Gruppenfoto des Advisory Council on Youth bei der Wahl 2026 Gruppenfoto des Advisory Council on Youth bei der Wahl 2026
Jugendpolitik weltweit

Advisory Council on Youth: Stimme der Jugend im Europarat

Neu gewählte Vorsitzende Emma Wedner im Interview

Wie können junge Menschen auf europäischer Ebene politische Entscheidungen mitgestalten? Und was passiert hinter den Kulissen des Advisory Council on Youth im Europarat (Beirat zu Jugendfragen), einem der wenigen Gremien, in denen Jugendorganisationen und Regierungen gemeinsam Entscheidungen treffen? Was ist das Besondere an diesem sogenannten Co-Management Modell und wo liegen die Herausforderungen?

12.06.2026 / Kerstin Wondratschek

Diese Fragen hat IJAB in einem Interview an Emma Wedner, neu gewählte Vorsitzende des Advisory Council on Youth für die Arbeitsperiode 2026-2027 und langjähriges Mitglied des Advisory Council (seit 2023), gerichtet. Das Interview gibt Einblicke in die interne Arbeitsweise des Gremiums, seine Rolle im politischen Gefüge des Europarats und zeigt Beispiele für Jugendbeteiligung auf europäischer Ebene auf. Emma Wedner wurde vom Nationalen Jugendrat in Schweden (Swedish National Youth Council (LSU)) entsandt.

IJAB: Wie bist du ursprünglich zum Advisory Council on Youth des Europarats gekommen und was hat dich motiviert, dich auf europäischer Ebene für Jugendthemen zu engagieren?

Emma Wedner: Vor einigen Jahren war ich sehr aktiv in meinem lokalen Jugendrat in Schweden und während meiner Schulzeit habe ich mich bei einer Organisation namens „Schwedens Schülerräte“ für Schülerrechte eingesetzt. Diese Organisation war Mitglied des Nationalen Jugendrats in Schweden. 

Später wurde ich vom Nationalen Jugendrat in Schweden nominiert, Schweden im EU-Jugenddialog zu vertreten. Dies öffnete mir die Augen für die vielfältigen Möglichkeiten, die jungen Menschen auf europäischer Ebene offenstehen. Parallel dazu nahm ich an Sitzungen des Europarats teil und lernte mehrere Mitglieder des Advisory Councils kennen. Ich begann, mich sehr für die Struktur des Co-Managements zu interessieren. Meine Motivation, dem Advisory Council beizutreten, war stark davon geprägt, dass ich hervorragende Vorbilder aus dem schwedischen Nationalen Jugendrat hatte, die selbst dort aktiv gewesen waren. Ich sah, was sie gemeinsam mit vielen anderen Jugendvertreter*innen auf europäischer Ebene durch die Struktur des Co-Managements erreicht hatten. Als ich begann, mich auf internationaler Ebene zu engagieren, wurde mir auch bewusst, wie sehr diese internationale Arbeit auf nationaler Ebene fruchtbar sein kann: durch den Austausch, das Lernen und das Hören von den Erfolgen und Herausforderungen von Jugendorganisationen in ganz Europa. Im Jahr 2023 wurde ich vom Schwedischen Nationalen Jugendrat nominiert, bei den Wahlen zum Advisory Council zu kandidieren.

IJAB: Wie würdest du die Rolle des Advisory Councils erklären und was unterscheidet ihn von anderen Formen der Jugendbeteiligung? 

Emma Wedner: Wir sind die Stimme der jungen Menschen im Europarat! Wir sind ein Beirat, der sich aus 30 Vertreter*innen demokratischer von Jugendlichen geführten zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammensetzt. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, das Ministerkomitee des Europarats, in dem die Minister*innen aller Mitgliedstaaten vertreten sind, in allen Fragen, die die Jugend betreffen, zu beraten. In der Praxis arbeiten wir im Rahmen einer einzigartigen Co-Management-Struktur an der Festlegung von Standards und in der Jugendpolitik mit. 

Das bedeutet, dass wir gemeinsam mit Regierungsvertreter*innen Empfehlungen zu Themen erarbeiten, die für junge Menschen wichtig sind. Wir gestalten außerdem die künftigen Prioritäten, Programme und Haushalte des Europarats mit. Diese Form der Partizipation ist einzigartig, da junge Menschen bei der Entscheidungsfindung gleichberechtigt mitreden können. Dies ist ein Beispiel guter Praxis, das sich bewährt hat und das wir in unserer Arbeit und im Dialog mit Jugendorganisationen und Mitgliedstaaten als positives Beispiel hervorheben. 

IJAB: Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Regierungsvertreter*innen in der Praxis und wann zeigt sich das Co-Management, also die Mitbestimmung, besonders deutlich? 

