Vier Personen tanzen vor einem leuchtend roten Hintergrund. Text: "COUNT TO SILLINESS". Sie bewegen sich ausgelassen, während im Hintergrund der Schriftzug groß sichtbar ist. Vier Personen tanzen vor einem leuchtend roten Hintergrund. Text: "COUNT TO SILLINESS". Sie bewegen sich ausgelassen, während im Hintergrund der Schriftzug groß sichtbar ist.
Workshop-Phase "Count to Silliness" in Weimar
Berichte

Was ist kritisch in der Kritischen Jugendarbeit?

Über die Weimarer (Un-)Konferenz "Critical Youth Work?"

Knapp 90 Jugendarbeiter*innen, politische Bildner*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus der ganzen Welt kamen vom 23.bis 28. August 2026 in der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte in Weimar zusammen. Ihr Ziel: auf Augenhöhe, ehrlich und mutig Konzepte und pädagogische Ansätze der (internationalen) Jugendarbeit kritisch zu reflektieren und experimentell erfahrbar zu machen. Dabei ging es auch um die Frage, was „kritisch“ in Critical Youth Work bedeutet und vor allem welchen Beitrag Jugendarbeit zu demokratischeren und gerechteren Gesellschaften leisten kann. Ein Blick hinter die Kulissen der Weimarer (Un-)Konferenz.

25.09.2026 / Natali Petala-Weber

Mit dem Begriff „Critical Youth Work“ beabsichtigen die Kooperationspartner der Weimarer (Un-)Konferenz, die Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar (EJBW) und der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (AdB), eine Synthese herzustellen: zwischen den (europäischen) Diskursen über Jugendarbeit als soziale, politische, menschenrechtsbasierte, beziehungsorientierte und emanzipatorische Bildungspraxis einerseits und den vielfältigen Strängen der Kritischen Pädagogik andererseits. Dafür wurden bereits in der ersten Weimarer (Un-)Konferenz „Critical Youth Work?“ im Mai 2024 keine fertigen Antworten und Rezepte präsentiert, sondern viele und grundlegende Fragen: Bieten pädagogische Ansätze, die wir gestern entwickelt haben, Antworten auf die Herausforderungen von heute? Können wir Diskurse und Konzepte hinterfragen, solange wir in den Systemen denken und agieren, in denen diese erschaffen wurden?

Jugendarbeiter*innen weltweit unter Druck

Der Austausch zu diesen (und vielen weiteren) Fragen fand in Weimar weder 2024 noch 2026 im luftleeren Raum statt, sondern in den Seminarräumen des historischen Reithauses im Park an der Ilm am Platz der Demokratie 5. Und zwar in einer Zeit, in der zivilgesellschaftliche Handlungsräume zunehmend schrumpfen, als selbstverständlich geglaubte menschenrechtsbasierte Errungenschaften von jetzt auf gleich in Frage gestellt werden, zunehmende Desinformation und Polarisierung Communities spalten und nationale Grenzen wieder sichtbarer werden: als Schauplätze von Krieg und Konflikten ebenso wie als Instrumente der Abschottung. Vor diesem sehr konkreten Hintergrund kamen Menschen aus Chile, Deutschland, Georgien, Griechenland, Irland und Nordirland, Italien, Jordanien, dem Libanon, Nigeria, Polen, Portugal, Rumänien, Serbien, der Ukraine, den USA, Zypern und anderen Ländern zusammen, um miteinander über ihre global und regional konkreten Belange in der Jugendarbeit zu sprechen, sie offenzulegen und zu fragen: Ist das, was ich mache, eigentlich sinnvoll?

Jugendarbeiter*innen weltweit stehen unter Druck. Zumindest das ist eine der Erkenntnisse, die die Weimarer (Un-)Konferenz deutlich hervorgebracht hat. Sie stehen unter Druck, weil die Förderungen – wenn überhaupt vorhanden – immer stärker gekürzt werden. Weil sie gesellschaftlichen Anfeindungen, politischem Druck und systemischer Benachteiligung begegnen. Weil sie sich fragen, was sie falsch gemacht haben und was sie hätten anders machen können. Ganz zu schweigen von der fehlenden Wertschätzung. Sie stehen unter Druck, weil sie nicht wissen, ob sie weitermachen sollten und ob das, was sie machen, überhaupt einen Sinn hat. Die Teilnehmenden an der Session „Wer ist der*die schlechteste Jugendarbeiter*in im Raum?“ von Marco Marinelli (Arterego APS, Italien) nahmen genau diesen Druck experimentell unter die Lupe mithilfe des Ansatzes des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal. Einer der Teilnehmenden berichtete am nächsten Tag, welche Wirkung diese Session auf ihn hatte und dass er mit seinem Team „zuhause“ direkt Lösungen angeleiert hat. So wurden aus den „schlechten“ Jugendarbeiter*innen im Raum Menschen, die sich wieder (gegenseitig) daran erinnert haben, warum sie Jugendarbeit machen.

Haben wir über Gaza gesprochen? 

