Junge Menschen springen vor einer vernetzten Weltkugel Junge Menschen springen vor einer vernetzten Weltkugel
Jugendpolitik

Transfer-Arenen der Europäischen Jugendpolitik

Youth Work

Vor wenigen Wochen haben der 3. Bundeskongress Kinder- und Jugendarbeit und die AGJ-Transferkonferenz stattgefunden. Er schaffte diskursive Räume zur Schnittstelle europäischer und nationaler Jugendpolitik. Wie können europäische und nationale Jugendpolitiken stärker miteinander verschränkt werden? Wie kann ein Voneinanderlernen strukturell verankert werden?

24.11.2021 / Kathrin Klein-Zimmer

In gleich zwei Formaten fanden in den letzten Wochen Austauschformate zur Schnittstelle von europäischer Jugendpolitik, EU-Jugendpolitik und nationaler Jugendpolitik statt, bei denen diskursive Räume der wechselseitigen Bezugnahme geschaffen wurden:

Auf dem 3. Bundeskongress Kinder- und Jugendarbeit wurde in einem Talk mit dem Titel „Jugendarbeit und Youth Work – gleich und doch unterschiedlich“ intensiv zur Entwicklung der Jugendarbeit in Europa debattiert und eine stärkere Verschränkung von europäischen und nationalen Perspektiven ausgelotet. In einem Forum zur Vorstellung des aktuellen EU-Jugendberichts ging es auf der AGJ-Transferkonferenz um die Fragen, welche Relevanz der EU-Jugendbericht für die nationale Kinder- und Jugendpolitik in Deutschland hat, welche Impulse er den verschiedenen Akteuren auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene geben kann und wie diese in den fachpolitischen Diskurs übersetzt werden können.

Jugendarbeit und Youth Work – gleich und doch unterschiedlich

In Deutschland wird der in Europa häufig genutzte Begriff „Youth Work“ oft wörtlich mit „Jugendarbeit“ übersetzt. Setzt man sich jedoch mit den europäischen Diskursen um Youth Work näher auseinander, wird schnell deutlich, dass sich dahinter mehr versteckt als das, was in Deutschland unter Jugendarbeit verstanden wird.

Auf dem dritten Bundeskongress Kinder- und Jugendarbeit, der vom 20. bis 22. September digital aus Nürnberg stattfand, diskutierten Expert(inn)en der europäischen und nationalen Jugendarbeit in einem Talkformat über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Jugendarbeitsdiskurse in Europa und Deutschland. Der Talk diente dabei als eine Art Think Tank, mit dem Ziel, beide Diskurse noch stärker miteinander zu verzahnen und mögliche Stärken des wechselseitigen Aufeinanderbeziehens auszuloten.

Der Talk in Form eines transnationalen Wissensaustauschs hat zum Nachdenken angeregt.

Beobachtet man die europäischen Diskurse zu Youth Work, so zeigt sich eine große Breite und Vielfalt des europäischen Begriffes Youth Work, mit einhergehenden Gemeinsamkeiten, aber auch Differenzlinien zum nationalen Verständnis von Jugendarbeit. Die europäische Jugend- und Jugendsozialarbeit hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem zentralen Feld europäischer Jugendpolitik entwickelt. Durch den gemeinsamen länderübergreifenden Diskurs einer Vielzahl an Akteuren hat Youth Work in Europa an Kontur gewonnen und eine inhaltliche Neuorientierung erfahren. Die Europäische Kommission versteht Youth Work zunächst ganz allgemein als „Maßnahmen, die sich an junge Menschen richten und Aktivitäten betreffen, an denen sie freiwillig teilnehmen, um ihre persönliche und soziale Entwicklung durch nicht-formales und informelles Lernen zu fördern“ (Europäische Kommission 2015). Youth Work inkludiert demnach Jugendarbeit (inklusive Jugendverbandsarbeit), Jugendbildung und Jugendsozialarbeit auf lokaler, regionaler, nationaler Ebene in europäischen Ländern (der EU und des Europarats).

Wichtige Orte des transnationalen Wissensaustauschs waren dabei sicherlich die bislang stattgefundenen European Youth Work Conventions in Gent (2010), Brüssel (2015) und Bonn (2020). Hier hat sich zusehends ein gemeinsames Verständnis von Youth Work herausgebildet. Mit der European Youth Work Agenda (EYWA) konnte ein strategischer Rahmen festgelegt werden, der zum Ziel hat, Praxis und Politik von Jugendarbeit in Europa zu stärken und weiterzuentwickeln. Sie adressiert die gesamte „youth work community of practice in Europe“ und umfasst damit alle Formen von Youth Work, unabhängig davon, auf welcher Methode oder welchem Format sie aufbaut, und alle Formen von Jugendarbeiter(inne)n, unabhängig davon, ob sie bezahlt oder ehrenamtlich tätig sind.

