Knapp einen Monat nach dem IJAB-Fachtag “From Local to Global: Friedensarbeit in der Internationalen Jugendarbeit” legt der Europarat die Empfehlung CM/Rec(2026)11 (Engl.: Recommendation of the Committee of Ministers to member States on peace education by, with and for young people) vor. Diese bietet auch für die internationale Jugendarbeit sowie für die internationale jugendpolitische Zusammenarbeit einen wesentlichen Orientierungsrahmen und umfasst - unter direkter Bezugnahme auf die Youth, Peace and Security Agenda (YPS) der Vereinten Nationen - wichtige Aspekte, die auch beim Fachtag am 11. Juni 2026 in Bonn besprochen wurden, darunter: Jugendbeteiligung, politische Bildung, Erinnerungsarbeit, Sicherheit sowie die Forderung nach einer interdisziplinären Herangehensweise zwischen Politik, Pädagogik, Forschung und Praxis.
Friedensbildung in non-formalen Lernräumen und in der Jugendarbeit
Der Entstehungsprozess der Empfehlung geht auf ein Konsultationstreffen der Jugendabteilung des Europarats im Januar 2023 im Europäischen Jugendzentrum in Straßburg zu “Renewing Peace Education in Intercultural Youth Activities” (Dt.: Friedensbildung in interkulturellen Jugendaktivitäten erneuern) zurück. An diesem Treffen nahmen 35 Expert*innen aus den Bereichen Friedensbildung und Konflikttransformation teil. Der Gemeinsame Rat für Jugendfragen (Engl.: Joint Council on Youth, CMJ) - das oberste Entscheidungsgremium für Jugendfragen im Europarat - beauftragte daraufhin eine Machbarkeitsstudie über eine Empfehlung zu Friedensbildung im non-formalen Lernen und Jugendarbeit, die Phill Gittins, Bildungskoordinator bei World BEYOND War, im Oktober 2024 vorlegte. Darin stellt er fest, dass bislang keine Empfehlung des Ministerkomitees das Thema Friedensbildung im non-formalen Lernen und in der Jugendarbeit zum Gegenstand hatte, und benennt sechs Ziele, die in Bezug auf Friedensbildung in der Jugendarbeit verfolgt werden sollten: Anerkennung, Tragfähigkeit, Zugänglichkeit, Umsetzung, Wirksamkeit und Wirkung von Initiativen der Friedensbildung in den 46 Mitgliedstaaten des Europarats und darüber hinaus (s. Gittins 2024: 4).
Ab 2025 arbeitete eine Arbeitsgruppe (sog. Drafting Group) der Jugend- und Bildungsabteilungen des Europarats, des Erweiterten Teilabkommens über die Kulturrouten (Engl.: Enlarged Partial Agreement on Cultural Routes of the Council of Europe, EPA), des Beirats für Jugendfragen (Engl.: Advisory Council on Youth, CCJ), des Europäischen Lenkungsausschusses für Jugendfragen (Engl.: European Steering Committee for Youth, CDEJ), des Europäischen Jugendforums und ERYICA am Entwurf der Empfehlung. Dabei wechselte der Arbeitstitel im Verlauf von „Friedensbildung im non-formalen Lernen und in der Jugendarbeit" zu „Friedensbildung durch, mit und für junge Menschen".
Wie Friedensbildung definiert wird
Der Geltungsbereich der Empfehlung erstreckt sich im verabschiedeten Text auf alle Bildungs-, Ausbildungs- und Lernsettings. Die Leitlinien beschreiben Friedensbildung als Lernen über, durch und für Frieden über alle Bildungsstufen und -kontexte hinweg. Sie umfasst Wissen und Fähigkeiten ebenso wie Haltungen, Werte und Dispositionen und richtet sich gegen Gewalt in allen Formen: direkte, strukturelle, kulturelle und digitale Formen von Gewalt.
Der Text verortet Friedensbildung als eigenständiges, zugleich komplementäres Feld neben politischer Bildung und Menschenrechtsbildung (EDC/HRE), Global Citizenship Education, interkultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Als eigener Beitrag wird benannt, Lernende zu befähigen, jene kulturellen, strukturellen und relationalen Muster zu erkennen und kritisch zu bearbeiten, die eine Kultur des Krieges und der Gewalt aufrechterhalten.
Leitlinien zur Implementierung: die Rolle von Jugendarbeit
Die Empfehlung wird durch einen Anhang mit Leitlinien ergänzt, die die Implementierung der Empfehlung unterstützen sollen: Sie dienen als praxisorientiertes Instrument für Politik, Bildner*innen, Jugendarbeiter*innen und anderen relevanten Akteur*innen. Absatz 4 der Leitlinien fokussiert die besondere Rolle von Jugendarbeit in Friedensbildung: Ihr Beitrag wird in der Verankerung in non-formaler Bildung und der Verbindung zu informellem Lernen beschrieben, in der Freiwilligkeit der Teilnahme, im Aufbau von Vertrauensbeziehungen sowie in der Schaffung sicherer und inklusiver Interaktionsräume, in denen junge Menschen Erfahrungen reflektieren, Spannungen navigieren und soziale wie emotionale Kompetenzen entwickeln können. Dabei werden alle Personen angesprochen, die solche non-formalen Lernräume gestalten: nicht nur hauptamtliche Jugendarbeiter*innen und pädagogische Fachkräfte, sondern auch ehrenamtliche Fachkräfte, Freiwillige sowie Eltern und Sorgeberechtigte im Allgemeinen.






