Eine Person spricht während eines Interviews in ein Mikrofon. Sie trägt eine hellbraune Jacke und eine blaue Namenskarte. Im Hintergrund sind EU-Flaggen zu sehen. Eine Person spricht während eines Interviews in ein Mikrofon. Sie trägt eine hellbraune Jacke und eine blaue Namenskarte. Im Hintergrund sind EU-Flaggen zu sehen.
Veronica Lacová
Jugendpolitik weltweit

EU-Jugenddialog: Wir wollen sicher sein, gehört zu werden

Jugenddelegierte Veronica Lacová im Interview

Wie können junge Menschen politische Entscheidungen in Europa tatsächlich mitgestalten? Der EU-Jugenddialog, eines der wichtigsten Instrumente der EU-Jugendstrategie, soll genau diese Frage angehen. Veronica Lacová vertrat die Slowakei als Jugenddelegierte im 11. Zyklus des EU-Jugenddialogs und reflektiert in diesem Interview mit IJAB über ihre Arbeit sowohl auf europäischer Ebene als auch in ihrem eigenen Land.

22.07.2026 / Kerstin Wondratschek

Zu den zentralen Themen während ihrer Zeit als Jugenddelegierte der Slowakei im 11. Zyklus des EU-Jugenddialogs (EUYD) zählen für Veronica Lacová Abwanderung, Wohnraum, politische Teilhabe und eine verbesserte Kommunikation. Ihre Position ist klar: Partizipation sollte verbindlich sein, und junge Menschen müssen nicht nur konsultiert, sondern sinnvoll in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

IJAB: Wie gelingt es, die Perspektiven junger Menschen in die politischen Prozesse einzubringen?

Veronica: Es ist wichtig zu betonen, dass die Arbeit der EUYD-Delegierten nicht mit der Teilnahme und Beteiligung an Konferenzen endet. Jeder Delegierte ist dafür verantwortlich, zu Hause eigene Aktivitäten im Einklang mit dem jeweiligen Jugendziel zu organisieren. In diesem Zusammenhang habe ich in der gesamten Slowakei eine Reihe von Diskussionen zum bürgerschaftlichen Engagement und zu EU-Themen veranstaltet. Meine Kolleg*innen konzentrierten sich auf Gespräche mit Schüler*innen in der Ostslowakei, wo die Möglichkeiten zur Teilhabe begrenzter sind als im Westen. Sie organisierten in Košice einen Runden Tisch mit jungen Menschen vor Ort, um über den Braindrain und die Anliegen der jungen Menschen in der Region zu diskutieren. All diese Aktivitäten ermöglichen es uns, die slowakische Jugend auf den Konferenzen zu vertreten und für ihre Interessen einzutreten. 

IJAB: Die EU-Jugendkonferenz im März 2026 unter der zypriotischen Ratspräsidentschaft bildete den Abschluss des 11. Zyklus des EU-Jugenddialogs im Rahmen der EU-Jugendstrategie. Welche zentralen Themen oder Ergebnisse sind dir besonders in Erinnerung geblieben? 

Veronica: Jede Konferenz unter dem Trio der Ratspräsidentschaften (Polen, Dänemark, Zypern) hatte einen anderen Schwerpunkt. Während sich die erste Konferenz in Lublin auf Verteidigung und den russischen Krieg gegen die Ukraine konzentrierte, ging es bei der zweiten Konferenz in Kopenhagen hauptsächlich um Erasmus+. Die dritte Konferenz in Nikosia, die aufgrund des Krieges im Iran online stattfand, befasste sich mit einer Zukunft mit jugendfreundlicheren politischen Maßnahmen. Die Schlüsselthemen, die mir bei dieser Abschlusskonferenz am meisten in Erinnerung geblieben sind, waren die Wohnungskrise und der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum, auch für Erasmus+-Teilnehmer*innen, sowie die Bedeutung der Festlegung verbindlicher Standards für die Einbeziehung der Jugend in alle Politikbereiche. Das bedeutet, sicherzustellen, dass junge Menschen während des gesamten politischen Zyklus einbezogen werden, von der Konzeption politischer Maßnahmen bis hin zu deren Umsetzung. Diese Prioritäten finden in der Slowakei starken Anklang. Mehr als 55% glauben nicht, dass sie Einfluss auf Entscheidungsprozesse nehmen können. Sie fordern regelmäßige Konsultationen, partizipative Haushaltsplanung und eine einfachere Einbindung. 