Verschiedene Bilder von Jugend

Spannend ist hierbei auch zu beobachten, welche Jugendbilder in den europäischen Dokumenten zu Youth Work zu finden sind. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts können sehr unterschiedliche Verständnisse von Jugend und Jugendphase in den untersuchten Dokumenten rekonstruiert werden, die wiederum auf verschiedene implizite Diskurse zur Idee von Jugend hinweisen. Es überlagern sich Bildungs-, Risiko- und Übergangsdiskurse, in denen junge Menschen sehr unterschiedlich in Bezug auf Kennzeichen, Bedürfnisse und Positionierung in der Gesellschaft rekonstruiert werden. So werden junge Menschen zum Beispiel einerseits als „benachteiligt“ und „verletzlich“ beschrieben, die eines (Schutz-)Raumes bedürfen und zugleich eine Ressource für die Gesellschaft darstellen. Weiterhin werden sie als Architekt(inn)en ihres eigenen Lebens konstruiert, die ihre Chancen wahrnehmen, Inhaber/-innen von Rechten sind und die Zukunft der Gesellschaft markieren.

Wie verhält sich Youth Work zu dieser Idee von Jugend? Welche Konsequenzen gehen damit für die Weiterentwicklung von Youth Work in Zukunft einher?

In dem gemeinsamen Gespräch wurde exemplarisch ein Blick auf Österreich geworfen und gezeigt, wie dort mit dem Diskurs um Youth Work umgegangen wird, vor welchen Herausforderungen eine vornehmlich projektorientierte Youth Work im Lokalen stehen kann und wie eine Verankerung des Diskurses in der deutschsprachigen Lehre und Forschung aussehen kann.

Für die Weiterentwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Youth Work in Europa ist es notwendig, den begonnenen grenzüberschreitenden Wissensaustausch weiter zu stärken, die Diskurse um Jugendarbeit auf europäischer Ebene – wie zum Beispiel die European Youth Work Agenda – immer wieder intensiv und an verschiedenen Stellen in die Jugendarbeit im Lokalen zu übersetzen und vor Ort zu verankern und gleichzeitig die Idee von Jugendarbeit, wie sie im Lokalen – in den Kommunen, in den Regionen und den Ländern in Europa insgesamt gelebt wird, in die europäischen Debatten zu integrieren – „from local to transnational and back“ [Deutsch: „von lokal nach transnational und zurück].

EU-Jugendbericht

Einen zentralen Ort des grenzüberschreitenden Wissensaustauschs stellt der EU-Jugendbericht 2021 dar. Dieser wurde im Rahmen der AGJ-Transferkonferenz „Was es alles gibt – Kinder- und Jugendhilfe im Dickicht des Berichtswesens?!“ am 4. November 2021 in Münster vorgestellt und sein Stellenwert für die nationalen, regionalen und kommunalen jugendpolitischen Diskurse erörtert.

Wer hat Zugang zum EU-Jugendbericht? Wer weiß um seine Inhalte? Welche Impulse hält der EU-Jugendbericht für die nationale Jugendpolitik bereit? Wie kann man die deutsche Perspektive bzw. deutsche Themen stärker im Bericht verankern? Wie kann man den EU-Jugendbericht mit der deutschen Sozialberichterstattung verbinden?

Kontext

Der EU-Jugendbericht 2021 dient zum einen der Bewertung der Fortschritte bei der Verwirklichung der Ziele und Prioritäten der EU-Jugendstrategie für den Zeitraum 2019 bis 2021. Er bezieht sich somit auf den ersten EU-Dreijahres-Arbeitsplan für die Jugend im Rahmen der geltenden EU-Jugendstrategie, der sich über zwei Dreiervorsitze des Rates erstreckt. Zum anderen beschreibt er die aktuelle Situation junger Menschen (15 bis 29 Jahre) in den Ländern Europas. Neben verschiedenen Aspekten konzentriert sich der Bericht auf zwei übergreifende Themen: die Digitalisierung der Gesellschaft und das Auftreten der COVID-19-Pandemie und ihres Einflusses auf die Lebenssituation junger Menschen in Europa.

Der EU-Jugendbericht ist in drei Teile aufgeteilt,

Als Datengrundlage für den Bericht dienen vielfältige Instrumente: unter anderem der Future National Activity Planner, die Wissensplattform Youth Wiki, ein EU Dashboard of Indicators in the Youth Field und das EU-Arbeitsprogramm.

Überblick, Einblick, Ausblick

In der Zusammenschau der Berichtsteile erhält man in erster Linie einen ÜBERBLICK über Programme, Maßnahmen und Initiativen der EU-Jugendpolitik, über jugendpolitische Forschungsstudien der Europäischen Kommission und der des Youth Partnership (Jugendpartnerschaft zwischen der Kommission und dem Europarat). Zu nennen ist hier beispielhaft die Entwicklung des „Covid-19 Knowledge Hub“, der 2020 eingerichtet wurde und zentrale Befunde zum Einfluss der Covid-19-Pandemie auf unterschiedliche Themenfelder zur Verfügung stellt. Weiterhin liefert der EU-Jugendbericht 2021 ein Bild über das Jungsein in Europa, und zwar das Jungsein von ca. 86 Millionen jungen Menschen, die in der EU leben.