Emma Wedner: Das Co-Management besteht nun schon seit über 50 Jahren und wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Die große Stärke liegt darin, dass junge Menschen von Anfang an in den politischen Entscheidungs- und Agenda-Settings-Prozess eingebunden sind. Wir setzen uns für gleichberechtigte Entscheidungsfindung ein und sind durchgehend eingebunden, nicht nur am Rande. Dies spiegelt sich in einigen der Empfehlungen wider, die wir kürzlich zu den Themen ‚Klima‘ und ‚Jugend im ländlichen Raum‘ verabschiedet haben. Das sind Themen, die von und für junge Menschen vorangetrieben wurden und die schließlich auf die Agenda des Europarats gelangten. 

Durch die Einbeziehung der youth perspective des Europarats beteiligt sich der Advisory Council auch an der breiteren Arbeit der Organisation in Bereichen wie Umwelt, KI, Gender und Bioethik. 

IJAB: Siehst du Grenzen oder Herausforderungen im Co-Management-Modell?

Emma Wedner: Im Rahmen des Co-Managements arbeiten der Advisory Council und die Regierungen zusammen, um Prioritäten für den Jugendbereich des Europarats festzulegen, mit dem Ziel, politische Ergebnisse auf nationaler Ebene umzusetzen. Wir befassen uns mit einem breiten Spektrum an Themen, die junge Menschen betreffen. Dies kann die Umsetzung erschweren, da die Jugendpolitik auf nationaler Ebene in der Regel in den Zuständigkeitsbereich eines einzigen Ministeriums fällt. 

Es ist jedoch keine Einschränkung des Co-Management-Systems an sich, da es wichtig ist, dass junge Menschen selbst definieren können, welche Themen für sie von Bedeutung sind. Wir glauben, dass die Berücksichtigung der youth perspective dazu beitragen kann, Maßnahmen zu einigen dieser Umsetzungsfragen voranzutreiben. Wenn ein Thema außerhalb des Fachgebiets der Regierungsvertreter*innen liegt, sind diese in der Regel gut aufgestellt, um das erforderliche Fachwissen aus den zuständigen Ministerien einzubeziehen. 

IJAB: Kannst du ein konkretes Beispiel für eine Situation nennen, in der eure Arbeit politische Entscheidungen beeinflusst hat? 

Emma Wedner: Ich kann zwei sehr wichtige Beispiele nennen. Einer unserer Erfolge ist, dass wir es geschafft haben, dass die youth perspective in die Erklärung des 4. Gipfeltreffens des Europarats aufgenommen wurde. Das war keineswegs selbstverständlich. Es bedurfte der aktiven Lobbyarbeit des Advisory Councils, um sicherzustellen, dass die Beteiligung und die Perspektiven junger Menschen in dieser Erklärung ausdrücklich erwähnt werden. Letztendlich enthielt die Erklärung folgenden Passus: „Dies sollte eine youth perspective (Jugendperspektive) in die zwischenstaatlichen und sonstigen Beratungen der Organisation einbeziehen, da die Beteiligung junger Menschen an Entscheidungsprozessen die Wirksamkeit öffentlicher Politik verbessert und demokratische Institutionen durch einen offenen Dialog stärkt.“

Es mag, wie nur zwei Worte in einer Erklärung erscheinen youth perspective, doch sie haben unsere Arbeit im vorangegangenen Mandat (2024 bis 2025) sehr geprägt und tun dies auch weiterhin in der aktuellen Amtszeit (2026 bis 2027). Wir haben seitdem einen umfassenden Referenzrahmen entwickelt, um dieses Konzept sowohl innerhalb des Europarats als auch in den Mitgliedstaaten in die Praxis umzusetzen. Die Ausarbeitung des endgültigen Texts und die Sicherstellung, dass diese beiden Worte in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, erforderte umfangreiche Verhandlungen. 

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel ist die Konferenz der für Jugendfragen zuständigen Minister*innen des Europarates 2025. Es war das erste Treffen dieser Art seit 13 Jahren. Auf dieser Konferenz unterzeichneten die Minister*innen eine politische Erklärung, die von Anfang an auf der Beteiligung junger Menschen beruhte, sowohl durch den Advisory Council als auch durch breitere Konsultationen, an denen Jugendorganisationen aus ganz Europa beteiligt waren.

Dies verdeutlicht, wie der Advisory Council selbst und die Jugendorganisationen auf Veränderungen gedrängt haben, die auf dem Papier vielleicht bescheiden erscheinen, in der Praxis jedoch erhebliches Gewicht sowohl innerhalb des Europarats als auch in den Mitgliedstaaten haben.

IJAB: Wie entscheidet der Advisory Council, welche Themen er während seiner Amtszeit mit den Jugendvertreter*innen behandelt?