Ein weiteres Ergebnis der Konferenz auf Zypern war die Forderung nach einer besseren Kommunikation zwischen den EU-Institutionen und jungen Menschen sowohl über Online- als auch über Offline-Kanäle. Dies ist für die slowakische Jugend vielleicht das wichtigste Thema. Daten des Slowakischen Jugendrats zeigen, dass Informationen zwar verfügbar sind, junge Menschen jedoch Schwierigkeiten haben, diese zu verstehen, da die Sprache zu komplex und technokratisch ist. Sie möchten auf unterhaltsamere und ansprechendere Weise mehr über die EU erfahren, beispielsweise durch Simulationen oder Exkursionen.

IJAB: Was macht Beteiligung aus deiner Sicht wirksam und wo könnte Beteiligung noch stärker stattfinden? 

Veronica: Ich denke, wirksame Partizipation beginnt definitiv mit der Einbindung junger Menschen. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob junge Menschen tatsächlich Gehör finden. Es kommt ihnen nicht nur darauf an, zu Gesprächsrunden eingeladen zu werden oder an Diskussionen teilzunehmen, sondern sie möchten sicher sein, dass die geäußerten Meinungen ernst genommen werden und zu sinnvollen Maßnahmen führen. Das ist es, was junge Menschen dazu bewegt und was ihr Vertrauen in demokratische und bürgerschaftliche Prozesse stärkt. 

Die Slowakei hat damit zunehmend zu kämpfen. Die Daten des Slowakischen Jugendrings zeigen, dass 73% der jungen Slowak*innen nicht vorhaben, bei der nächsten Wahl zum Europäischen Parlament ihre Stimme abzugeben. Das ist ein riesiges Problem und wir müssen einen Weg finden, es anzugehen. Ich denke, das ist nur durch aktives Engagement möglich, nicht nur durch passives.

Als slowakische Delegierte haben wir kürzlich an einem Rundtischgespräch über den anhaltenden Braindrain teilgenommen. In der Slowakei gibt es das große Problem, dass Studierende ins Ausland gehen, um dort zu studieren und anschließend nicht zurückkehren. Ein wichtiger Punkt stach dabei besonders hervor: Die Slowakei muss mehr tun, um junge Leute, die einen Beitrag für ihr Land leisten wollen, sichtbar zu würdigen und ihre Arbeit anzuerkennen. Dies könnte langfristig zu einer stärkeren Beteiligung führen.

IJAB: Ein Fokus bei der Konferenz lag auf der Umsetzung der erarbeiteten jugendpolitischen Empfehlungen. Kannst du etwas zu den nächsten Schritten sagen: Wie ist geplant, diese Ergebnisse in konkrete Politik zu übersetzen? 

Veronica: Der Umsetzungsprozess variiert von Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat, da es sich bei den Konferenzergebnissen um Empfehlungen handelt, nicht um verbindliche Beschlüsse oder Vorschriften. 

In der Slowakei arbeiten wir daran, eine sinnvolle Beteiligung junger Menschen an politischen Prozessen zu ermöglichen, aber auch die Zusammenarbeit zwischen den Delegierten des EU-Jugenddialogs und dem Staat zu stärken, z.B. mit dem Bildungsministerium oder dem slowakischen Parlament. Diese Zusammenarbeit ist unerlässlich, wenn wir verstehen wollen, wie und in welchem Umfang unsere Empfehlungen tatsächlich aufgegriffen werden. In dieser Hinsicht ist es also ein komplizierter Prozess, der eine Weile dauert. Aber ich glaube daran, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn es darum geht, junge Menschen sinnvoll in politische Prozesse einzubeziehen und ihren Bedürfnissen, Interessen und Anliegen wirklich Gehör zu schenken.

IJAB: Wenn Du mit deinen Erfahrungen aus dem EU-Jugenddialog und von der Jugendkonferenz in Zypern nun nach vorne schaust: Welche Veränderungen würdest du dir noch wünschen, damit junge Menschen in europäischen politischen Prozessen künftig noch wirksamer und nachhaltiger beteiligt werden?