Vielfältige EINBLICKE wiederum bekommt man in die jugendpolitischen Programme und Strukturen in den deutschen Nachbarländern. Entlang der Themenfelder Beteiligung, Begegnung und Befähigung erfährt man, welche Projekte und Aktionen in den Ländern Europas entwickelt und etabliert wurden. Hierfür wurden Informationen aus dem Wissensportal des Youth Wiki zur Verfügung gestellt, in dem über 32 Länder Europas engagiert sind und Einblicke in ihre jugendpolitischen Strukturen und Maßnahmen geben. Im Bereich Youth Work bekommt man zum Beispiel Einblicke in ein Projekt zur Stärkung der digitalen Komepetenz von Jugendarbeiter(inne)n.

Und der Bericht gibt AUSBLICKE, welche Prioritäten die EU zukünftig setzen möchte, aber auch, welche zukünftigen Aktivitäten die Länder Europas planen und welche Instrumente des grenzüberschreitenden Austauschs und der länderübergreifenden Kooperationen sie bevorzugen. Hier kann sich der/die Leser/-in vielfältige Anregungen holen, wie er/sie in Zukunft die von Europa geschaffenen Möglichkeiten in der eigenen Ausgestaltung jugendpolitischer Themen nutzen kann.

Wissen zirkuliert über Ländergrenzen hinweg

Der EU-Jugendbericht stellt ein zentrales Instrument der Zirkulation von Wissen dar, indem er unterschiedliches Wissen aus verschiedenen Datenquellen zusammenführt und dabei die europäische, nationale, regionale und lokale Ebene berücksichtigt. Daraus lassen ich wiederum wichtige Erkenntnisse und Impulse für Deutschland ableiten. Wissen zirkuliert demnach auch über Ländergrenzen hinweg und führt zu einer Perspektivenerweiterung für alle Akteure. Während in der nationalen Bildungs- und Sozialberichterstattung Europa kaum mitgedacht wird, ermöglicht es der EU-Jugendbericht genau diese grenzüberschreitende Perspektive einzunehmen.

In seiner Komplexität begrenzt

Auch wenn der EU-Jugendbericht erste Impulse bereithält, nationale und europäische jugendpolitische Diskurse miteinander zu verschränken, handelt es sich bei dieser Form der Berichterstattung um eine Dokumentation der EU-Jugendpolitik, deren Autorin die Europäische Kommission ist. Es wird hier somit in erster Linie eine europäische Perspektive eingenommen. Einblicke in nationale Jugendpolitiken und ihre Besonderheiten werden nur gefiltert und verkürzt wiedergegeben.

Großes Potenzial als Impulsgeber – Möglichkeiten nutzen, die von der EU geschaffen werden

In der Bewertung des EU-Jugendberichts kann festgehalten werden, dass er in seiner stetigen Weiterentwicklung ein entscheidender Baustein der Infrastruktur europäischer Jugendpolitik ist und ein gutes Instrument sein kann, um Europa konsequent in der nationalen Jugendpolitik mitzudenken und über den Tellerrand zu schauen. Zugleich können sich die Länder mit ihren Beispielen „guter Praxis“ im EU-Jugendbericht platzieren, für ihre Programme und Aktivitäten werben und von anderen Ländern lernen.

Entscheidend für die kontinuierliche Verschränkung von europäischer und nationaler Jugendpolitik ist, dass verstärkt Räume des Transfers und der Übersetzung geschaffen werden, damit das grenzüberschreitende Wissen des EU-Jugendberichts weiter zirkulieren kann und kritisch-reflexive Denkprozesse angestoßen werden können (zum Beispiel in Form von thematisch fokussierten Foren zu den Inhalten des EU-Jugendberichts). Wie für alle Berichte gilt auch für den EU-Jugendbericht, ihn nicht nur zu verwalten, sondern die Inhalte in verschiedene Kontexte zu transferieren, Querverbindungen zu anderen Berichten herzustellen und Debatten über den EU-Jugendbericht zu führen.

Eine junge Frau hebt die Hand.
Über Jugendpolitik

IJAB beobachtet u.a. die jugendpolitischen Entwicklungen in Europa und der Welt und informiert über Interessantes.

Blaue Europa-Flaggen vor dem Gebäude des Europäischen Parlaments in Straßburg
Über das Youth Wiki

Youthwiki.eu - die Online-Enzyklopädie zur Jugendpolitik in Ländern Europas bietet umfassende Informationen zu jugendpolitischen Strukturen, Politiken und Maßnahmen zur Unterstützung junger Menschen. Youth Wiki ist ein Projekt der Europäischen Kommission, das in Deutschland seit 2015 von IJAB umgesetzt wird.