eine wichtige Rolle in der Förderung junger Menschen – unter anderem durch Friedensbildung als Bestandteil der politischen Bildung. Die Jugendabteilung des Europarates entwickelt seit den frühen 2000er Programme zur Friedensbildung, Friedensförderung und Konflikttransformation, an denen auch Anja Jokić beteiligt ist. Besonders sichtbar wird dies durch die strategische Priorität „Zusammenleben in friedlichen und inklusiven Gesellschaften“ im Rahmen der Strategie 2023. Zu den zentralen Aktivitäten des Europarats zählen das Youth Peace Camp, das seit 2003 jährlich stattfindet, das vorausgegangene Youth Peace Ambassadors Projekt sowie pädagogische Materialien wie das T-Kit 12 „Youth transforming Conflict“. Ein konsultatives Treffen zur Friedensbildung, das im Dezember 2022 organisiert wurde, empfahl, der Weiterentwicklung von Friedensbildung künftig mehr Aufmerksamkeit zu widmen. In der Folge wird derzeit die Machbarkeit einer Empfehlung des Ministerkomitees zur Friedensbildung im Kontext non-formalen Lernens und der Jugendarbeit geprüft.
Der Blick nach Deutschland: strukturelle Ungleichheiten und fehlende Sichtbarkeit
Auf dem Panel zu Jugend, Frieden und Sicherheit am 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag wurde aber auch darüber gesprochen, wie es um die Umsetzung der YPS-Agenda in Deutschland steht. Denn die YPS-Agenda betrifft nicht nur Konfliktregionen, sondern insgesamt die Schaffung von Verhältnissen der nachhaltigen Friedenssicherung – weltweit. Diskutiert wurde, welchen Beitrag YPS für die Stärkung demokratischer Teilhabe und der Resilienz der Demokratie in Deutschland leistet und wie sie in Zusammenhang steht mit Jugendarbeit. Felix Bender von IJAB betonte, dass junge Menschen Selbstwirksamkeitserfahrungen brauchen, die die (Internationale) Jugendarbeit bietet - Selbstwirksamkeit sei ein Garant für einen nachhaltigen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dennoch gibt es in Deutschland weiterhin stukturelle Ungleichheiten zwischen städtischen und ländlichen Lebensräumen junger Menschen, was Teilhabe und Partizipation betrifft; diese gilt es zu überwinden laut Isabel Rutkowski von der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands e. V. – und dafür braucht es stabile Förderinstrumente.2
Mainstreaming Youth, Peace and Security
Die Teilnehmenden an der Session zu „Jugend, Frieden und Sicherheit“ hatten viele Fragen an die Referierenden rund um die Bedeutung der YPS-Agenda und ihrer Umsetzung in Deutschland: Inwieweit liefert die YPS-Agenda Ansätze für Konflikte und Gefährdungen, die sich erst in den letzten Jahren zuspitzen, z. B. Desinformation, hybride Kriegsführung und die weltweit gezielte Destabilisierung von gesellschaftlichem Zusammenhalt? Welche Rolle spielt bei der Umsetzung der YPS-Agenda in Deutschland die Einbeziehung von jungen Menschen mit Fluchthintergrund – wie zum Beispiel jungen Ukrainer*innen? Wie können junge Menschen sinnvoll beteiligt werden an den Diskussionen rund um die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die von der aktuellen Bundesregierung stark gefordert wird? Zu allen diesen Fragen bietet die YPS-Agenda einen Rahmen – in Deutschland allerdings hakt es noch an der Implementierung (vgl. hierzu auch Youth, Peace and Security – eine Chance für die deutsche Außenpolitik des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze) . Aus diesem Grund plädiert Lisa Mastiaux, Geschäftsführung der Deutschen Koalition für Jugend, Frieden und Sicherheit, für ein Mainstreaming von Youth, Peace and Security, d.h. die systematische Beteiligung junger Menschen in allen Phasen der Friedensgestaltung – dies erfordert vor allem eine ressortübergreifende Zusammenarbeit. Die Diskussion auf dem 18. DJHT machte nicht zuletzt deutlich, dass in der Öffentlichkeit wenig über die YPS-Agenda bekannt ist, obwohl die Fragen für die nationale Jugendpolitik drängend sind und konkrete Maßnahmen bereits stattfinden.
Partnerschaften zur Erreichung der Ziele: Mapping, Netzwerke und internationaler Austausch
Eine Woche vor dem DJHT in Leipzig hatte Lisa Mastiaux zu einem internationalen Austausch mit Teilnehmenden am Global Solutions Summit in Berlin eingeladen. Unter dem Titel „Shifting the Security Paradigm - Youth and Women as Key Actors in Peace Building“ war es Ziel der Session, einen Perspektivenwechsel einzunehmen: weg von einem Verständnis von „negativem Frieden“, das allein auf die Abwesenheit von Konflikten fokussiert ist, hin zu einem menschenzentrierten Ansatz, der Inklusion, Teilhabe und Prävention in den Mittelpunkt stellt. „We are working in silos and we need to overcome those silos“, bedauerte in der Sitzung ein Vertreter des African Union (AU) Youth Start-Up Programme – und weitete den Blick über die europäische Kontinentgrenze hinaus. Eine wichtige Aufgabe für die erfolgreiche Umsetzung der YPS-Agenda ist die internationale Zusammenarbeit, die Netzwerke schafft und den internationalen Austausch fördert.
Dies forderten auch die 80 Teilnehmenden an der internationalen Jugendbegegnung Youth4Peace, die IJAB in Zusammenarbeit mit anderen Fach- und Förderstellen der Internationalen Jugendarbeit Anfang Mai durchführte. Am 8. Mai 2025 – auf den Tag genau 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – übergaben sie dem wenige Stunden zuvor gewählten Bundeskanzler eine Friedensagenda. Darin fordern sie Zutaten für eine nachhaltige Friedensgestaltung: u.a. die Schaffung von Räumen für eine wirksame Jugendbeteiligung, integritätsbasierte Demokratien, eine kritisch-reflektierende Erinnerungskultur, transparente Information und Pressefreiheit sowie eine werteorientierte Bildung. Besonders aber heben die jungen Erwachsenen in ihrer Friedensagenda die Bedeutung von internationalen Jugendbegegnungen für die Friedenssicherung hervor. Die Bedeutung der Jugend, Frieden und Sicherheit-Agenda nimmt täglich zu, doch es fehlt noch – auf nationaler Ebene – an einer strategischen Umsetzung, einem systematischen Monitoring sowie der Sichtbarmachung von bereits stattfindenden Aktivitäten und Entwicklungen. Hier kann die Internationale Jugendarbeit Rückendeckung bieten.
1 S. IJAB-Interview mit Marija Bulat, Leiterin des Belgrader RYCO-Büros, über die Arbeit von RYCO in Zusammenhang mit der YPS-Agenda (18.04.2023): Es gibt nicht nur Konflikte auf dem Westbalkan.
2 Zur Bedeutung der Erasmsus+-Programme für die Umsetzung der YPS-Agenda s. Papier „Mapping the progress of Youth, Peace and Security in the EU“ des United Network of Young Peace Builders (2019).