Veronica: Ich würde mir insbesondere wünschen, dass der EU-Jugend-Check (auch bekannt als Jugendtest) in allen EU-Mitgliedstaaten eingeführt wird. Dies wurde auf allen drei Konferenzen diskutiert, an denen ich als Delegierte teilgenommen habe Auf der letzten Konferenz in Zypern wurde es besonders nachdrücklich betont. Dies zeigt, dass zunehmend anerkannt wird, dass die Perspektiven junger Menschen systematisch in die europäische Politikgestaltung einbezogen werden müssen. Der Jugend-Check wird bereits in Österreich, Deutschland, Frankreich und Belgien als Instrument zur Folgenabschätzung eingesetzt: Wenn neue Gesetze ausgearbeitet werden, sind Entscheidungsträger*innen und politische Verantwortliche verpflichtet, eine große Gruppe junger Menschen zu befragen, um zu verstehen, wie sich die neuen Maßnahmen auf sie auswirken könnten, um um sicherzustellen, dass sie zukünftig keine negative Folgen haben. Dies ist entscheidend, um eine echte Einbeziehung der Jugend zu erreichen und den Grundsatz „Ihr habt es gesagt, wir haben es umgesetzt“ durch Partizipation zu stärken. Nach Angaben des Slowakischen Jugendrats haben viele junge Menschen das Gefühl, dass sie die Ergebnisse ihres Engagements nur selten sehen. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass sie sich mehr gesehen fühlen. Ich hoffe auf eine Zukunft, in der junge Menschen wirklich einen Platz am Entscheidungstisch erhalten.

IJAB: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Hintergrund: Zur Person und zur persönlichen Motivation von Veronica Lacová als Jugenddelegierte im 11. Zyklus des EU-Jugenddialogs

IJAB: Was hat dich dazu bewegt, dich als Jugenddelegierte für den EU-Jugenddialog (EUYD) zu engagieren?

Veronica: Ich habe mich schon immer für EU-Angelegenheiten interessiert. Durch die Organisation von EU-Simulationen habe ich besser verstanden, wie die Europäische Union funktioniert und wie sie ihren Bürger*innen hilft. Aber wie viele andere wusste ich anfangs nicht wirklich, was der EUYD ist. Selbst heute, wenn wir Minister*innen, Politiker*innen oder Botschafter*innen treffen, wissen diese nicht immer, was der EU-Jugenddialog ist. Das hat mich motiviert, den EU-Jugenddialog bekannter zu machen, um den Menschen zu vermitteln, was er leistet, und jungen Menschen zu zeigen, wie sie sich engagieren können. Das ist in der Slowakei besonders wichtig. Laut Daten des Slowakischen Jugendrats für den 11. EUYD-Zyklus interessieren sich nur 37% der jungen Menschen im Land für EU-Politik. 

IJAB: Wie hast Du deine Rolle als Jugenddelegierte im EU-Jugenddialog erlebt? 

Veronica: Ich würde sagen, dass die Rolle als Jugenddelegierte Disziplin und Verantwortungsbewusstsein erfordert. Ich bin eine von drei slowakischen Delegierten im EU-Jugenddialog. Jeder EU-Mitgliedstaat und jedes Beitrittsland hat drei Jugenddelegierte (Ausnahme Belgien, das eine neunköpfige Delegation stellt). Das bedeutet, dass die Stimme der Slowakei das gleiche Gewicht hat wie die jedes anderen Mitgliedstaates. Besonders relevant ist dies während der EU-Jugendkonferenzen, bei denen sich 300 junge Menschen in einer Stadt treffen, um die Prioritäten und Anliegen ihrer Altersgenoss*innen in ganz Europa zu diskutieren und zu verhandeln, und wo sie auch direkt mit Entscheidungsträger*innen wie Politikern*innen, Kommissar*innen und Minister*innen sprechen können. Hier können die Anliegen und Perspektiven junger Menschen in konkrete politische Entscheidungen und Empfehlungen für den Rat der EU umgesetzt werden, die später den Mitgliedstaaten vorgelegt werden. 

Im Mittelpunkt des 11. Zyklus standen die Stärkung des Vertrauens junger Menschen in die EU, demokratische Teilhabe, Resilienz und die Entwicklung jugendfreundlicherer politischer Maßnahmen. Dies sind Themen, die unter das Jugendziel Nr. 1 fallen: „Die EU mit der Jugend verbinden“.

Das Interview führte IJAB mit Veronica Lacová im Juni 2026 zum Ende des 11. Zyklus des EU-Jugenddialogs. Im Orginal steht es in englischer Sprache auf www.ijab.de zur Verfügung.

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