Während die Teilnehmenden an der Weimarer (Un-)Konferenz 2024 vielleicht von dem Gefühl eines Elefanten im Raum begleitet worden waren, war es im Follow-up 2026 anders. Die Projektleitenden, Markus Rebitschek (EJBW) und Georg Pirker (AdB), und ihr Team haben einen Brave Space für Begegnung und Austausch geschaffen, in dem die Teilnehmenden praxisorientiert und offen über ihre Arbeitsrealitäten vor Ort sprechen konnten. Die Teilnehmenden haben z. B. gelernt, was es bedeutet, im Libanon Resilienz aufzubauen, wenn täglich Leib und Eigentum bedroht sind, und wie in Jordanien die Agenda für Jugend, Frieden und Sicherheit praktisch vor Ort implementiert wird. US-amerikanische Hochschullehrende konnten „live“ darüber berichten, wie sich Soziale Arbeit in Forschung und Praxis unter Trump entwickelt. Es wurde darüber gesprochen, was politische Bildung aus den Protesten in Georgien 2023 lernen kann [1]. Und ja – immer wieder wurde über den Gaza-Streifen gesprochen – und dabei war man sich in einem einig: dass Jugendarbeit kein Instrument ist, um Diversität, Pluralität, Konfrontation und auch Konflikte aus dem Weg zu räumen. 

Sprechen oder erleben? (Ver-)Lernen 

Internationaler Austausch stellt Jugendarbeiter*innen und politische Bildner*innen stets vor die Herausforderung, sich auf ein gemeinsames Verständnis zentraler Begriffe zu verständigen, die je nach Land und Kontext der Jugendarbeit unterschiedlich konnotiert sind. Am Beispiel einer Studie von Generation Europe wurde deutlich, dass auch innerhalb eines europäischen Netzwerks kein einheitliches Verständnis zu „Civic Education“ existiert. Dies hat sich auch in Weimar in vielen der kontroversen Gespräche gezeigt. Zum Beispiel bei der Frage der Neutralität oder der Frage der Instrumentalisierung von Jugendarbeit. Und was Kritische Jugendarbeit ist, kann nicht nur von Träger zu Träger unterschiedlich aussehen, sondern auch zwischen Praxis und Forschung – und obendrauf auf der politischen Ebene. Dabei stellte sich immer wieder die Frage, ob „kritisch“ kritisch genug ist oder ob „radikal“ (im Sinne des pädagogischen Ansatzes von Paulo Freire) nicht noch besser „kritisch“ wäre.

Wer nicht nur sprechen wollte, konnte bei der Weimarer (Un-)Konferenz experimentell körper- oder erlebnisorientierte Ansätze und Methoden reflektieren und hinterfragen: Sérgio Xavier zum Beispiel, Verfechter des Ansatzes der Radikalen Erziehung, implementierte seine Weiterentwicklung der Methode Immersive Audio Unlearning unter dem Titel „Ascension“: ein Experiment, bei dem die Teilnehmenden eingeladen waren, immersiv (ohne Virtual Reality, lediglich mit der eigenen Vorstellungskraft) in eine Welt einzutauchen, die mit dem Sieg einer rechtsextremen Partei beginnt. Im Workshop „The Democratic Embrace“ nutzten die Teilnehmenden Elemente des Tango Argentino, um Agency, Macht und Aushandlungsprozesse körperlich erfahrbar zu machen; und im „Ritratti“-Lab mit Maria Tritto von Terzo Millennio (Italien) haben die Teilnehmenden 45 Minuten kein Wort gesprochen, stattdessen schweigend gemeinsam gemalt.

Wenn unsere Arbeit junge Menschen nur darauf vorbereitet, in den Systemen zu überleben, die sie geerbt haben, dann sollten wir das ehrlich sagen. Manche dieser Systeme müssen hinterfragt werden. Manche müssen neu gedacht werden. Manche müssen wohl von Grund auf neu gebaut werden. Genau da findet Spielen seinen Platz – und nicht als Flucht vor der Realität.

Rita Ezenwa-Okoro, ARTvocacy, Nigeria

Konzeptionell bleibt vielleicht noch einiges offen – aber nicht unausgesprochen. Der Weg zu „Kritischer Jugendarbeit“ ist methodisch durchdacht und bietet eine verlässliche Basis: horizontal, nicht hierarchisch, autonom, rassismus- und diskriminierungskritisch, menschenrechtsorientiert, wohlwollend, kollegial, humorvoll, spielerisch, empathisch, solidarisch. Doch auch in diesem Jahr wiederholte sich die Frage nach den Rahmenbedingungen: Wie kann man Projekte nach den Bedürfnissen junger Menschen gestalten, wenn die Förderinstrumente diese Bedürfnisse nicht decken? Oder, um es in den Worten von Rita Ezenwa-Okoro, Gründerin der Street Project Foundation in Nigeria, zu sagen: „Wenn unsere Arbeit junge Menschen nur darauf vorbereitet, in den Systemen zu überleben, die sie geerbt haben, dann sollten wir das ehrlich sagen. Manche dieser Systeme müssen hinterfragt werden. Manche müssen neu gedacht werden. Manche müssen wohl von Grund auf neu gebaut werden. Genau da findet Spielen seinen Platz – und nicht als Flucht vor der Realität.“ [2; Ü. d. A.].  Die Teilnehmenden an der Weimarer (Un-)Konferenz 2026 waren sich zum Schluss der Veranstaltung einig, dass sich „Critical Youth Work“ künftig zu einer Plattform entwickeln sollte, in der Allianzen gebildet werden können für Fragen, die neue Antworten auf globale Entwicklungen bringen.

[1] Im IJAB-Fachmagazin beyond 2/2026 Ende 2026 erscheinen drei Beiträge zu den Themen, die hier genannt werden: Learnings aus den Protesten in Georgien, Radical Youth Work und der Studie von Generation Europe zu „Civic Education“ in der internationalen Zusammenarbeit.

[2] Englisches Original: „If our work is only preparing young people to survive inside the systems they inherited, we should say so honestly. Some of those systems need questioning. Some need reimagining. Some may need to be built again from the scratch. That is where play earns its place, and not as an escape from reality.“ Vgl. Ezenwa-Okoro, Rita (03.09.2026): We are not waiting for the mess to disappear.