Emma Wedner: Unsere Arbeit orientiert sich an einem Arbeitsplan, der festlegt, was von uns innerhalb unseres zweijährigen Mandats erwartet wird. Das kann zum Beispiel die Ausarbeitung einer Empfehlung zu einem bestimmten Thema sein. Dieser Leistungsbeschreibung wird vom Ministerkomitee vorgegeben, da wir ein beratendes Gremium dieses Komitees sind. 

Was die Festlegung der Arbeitsplanung angeht, habe ich bereits die Themen ‚Klima‘ und ‚Jugend im ländlichen Raum‘ erwähnt. Der Advisory Council hat sich aktiv für diese Themen eingesetzt und dafür gesorgt, dass sie auf die Tagesordnung gesetzt wurden. Ein früheres Beispiel ist die Kampagne „Democracy Here, Democracy Now“, die die Arbeit der Organisation im Bereich Demokratie maßgeblich geprägt hat. Sie wurden dann vom Ministerkomitee als Priorität bestätigt. In diesem Sinne handelt es sich also um einen wechselseitigen Dialog. 

Das ist auch der Grund, warum wir 30 Vertreter*innen haben. So haben wir eine große Bandbreite an Perspektiven sowohl von nationalen Jugendräten als auch von lokalen Jugendnetzwerken und internationalen Jugendorganisationen. Manchmal kann es eine Herausforderung sein, Prioritäten für die nächsten zwei Jahre festzulegen, weil alle motiviert und ehrgeizig sind, so viele Ziele auf einmal zu erreichen.

IJAB: Was sind die größten Herausforderungen in eurer Arbeit?

Emma Wedner: Ich denke, die größte Herausforderung besteht darin, hohe Ambitionen mit den Realitäten der ehrenamtlichen Arbeit in Einklang zu bringen. Alle Mitglieder des Advisory Councils sind ehrenamtlich tätig. Sie nehmen neben ihrem Vollzeitjob oder Studium an Sitzungen und Veranstaltungen teil. Die youth perspective hat uns neue Möglichkeiten eröffnet, uns im Europarat zu engagieren. Obwohl wir gerne zu politischen Entscheidungen in einer Vielzahl von Themenbereichen beitragen möchten, müssen wir auch darüber nachdenken und Prioritäten setzen, wie und wo wir den größten Einfluss für junge Menschen erzielen können. 

IJAB: Welche Rolle sollte der Advisory Council in Zukunft spielen und was hoffst du für die Zukunft? 

Emma Wedner: Der Advisory Council sollte eine klare und genau definierte Rolle bei allen Formen der Entscheidungsfindung im Europarat spielen und genau darauf arbeiten wir hin. Wir sehen seitens des Europarats eine echte Bereitschaft, den Advisory Council und die zivilgesellschaftlichen Jugendorganisationen in eine Vielzahl von Themen einzubeziehen. Wir sehen auch, wie die Einbeziehung unserer Perspektiven zu einer besseren demokratischen und „zukunftssicheren“ Entscheidungsfindung führt, denn mehr Stimmen bedeuten bessere Ergebnisse.

So arbeiten wir derzeit an strukturierteren Feedback-Mechanismen zwischen dem Europarat und den an seiner Arbeit beteiligten zivilgesellschaftlichen Jugendorganisationen. Ich hoffe auch auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten, um die Umsetzung auf nationaler Ebene zu unterstützen. 

IJAB: Wie können junge Menschen außerhalb der Strukturen des Advisory Councils von dessen Arbeit profitieren?

Emma Wedner: Ein Großteil unserer Arbeit zielt darauf ab, die lokale Ebene und die Jugendorganisationen zu stärken, die als Erste mit jungen Menschen in Kontakt kommen. Für junge Menschen, die sich für den Europarat und seine Arbeit interessieren, ist es ein guter Ausgangspunkt, nach Organisationen in der eigenen Stadt oder Region zu suchen und herauszufinden, ob diese Organisationen mit dem Europarat zusammenarbeiten, beispielsweise durch Studienbesuche, trainings oder andere Aktivitäten. 

Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen schafft eine echte Brücke zwischen der Arbeit lokaler Jugendorganisationen, den Standards des Jugendsektors des Europarats und dem Alltag junger Menschen. Dies kann ein sehr positiver erster Schritt sein, um konkret von der Arbeit zu profitieren.

Und dann arbeiten wir natürlich auf eine stärkere Umsetzung auf nationaler Ebene hin. Ich halte es für sehr wichtig zu betonen, dass das oberste Ziel des Jugendsektors des Europarats darin besteht, die Bedingungen und die Situation junger Menschen in ganz Europa zu verbessern. Wir tun dies durch politische Maßnahmen. Oft ist der effektivste Weg, junge Menschen auf lokaler Ebene zu erreichen, über den Kontakt mit den vor Ort tätigen Jugendorganisationen, mit denen der Advisory Council zusammenarbeitet. 

IJAB: Vielen Dank für das Interview. 

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